Ausgabe 
21.5.1905
 
Einzelbild herunterladen

Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 21.

über die vaterlandslose, die Grundlagen der Che, des Familienlebens und der christlichen Ordnung bedrohende Sozialdemokratie zu entrüsten. Aber man wird ihnen mit dem Hinweis auf die Zerrbilderritterlicher Ge⸗ sinnung, wie sie in dem Leußschen Buche ans Tageslicht gezogen werden, auf diese Gallerie öffentlich scharwenzelnder und heimlich zähne⸗ fletschender loyalen Patrioten Schweigen ge⸗ bieten können!

Gewerkschaftskongreß.

In Köln a. Rh. tritt diesen Montag der fünfte Kongreß der deutschen Gewerkschaften imGürzenich, einem der Stadt gehörenden Saalbau, zusammen. Er dürfte die allgemeine Aufmerksamkeit in weit höherem Maße auf sich ziehen, als seine Vorgänger. Die Gewerkschaften haben in den letzten Jahren eine ungeahnte Entwickelung genommen. Die Zahl ihrer Mit⸗ glieder beträgt jetzt weit über eine Million, während sie noch auf dem letzten Kongresse in Stuttgart auf nur 733206 angegeben wurden und zur Zeit des ersten Kongresses in Halber⸗ stadt im Jahre 1892 gar nur 237023 zählten. Aber nicht nur die Zahl der Kämpfer ist be⸗ deutend gewachsen, guch ihre Waffen sind ent⸗ sprechend verbessert, der früher viel und oft zu beklagende Mangel an Mitteln, der die Tätig⸗ keit und Wirksamkeit sehr einschränkte, ist wenigstens einigermaßen abgestellt. Die Bei⸗ träge wurden erhöht und infolgedessen konnte mehr geleistet und auch ein respektabler Kassen⸗ bestand angelegt werden. Er betrug am Schlusse des Jahres 1903 beinahe 13 Millionen Mark und die Gesamteinnahme aller Gewerkschaften bezifferte sich auf 16 ½ Millionen. Welch' ein gewaltiger Fortschritt!

Eine bedeutende Arbeit wird die Vertretung der Gewerkschaften zu bewältigen haben. Vor⸗ nehmlich sind es Fragen über zweckmäßige Organisation und Agitation, mit denen man sich beschäftigen wird. Das zeigen schon die Unterabteilungen im Rechenschaftsberichte der Generalkommission. Da ist u. a. vorgesehen: Allgemeine Agitation; Agitation unter den Arbeiterinnen; Agitation unter den fremdsprach⸗ lichen Arbeitern; Streikunterstützung und Streik⸗ statistik; Heimarbeit; Beseitigung des Kost⸗ und Logiszwanges beim Arbeitgeber. Außer diesen Punkten werden noch die Erörterungen über die Maifeier, den Generalstreik, Arbeits⸗ kammern viel Zeit in Anspruch nehmen. Der Kongreß wird sehr fleißig arbeiten müssen, wenn er seine Tagesordnung erledigen will!

Wir wünschen seinen Arbeiten besten Fort⸗ gang. Mögen seine Beschlüsse getragen sein von dem Geiste der Solidaritat und Kampfes⸗ freude und der deutschen, der internationalen Arbeiterklasse zum Segen gereichen!

Aus dem Reichstage.

Bei dem Gerichsverfassungs⸗Gesetz, das den Reichstag am ersten Tage seines Wiederzusammentritts nach den Osterferien be⸗ schäftigte wir haben bereits in der letzten Nummer kurz über die Verhandlungen berichtet handelt es sich um ein Notgesetz. Es will durch Ueberweisung einer Anzahl bisher den Strafkammern vorbehaltener Fälle an die Schöffengerichte den Spielraum der Berufung erweitern und dadurch die Inanspruchnahme der Revision einschränken. Unter eifriger Assi⸗ stenz des Zentrums bemühte sich die Regierung, das Notgesetz auf diesen engbegrenzten Zweck zu beschränken. So bekämpfte der Reichsjustiz⸗ sekretär beinahe leidenschaftlich einen Antrag des Antisemiten Lattmann auf Gewährung von Tagegeldern an die Schöffen. Genosse Stadthagen schloß sich dem Antrage an, indem er darauf hinwies, daß die Verweigerung der Tagegelder an die Schöffen geradezu eine Prämie für Klassenjustiz bedeutet. Aber es half alles nichts: Regierung und Zentrum lehnten grundsätzlich alle über die Kommissions⸗ fassung hinausgehenden Anträge ab. Dagegen bewirkte die Schwänzerei der Junker und Zent⸗

rumsleute, daß ein höchst wichtiger, vom Gen. Stücklen begründeter Antrag unserer Fraktion auf Ueberweisung der Preß vergehen an die Schwurgerichte zur Annahme gelangte; bis zur dritten Lesung wird aber wohl die gewohnte reaktionäre Verschlechterungsmehrheit zusammengetrommelt sein und der Antrag ab⸗ gelehnt werden. Eine Reihe wetterer Anträge von unserer und von der freisinnigen Seite wurden für diese Lesung zurückgewiesen, weil sie angeblich nicht in den Rahmen dieses Gesetzes paßten.

In der Donnerstags ⸗Sitzung gab es ein wenig Kolonialdebatte. Der Kolonialdirektor Stübel malte dem Reichstage prächtige Bilder

von der Fruchtbarkeit Kameruns vor, um

ihm die Uebernahme der Zinsgarantie für die weitaus größere Hälfte der zum Bau der Duallabahn nötigen Kapitalien schmackhaft zu machen. Die Abgg. Dr. Paasche und Dr. Arendt stießen mit gewohntem Biereifer in die Kolonialtrompete, während Erzberger vom Zentrum, der Antisemit Lattmann und der alte Konservative v. Richthofen immer bedenk⸗ licher gestimmt werden. Eine ätzende Kritik an der ganzen kapitalistischen Kolonialpolitik des Reiches übte Genosse Ledebour. Die Vorlage ging schließlich an die Budgetkommisston. Dann kamen Wahlprüfungen an die Reihe. Unter Führung des Zentrumsmanns Wellstein fand sich eine Vergewaltigungsmehr⸗ heit zusammen, welche den eingehenden Dar⸗ legungen der Genossen Fischer⸗Berlin, Stadt⸗ hagen und Geyer sowie des Abg. v. Gerlach zum Trotz und ohne jede Rücksicht auf die vor⸗ gekommenen Wahlbeeinflussungen die Mandate der Ordnungsmänner Lehmann und Dirksen für gültig erklärte. Dagegen gelang es unsern Genossen, die Ungültigkeitserklärung der Wahl des Eberswalder Mathematikprofessors Pauli⸗ Oberbarnim mit der stattlichen Mehrheit von 123 gegen 67 Stimmen durchzusetzen, da im letzten Augenblick der größte Teil des Zentrums dem Junkergenossen Wellstein die Heeresfolge versagte. Bei der namentlichen Abstimmung über die Wahl des Freisinnigen Barbeck ergab sich Beschlußunfähigkeit.

Am Freitag sollte die berühmteLex Heinze Auferstehung feiern. Der alte Heinze⸗ Kämpe Roeren vertrat mit hochmoralischem Eifer eine Petition der evangelischen Kreissynode Berlin III, welche sich gegen dieSchmutz⸗ literatur wendet. Herr Roeren sucht es so hinzustellen, als ob wirklich nur die unsittliche Literatur betroffen werden solle. Der junge Antisemit Lattmann aber war ehrlicher und unvorsichtiger und enthüllte namentlich den tiefen Haß, der die päpstlichen und luthertschen Dunkelmänner gegen den Simplizissimus erfüllt. Das köstliche Simplizissimusgedicht gegen den berühmten Sittlichkeitspfaffen Weber, zu dessen Vorlesung die Linke den Herrn Lattmann nötigte, erregte stürmische Heiterkeitsausbrüche, die durch die salbungs volle Entrüstung des antisemitischen Redners bis in's Ungemessene gesteigert wurden. Mit den Waffen des Humors und der Satire durchlöcherten dann die Genossen Heine und Stadthagen die defekte Rüstung der Heinze⸗ Kämpfer. Auch der Freisinnige Lenzmann fand einige gute Wendungen und selbst die Nationalliberalen weigerten sich, den Sittlich⸗ keitsrummel mitzumachen. Aber der rasende Moralsee wollte sein Opfer haben, und so wurde denn die Bittschrift der Zionswächter dem Reichskanzler als Lektüre empfohlen. Das 19 1 sich darauf bis Donnerstag den

. Mai.

Politische Rundschau.

Gießen, den 18. Mai 1905.

Wahlrechtsräuberei in Hamburg.

Der Senat der Freien Stadt Hamburg hat der Bürgerschaft eine Vorlage betreffend A b⸗ änderung des Wahlrechts gemacht. Man will aus Angst vor der Sozialdemokratie das Wahlrecht in Hamburg nach dem Muster des preußischen und sächsischen Dreiklassensystems reformieren. Die Wählerschaft soll, um das Eindringen der Sozialdemokratie in die Bürger⸗

1

schaft das ist das Hamburger Parlament zu verhüten, in drei Klassen eingeteilt werden. Die erste soll die Wähler mit einer Versteue⸗ rung von mehr als 6000 Mark, die zweite Klasse diejenigen von mehr als 3000 Mark,

7

die dritte Klasse alle übrigen wahlberechtigten

Bürger umfassen. Außerdem soll die Verhält⸗ niswahl eingeführt werden. Natürlich ist die ganze Sache wieder so ausgeklügelt, daß die werde e Bürger rechtlos gemacht werden.

Herrliche Worte aber nutzlos.

Auf dem kürzlich in München stattge⸗ fundenen Frauentage redete die Frau Pro⸗ fessor Krucken berg⸗ Kreuznach der bürger⸗ lichen Gesellschaft mit bewundernswerter Rück⸗ sichtslosigkeit ins Gewissen. Als man über die Pflichten der Frau in der Not unserer Zeit verhandelte, sagte diese Rednerin:.... Aber ist das, was unsere Gesellschaftskreise preisen, wirklich immer etwas Schönes, Erhabenes? Wie viel hohler Schein, wie viel Oberfläch⸗ lichkeit macht sich zwischen uns breit, krankhafte Sucht nach Neuerungen, Abwechselungen, sen⸗ sationellen Erregungen? Ist es wirklich der Schönheit zu Liebe, wenn wir unsere Tafel mit materiellen Genüssen überladen, wenn ein Festgeber den anderen zu übertreffen, den Luxus immer verschwenderischer zu steigern sucht? Reichtum und Besitz soll gezeigt werden, er gilt mehr als geistige und seelische Güte! Wie solch niedere Art von Geselligkeit demoralisterend wirken muß auch auf unsere ganze Umgebung, daran denken wir nicht! Wir übersehen, wie wir durch unser eigenes Leben Unzufriedenheit, Neid und Haß wecken bei solchen, die doch nur allein der blinde Zufall in Armut geboren werden ließ. Wir überhören das Grollen und Murren um uns herum, bis es in nächster Nähe ist, bis es zum gewaltigen Chore an⸗ schwillt! Wir haben es ja erst kurz im Ruhr⸗ gebtet erlebt. Und auch dann noch zögern wir, die Hand zur Verständigung zu reichen. Wir sträuben uns, unser eigenes Leben und das Sehnen jener großen Masse mit gleichem Maßstabe zu messen! Sicherlich sind wir ja alle zum Wohltun bereit. Wir veranstalten Bazare, Wohltätigkeits⸗Bälle usw., aber unser innerer Mensch hat mit solcher Art Wohltätig⸗ reit oft wenig zu tun. Geben wir nicht häufig einen Beitrag nur gestehen wir uns das ehrlich ein, um möglichst schnell den Ge

danken von den Bedürftigen wieder abwenden

zu können? Wir lassen uns unsere Barmherzig⸗ keit, unser Wohltun, nur durch Vergnügungen abkaufen! Geld kommt freilich zusammen, aber unser Herz hat keinen Anteil daran. Zur Milderung der Klassengegensätze trägt diese Art von Wohltätigkeit keineswegs bet! Eine Zeit des Kampfes ist es. Macht und Besitz gilt in vielen Fällen vor Recht! Rücksichtslos sucht Jeder nur eigenen Vorteil!.... Wir Frauen dürfen uns nicht mehr abfinden lassen mit den Worten, daß es immer Ungerechtigkeit und Gewalttaten gegeben habe. Es genügt uns nicht, über Schlamm und Morust den Mantel christlicher Liebe zu decken. Wir müssen von Grund auf bessere und gesunde Zustände schaffen helfen und jedem Einzelnen im Volke Anteil geben an den Errungenschaften unserer Kultur! Wir müssen die sozialen Schäden unserer Tage an ihren Wurzeln zu bekämpfen suchen. Uns fehlte bisher die Einsicht in die Ursachen von Not und Armut; daß es Armut, Sünde, Ver⸗ brechen gäbe, erschien uns gleichsam als göttliche, unabwendbare Ordnung..... Dem Volke Mäßigkeit zu predigen, dabei selbst hinter dem gefüllten Becher sitzen, das ist Pharisäertum! Wenn wir nicht selber an uns enfangen, können wir vom Volke auch nichts Anderes verlangen... usw. Brausender Beifall rauschte durch den von Damenhoher und höchster Stände dicht besetzten Saal. Und sie gingen hin und taten was sie vor⸗ dem getan.

Die Kronprinzenhochzeit

kostet der Stadt Berlin ein schönes Stück Geld. Vorige Woche ist der Oberbürgermeister Kirschner

nach Straßburg zum Kaiserbefohlen worden,