Ausgabe 
19.11.1905
 
Einzelbild herunterladen

FE. e

10.

* . UkÄ

1

2

2

Nr. 47.

Gießen, den 19. November 1905.

12. Jahrgang.

Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.

onnt

Mitteldeutsche

9-31

Redaktionsschluß: Donnerztag Nachmittag 4 Uhr

itung.

Abounementspreis:

Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger frei ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unter Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)

Bestellungen

JInserate

finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreicung. Die 5 gespalt. Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg. 4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33/% und bei mindestens 22 mal. Aufgabe 505% Rabatt.

Bei mindestenz

Um's Wahlrecht.

Das freie Wahlrecht ist das Zeichen, In dem wir siegen. Nun wohlan! Nicht predigen wir Haß den Reichen, Nur gleiches Recht für Jedermann.

Am 5. Dezember soll der preußische Land⸗ tag zusammentreten, das Parlament des elen⸗ desten Wahlsystems der Welt. Auf seiner Tagesordnung steht die konfesstonelle Schule.

In halb Europa marschiert die Revolution; im Süden Deutsch lands erobert sich die Idee des allgemeinen, gleichen und direkten Wahl⸗ rechts schrittweise den Boden. Allüberall, hier in wilden Stürmen, dort im Rahmen der ge⸗ setzlichen Ordnung, beginnen sich die Völker auf den Bahnen der Freiheit zu höheren Zielen emporzuheben. Von allen Regierungen der Welt ist die preußische die allereinzigste, die in solcher Zeit den Schritt nach rückwärts wagt. In Rußland ist durch den Sturz Pobjedonos⸗ zew's die Herrschaft der Duchowenstwo, der russischen Klerisei, gebrochen. In Frankreich vollzieht sich die Trennung des Staates von der Kirche. Inzwischen aber sind die Pobje⸗ donoszew's Preußens desto eifriger am Werle, den Staat noch fester an die Kirche zu ketten, den Lehrer noch tiefer unter die Oberherrschaft der Geistlichen zu bringen, die Kinder der Armen vollends in einer engherzigen Lehre auf⸗ zuerziehen, an die die Eltern der Reichen, ob⸗ wohl ste heuchlerisch das Knie vor ihr beugen, längst nicht mehr glauben. Selbst das katho⸗ lich⸗klerikale Oestereich besitzt sett den sechziger Jahren eine allgemeine Volksschule, in der außerhalb der eigentlichen Religionsstunden die Trennung der Kinder nach Konfessionen streng verpönt ist.

Doch was kümmert sich Preußen um Ruß⸗ land und Frankreich, um Oesterreich, um Bayern es bewahrt seine nationale Eigentümlichkeit. Heißt es hier freies Wahlrecht, dort konfessions⸗ lose Schule, so proklamiert man in Preußen die konfesstonelle Schule durch das Dreiklassenwahlrecht. Ueber das geistige Schicksal von Millionen Arbeiterkindern soll entschieden werden von einem Parlament

er Großgrundbesitzer, der Unternehmer, der Kommerzienräte und der geistlichen Herren, von einem Parlament, in dem auch kein ein⸗

iger Vertreter der arbeitenden Klasse sitzt! Es liegt eine ungeheure Aufreizung in diesem Gedanken, wie immer man sich zu den religtösen Fragen der Zeit stellen mag. Ist es nicht stets die Kirche ge⸗ wesen, die die Kinder für sich forderte unter dem Vorwande, daß es so der Wille der Eltern sei. Gegen die unkirchliche Staatsschule, ja gegen den staatlichen Schulzwang überhaupt, haben die Vertreter aller Kirchen immer mit der Behauptung operiert, daß solche Art staat⸗ licher Erziehung die Kinder von ihren Eltern reiße und das göttliche Recht der Eltern an 37 0 Kinder beeinträchtige. Kann sich aber die Kirche mit Hilfe der staatlichen Gewalt und eines Parlaments der Reichen der Kinder bemächtigen, so wird der alte Text gleich um⸗ gelesen! Vom Recht der Eltern an ihren Kin⸗ dern wird man in den Debatten des preußischen Landtages kein Wort lesen, wenn nicht die Forderung dieses Rechts von draußen her mit Donnerstienme ertönen wird.

Es wär von dringendem Interesse, einmal statistisch festzustellen, wieviele von den Herren, die über das Schicksal der preußischen Volks⸗ schule entscheiden sollen, sich für ihre eigenen Kinder mit dieser Volksschule begnügen wollen. Es erwächst ihnen kein Vorwurf daraus, wenn sie es nicht tun; denn es ist menschlich nur selbstverständlich, daß sie bestrebt sind, ihren eigenen Kindern alle Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen. Aber empörend ist es, daß diese Väter, die ihre eigenen Kinder zu Hause unter⸗ richten lassen, sie an die Gymnasten und die Universitäten schicken, sich zu politischen Vor⸗ mündern aufwerfen über die Kinder der Armut, die sie in die Kirchenschule sperren und mit geistigen Bettelsuppen abspeisen wollen!

Die Arbeiter Preußens würden deshalb ihre Pflicht gegen ihre eigenen Kinder gröblich vernachlässigen, wenn sie nicht alle ihre Kräfte aufbieten würden, um das Recht an ihren Kindern zu erobern, das ihnen die bürgerliche Gesellschaft vorenthält. Dieses Recht können aber die Arbeiter nicht anders erobern, als dadurch, daß ste den Einfluß auf die Staatsgewalt zu erringen suchen, der thnen zusteht. Sie können den Kampf gegen die Konfessionsschule, den Kampf gegen die geistige Knebelung ihrer Kinder nicht anders führen, denn als einen Kampf um das all⸗ gemeine, gleiche und direkte Land- tagswahlrecht.

Was können die herrschenden Klassen Preußens den Arbeitern antworten, wenn ste jetzt und unter den gegenwärtigen Umständen vor ste hintreten und das gleiche Wahlrecht fordern. Haben doch diese herrschende Klassen selbst, indem ste sich auf die Volksschule stürzten, dafür gesorgt, daß der Kampf um das gleiche Wahlrecht zu einem Kampfe um das einfachste, natürlichste Menschenrecht geworden ist, um ein » göttliches Recht sogar, wie die Priester sagen. Was können sie den Arbeitern sagen, wenn diese ihnen zurufen:Wir wollen dabei sein, wenn über das Wohl ünd Wehe beraten wird des Besten, des Heiligsten, das wir besitzen, um Tas Wohl und Wehe unserer eigenen Kinder! Das Bürgerliche Gesetzbuch fordert von uns die Erfüllung unserer Elternpflichten, deren Verletzung das Gesetz mit Recht bestraft, deren Vernachlässtgung die gesellschaftliche Meinung mit Recht ächtet. Wohlan denn, wir erfüllen unsere Elternpflicht, indem wir Ein⸗ spruch dagegen erheben, daß die Entscheidung über die Kinder des Volkes uns, dem Volke, entrissen wird. Im Namen unserer höchsten Pflichten fordern wir das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht!

Die Arbeiter Preußens werden die unbe⸗ zwingliche sittliche Position, die ihnen ihre Gegner im Wahlrechtskampfe verschafft haben, auszunützen wissen. Jetzt, wenn jemals, ist für sie die Zeit gekommen, sich des Rufes zu er⸗ innern, den Ferdinand Lassalle an sie ergehen ließ:Organisieren Sie sich zu dem Zwecke einer gesetzlichen und friedlichen, aber unablässigen Agitation für die Einführung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen Ländern. Pflanzen Sie diesen Ruf fort in jede Werkstatt, in jedes Dorf, in jede here Mögen die städtischen Arbeiter ihre öhere Einsicht und Bildung auf die ländlichen Arbeiter überströmen lassen. Debattieren Sie

überall, täglich, unablässig, unaufhörlich die Notwendigkeit des allgemeinen und direkten Wahlrechts. Je mehr das Echo Ihrer Stimme millionenfach widerhallt, desto unwiderstehlicher wird der Druck derselben sein.... Blicken Sie nicht nach rechts, noch links, seien Sie taub für Alles, was nicht allgemeines und direktes Wahl⸗ recht heißt oder damit in Zusammenhang steht und dazu führen kann. Dies ist das Zeichen, das Sie aufpflanzen müssen. Dies ist das Zeichen, in dem Sie siegen werden! Es gibt kein anderes für Sie!

*

Unsere sächsischen Parteigenossen ver⸗ anstalten diesen Samstag und Sonntag Massen⸗ versammlungen im ganzen Lande, um dadurch für das allgemeine Wahlrecht zu demonstrieren. In dem Aufruf, den das Zentralagitations⸗ komitee dieserhalb veröffentlicht, heißt es unter anderem:

Es besteht kein Zweifel für uns, daß die sächsische Regierung an dem gegenwärtigen Zu⸗ stand der Rechtlostgkeit des sächsischen Volkes 1 will. Und auch die Zusammensetzung

es Landtages ist eine derartige, daß von ihr das sächsische Volk nichts zu erwarten hat. Die Auserwählten des Dreiklassenwahl⸗Systems wollen um keinen Preis ihr Vorrecht aufgeben. Um so mehr muß das sächsische Volk auf dem Posten sein und jede sich bietende Gelegenheit benutzen, dafür zu propagieren, daß an die Stelle des Unrechts das Recht gesetzt wird... Soll des Volkes Willen das oberste Gesetz sein, dann muß in jedem Staatswesen auch die volle und wahre Demokratie herrschen! Sollen Freiheit und Wohlergehen dem Volke werden, dann müssen Privilegien und Vorrechte fallen.. Darum müssen wir laut und vornehmlich unsere Stimmen erheben und der herrschenden Klasse Sachsens zurufen: Wir wollen als Staatsbürger, Steuerzahler und Vaterlandsverteidiger nicht länger mehr für Menschen minderen Rechts angesehen werden; wir können nicht dulden, daß wenige Bevorrechtete über uns herrschen und uns die Gesetze diktieren; wir wollen als Kulturträger, als Produzenten aller Werte, die die Menschheit zu ihrer Erhaltung bedarf, als Erzeuger aller Reichtümer und als Förderer der edelsten Bestrebungen auch mit⸗ raten und mittaten an der Gesetzgebung.

*

Zur Zeit, da diese Zeilen in Druck gehen, ist der Ausfall der hessischen Wahlmännerwahlen noch nicht zu übersehen. Aber hoffentlich erhebt hierbei auch das hessische Volk den Ruf nach dem allgemeinen Wahlrecht in verstärktem Maße. Und auch in unserem Lande mit seinen in politischer Beziehung vielfach schwerfälligen Bewohnern wird es die Aufgabe unserer Partei sein, dafür zu sorgen, daß die Wahlrechtsfrage nicht mehr von der Tagesordnung verschwindet, bis die Forderungen erfüllt sind, die wir nach dieser Richtung hin stellen müssen.

Revolution in Rustland.

Nach dem, was an Nachrichten über die revolutionäre Bewegung in Rußland zu uns herüber gelangt, kann kein Zweifel mehr da⸗