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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
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Nr. 47.
Elternhaus und Schule.
r. Es war etwas später als sonst geworden, als der Vater von der Arbeit nach Hause kam. Er hatte wieder Ueberstunden machen sollen und war deswegen mit dem Werkmeister in Differenzen geraten. Man merkte ihm die Verstimmung schon an, als er in die Stube trat. Schweigend wusch er sich und schweigend setzte er sich zu Tische. Nach einer Weile end⸗ lich herichtete er der Mutter in wenig Worten was vorgefallen war. Dann setzte er seine kurze Pfeife in Brand, griff zur Volkszeitung und vertiefte sich in deren Lektüre. Die Mutter holte den Strickstrumpf herbei und ließ die Nadeln geschäftig zwischen den Fingern klap⸗ pern, von Zeit zu Zeit einen liebevollen Blick auf das noch immer verdrossene Gestcht des Vaters werfend. Die andere Seite des Tisches nahm der Zwölfjährige ein, der sich mit seinen Schularbeiten plagte.
Es herrschte bedrücktes Schweigen im Zimmer. Nur die Uhr machte ihr Ticktack. Der Vater las und las.... aber was er las, das erheiterte sein Gesicht immer mehr auf, das vertrieb immer deutlicher die Wolken des Un⸗ muts von seinen Zügen. Schließlich, als er die ganze Seite bis zu Ende gelesen hatte, legte er das Blatt beiseite, lehnte sich tief auf⸗ atmend in das Sofa zurück und schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Das ist ja eine wunderbare Geschichte!“
„Was denn?“ fiel die Mutter ein.
„Ja, ja, es wird Tag, es dämmert, es ist nicht mehr zu halten“... und indem er auf⸗ stand, um die Pfeife, die ausgegangen war, neu mit Feuer zu versorgen...„das sind ja wahre Prachtkerle, die Schullehrer da in Bremen.“
„Was nur“, drängte die Mutter,„davon weiß ich ja noch gar nichts.“
Da erzählte nun der Vater, während Freude und Begeisterung sich auf seinem Gestcht malte, von dem tapferen Vorstoß der Bremer Lehrer- schaft gegen den mittelalterlichen Religions⸗ ballast und die geistmörderische Bibelqual in der Schule.“)
„Das ist ein gutes Zeichen“, so schloß er, „das erhebt einem Herz und Sinn.“— Die Mutter nickte befriedigt und der Zwölfjährige hörte mit offenem Munde zu.
*
Ein paar Tage darauf. Der Morgen ist trübe und regnerisch; im Schulzimmer will es gar nicht hell werden. Einer von den Tagen, an denen die Köpfe so wüst, die Gehirne so müde, die Glieder so bleiern sind. Und an einem solchen Tage früh von acht bis neun Religion— entsetzlich! Der Lehrer gähnt und
schüttelt sich vor Widerwillen, die Kinder geht
eiu ödes Grauen an— doch Zähne zusammen, es hilft alles nichts! Der Mensch muß sich zu helfen wissen: Wozu sind die zehn Gebote da? Also sagen wir zunächst die zehn Ge⸗ bote auf. Der Letzte beginnt. Dann der nächste. Und so fort. Der Apparat funk⸗ tioniert von selbst. Inzwischen haben die oben in der Klasse Sitzenden Zeit genug, nach Herzens⸗ lust zu schlummern und zu träumen. Einer von ihnen kennt seit ein paar Tagen nur einen Traum: in Bremen zu sein, dort in die Schule zu gehen, keinen Religionsunterricht mehr zu haben, keine Gebote, Sprüche, Liederverse, keinen Abraham, Isaak und Jakob mehr.... ach, eine göttliche Schule muß das sein. Mit allen Farben und Herrlichkeiten malt seine schwel⸗ gende Phantaste sich diesen Glückszustand aus, bis plötzlich Scheltworte und Geschrei das schöne Bild zerstören.„Faulpelze“ schreit der Lehrer und schlägt wutenbrannt auf die armen Schächer der letzten Bankreihe los, weil sie so gottlos sind, das erste und zweite Gebot nicht ohne Anstoß aufsagen zu können. Der gute Luther, er hatte gewiß keine Ahnung davon gehabt, daß sein Katechismus so vorzüglich Kindern um die Ohren geschlagen werden kann.
*) Die Lehrer in Bremen stellten vor kurzem den ausführlich begründeten Antrag an die bremische Re⸗ gierung, fortan den Religionsunterricht von den Schul⸗ Lehrplänen zu streichen.
Das Geheul verstummt schließlich wieder, das Aufsagen wird fortgesetzt— und das Träu⸗ men auch.
Da hält es der kleine Verehrer der Bremer Lehrerschaft nicht länger mehr aus, er muß seinen Nachbar in sein kostbares Geheimnis ziehen.„Du“, stößt er ihn an,„weißt du schon... in Bremen wollen die Lehrer den Religionsunterricht abschaffen...“
„Was gibt's da zu flüstern“, schreit der Lehrer und springt in die Höhe. Beide fahren erschrocken zusammen.
„Was habt ihr euch zu erzählen?“ und schon steht der Gefürchtete mit drohender Hal⸗ tung vor ihnen.
Keiner rührt sich.
„Heraus mit der Sprache— oder...“
Nach langem Zögern gesteht der eine, sein Nachbar habe gesagt... die Bremer Lehrer. wollten... die Religion aus der Schule raus⸗ schmeißen.
„Woher weißt du denn das?“ fragte der Lehrer erregt den andern.
„Mein Vater hat das gesagt.“
„So?“— uud ein Blick unsäglichen Hohns trifft den armen Burschen.—„Das könnte dir wohl so passen?— Aber dir werde ich das Schwatzen austreiben.— Hand heraus!“
Und mit dem Rohrstocke zieht der treffliche Pädagoge dem armen Kerl, der die Zähne fest zusammenbeißt, fünf wohlgezählte, wie Feuer brennende Hiebe über die schmale, zarte Hand. Dann ruft er ihm mit höhnendem Lächeln zu:
„Nun bedanke dich schön bei deinem Vater für die Hiebe, die du gekriegt hast.“
Und im Zurückgehen nach dem Katheder knurrt er halblaut iu den Bart:„Rote Ge⸗ sellschaft!“
Dann setzt er sich wieder in Posttur:
„Nun der Nächste. Das vierte Gebot. Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“
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Aus unseren Tagen. Von Gerard Keller. Erstes Kapitel.
„Auf morgen also, Fräuleinchen, auf morgen,“ sagte der Krämer Taubermann, während er ein zwanzigjähriges Mädchen aus der Türe ließ, deren Toilette eine Zusammen⸗ setzung von Nettigkeit und Altertum lieferte, was für eine andere, leider nicht sehr seltene Zusammenstellung— die von Armut und Bildung— zeugte. Die Zwanzigjährige machte noch eine letzte Verbeugung, sicher die fünfte, nachdem sie Taubermanns Wohnzimmer ver⸗ lassen hatte, und entfernte sich mit eiligen Schritten, während der Krämer noch einige Augenblicke auf der Schwelle stehen blieb. Denn obgleich es seine Frau nicht gerne sah, daß er sich in seinem Geschäftsanzuge öffentlich zeigte, ist doch die lebhafte Straße zu ver⸗ führerisch für Jemand, der den ganzen Tag in seinem Geschäft sitzt. Und besonders mußte sie es für Taubermann sein, der nach den Grüßen der Vorübergehenden zu urteilen, Jedermann kannte. In wenigen Augenblicken brachte er alle möglichen Arten des Grüßens an, von der ehrerbietigen Verbeugung bis zum gnädigen Kopfnicken und bei Reich und Arm, Alt und Jung schien er eine Popularität zu besttzen, die Niemand so leicht in der Oeffentlichkeit ihm streitig machen konnte.
Und doch war Taubermann nur Krämer und Colonialwarenhändler, und sein Haus stand in einer wenig vornehmen Gegend der Stadt, aber dies Haus bildete solch einen Contrast mit den angrenzenden Wohnungen, daß man den hohen breiten Giebel weithin ragen sah. Das riesige Schild, welches Namen und Ge⸗ schäft verkündigte, war wirklich nicht nötig, um Käufer anzulocken. Käufer anzulocken lag
kauft hatte.
übrigens auch durchaus nicht in der Gewohn⸗ heit und Absicht Taubermanns. Er war über alle Konkurrenz erhaben. Ohne daß er irgend etwas tat, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, kamen sowohl die Dienstmädchen aus den aristokratischen Stadtgegenden, wie die Hausmütter aus den abgelegenen Straßen, um ihre Einkäufe bei ihm zu machen. Seine ein⸗ marinierten Häringe und Gänseleberpasteten fanden eben so gute Käufer, wie seine weißen, Bohnen und sein Pfeffer, und— dies gereichte ihm zur Ehre— die fünf Pfennige für Vogel⸗ samen waren ihm eben so willkommen, wie die Bezahlungen des Monatsbuches aus vornehmen Häusern. Es war keinen Augenblick Ruhe am Ladentische, und, wie die Nachbarschaft sich derb ausdrückte, das Geld wurde in Säcken hinein⸗ getragen. Ueberdies wußte man, daß er Häuser besaß und Land und Anteile an Schiffen und daß er in Oel und Korn spekulterte, kurzum, daß sein Laden in der Breitenstraße durchaus nicht die einzige Sehne auf seinem Bogen war und daß der Krämer, wenn er nur wollte, manchen seiner vornehmen Kunden in den Schatten stellen konnte.
Aber das war Taubermanns Bestreben nicht. Er viel zu einfach, oder besser gesagt, zu stolz, um nicht lieber der Krämer Taubermann, einer der ersten Ladenbesttzer der Stadt zu sein, als sich in einen Kreis zu begeben, worin er doch kein Ansehn genossen hätte. Und überdies lag ihm sein Geschäft viel zu sehr am Herzen. Es war für ihn nicht nur die Quelle seiner Exi⸗ stenz, sondern auch der Mittelpunkt seines Tuns und Denkens, der Zweck seines Lebens, seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zu⸗ kunft, seine Tätigkeit und seine Erholung, sein Stolz und seine Freude. Taubermann und der Kolonialwarenhändler waren in ihm unzer⸗ trennlich, und man konnte sich weder diesen ohne das Geschäft, noch das Geschäft ohne ihn vorstellen. Daß er sich zur Ruhe setzen und von einer Rente leben sollte, war eben so un⸗ denkbar, wie die Vorstellung, daß der Laden einem Anderem gehören könne. Nein wie dieser, mit seinen langen breiten Ladentischen prunkte, dies ist das rechte Wort, und der Eigentümer darin mit seiner Mütze, die ein wenig schief über dem blühenden gutmütigen Gesichte saß, und dem roten Taschentuche in dem halbzugeknöpften Rocke, so mußte es bleiben für die Zukunft, wie es für das gegenwärtige Geschlecht bestand und früher bestanden hatte, seitdem Tauber⸗ manns Großvater das erste Pund Mehl ver⸗
wenig Veränderungen erfahren haben, im innern war es sehr von dem Zustande verschieden, in welchem es sich zur Zeit Taubermanns des Ersten befand. Wir sprechen nicht von dem Inhalte des eisernen Geldschrankes, der ein Meisterstück der Pariser Weltausstellung war, aber wir überschreiten mit Taubermann, der auf die freundliche Bitte seiner Frau endlich hineinging, die Schwelle des Salons, wo man die Besucherin, die wir vorhin fortgehen sahen, empfangen hatte.
„Wozu stehst du auf der Straße, Otto?“ sagte seine Gattin etwas verstimmt;„wenn wir ausgehen wollen, hast du niemals Zeit, aber dazu hast du immer Zeit, dich an der Tür⸗ Aan von den Vorübergehenden angaffen zu assen.“
Es war nämlich ein steter Verdruß für Frau Taubermann, daß ihr Gatte für wichtige Angelegenheiten, wie Spaziergänge, Besuche und dergleichen niemals Zeit hatte, obgleich er sich die Häfte des Tages mit Dingen beschäf⸗ tigte, die sie für höchst überflüssig hielt.
Taubermann gab keine Antwort, er setzte sich auf das Sopha nieder, wischte sich einmal über seine Stirne, legte daun seine Arme auf seine Knie, und wendete seine ganze Aufmerk- samkeit seiner Mütze zu, die er in seinen Hän⸗ den herumdrehte.
„Das wird dem Sopha auch wohl tun,“ fuhr Fran Taubermann fort,„daß du dich Tec Rock, der voll Mehl ist, darauf etzest.“:
„Ja, Schatz, ich bin nicht Schuld daran, hast du das junge Mädchen hier empfangen a 95
Von außen mochte das Geschäft


