Ausgabe 
22.1.1905
 
Einzelbild herunterladen

und

ler. 4

und allt⸗ licht

cbelt schte aus ung une die erte man

ein 0 bel erm

Al⸗ eb

bel ahle

wacht und

Nr. 4.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 7.

dem Verteiler die Türe vor der Nase zuge⸗

schlagen. Als dieser aber heute wieder klopfte, ließ er ihn hereinkommen.

Was hast Du denn da? fragte er.

Das sind Landkalender, die sollen Euch Bauern erzählen, wie es draußen aussteht in der Welt. Es ist Zeit, daß Ihr auch aus Eurer e und Unwissenheit auf⸗

uch den übrigen Arbeitern in ihrem Kampfe anschließt. in dem Kalender steht! Nimm nur, Michel, mischte sich hier die Frau in das Gespräch,da steht manches drin, was wir uns wohl zu Herzen nehmen können. Den Kalender vom vorigen Jahre habe ich auch noch, wenn Du auch nichts davon wissen wolltest. Die kluge Frau hatte ihren Jungen dem Ver⸗ teiler nachgeschickt, als ihr Mann ihn so un⸗ freundlich abgewiesen hatte.

Da nahm Michel den Kalender, und an manchem Abend las er seiner Frau daraus vor. Da stand auch viel von dem Zollgesetze darin, das den Arbeitern in der Stadt das Brot so sehr verteuern mußte und den kleinen Bauern doch nichts helfen konnte. Und dann war be⸗ schrieben, daß der kleine Bauer auch nichts wäre als ein armer Proletarier, ein Ausge⸗ beuteter, der sich vom frühen Morgen an quälen mußte, ohne jemals anf einen grünen Zweig zu kommen. Und noch viel mehr stand darin, und zuletzt war gesagt, daß der Bauer sich dem Arbeiter anschließen müßte, um bessere Zustände herbeizuführen. Dann würde bald alle Not ein Ende haben.

Michel war ganz erstaunt, als er sah, wie vernünftig die Arbeiter das alles auffaßten, und mehr als einmal rief er mitten in der Lektüre aus:Ja, das ist ganz richtig, da haben sie recht! Seine Frau aber freute sich darüber.

Eins jedoch wollte dem Michel immer noch nicht in den Kopf: daß er sich auch als ein Arbeiter betrachten sollte.Ich habe doch mein Eigentum und bin ein freier Mann, das ist doch ganz etwas anderes als bei den Arbeitern, die nichts besitzen und jeden Tag auf die Straße geworfen werden können, wenn es ihren Arbeit⸗ gebern gefällt. Mit ihm könnte keiner so

Aber lies nur, was

umspringen: er säße fest auf seinem Besitze und

brauchte sich vor niemandem zu beugen. Nein, ein Arbeiter, ein Geknechteter, wäre er noch lange nicht.

Und als er das herausgetüftelt hatte, war er ganz stolz und dachte immer wentger an den Kalender.

Wie es gehen soll, so geht es, und bei dem Michel ging es bald gar nicht mehr. Der Junker hatte sich nun auch auf die Viehzucht verlegt und achtzehn stattliche Kühe im Stalle stehen; da fing er an, dem Michel Konkurrenz zu machen und ihm viele seiner Milchkunden in der Stadt wegzunehmen. Die Preise wurden dadurch immer mehr heruntergedrückt, und bald ver⸗ diente Michel bei all seiner Arbeit fast gar nichts mehr. Das beabsichtigte aber der Junker, denn er wollte ihn zu Grunde richten, um auch noch den Rest seiner Aecker in seinen Besitz zu bekommen.

Auf Michels Feldern war so wenig zu tun, daß er seine Fine gut entbehren konnte, und weil der Junker stets Leute brauchte, trat sie bei ihm in den Dienst. Der Lohn war nicht groß; was sollte ste aber zu Hause unnütz herumstehen?

Die Fine wurde aber immer stiller und gedrückter, je länger sie bei dem Junker war, all ihre gute Laune schien dahin. Und eines Tages erklärte sie der Mutter, auf den Guts⸗ hof ginge sie nicht mehr, und fing an zu weinen.

Die Mutter war sehr erschrocken und fragte sie aus, uud da erfuhr ste, der Juspektor habe ihr schon lange nachgestellt und ihr keine Ruhe gelassen, und heute sei er ihr auf den Heuboden nachgekommen, wo sie sich seiner kaum hätte erwehren können. Und so machte er es mit allen Mägden, und der Junker triebe es auch nicht viel besser.

Jetzt blieb Fine zu Hause, und die Frau erzählte Michel, wie es ihrer Tochter ergangen war. Der wollte gleich vor Wut aus der Haut

fahren und drohte, er werde hinübergehen und dem Kerl, dem Inspektor, einen Denkzettel er⸗ teilen, den er sein Lebtag nicht vergessen sollte. Aber da faßte ihn seine Frau beim Arm und sagte:Laß nur sein, Michel, dabei kommt doch nichts Gescheites heraus; der Inspektor ist des Junkers rechte Hand, und wenn Du drüben Skandal machen willst, dann läßt er Dich womöglich mit den Hunden vom Hofe jagen.

Es dauerte gar nicht lange, da kam ein Schreiben des Junkers, seine Magd solle sofort wieder zur Arbeit kommen, sonst würde er ste wegen Kontraktbruches bestrafen lassen.

An diesem Tage war mit dem Michel gar kein Auskommen mehr. Er raste und tobte umher, daß ihm seine Frau und seine Kinder auf fünfzig Schritte aus dem Wege gingen.

Und es kam noch ärger. Die Gendarmen kamen angerückt und holten die Zine, und da mußte sie wirklich auf den Gutshof zurück. Den Inspektor könne sie verklagen, wenn sie wollte, aber vorläufig müßte sie ihre Zeit bei dem Junker abdienen.

Als das geschehen, da wurde der Michel ganz still und nachdenklich. Am Abend aber sprach er zu seinem Aeltesten:Du, Willem, geh mal in meine Kammer und hole mir den Kalender her, Du weißt schon, den die Arbeiter gebracht haben.

Die Frau saß neben ihm und horchte ver⸗ wundert auf.

Und als der Junge den Kalender gebracht hatte, da schnitt Michel das letzte Blatt heraus und fing dann eifrig an zu schreiben. Das war aber keine kleine Arbeit für ihn. Als er fertig war, reichte er seiner Frau den Zettel herüber, und das war ein Bestellschein auf das Arbeiterblatt.So, sagte er und atmete er⸗ leichtert auf,wenn's soweit gelangt hat, wird's für die Zeitung auch noch langen. Jetzt will ich mal sehen, was die Arbeiterpartei will. Mit den anderen bin ich fertig!

So ist's recht, Michel, antwortete ihm seine Frau,ich wußte es ja, Du würdest auch noch gescheit werden. Siehst Du nun, was es mit Deiner Bauernfreiheit auf sich hat? Der Junker kann uns von unserem Besitz verdrängen, sein Juspektor darf unsere Tochter beschimpfen, und das Gesetz steht noch auf ihrer Seite. Nein, Michel, wir stehen auch nicht besser da, als die Arbeiter, und darum gehören wir auch zu ihnen. Wenn nur erst alle Bauern so ge⸗ scheit würden wie Du.

Michel hatte inzwischen den Zettel in ein Kouvert gesteckt und die Adresse darauf ge⸗ schrieben. Als er fertig war, sagte er:Weißt Du, Frau, wenn der Arbeiter wiederkommt mit seinen Kalendern, dann kannst Du ihm alles erzählen, wie es uns ergangen ist, damit er es in der Zeitung abdrucken läßt. Da kann noch mancher etwas daraus lernen.

So haben wir die Geschichte vom Michel erfahren und da steht sie.

Allerlei.

Sozialdemokraten dürfen nicht tanzen.

Am Sonntag(8.) hielten unsere Parteigenossen in Mannheim eine Neujahrsfeter im Nibe⸗ lungensaale ab, an der sich etwa 6000 Personen beteiligten. Es durfte jedoch infolge Verbots der Polizeibehörde dabei nicht getanzt werden und diese Maßregel wird als eine Ant⸗ wort auf die Angriffe angesehen, die das dortige sozialdemokratische Organ in der letzten Zeit gegen das Regiment des Polizeidirektors Schäfer gerichtet hat. Also eine Politik der Rache! Auch bezeichnend für unsere öffentlichen Zustände.

Humorvolle Wahlbeeinflussung

trieb ein Arzt bei den auf Grund des indirekten Wohlsystems erfolgenden jüngsten französischen Senatswahlen. Der Bürgermeister eines Ortes war Wahln ann und zu seinem Stellvertreter war der Arzt gewählt, dessen politische Meinung der des Bürgermeisters gerade entgegengesetzt war. Während der Bürgermeister für den autimintsteriellen Kandidaten gestimmt hätte, war der Doktor ein strammer Anhänger der Regierung. Der Arzt beschloß nun in seinem

Herzen, den Bürgermeister mit allen erlaubten und einigen unerlaubten Mitteln von der Aus⸗ übung seines Wahlrechts abzuhalten, um selbst als stellvertretender Wahlmann seine Stimme abgeben zu können. Am Tage vor der Wahl machte der Doktor seinem Freunde einen Be⸗ such und fand ihnetwas leidend, obwohl der Bürgermeister selbst sich ganz wohl fühlte. Der Arzt riet ihm aber, im Bett zu bleiben, und verschrieb ihm ein Arzneimittel, das er unbedingt einnehmen müsse. Am nächsten Tage war der Bürgermeister derartverhindert, daß er beim besten Willen nicht zur nahegelegenen Stadt fahren konnte, um seiner Wahlpflicht zu genügen. Der Doktor mußte für ihn eintreten, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, wem er seine Stimme gab. Das Mtttel, mit welchem er den Bürgermeister zurückgehalten

hatte, hatte glänzend gewirkt: es war nämlich

ein Mittel zur Beförderung der Verdauung.

Ein Adeliger über den Adel.

In den 1853 erschienenen Regesten des Ge⸗ schlechtes Salza heißt es:Gerade das gereicht diesem edlen Hause zum höchsten Ruhm, daß seine Geschichte nichts weiß weder von den Räubereien und Gewalttaten, durch welches die meisten Geschlechter in älterer Zeit sich furchtbar gemacht haben, noch von den Ver⸗ rätereien, Buhlerkünsten und Intri⸗ guen, durch welche so viele adelige Famtlien in neuerer Zeit emporgekommen sind.

Das Bild der Majestät.

DerDeutschen Zeitung wird folgender Vorfall mitgeteilt: In R., einer Kreisstadt des Ermlandes(Ostpr.), wurde der katholischen Mädchenschule von der vorgesetzten Behörde ein Wandbild der Kaiserin zum Geschenk über⸗ wiesen. Das Bild stellt die Kaiserin in Ge⸗ sellschaftstotlette(also mit ausgeschnit⸗ tenem Kleide) dar. Der Erzpriester als Vor⸗ steher dieser Schule ließ nun das bereits in einem Klassenzimmer angebrachte Bild abnehmen und den seiner Ansicht nach anstößigen() Teil des Bildes von einem Stubenmaler mit einem Spitzenumhang übermalen. Das so abgeänderte Bildnis der Kaiserin darf nun wieder die erste Klasse der katholischen Mädchenschule in R. schmücken! Es lebe die deutsche Sittlichkeit!

Splitter.

Hast was Schlechtes du getan Und es will dich reuen, Fange schnell was Gutes an, Und du wirst dich freuen.

** Ein jedes Band, das noch so leise Die Geister aneinander reiht, Wirkt fort auf seine stille Weise Durch unberechenbare Zeit.

Reinick.

Platen, *

Erst der Sieg des Sozialismus erschließt dem Proletariat alle Quellen der Bildung; erst der Sieg des Sozialismus ermöglicht es, die Zeit zur Gewinnung des Lebensunterhalts so weit zu verkürzen, daß dem Arbeiter die nötige Muße gegeben wird, sich ein ausreichendes Wissen anzueignen. Die kapttalistische Produk⸗ tionsweise weckt den Willens durst des Prole⸗ tariats, die sozialistische Produkttonsweise allein kann ihn stillen.

Kautsky.

Humoristisches.

Irrtum. A.: Wie ich höre, ist der deutsch⸗öster⸗ reichische Handelsvertrag bereits in Kraft getreten? B.: Hm der ist allerdingsin etwas getreten aberin Kraft nich nee, da irrst du dich!

(Südd. Postill.)

Mißverständnis. Handwerks bursche: Ich tät schön bitten um das Stadtgeschenk. Stadt⸗ schreiber: Was? A Stadtgeschenk möchtens? Ja, san's denn a Prinz, der heiraten möcht? Oder wollen's bloß die Reiseunterstützung?

(Südd. Postill.)