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Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.
Abgangsziffer immer noch eine derartig hohe ist, daß von einem gesunden Verhältnis nicht gesprochen werden kann.
Lohnkämpfe. In Göttingen endete der Maurer- und Zimmererstreik nach fünfwöchiger Dauer zu Gunsten der Arbeiter. — Die Hafenarbeiter in Swinemünde traten am Samstag wegen Lohndifferenzen in den Ausstand.
Aussperrungen. Fünfzig Schneider⸗
eschäfte in Hamburg beschlossen am onntag ihre Schneidergesellen auszu⸗ sperren.
Pon Nah und Fern.
Gießener Angelegenheiten.
Erwerbt die Staatsange⸗ hörigkeit! Nach dem Ergebnis der bis⸗ herigen Verhandlungen über die Wahlrechts⸗ vorlage muß man annehmen, daß die im Herbste vorzunehmenden Landtagswahlen noch nach dem bisherigen, indirekten Verfahren statt⸗ finden werden. Denn über die Beschlüsse der Kommission in der Ersten Kammer herrscht noch Dunkel; nach dem, was so durchgesickert ist, hätte die Kommission der Regierungsvorlage zugestimmt. Das wäre aber gleichbedeutend mit deren Scheitern, denn die Zweite Kammer lehnt die Vorlage bekanntlich ab. Wer jetzt noch das Wahlrecht nicht besitzt, weil er Nichthesse ist, der leite sofort Schritte ein zur Erwerbung der hessischen Staats⸗ angehörigkeit. Jeder kann wählen, wer vor Aufstellung der Liste Hesse geworden ist! Jeder Genosse sichere sich also sein poli⸗ tisches Recht, da er auch Pflichten erfüllen und Steuer zahlen muß! Es ist keine Zeit zu versäumen! Wegen der nötigen Formalitäten wende man sich an den Vorstaud des Kreis⸗ wahlvereins oder an unsere Redaktion.
— Gefallener Ordnungsmann. Der Geheime Oberbergrat Prof. Chelius⸗Darm⸗ stadt ist wegen Sittlichkeitsver gehen am Dienstag in Büdingen verhaftet worden. Chelius bekleidete verschiedene wissenschaftliche Ehrenämter und erfreute sich allgemeiner Ach⸗ tung. Vorigen Herbst hielt er hier einen Vor⸗ trag über die Lahnkanalisation.
— Zum Schneiderstreik. Noch immer dauert der Kampf im Schneidergewerbe fort und hat sich sogar auf weitere Städte ausgedehnt. Die Scharfmacher des Arbeitgeberverbandes in München wollen die Arbeiter zur Unterzeichnung eines Reverses zwingen, durch den letztere er⸗ klären sollen, daß sie jede vom Arbeitgeber zugewiesene Arbeit(also auch Streikarbeit) an⸗ fertigen. Das wurde selbstverständlich überall mit Entrüstung zurückgewiesen und es kam infolgedessen zu Aussperrungen in Mainz, Ham⸗ burg, München ꝛc.— Wie schon früher mit⸗ geteilt, haben die Gießener Schneider einen durchschnittlichen Jahreslohn von 9001000 Mark.„Davon kommen noch ca. 3—4 Prozent für Nähzutalen in Abzug. Daß bei einem derartigen Lohn und bei den heutigen Lebens⸗ mittelpreisen die Forderungen der Schneider vollko tamen berechtigt sind, bedarf keiner weiteren Worte. Folgende Tabelle zeigt die bisherigen und die geforderten Prelse:
Bezeichnung Seither gefordert Von den der Arbeit bezahlt Arbeitgebern Mk. Mk. zugestand. Ml. Frack. 17.— 18.— 17.50 Gehrock 16.— 17.— 16.50 et,, 14.— 14.— 13.50 Sakko, einreihig 10.— 11.— 10.50 „— zbeireihig 11.— 12.— 11.50 Sommer-⸗Paletot 13.— 14.50 13.50 Winter⸗ 9 14— 16.— 14.50 ee 9.— 10.— 9.— Hosen: F 3.20 3.50 3.— Stiefelhose 3.50 4.— 3.50 Reithose. 3.50 4.50 3.50 Westen: Einreihig. 3.20 3.50 3.20 Zwelreihig 3.50 5 3.50 Stundenlohn—.30—.45—.30
Wie man sieht, handelt es sich meist um Aufbesserung von ein paar Pfennigen, die bei
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dem Preise eines Anzuges nicht in Betracht kommen. Ein Stundenlohn von ganzen 45 Pfg. wird verlangt! So viel bekommt doch fast jeder Erdarbeiter oder Tagelöhner. Ein Skandal ist es für die Gießener Schneider⸗ meister, daß sie einen wochenlangen Kampf um die paar Groschen heraufbeschworen haben! Wir meinen, es könnte auch die Stadtbehörde mal den Herren ins Gewissen reden, denn es wird von ihnen nichts Unbilliges verlangt, fast ausnahmslos sind sie bei dem Geschäfte zu reichen Leuten geworden, während die Arbeiter hungern! g
Eine eigentümliche Rolle hat auch der Stadt⸗ vater Leib gespielt. Nachdem er früher sich mit seinen Leuten über die Löhne geeinigt und ihnen das Ehrenwort gegeben hatte, daß für ihn die Anordnungen des Arbeitgeberverbandes nicht maßgebend seien, kündigte er am Samgtag seinen Arbeitern! Da aber in seinem Geschäfte Kündigung ausgeschlossen ist, legten diese die Arbeit sofort nieder und bereuen es jetzt, den Zusagen des Herrn Leib Vertrauen geschenkt zu haben! 5
Selbstverständlich beschlossen die Streikenden in ihrer am Donnerstag stattgefundenen Per⸗ sammlung im Kampfe unter allen Umständen auszuharren.
— Die Lederarbeiter(Handschuh⸗ macher, Portefeuiller ꝛc.) in Gießen werden zu einer am Montag, den 22. Mai bei Löb im Wiener Hof stattfindenden Versammlung hiermit eingeladen. Luntsch⸗Offenbach wird über Nutzen der Organisation reden. Alle Berufskollegen wollen zahlreich erscheinen! a
— Volksbildungskonferenz in Gießen. Man schreibt uns: Bereits am 1. März und am 1. April hatten sich in Gießen Freunde des Volks⸗ bildungswesens und der Volkswohlfahrtspflege versammelt, um die Gründung von Volksbildungsvereinen, Volks⸗ bibliotheken usw. in der weiteren Umgegend von Gießen zu besprechen. Das Ergebnis der letzten Versammlung war der Entschluß einer Reihe von Herren, an ihren Wohnorten geeignete Schritte zur Verwirklichung der besprochenen Pläne zu unternehmen und in einer weiteren Versammlung über die Ergebnisse ihrer Bemühungen zu berichten. Diese Versammlung wird nächsten Samstag, den 20. Mai, nachmittags 4 Uhr, im Café Ebel in Gießen stattfinden. Besondere Behandlung wird in dieser Versammlung das Volksbibliothekswesen finden. Die Versammlung ist öffentlich und es werden hiermit alle Freunde der Volkswohlfahrtsbestrebungen und ins⸗ besondere des Volksbildungswesens zur Teilnahme ein⸗ geladen. Wer sich im Voraus über Zweck, Aufgaben und Methode der neueren Volksbildungsbewegung unter⸗ richten will, wolle aufklärende Druckschriften von der Geschäftsstelle des Rhein⸗Mainischen⸗Verbandes für Volks⸗ vorlesungen und verwandte Bestrebungen in Frank⸗ furt a. Main, an der Schmidtstube Nr. 7, verlangen.
Eingesandt.
An die Bauhilfsarbeiter in Gießen und Umgegend! Da unsere Kollegen in Dresden im Streik stehen, um sich bessere Lohn⸗ und Arbeitsbedin⸗ gungen zu erringen, haben die dortigen Unternehmer einen Agenten nach Frankfurt gesandt, um Bauhilfs⸗ arbeiter anzuwerben und somit die gerechten Forderungen der Kollegen abzuschlagen. Jedenfalls wirb dieser Herr auch unsere Gegend unsicher machen, falls er in Frank⸗ furt keine Arbeitswilligen bekommt. Kollegen, laßt Euch von diesem Agenten nicht ins Garn locken! Gebt ihm die richtige Antwort und sagt ihm:„Bewilligt die Forde⸗ rungen der Dresdener Kollegen, dann werdet ihr Arbeiter dort in Ueberfluß bekommen und braucht nicht nach Frankfurt oder gar nach Gießen zu kommen.“
J. A.: Rud. Loos.
Aus dem Rreise gießen.
— Heuchelheim. Diesen Sonntag, den 21. Mai, unternimmt der Arbeiter⸗Bildungs⸗ Verein bei günstiger Witterung einen Ausflug über Kinzenbach in den Wald. Wir machen unsere Mitglieder an dieser Stelle darauf auf⸗ merksam, und bitten sie nebst Familie an dem⸗ selben zahlreich teilzunehmen. Auch Freunde und Gönner des Vereins von Heuchelheim und Kinzenbach sind freundlichst eingeladen. Zu⸗ sammenkunft vor dem Dorf. Abmarsch 1 Uhr mit Musik. Die Gesangs⸗ und Turnabteilung wird für genügende Unterhaltung sorgen.
„Auf laßt uns zieh'n durch Flur und Wald mit Sang und Klang!“
— In Großen⸗Buseck findet diesen Sonntag, den 21. Mai, eine Volks versam m⸗
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lung im Saale des Herrn Größer statt, der Genosse Beckmann über politische Tages⸗ fragen sprechen wird. a
r. Beuern. Am Sonntag fand hier eine gut⸗ besuchte Bürgerversammlung statt, zwecks Erörterung der Eisenbahnfrage. Nachdem Bürgermeister Otto die Versammlung eröffnet hatte, berichteten mehrere von Alten⸗Buseck anwesende Kommissionsmitglieder über die bereits in dieser Sache angebahnten Verhandlungen in eingehender Weise und forderten die Anwesenden auf, 2 durch eine rege Debatte ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen, damit in dieser Angelegenheit volle Klarheit geschaffen würde. Nach kurzer Auseinandersetzung, in der besonders von den anwesenden Vertretern aus Alten⸗ Buseck auf den materiellen Wert einer Bahn für ein sos von der Natur mit Reichtümern gesegnetes Dorf, wie Beuern, hingewiesen wurde, erklärten sich alle Anwesenden einstimmig für die Verwirklichung des Projekts. Eine hierauf gewählte siebengliedrige Kommission soll alsbald die nötigen Vorarbeiten beginnen und gemeinschaftlich mit den anderen Orten eine energische Agitation zu Gunsten des Planes entfalten..
r. Kommunales aus Watzenborn⸗Stein berg. In der letzten Gemeinderatssic ung wurde unter anderem wieder über die Loosholzfrage des Pfarrers verhandelt. Wie wir schon mehrmals an dieser Stelle berichtet haben, genießt hierbei der Pfarrer ein Vorrecht und dies zu beseitigen, muß die Aufgabe eines jeden gerecht Denkenden sein. Nach langem Hin und Her
beschloß man endlich auf Antrag unserer Genossen, dem
Herrn Pfarrer einen Teil des Holzes zu entziehen. Nur die Herren Schäfer und Burk wollten das Vorrecht weiter bestehen lassen. Letzterer erklärte:„Er gebe sich zu nichts her“. Bei der letzten Gemeinderatswahl, als
er wieder gewählt sein wollte, versprach er für die Interessen der Gesamtheit eintreten zu wollen. Auch mancher Arbeiter hat auf das Versprechen bauend, für ihn gestimmt. Merkt's Euch, Ihr Arbeiter! Gebt diesen zweifelhaften Elementen in Zukunft zu verstehen, daß Ihr solche Leute als Gemeindevertreter nicht brauchen könnt!
4. Frühzeitige Wahlagitatton betreibt der gegenwärtige Landtagsabgeordnete für den Landkreis Gießen, Bürgermeister Leun von Großen⸗Linden. Er will offenbar sein Möglichstes tun, um sich das Mandat zu erhalten, zu dem er auf eine so eigentümliche Weise gekommen ist. Es sei nur daran erinnert, daß er vor der letzten Wahl seine Kandidatur in der Frankfurter „Kl. Presse“, die eine diesbezügliche Nachricht gebracht hatte, als ein„Unding“ ertlärte. Kurz darauf brachte er trotzdem durch verschiedene glückliche Mannöver seine Wahl zu Stande. Am Sonntag hielt er in Garben⸗ teich, wie man uns von dort schreibt, eine Versammlung ab, die jedoch nur mäßig besucht war. Er erzäh' te alles Mögliche aus dem Landtage, nur verschwieg er, daß er sich als ein schlimmer Volksfeind erwiesen und gegen das direkte Wahlrecht gestimmt hat! Freilich, unter diesem kann das Wahlglück weniger leicht korrigiert werden und darum geben manche Leute denm indirekten den Vorzug. Herr Leun scheint bestrebt zu N sein, bei seinen Versammlungen die Oeffentlichleit au zuschließen, er läßt sie wenige Stunden vorher bekannt machen, jedenfalls will er damit unbequeme Gegner fern halten. So wurde kürzlich in Großen⸗Buseck eine Ver⸗ 0 sammlung um 7 Uhr bekannt gemacht, die um 8 Uhr schon stattfand. Unsere Genossen werden schon die Tätigkeit Leuns im Landtage zu würdigen wissen und die Antwort nicht schuldig bleben. Im Uebrigen müssen ö sie immer auf dem Posten sein!„
Aus dem Rreise riedberg⸗Püdingen.
k. Der Rhein⸗Mainverband für Volks⸗ bildung und die Antisemiten. Kaum hat die Sammlung einer Schillersbende für den Rhein⸗Main: verband zur Förderung von Volksbildung und Wohl⸗ 1 fahrt begonnen, da heißt es in der„Volkswacht“ schon: 1 „Schillerspende ohne Ende!“ die Herren Antisemiten 9 müssen diesen geistigen Fortschrittsbestrebungen gegenüber 11 recht nervös sein, wenn ihnen die eben beginnende Tätigkeit schon so„endlos“ vorkommt. Zwar, daß das Ziel. Verbreitung der Bildung bis in die entlegendsten Dörfer hinein, ohne Rücksicht auf Konfession und Partei, gut und erstrebenswert sei, das darf man natürlich nicht bestreiten, ohne sich lächerlich zu machen. Nun, und weshalb helfen denn die Herren nicht mit? Weshalb tragen nicht auch sie die Fülle ihres übersprudelnden Geistes in den Verband hinein? Die Mitarbeiterliste steht ihnen ja ebensogut offen, wie jedem andern! Wes⸗ halb benutzen nicht auch sie die Mittel des Verbandes
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im Dienste ihrer hoheitsvollen Ideale? Sie könnten sich ja um das Zustandekommen von Volksbibliotheken, oder Konzerten und ähnlichen, völlig neutralen Unter⸗ 1
nehmungen, auf ihre Art so verdient machen, wie andere. Es ist ja freilich Pech für sie, daß auch auf diesen
geistigen Arbeitsgebiete— unbegreiflicherweise!— die
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verd....„jüdischen Liberaldemokraten“ einmal wieder früher aufgestanden find, als sie. Wäre es aber da 11 nicht die feinste und zugleich wirksamste Art, die na 0 0
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