Ausgabe 
19.11.1905
 
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Seite 4.

Mitteldentsche Sountags⸗ Zeitung.

Nr. 47.

Schöppinitz traten am 13. November einige hundert Bergleute in den Ausstand. An dem⸗ selben Tage trat auch die Belegschaft des Kronprinz ⸗Schachtes in Myslowitz, der eben⸗ falls tesches Erben gehört, in den Streik.

Die Landtagswahl.

In Gießen⸗Land haben wir eine Schlacht verloren, daran ist nichts zu beschöͤnigen. Das indirekte Wahlrecht hat dem Bündler⸗Kandidaten nochmals in den Landtag verholfen. Ein Kreis, dessen Wähler in übergroßer Mehrzahl Arbeiter und Kleinbauern ösind, welch' letztere sich in keiner besseren wirtschaftlichen Lage als die Arbeiter befinden, schickt einen Mann in den Landtag, der zur Partei der Lebens mittelverteurer gehört, gegen das direkte Wahlrecht stimmte und im Uebrigen die rüͤckständigste Politik unterstützt. Und wir müssen sagen, ein Teil der Arbester ist selbst daran schuld. Einige Bürgermeister kamen Leun dadurch zu Hilfe, daß sie die Wahlzeit so festsetzten, daß die Arbeiter einen halben Tag versaͤumen mußten, wenn sie zur Wahl gehen wollten. Unsere Genossen sollten sich diese Herren merken, bis wieder einmal Bürgermeisterwahl ist und dann ihnen die Quittung geben! Wir haben nur 14 Wahlmänner durchgebracht, die Gegner deren 27. Das Wahlergebnis aus den einzelnen Orten ist folgendes:

Vetters Seun Stimmen Wahl⸗ Stimmen Wahl⸗ männer männer

Allendorf a d. L. 0 0 64 1 Alten⸗Buseck 115 2 76 0 Annerod 88 0 38 1 Daubringen mit

Heibertshausen 54 0 58 1 Garbenteich 58 0 80 1 Großen⸗Buseck 90 0 155 8 Großen⸗Linden 00 0 159 3 Hausen 36 0 50 1 Heuchelheim 204 1 208 8 Klein⸗Linden 82 0 87 8 Lang⸗Gons 88 0 194 3 Leihgestern 104 2 2 0 Lollar 80 8 54 0 Mainzlar 0 0 54 3 Oppenrod 0 0 10 1 Roͤdgen mit Trohe 76 1 38 0 Ruttershausen mit

Kirchberg 0 0 81 1 Staufenberg mit

Friedelhausen 37 0 51 1 Watzenborn⸗

Steinberg 148 0 184 8 Wieseck 279 5 138 0

1379 14 1733 27

Am schlechtesten haben Großen⸗Buseck und Watzen⸗ born⸗Steinberg abgeschnitten, wo wir sogar unsere Stimmenzahl von vor 6 Jahren nicht erreichten. Es müssen dort eine Masse Arbeiter nicht zur Wahl ge⸗ gangen sein. In mehreren andern Orten unterlagen unsere Wahlmänner mit nur ganz wenigen Stimmen Minderheit. In Heuchelheim standen fich beide Listen fast gleich, die Gegner zählten 208, wir 204 Stimmen und da Streichungen vorgekommen waren, fiel uns ein Wahlmann zu. Ebenso betrug der Unterschied in Dau⸗ bringen nur 4 Stimmen, in Annerod 5, auch in Staufen⸗ berg war die Differenz nur klein. Tüchtig haben aber die Wiesecker gearbeitet. Die Leun'schen glaubten auch hier durch ihre hinterhältige Polutk Eroberungen zu machen, sind aber damit glänzend abgeblitzt. Unsere Lollarer Freunde erfochten auch einen schönen Sieg. Aus diesem Wahlkampfe müssen wir aber im Allge meinen die Lehre ziehen, daß der Ausbau unserer Organisation unumgänglich notwendig ist.

Die Wahlresultate aus dem übrigen Hessen lauten für uns nicht ungünstig, obwohl einige Kreise uns noch nicht zufielen, die wir zu erobern hofften. In Vilbel blieb Busold nur mit ein oder zwei Wahlmännern in der Minderheit. In Bad Nauheim wurde der Heylot Windecker hinausgeworfen, was zu begrüßen ist, selbst wenn ein Bauernbündler an seine Stelle tritt. Glän⸗ zend siegte jedoch Genosse Dr. Fulda über den be⸗ rühmten Nat onalliberalen Dr. Becker⸗Sprendlingen im Wahlkreise Isendurg. Unsere Partei brachte dort 46 Wahlmänner auf, die Nationalliberalen nur ganze 71 In Pfungstadt siegte unsere Partei. Genosse Naab wurde an Stelle Haas, des bisherigen Kammer⸗ präsidenten gewählt. Groß Gerau wählte fast sämtliche Wahlmänner für unsern Genossen Berthold. Mainz⸗Land, das wir zu erobern hofften, be⸗ hauptete das Zentrum nochmals. So haben wir unsere beiden Sitze behauptet und ein Mandat dazu gewonnen.

Bei der Wahlagitation kommt es bei unserer Partei bekanntlich nicht nur auf die Eroberung eines Mandates an, sondern es wird ein Hauptaugenmerk auf die Auf⸗ klärung der Wählerschaft über die Grund⸗

sätze und Forderungen der Sozialdemokratie gelegt. Dieser Zweck wurde natürlich auch bei unseren, während der Landtagswahl abge⸗ haltenen Versammlungen nicht aus den Augen verloren. Und jeder aufmerksame Zuhörer wird in unseren Versammlungen etwas gelernt haben. Da werden die Dinge und Fragen, um die es sich dreht, klar dargelegt und nach jeder Richtung hin beleuchtet; an den ver⸗ schiedenen Gesetzen und Gesetzesvorschlägen ge⸗ zeigt, welche Wirkung ste auf das Land haben müssen, inwiefern sie die Interessen der werk⸗ tätigen Bevölkerung beeinflussen. Für jeden, der sich um politische Dinge bekümmert, sind deshalb auch unsere Versammlungen interessant und bieten reiche Anregung. Das traf auf alle von uns während der Wahlkampagne abge⸗ haltene Versammlungen zu, die auch alle mit nur zwei Ausnahmen recht gut besucht waren. Die Ausführung unserer Redner wurden auch überall mit Interesse verfolgt. Wie gotts⸗ jämmerlich stand es in dieser Beziehung in den zwei Versammlungen, die Leun abhielt! Nichts von größeren Gesichtspunkten, kein Jota von irgend einem Programm, die erbärmlichsten Dinge brachte der Mann vor. Bei einer nur einigermaßen kritischen Wählerschaft hätte er sich damit einfach unmöglich gemacht, wäre ausgelacht worden! Daß er trotzdem gewählt wurde, kann man mit als einen Beweis für die unglaubliche Anspruchslosigkeit seiner Wähler ansehen. Am Samstag waren von unserer Seite n in Staufenberg, Wieseck und Annerod einberufen. In ersterem Orte fanden die Ausführungen des Genossen Dr. Michels, der in humorvoller Weise dieStandesherren charakteristerte, stürmischen Beifall. In Wieseck sprach Gen. Ulrich, der vor überfüllter Versammlung die verderbliche und volksfeindliche Politik der Bauernbündler kennzeichnete und verschiedene Vorwürfe zurückwies, die Leun in seinen ge⸗ heimen Zusammenkünften gegen unsere Partei erhoben h tte. Leun, der zur Versammlung brieflich eingeladen war, hatte es feigerweise vorgezogen, nicht zu erscheinen. Sehr zahl⸗ reich war auch die Versammlung in Annerod besucht, wo Vetters über unser Landtagspro⸗ gramm sprach. Seine Ausführungen fanden all⸗ seitige Zustimmung. Am Sonntag sprach Quarck⸗Frankfurt in Daubringen und abends in Watzenborn, Ulrich nachmittags in Steinberg und Vetters in Alten- buseck. Alle diese Versammlungen waren 1 besucht und nahmen den besten Verlauf.

ontag war Versammlung in Langgöns. Diese Versammlung war ebenfalls zahlreich be⸗ sucht; etwa ein Drittel der Anwesenden waren Gegner, welche mehrmals das Referat des Genossen Vetters unterbrachen. In der Dis⸗ kusston suchte Herr Weil, ein Auhänger Leuns mit den gleichen Dingen Vetters ent⸗ gegenzutreten, mit denen Leun selber krebsen ging. Herr Weil gestand später selber ein, daß er von Leun informiert worden sei. Von Vetters wurde er schlagend widerlegt. Herr Weil machte auch unseren Genossen im Land⸗ tage einen die Diäten betreffenden Antrag zum Vorwurf, den diese angeblich 1897 gestellt haben sollten. Wir werden nachscklagen und diesen Antrag in der nächsten Nummer im Wortlaut abdrucken. Herr Leun hatte am gleichen Abend in Lollar Versammlung. Seine dortige Rede bewegte sich in demselben Geleise wie seine übrigen. Genosse Beckmann ergriff mehrmals das Wort und beleuchtete treffend und sachlich die von Leun beliebte Art der Agitation und wies die völlige Haltlosigkeit dessen, was Leun vorgebracht, nach. Besonders kennzeichnete Beckmann gebührend die zwei⸗ deutige Stellungsnahme Leuns zur Wahlrechts⸗ frage und sagte ihm mit Recht, daß er sich daran wie die Katze um den heißen Brei her- umdrücke. Die Versammlung nahm Beckmanns Erwiderungen sehr beifällig auf. Bemerkt muß noch werden, das sich in Leuns Begleitung einige Leute aus Großenlinden befanden, deren lärmendes Betragen allgemeinen Unwillen er⸗ regte. Am Dienstag trat Beckmann Herrn Leun in Großenbuseck mit gleichem Er⸗ folge entgegen.

. Daß das Gießener Amtsblatt über den Wahlausfall ungeheuern Jubel an⸗ stimmen würde, ließ sich denken. Hatte das edle Blättchen doch schon in der Wahlbewegung selbst alles nur mögliche an Beschimpfung un⸗ serer Partei geleistet. Das dümmste und un⸗ geheuerlichste Zeug, was man einem Amtsblatte nur immer zutrauen kann, verzapfte derAn⸗ zeiger. Er suchte den Spießern damit Angst ein⸗ zujagen, daß er mit Wichtigkeit meldete, daß in Watzenborn ein Genosse unsere Partei als republikanisch bezeichnet habe. Donnerwetter! etwas neues! Seit den drei Jahrzehnten, die unsere Partei besteht, hat sie aus ihrer republikanischen Gesinnung nie einen Hehl ge⸗ macht und es stets national⸗miserablen Sold⸗ schreibern überlassen, vor den Fuͤrsten aller Grade im Staube zu winseln. Ueberhaupt scheint der Anzeiger⸗Mensch nicht wenig Angst zu haben dafür, daß sich das deutsche Volk an dem Vorgehen des russischen ein Beispiel neh⸗ men würde. Und allerdings, die Zeiten ändern sich schnell. Auch bei uns kann eintreten, was man noch vor kurzem vicht für möglich gehalten hätte. Unsere deutschen Parteigenossen sind aller⸗ dings außerordentlich gutmütig. Sehr viele von ihnen bezahlen noch die gemeinen Pöbeleien und verlogenen Anwürfe, die das Amtsblatt gegen sie und ihre Partei richtet. Wäre nur der zehnte Teil dessen wahr, was der Anzeiger kürzlich über soztaldemokratischen, Terrorismus schwindelte, dann würde das Schandblatt in Arbeiterkreisen nicht einen einzigen Abnehmer finden, dann müßten sich die Setzer weigern, den Mist jenes Schmierfinken zu setzen! Mit geradezu unglaublicher Unverfrorenheit bezeichnet es der Anzeiger als Lüge, daß Leun gegen das direkte Wahlrecht gestimmt habe. Und diese feststehende Tatsache wird von Leun selbst zugegeben! Die Sozialdemolraten müßten solche Dummköpfe sein, wie gewisse andere Leute, wenn ste, nachdem der Versicherung Leuns, für die Wahlreform einzutreten, trauen wollten. Nun, lassen wir das Reptil speien! Die So⸗ zialdemokratie wird doch zum Siege gelangen, früher oder später!

Non Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Eine Reptil⸗Leistung. In recht dummer und plumper Weise versuchte dieser Tage derGieß. Anzeiger eine Notiz unseres Offenbacher Parteiblattes zu verhöhnen. Diese Notiz lautete:

Lämmerspiel, 7. November. 20 Jahre be⸗ steht hier bereits die sozialdemokratische Parteiorgani⸗ sation. Durch eine würdige Feier wurde am Sonntag dies geschichtliche Ereignis begangen.

Man sieht, eine ganz einfache und schlichte Mitteilung. Das Amtsblatt nennt jedoch die Feier selbst das soll einWitz sein ein welterschuͤtterndes historisches Ereignis und schmiert weiter dazu:

Zur richtigen Kennzeichnung dieser phrasen⸗ haften Selbstbeweihräucherung der Sozialdemo⸗ kratie genügt wohl die Mitteilung, daß Laͤmmer spiel ein Dorf von 650 Einwohnern ist. Aller⸗ dings besitzt es den Vorzug, zu den rötesten Dörfern des gesegneten Rodgau zu gehören.

Nun, wir halten das allerdings für einen Vorzug für das Dorf. Und weiter sehen wir die Gründung der Parteiorganisation vor 20 Jahren tatsächlich als geschichtliches Ereignis von gar nicht N Bedeutung an. Da be⸗ finden wir uns in Üebereinstimmung mit einem

elehrten und sehr angesehenen Manne. Jo⸗ 5 Jakoby war es, der einstens sagte:Für den zukünftigen Kulturhistoriker wird die Grün⸗ dung des kleinsten Arbeitervereins von größerer Bedeutung sein, als der Schlachtag von Sa, dowa. So denkt natürlich derAnzeiger nicht. Für ihn ist wichtiger zu melden, wie dies oder jenes Fürstlein täglich seine Zeit tot⸗ schlägt. Da berichtet er getreulich, wann und wie es zu essen, trinken und schlafengeruhte und viel fehlte nicht, würde er noch erzählen, wann, wo und wie die hohe Person auch andere menschliche Bedürfnisse verrichtete.