Ausgabe 
19.11.1905
 
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Seite 2.

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung.

Nr. 47.

rüber sein, daß die Revolution nicht eher ruhen wird, bis die Willkürherrschaft des Zarentums beseitigt ist. Es gibt kein Halten, keinen Still⸗ stand mehr, nicht lange mehr und das russische Volk wird die jahrhunderte lange Knechtschaft abgeschüttelt haben. Durch keine Versprechungen des geriebenen Ministers Witte wird sich die Revolution von ihrem Ziele ablenken und das Volk wird sich auch durch keine noch so scheuß⸗ lichen Greueltaten der zarischen Polizei und des von ihnen aufgehetzten und angeführten Pöbels abschrecken lassen. Und was in letzterer eee in den letzten Tagen in Odessa, Kiew, Moskau und anderen Orten geleistet wurde, übersteigt alle Vorstellung.

Aus den zahlreichen am Anfange der Woche eingelaufenen Berichten sei nur der folgende aus Odessa wieder gegeben.

Ein junges deutsches Mädchen schrieb ihren Angehörigen am 3. November fol gendes:

Am Dienstag früh kam die Nachricht von dem Erlaß der Konstitution, der wir anfangs keinen Glauben schenken wollten, bis die Telegramme verteilt wurden. Auf den Straßen herrschte eine unglaubliche Freude, fremde Leute umarmten sich, von den Tram⸗ ways schrieen die Leute Hurra und schwenkten mit Mützen und Tüchern, kurz, alles war auf den Straßen und äußerte seine Freude. Am Nachmittag ging ich mit Papa aus, wir trafen die Studenten und zogen von einer Mani⸗ festantengruppe zur anderen, hörten die Mar⸗ seillaise; Du hättest die Aufzüge sehen sollen. Alles hatte rote Bänder im Knopf⸗ loch, rote Fahnen wurden getragen. Kränze mit roten Bändern und freiheitlichen Aufschriften wurden auf Droschken aufgepflanzt, durch die Stadt getragen. Ich kann Dir all das nicht beschreiben. Die Polizei war abgesetzt und die Studenten wollten die Ordnung aufrechterhalten. Das war am Dienstag.

Am Mittwoch veränderte sich das fröhliche Bild in ein ebenso trauriges. Heute Freitag überleben wir den dritten schrecklichen Tag. Nämlich Strolche, von der erzürnten Polizei aufgehetzt und von verkleideten Schutz⸗ leuten angeführt, durchziehen horden⸗ weise die Stadt, plündern und rauben. Am Mittwoch früh zog so eine Horde mit dem Bild des Kaisers und der Kaiserin durch die Stadt und schlug alle Scheiben der Geschäfte (die keine Rollladen haben) ein. So zogen diese Leute durch die ganze Stadt, und alle flüchteten sich nach Hause. Wir sehen, ähnlich wie während der Potemkin⸗Tage, be⸗ ladene Hafenarbeiter, die niemand aufhält, aus dem sehr einfachen Grunde, weil niemand zum Schutz des Publikums da ist, die Polizei raubt mit und die Soldaten schauen zu oder rauben mit. In die Kasernen schleppen die Soldaten ganze Ladungen ge⸗ stohlener Waren.(Dies von Augenzeugen.) In den Straßen gehen Strolche mit 3 bis 4 Hüten auf dem Kopfe und einen Zylinder oben auf. Frauen tragen Seidendecken, Schirme, Kasserolen, kurz, ich kann Dir gar nicht alles beschreiben. Sämtliche jüdische Geschäfte auf der Preobraschenskaja und jüdischen Straßen usw. sollen vollkommen ausgeraubt sein, eben⸗ 1 25 Magazin Rabinowitsch auf der Pusch⸗

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Donnerstag steigerte sich die Gefahr dahin, daß das einziehende Militär, von dem die schutzlosen Bürger Hilfe und Schutz erwarteten, an den einbrechenden Strolchen vorbeizog und sie durchaus nicht hinderte, sondern die Ge⸗ wehrmaschinen gegen diejenigen Häuser richtet, aus denen das Publikum zum Selbstschutz einige Schüsse abgegeben hatte. Heute zogen etwa 500 Strolche um unsere Ecke, doch vier Soldaten, die von sämtlichen Be⸗ wohnern bezahlt werden und die uns jetzt be⸗ schützen, gaben ein paar Salven ab und im Moment war der ganze Haufen fort: man steht, wie wenig man braucht, um die Leute auseinanderzujagen, und man sieht auch, daß absolut nichts getan wird.

Militär⸗Aufruhr in Kronstadt. In dem Hauptbollwerk Petersburgs, der See⸗ festung Kronstadt am finnischen Meerbusen

rebellierten 25000 Soldaten. 150 Matrosen, die in Petersburg verhaftet worden waren, überwältigten auf der Fahrt dorthin die Be⸗ wachungsmannschaften und völlig in Gewalt der Aufrührer, lief der Dampfer unter roter Flagge in Kronstadt ein. Soldaten und Matrosen versammelten sich in dichten Scharen, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Dann ver⸗ einigten sich alle zur Erhebung gegen die Be⸗ amten und Offiziere des Zaren, und zwei Stunden später war Stadt und Festung Kron⸗ stadt völlig in ihrem Besitz. Die Soldaten machten mit den Matrosen gemeinschaftliche Sache. Das Petersburger Dragoner⸗ regiment, das zu den Elitetruppen gehört, ergab sich ohne Kampf den Auf⸗ rührern. Das Lanzenreiterregiment ist in einem furchtbaren Kampfe fast ganz aufgerieben worden.

In Petersburg erschien die erste sozialdemokratische Zeitung unter dem Titel: Nowaja Shisn(Neues Leben). Das von dem Blatte entwickelte Programm lehnt sich an das der deutschen Sozialdemokratie an. Ein anderes revolutionäres Arbeiterblatt soll in den nächsten Tagen erscheinen.

Der Polizeihauptmann in Sosnowice sprach sich dahin aus, daß preußisches Militär zur Bekämpfung des Volkes herbet⸗ geholt werden würde. Was mag den Mann zu seiner Drohung berechtigen? 5

Politische Rundschau.

Gießen, den 16. November 1905.

Zur Fleischnot.

Die Folgen der unerhörten Fleisch⸗ teuerung zeigen sich in dem gesteigerten Konsum von Pferde⸗ und Hundefleisch. So wurden im Chemnitzer Schlachthofe, wie dieSächs. Arb.⸗Ztg. berichtet, im Monat Oktober 90 Pferde und 69 Hunde auf dem Schlachthofe geschlachtet, das sind gegen deu gleichen Monat des Vorjahres 19 Pferde und 40 Hunde mehr. Dabei ist zu bedenken, daß auch das Pferdefleisch und Hundefleisch teuerer geworden ist. Ferner erscheinen in der Statistik auch die Hunde nicht, die nicht auf dem Schlachthofe, sondern im ge⸗ heimen ihr Leben lassen müssen, um als Fleischnahrung auf dem Tisch der Armen zu erscheinen. Auch werden von den Aermsten Katzen um die Ecke auf den Tisch gebracht. Das kennt die Statistik nicht, ist aber offenes Geheimnis. Im Oktober 1905 wurden auch 418 Kälber, 13 Ziegen und 288 Schweine weniger, dagegen 92 Rinder und 526 Schafe mehr geschlachtet als im gleichen Monat des Vorjahres. Ferner wurden 11,107,25 Kilogramm Fleisch weniger von auswärts eingeführt als im Oktober 1904.

Kaiserreden.

In Anwesenheit des jungen Königs von Spanten hielt Wilhelm II. bei der Vereidigung der Garde⸗Rekruten am 7. November eine

Rede, deren Text erst jetzt veröffentlicht wird.

Welche Instanzen dieser Text passieren mußte, bevor er Zeitungen zugestellt wurde, ist nicht bekannt. So wie die Rede veröffentlicht wird, enthält sie im allgemeinen nichts, was sie unter den Kundgebungen des deutschen Kaisers be⸗ sonders auffällig machen würde. Interessant, wenn auch nicht aus dem Rahmen des Ge⸗ wohnten herausfallend, ist eigentlich nur ein Satz der Ansprache, welcher lautet:

Ihr seit durch den Eid, den Ihr auge⸗ sichts dieser glorreichen Feldzeichen abgelegt habt, mein geworden.

Mein geworden! Also Sache, Eigen⸗ tum mit dem der Bestitzer nach Belieben ver⸗ fährt. Dem jungen Spanier mag diese Be⸗ tonung des persönlichen Herrscherrechts merk⸗ würdig vorgekommen sein. Denn im spanischen Volke bestehen starke republikanische Neigungen und es ist gewohnt, den König im besten Falle als den verfassungsmäßigen Vertreter der Ge⸗ samtnation. Im Ueberigen würde mancher Deutsche noch manches über das Kaiserwort zu

bemerken haben, doch der Kluge hält den Mund g auf gewisse Paragraphen im Straf⸗ etzbuch.

Militär⸗Justiz.

Ein Schreckensurteil fällte das Koblenzer Kriegsgericht. Es verurteilte die Musketiere Nettersheim und Sturm wegen Teilnahme an einem militärischen Aufruhr, ersteren zu sechs Jahren und einer Woche Gefängnis sowie Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, Sturm zu fünf Jahren Zuchthaus, Entfernung aus dem 1085 und fünf Jahren Ehrverlust. Die Angeklagten hatten sich in Zivilkleidern aus ihrem Quartier im September vorigen Jahres in Ellern bei Rheinböllen entfernt, durch das Feuster einer Wirtschaft, in der sich ein Unteroffizier befand, mit einem Steinkrug ge⸗ worfen und außerdem mit einem Stück Holz nach dem Unteroffizier geschlagen. Die Ange⸗ klagten befanden sich elf Monaten in Unter⸗ suchungshaft; diese Zeit wird nicht auf die Strafen gerechnet. Und wegen solch einer 82 ringfügigen Sache, die im allerhöchsten falle mit ein paar Tagen Haft genugsam ge⸗ sühnt wäre, müssen deutsche Vaterlandsvertei⸗ diger sieben und acht Jahre hinter Kerkernmauern zubringen, um dann, wenn sie diese Schreckensjahre überhaupt überstehen, als sieche und bürgerlich tote Menschen in die deutscheKultur zurückzukehren. Gibt es etwas Entsetzlicheres, als eine solche Kultur?

Ferner fällte das Kriegsgericht der 1. Marine⸗Inspektion in Kiel ein fürchterliches Urteil gegen mehrere Marine⸗Soldaten die zu⸗ sammen nicht weniger als 12 Jahre 8 Monate Zuchthaus und 10 Jahre Gefängnis erhielten. Es handelt sich um Tätlichkeiten gegen Vorgesetzte, die das Kriegs⸗ gericht als militärischenAufruhr ansah. Die Verurteilten haben sich ja in der Trunkenheit zu schweren Ausschreitungen hinreißen lassen, aber Betrunkenheit sehen die Militärgerichte nicht als strafmildernd an. Der Tatbestand ist kurz folgender:

An einem Septemberabend saßen in einer

Wirtschaft in Gaarden der Oberheizer Loest,

die Heizer Ehmke und Wannenberg und der erst an demselben Nachmittage zum Maschinisten⸗ maat beförderte Oberheizer Pelikan. An einem anderen Tische hatten die Maschinistenmaate Windgassen, Holstein und Espay Platz ge⸗ nommen, an einem dritten Tische saß der Ein⸗ jährig⸗Freiwillige Watrin vom 1. Seebataillon, der sich mit der Tochter des Wirtes unterhielt. Die vier Heizer machten sich über den Ein⸗ jährigen lustig und hiel en Stichelreden auf ihn. Als er einmal austritt, folgten sie ihm ihn die Bedürfnisanstalt, wo Loest ihn rücklings niederriß, schlug und Füßen trat, so daß er das Bewußtsein verlor. Ehmke unterstützte den Loest bei diesem Beginnen. Die drei Maschinisten⸗ maate, die gleichfalls in die Bedürfnisanstalt nachgefolgt waren, befreiten den Einjährigen von seinen Peinigern, brachten ihn ins Haus und ließen ihn durch ein Fenster enfliehen. Später stichelten die Heizer auch über die Maaten und auf der Straße kam es zwischen den Parteien zur Prügelei. Das Kriegsgericht verurteilte Zoe st und Emke wegen des Ueber⸗ falls auf den Einjährigen und als Rädels⸗ führer in demmilitärischen Aufruhr zu 6 Jahren und 3 Monaten resp. 6 Jahren und 5 Monaten Zuchthaus. Wannenberg er⸗ hielt 5 Jahre 1 Tag Gefängnis und der Maschinistenmaat Pelikan wegen Beihilfe gleich⸗ falls 5 Jahre 1 Tag Gefängnis und De⸗ gradation.

So bedauerlich an und für sich die Aus⸗ schreitungen der Verurteilten sein mögen, die grausame Strafe steht auch nicht annähernd im Verhältnis dazu. Derartige Bluturteile er⸗ weisen aufs neue, wie dringend notwendig eine Revision des Militärstrafgesetzes und der Mili⸗ tärprozeßordnung ist.

Die Ersatzwahl in Eisenach

hat für unsere Partei ein sehr erfreuliches Re⸗ sultat gebracht. Unsere Stimmenzahl ist seit 1903 um über 800 gestiegen, eine ver⸗