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Mitteldeutsche Sonutogs⸗Zeitung.
5 8 Nr. 4.
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a Anterhaltungs-Ceil. 5
Wes wegen sie„an der Scholle kleben“.
Der weise Plato ging einmal,
Wohl unter allerlei Disputieren,
Mit einem seiner Schüler spazieren.
Sie kamen zu einer Rindviehherde,
Die mit der Nase tief auf der Erde,
An einem schlecht, verschlämmten? Gras
Mit vieler Mühe satt sich fraß.
Ver wundert blieb der Knabe steh'n:
„Sieh', Meister, da drüben die Trift, wie schön. Und hier das Futter schlecht und morastig, Und dennoch verschlingt das Vieh es hastig. Sieht's denn nicht drüben auf weiter Flur Die üppigste, kräuterreichste Natur?
Was schreitet es nicht zum Besseren fort? Was bleibt es gebannt an diesem Ort?“ „Mein Sohn,“ sproch Plato,„sieh' den Grund Dort in dem schwarzen Hirtenhund,
Der will es durchaus ein mal nicht leiden, Daß diese Tiere wo anders weiden.
Kaum wendet sich eines nur von der Stelle, Da macht der Schwarze ein geifernd Gebelle, Fährt schnaubend au das vermessene Tier Und dies, als möcht' es versinke. schier, Demütig den Kopf bis zum Boden geneigt, Macht Reverenz, kehrt um und schweigt.“ Der Knabe schüttelt den Kopf und spricht: „Kann denn aus dieser Herde nicht
Das schwächste Tier nach Lust und Belieben Zehn solcher Kläffer bei Seite schieben?
Lös' mir das Rätsel, Du weiser Mann, Wes wegen erdulden sie Acht und Bann?“ „Ich will Dir's sagen, mein liebes Kind: Deswegen, weil sie— Ochsen sind.“
Wie der Michel gescheit wurde. Eine Geschichte vom Lande von R. Levy.
Der Michel war ein braver Bauersmann und hatte drei Kinder und eine Frau; die Frau dürfen wir gewitz nicht vergessen, denn ste hat ihr gut Teil Verdienst daran, daß der Michel gescheit wurde.
Als der alte Michel, der Vater unseres Michels gestorben war, hatte er seinem Sohne einen hübschen großen Acker und Haus und
Scheunen und Ställe voll Kühen und Schafen
hinterlassen. Und der Michel und seine Frau, die damals noch jung verheiratet waren und erst ein Kleines hatten, dachten wohl, daß ste mit ihrem Lose zufrieden sein konnten und wünschten sich gar nichts Besseres.
Die ersten Jahre hindurch ging es auch ganz gut, und wenn auch einmal eine Mißernte kam, das nächste Jahr half schon wieder dar⸗ über hinweg. Nur mit ihrer Nachbarschaft waren sie gar nicht recht zufrieden, und das kam so.
Da wohnte ein Junker, dessen Acker an die Michels grenzten; des Junkers Grundbesitz war viel ausgedehnter als der unseres guten Michel. Nun war aber der Junker noch nicht mit dem zufrieden, was er hatte, und wollte für sein Leben gern„sein Besitztum abrunden“, wie er es nannte. Und darum lag er Michel unaufhörlich in den Ohren, er solle ihm doch einen Teil von seinen Aeckern übetlassen, er wollte sie ihm gut bezahlen. Aber Michel weigerte sich, und so wurde nichts daraus.
Nun kam aber eins der Kinder nach dem anderen, und ste wuchsen heran und kosteten dem Michel ein schönes Stück Geld, auch konnte seine Frau jetzt häufig nicht mitarbeiten, und Essen und Trinken wollte doch für alle geschafft sein. Dazu kamen noch zwei Mißernten hinter⸗ einander und eine Viehseuche, die dem Michel die besten Kühe dahinraffte. Da machte denn die Not nicht mehr Halt vor seiner Türe, und das Geld wurde so knapp, daß er nicht wußte, womit er die neue Aussaat beschaffen sollte.
Zu dieser Zeit sprach wieder einmal der Junker bei ihm vor, als seine Frau gerade nicht zu Hause war. Und der Junker redete viel von den schlechten Zeiten und den Miß⸗
ernten und brachte es so weit, daß der Michel ihm all sein Leid klagte. Und da kam er wieder mit seinem Vorschlage, ihm einen Teil seines Ackergeländes abzukaufen; er wollte ihm zwei gesunde Kühe und Geld zur Aussaat da⸗ für geben. Nach langem Hin und Her sagte der Michel ja und der Vertrag wurde gleich abgeschlossen. Der Junker hatte sich aber die Notlage des Bauern wohl zu nutze gemacht und ihm nicht entfernt soviel gegeben, als er ihm früher geboten hatte.
Als die Frau nach Hause kam und von dem Geschehenen hörte, war sie gar nicht zu⸗ frieden damit.„Wir hätten uns auch so durch⸗ helfen können und nicht die Hälfte von unserem Lande hingeben brauchen,“ sagte sie,„und oben⸗ drein hat Dich der Junker ordentlich übers Ohr gehauen. Aber, was geschehen ist, ist geschehen.“
So war das Besitztum unseres Michels zu⸗ sammengeschmolzen, und bei dem einen Mal blieb es nicht. Natürlich konnten ihm die Aecker, die er behielt, nicht mehr denselben Er⸗ trag liefern wie früher; die Steuern und Ab⸗ gaben aber kamen jedes Jahr und wurden nicht kleiner— im Gegenteil! Denn der Staat brauchte viel Geld für seine Kriegsschiffe und Soldaten. Da kam denn eines Tages der Junker wieder gerade zur rechten Zeit in sein Haus, um ihm ein weiteres Stück Land abzu⸗ nehmen.
„Frau,“ sagte der Bauer, als der Junker gegangen war,„wenn der Junker nicht wäre, wüßte ich gar keine Hilfe mehr.“—„Geh, Mann,“ antwortete die Frau,„merkst Du deun nicht, wie uns der Junker das Fell über die Ohren zieht? Soviel wie der, gibt Dir auch jeder Jude für Dein gutes Land, und wenn ich nicht dabei gewesen wäre, hätten wir noch weniger bekommen. Nein, Michel, der Junker ist unser Freund nicht!“
Michel brummte, denn seine Frau hatte immer etwas einzuwenden, wenn er den Mund auftut. Hinterher merkte er aber stets, daß sie Recht gehabt hatte.
Die Jahre vergingen, und da Michels beide Jungens und Fine, seine Tochter, nun schon hübsch herangewachsen waren und fleißig helfen konnten, brachten Michel und sein Weib es bei redlicher Mühe doch so weit, daß sie wenigstens alle satt zu essen hatten. Und der Junker ließ sie nun auch zufrieden, denn der hatte andere Sachen im Kopfe und dachte ein weit lohnen⸗ deres Geschäft zu machen, als wenn er des Dauern Hab und Gut noch vollends an sich gebracht hätte.
Im Lande umher war nämlich ein mächtiges Geschrei losgebrochen über die Not der Land⸗ wirtschaft, der abgeholfen werden müßte, wenn nicht der ganze Staat zu Grunde gehen sollte. Und unser Junker war einer der Hauptschreier, trotzdem es ihm gar nicht so schlecht ging und seine Söhne in der Hauptstadt Offiziere spielen konnten.
„Not der Landwirtschaft, Not der Landwirt⸗ schaft!“ tönte es überall aus Versammlungen und Kongressen heraus und ein großer Verein, in dem die Junker das Wort führten, ließ es sich angelegen sein, den Lärm noch größer zu machen. Und schließlich gelang es auch, die Regierung soweit zu bringen, daß ste sich den Wünschen der Junker geneigt zeigte.
„Du,“ sagte Michel eines Abends zu seiner Frau und guckte von seinem Zeitungsblatte auf, das er sich vom Gastwirt geltehen hatte;„jetzt wird's bald besser werden mit uns. Da steht's zu lesen: sie wollen ein Gesetz machen, um der Landwirtschaft zu helfen, und da gehören wir ja auch mit dazu.“ 5
„Warten wir's ab,“ sagte die Frau,„was da werden wird. Bis jetzt haben wir ja noch nicht viel Gutes von denen da oben gesehen.“
Einige Zeit darauf traf Michel den Junker und dieser redete ihn an:„Nun, Mtchel, weißt Du denn schon?“—„Was denn, Herr?“ fragte Michel.—„Na, jetzt hat alle Not ein Ende bet uns Landwirten,“ fuhr der Junker fort, „die Regierung hat ein Zollgesetz vorgelegt, das macht uns mit einem Schloge zu reichen Herren. 7½ Mark Zoll oder noch mehr pro
Tonne wird jetzt auf alles Getreide erhoben, das vom Auslande bei uns eingeführt wird; begreifst Du, was das sagen will?“
„Nein,“ sagte Michel ehrlich,„was kann uns das helfen 2“
„Ach, Du Michel Du,“ sprach der Junker, »das ist doch ganz einfach. Wenn das Getreide, das vom Auslande kommt, soviel teuerer wird, dann können wir unseres doch auch zu denselben hohen Preisen verkaufen und verdienen einen tüchtigen Batzen Geld. Und alles das habt Ihr uns Junkern zu verdanken. Ihr dummen Bauern Ihr!“
Voller Freude ging Michel nach Hause und rief schon in der Türe:„Frau, es ist richtig, die Regierung hat ein Gesetz gemacht, das aller unserer Not abhilft. Ich habe eben den Junker getroffen, und der hat es mir erklärt.“
„So,“ sagte die Frau,„und wie ist denn das neue Gesetz?“
„Nun, das ist ganz einfach. Siehst Du, auf alles G⸗treide, das von auswärts in unser Land kommt, muß eine ganze Menge Zoll be⸗ zahlt werden, so daß es gleich um soviel teurer wird. Und da werden wir natürlich unser Getreide, das auf unserem Acker gewachsen ist, auch nicht billiger zu verkaufen brauchen als das fremde und soviel mehr daran verdienen. Juchhe!“
Die Frau guckte ihren Mann, der vor Freude seine Mütze in die Luft geworfen und wieder aufgefangen hatte, an, als ob er den Verstand verloren hätte.„Michel,“ sagte sie dann,„be⸗ halte nur ruhig Deine Mütze in der Hand, da ist für uns kein Grund zum Jubeln. Du solltest doch ebenso gut wissen wie ich, daß wir auf unserem Felde kaum soviel Getreide ge⸗ winnen, als wir selbst für uns und unsere Kinder und als Futter für das Vieh gebrauchen. Da bleibt uns zum Verkaufen nichts übrig, und so werden wir von dem ganzen schönen Gesetze nichts weiter haben als das Nachsehen. Ja, für den Junker mit seinem großen Acker⸗ land, da ist das ein ander Ding; der kann sich vor Freude die Hände reiben!“
Michel stand nicht wenig verdutzt da, daran hatte er gar nicht gedacht. Er kratzte sich hinter den Ohren und sagte schließlich:„Das ist frei⸗ lich eine verflixte Geschichte; dann wäre ja die ganze Gesetzmacherei für uns kleine Bauern gar nichts nutze und nur die großen, wie der Junker, hätten den Vorteil davon!“ 0
„So wird's wohl werden und nicht anders,“ antwortete die Frau,„und unsere Aecker, die er uns abgenommen hat, werden nun auch so⸗ viel mehr wert für ihn. Ja, er wußte schon, was er tat, als er sie uns für ein Lumpengeld abkaufte.“
„Ih, das geht doch aber nicht so,“ rief
Michel da aus und schlug voller Aerger auf
die Tischplatte;„das muß er uns nachzahlen, denn damals hatte ich noch keine Ahnung von diesem Gesetze. Gleich gehe ich zu ihm und fordere mein Geld.“
„Geh nur,“ sagte die Frau,„wenn Du Dich auslachen lasseu willst von dem Junker. Keinen Pfennig wird er Dir herauszahlen!“
Aber Michel ließ sich's nicht ausreden und ging zu dem Junker. Was der ihm geant⸗ wortet hat, hat er niemandem erzählt, nicht einmal seiner Frau.
Von diesem Tage an tat Michel seine Arbeit brummig und verdrossen; denn die Geschichte mit dem Getreidezolle wollte ihm nicht aus dem Kopfe heraus.„Ist denn die Regierung nur dazu da, den Großen zu helfen, die uns Kleinen sowieso schon bei jeder Gelegenheit die Butter vom Brote nehmen?“ So ratsonnierte er und schimpfte auf die Regierung, daß man lieber gar nicht hinhören mochte.
So ging die Zeit ihren Gang, und ein neues Jahr kam heran. Da kam eines Tages ein Trupp Arbeiter in das Dorf, und jeder hatte ein Päckchen roter Büchelchen unterm Arm, die sie an die Bauern berteilten. Es war schon bekannt im Dorfe, daß sie im An- fange des Jahres kommen würden, denn es war heuer nicht das erste Mal.
Michel hatte von den roten Büchern bisher nichts wissen wollen und im vorigen Jahre


