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Nr. 21. Gießen, den 21. Mai 1905. 12. Jahrgang. Redaktion: a 2 Nedattionsschluß: Girchenplatz 11. Schloßgasse. Mitteldeutsche Dornerztag Nachmittag 4 Uhr. 5
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Verbrecherische Staatserhaltende.
Den konservativen Staats- und Ord⸗ nungsstützen ist ein schweres Unheil widerfahren. Einer, der früher zu ihnen gehörte und nachher antisemitischer Abgeordneter für den Wahlkreis Esschwege war, Hans Leuß, hat ein Büchlein herausgegeben, das aus dem Nachlaß des ver— storbenen Kreuzzeitungs⸗Redakteurs Hammer⸗ stein vieles Interessante veröffentlicht. Hammer⸗ steln und Leuß hatten beide ihre politische Tätigkeit mit dem Aufenthalt im Zuchthaus vertauschen müssen. Hammerstein, der Terro— risterer der Konservativen, ihr begabtester Journalist, hatte mit einem Gehalte von 30000 Mark als Chef-⸗Redakteur der„Kreuz⸗ zeitung“ und seinen sonstigen, nicht unerheblichen Einnahmen als preußischer Laudtagsabgeord⸗ neter ꝛc. sein Auskommen nicht finden können. Dem Schützer von deutscher Hausehre gegen die Sozialdemokratie hatte die freie Liebe zu viel Geld gekostet, so daß er zum Schaden des konservativen Parteiorgans auf unehrenhafte Weise Geld beschaffte, für die der Verlag auf⸗ kommen mußte, so daß die„Kreuzzeitung“ vor dem Bankerott stand und Hammerstein, der selbst von Bismarck und dem Kaiser als Macht anerkannte Parteiführer in das Zuchthaus wandern mußte. Der Gerichtsvollzieher be⸗ mächtigte sich seines Eigentums. Bei der Ver⸗ steigerung fand der Ersteher eines Schreibtisches den berühmten Scheiterhaufenbrief des Hofpredigers Stöcker, der in photographischer Nachbildung im„Vorwärts“ veröffentlicht wurde und Stöcker zum endgiltigen Scheiden aus der von ihm mitgeleiteten Partei zwang. In diesem Briefe riet der fromme und wahr⸗ heitsliebende Hofprediger, dem Kaiser indirekt seinen Gegensatz zu Bismarck zu zeigen, aber nicht gegen Bismarck zu polemisteren.
Der„Vorwärts“ konnte damals auch aus einer Reihe anderer Briefe von und an Hammer stein blitzhelle Schlaglichter auf die Königstreue, die politische Charakterlosigkeit und die Gemein⸗ gefährlichkeit der konservativen Partei werfen. Die reiche Ausbeute an Material ließ den Glauben aufkommen, daß Hammerstein, der in wilder Flucht den deutschen Staub von den Pantoffeln geschüttelt hatte, seine Angelegenheit durchaus ungeordnet zurückgelassen und nichts in Sicherheit gebracht habe.
Nun sieht man nach bald 10 Jahren, daß dem nicht so war, irgendwo hatte Frhr. v. Hammerstein interessante Briefschaften und Notizen verwahrt, die nun sein ehemaliger Schüler Leuß veröffentlichte. Auch Leuß wurde durch die allzufreie Liebe in den Abgrund
mit dem Weibe seines besten Freundes. Er wollte sie retten und bezeugte bei Gericht, daß die Frau unschuldig sei. Der Meineid, in
schworen, brachte ihn in's Zuchthaus. Nun veröffentlicht er die den Konservativen höchst unbequemen Reste des Hammerstein'schen Nach⸗ lasses. Aus der Fülle des Juteressanten mag einiges auch unseren Lesern vorgeführt werden.
Hammerstein hat Leuß gegenüber geäußert:
Was wollen Sie, es gibt kein anderes Mittel gegen die Sozialdemokratie, als daß man die Arbeiter provoziert und schießen läßt.
Und derselbe Hammerstein hatte ein feines Mittel zur Provokation der Arbeiter ausgedacht, er wollte den preußischen Ministerpräftdenten Grafen Eulenburg zum Reichskanzler machen. Eulenburg wollte einfach das allgemeine Wahlrecht für eine Reihe von Jahren abhschaffen. Zu dem Gewaltstreich war er bereit, wenn alle maßgebenden Leiter der kon⸗ servativen Politik offen den Verfassungsbruch billigen würden. Hammerstein berief alle seine politischen Freunde zusammen, aber seine Be⸗ mühungen, daß diese offen Farbe bekennen, scheiterten und so blieb Deutschland von den schweren Erschütterungen eines Verfassungs⸗ bruchs glücklich befreit, dessen geistiger Leiter Freiherr von Hammerstein gewesen wäre. Die Konservativen sind über diese Enthüllung sehr aufgebracht, aber sie können die Ueberzeugung von der Richtigkeit dieser Feststellung nicht er⸗ schüttern. Interessant ist auch, daß Wilhelm II. den von Kaiser Friedrich weggejagten Minister des Innern von Puttkamer unseligen sozia⸗ listengesetzlichen Andenkens wieder in sein Amt einsetzen wollte.
So willfährig der junge Kaiser den Konser⸗ vativen war, so ließ er sie doch auch sein über⸗ schäumendes Machtgefühl merken. Interessant ist in dieser Hinsicht der Brief, den der konser⸗ vative Parteiführer von Rauchhaupt an Frei⸗ herrn v. Hammerstein in der Aera Caprivi am 7. Oktober 1891 schrieb:
„Mein lieber Freund! Ich freue mich, daß Sie in der letzten Wochenübersicht einmal die Trompete ziemlich deutlich gegen Caprivi blasen lassen. Ich halte den Mann für sehr kurzsichtig und eitel, zwei Eigenschaften, welche meist ge— paart sind. Dabei hat er offenbar keinen eigenen Willen gegen den Kaiser, welcher immer.. macht. Man muß darüber Bismarck selbst hören. Derselbe ließ mich in Kissingen zwei⸗ mal kommen, und ich hatte jedesmal eine drei⸗ stündige Unterredung mit ihm. Seine Kritik der jetzigen Regierung ist geradezu vernichtend, obwohl sich leider ein maßloser Haß gegen den Kaiser darin abspiegelt. Von Interesse wird es Ihnen sein, daß er mir erklärte, die„Kreuz⸗ zeitung“ sei die einzige anständige und selbst⸗ ständige Zeitung, welche man lesen könne. Ueber Helldorf, Bötticher, Herrfurth äußerte er sich in einer Weise, welche gar nicht wiederzugeben ist. Ich werde Ihnen einmal Gelegenheit geben, näheres mitzuteilen.
Mit Helldorf habe ich jüngst auf dem Merseburger Feste eine sehr ernste Unterredung gehabt und ihm erklärt, daß ich nach seinem Verhalten bei der Landgemeindeordnung keine Politik mehr mit ihm machen könne. Denn nachdem ich und Heydebrand mit ihm und Manteuffel das bekannte Amendement Klinkow⸗ ström in wiederholten Konferenzen verbotenus festgestellt, habe es der einfache Anstand als Führer der Partei gefordert, daß er dafür gestimmt und nicht die konservative Partei des Abgeordnetenhauses dem liberalen Minister Herrfurth geopfert hätte. Manteuffel habe so gehandelt, er aber habe einfach zum Triumphe des Liberalismus über seine eigenen Freunde beigetragen...
In Erfurt erhielt ich hierauf vom Kaiser, als ich mich bei ihm für den Orden bedankte, die Quittung. Se. Mazestät hatte... mir im barschen Tone nur zu antworten:
„Aber nun merken Sie es sich: Summa lex est regis voluntas“(das höchste Geser ist des Königs Wille) und sich dann kurz herumdrehte. Damit nicht genug, der hohe Herr trat nach einigen Minuten an Erffa heran und sagte zu ihm:„Dem Rauchhaupt habe ich seinen Kopf gehörig eben gewaschen.“
Was soll man... sagen. Der erste Aus⸗ spruch ist der Widerhall des bekannten sie volo, sic jubeo, oder des bekannten Ausspruches in Düsseldorf, der letzte ein Beweis, daß.. ihm ein Dorn im Auge ist. Bismarck hat recht, wir gehen einer Katastrophe entgegen. Ob ich unter diesen Umständen meine Gesund⸗ heit wie seither im Dienste der Monarchte noch länger opfern werde, steht dahin. Ich bin fast mutlos an der Spitze der Partei, den Kampf gegen Torheit und Serviltsmus zu führen. Ich hielt mich für verpflichtet, Sie darauf vorzubereiten. Ihr sehr entmutigter
v. Rauchhaupt.“
Die Punkte, durch welche einzelne sich auf den Kaiser beziehende Kraftstellen in diesem Briefe ersetzt sind, spielen in dem ganzen Buche eine große Rolle. Sie beweisen, daß der Briefwechsel der konservativen Heer⸗ führer, der„Stützen von Thron und Alkar“, von Majestätsbeleidigungen strotzte!
Wenn die staatserhaltenden, gutgesinnten, königstreuen, für Sitte, Ordnung und Christen⸗ tum kämpfenden Herren sich über jede scharfe Kritik von Gesetzen und Regterungshandlungen entrüsten, dann kann man ihnen Rauchhaupts Urteil entgegenhalten. Er meint: Der ganze Parlamentarismus sei Humbug. Die Regierung benehme sich skandalös; auf die Beamten werde ein unerhörter Druck ausgeübt. Herr v. Rauch⸗ haupt spricht von einer„unglaublichen Kor⸗ rumpierung der konservativen Partei, welche doch zu einem guten Stück aus abhängigen Beamten besteht, welchen obendrein ein gut Stück Strebertum eigen ist“ Und dann wieder eifert er gegen Torheit und Servilismus und schreibt Briefe, deren Kraftstellen durch Punkte ersetzt werden müssen.
Nun, ehe es noch möglich war, die Staats⸗ streichpläne zu verwirklichen, verfiel der Edle von Hammerstein, der Meister des politischen Intrigenspiels, wegen gemeiner Verbrechen dem Zuchthause. Damit wurde vielleicht das deutsche Volk vor einer Katastrophe bewahrt. Sollte aber der biedere Stöcker, der intimste Freund Hammersteins, gar nichts von diesen Dingen gewußt haben? Das ist kaum anzu⸗ nehmen!
Jetzt steigt Hammersteins Schatten aus dem Grabe und versucht, die politischen Verbrechen, an denen Hammerstein Anteil hatte, dadurch zu sühnen, daß die Moral seiner Mitschuldigen aufs schlimmste und vernichtendste bloßgestellt wird. Zeigen die in dem Buche veröffentlichten Dokumente die Vorkämpfer des konservativen und monarchischen Prinzips auch nicht von einer neuen, so doch von einer so widerlichen Seite, daß man sich beim Lesen von den auf— steigenden Mißdüften solcher sitt lichen Fäulnis förmlich die Nase zuhalten muß!
Die Herren Ehebrecher, Majestätsbeleidiger, Lebemänner und Scheinchristen, die sich in der konservativen Partei brüderlich zusammenge⸗ funden haben, werden trotz dieser fatalen Ent— hüllungen aus ihrer Hexenküche fortfahren, sich


