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Nr. 25.
Gießen, den 18. Juni 1905.
12. Jahrgang.
Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.
Sonnt
Mitteldeutsche
105-31
Redaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
itung.
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Parteigenossen Hessens!
Die bevorstehenden Landtagswahlen finden, das ist außer allem Zweifel, in bisheriger — 885 d. h. auf Grund des alten Wahlgesetzes
att.
Die Genossen der Kreise, in denen eine Neuwahl stattfindet, sind deshalb verpflichtet, unverzüglich an die Aufstellung von Wahl⸗ männern heranzutreten.
Zwecks der Agitation für die Wahlen sollen nun vom Landes⸗Komitee Versammlungen ab⸗ gehalten werden, in denen Genosse Dr. David über die Bedeutung der Wahl sprechen wird.
Wir fordern deshalb alle Kreisvorstände auf, uns umgehend mitzuteilen, wie viel Versammlungen sie wünschen und wann sie dieselben abhalten möchten.
Offenbach, 14. Juni 1905.
Das Landes⸗Komitee.
C. Ulrich, Große Marktstraße 23.
Weltgeschichte, Weltgericht!
Nun ist der toͤnerne Koloß wirklich gefallen, das mächtige Rußland liegt gedemütigt am Boden vor dem fernen, kleinen Japan. Ein⸗ sichtsvolle Köpfe hatten das ja schon längst vorausgesagt. Aber gar viele ließen sich doch noch von dem äußeren Umfange des Landes, von der bloßen Zahl seiner Bewohner, von den großen Worten seiner Regierung täuschen. Besonders diejenigen Kreise unseres Volkes waren solcher Täuschung gern zugänglich, die in ihren innersten Gesinnungen und Neigungen
dem russischen Knutensystem nicht ganz fremd
sind und in seiner Niederlage daher selbst einen Schlag mitempfangen haben. Nun ist der Beweis für die Ohnmacht des veralteten, müh⸗ sam zusammengeflickten und zusammengehaltenen Zarenstaates unwiderleglich erbracht. Ein neues Beispiel von kaum geringerer Bedeutung als etwa der Zusammenbruch des römischen Kaiser⸗ reiches vor den Germanen ist für die Lehre geliefert, daß eine Regierung ohne Rückhalt bei ihrem Volke eigentlich überhaupt keinen zuver⸗ lässigen Halt mehr hat. Sie hängt förmlich in der Luft. Den Rückhalt am Volke aber findet sie nur, wenn dieses an ihr interessiert ist, an ihren Aufgaben mitarbeitet und an ihrer Verantwortung mitträgt. Die Gleichgültigkeit oder gar der Gegensatz des Volkes gegenüber den äußeren Schicksalen seines Staates(die natürliche Folgeerscheinung seiner politischen Minderberechtigung oder völligen Rechtlosigkeit) muß stets den Ruin nach sich ziehen. Alles noch so energische, auch von unsern Junkern immer wieder empfohlene, gewaltsame Diszi⸗ plinieren der Massen, kann den Mangel an innerer Teilnahme niemals ersetzen, kann positive nationale Kraft niemals erzeugen. Wenig wird es der russischen Regierung auch helfen, wenn sie die eine von ihr unterworfene Nation gegen die andere ausspielt, um die ihr feindliche Gesamtstimmung im Lande zu teilen und zu lähmen, wenn sie, von tscherkessischen Soldaten ihre russischen Arbeiter niederknallen, von Kurden, Tartaren und Georgtiern ihre armeni⸗ schen Untertanen erwürgen läßt. Mag auch
im Augenblick die Stoßkraft der Revolution dadurch gemindert werden, für die Zukunft wird sich dieses Aufreißen nationaler Gegensätze um so bittrer rächen. Es zeigt sich dabet über⸗ haupt die Ungesundheit einer staatlichen Orga⸗ nisation, die auf gewaltsam künstlicher Zusam⸗ menkoppelung oder Unterdrückung verschiedener Nationalitäten aufgebaut ist. Oesterreich und auch das deutsche Reich könnten manches aus diesen Verhältnissen lernen, zu denen auch Nor⸗ wegens Trennung von Schweden einen inter⸗ essanten Beitrag liefert. Es ließen sich ferner darüber Studien machen, wie auch der Vorspann kirchlich religiöser Vorstellungen und Gefühle einen politisch völlig verfahrenen Karren nicht aus dem Schlamm zu ziehen im Stande sind. Weder die Innehaltung aller alten frommen Förmlichkeiten seitens des bittgehendes Volkes, noch der Priesterrock seines Führers haben den Eingang zum Zarenpalast erschließen können, und die vor den blutigen Schlachten so viel geküßten Heiligen werden durch die grausamen Niederlagen schwerlich an Kredit gewonnen haben. Der Zusammenbruch dieses Staates und
dieses Systems kann als Zusammenbruch menschenunwürdiger Regierungsweise nur mit Freude begrüßt werden, und so ist es natürlich genug, daß der Sieges jubel der Japaner ein lautes Echo in unzähligen Herzen auch anderer Völker erweckt hat, in den Herzen Aller, die für den Fortschritt der Menschheit im Ganzen noch eines warmen Gefühles fähig sind. Einen prächtigen Ausdruck hat diese tiefbegründete Mitfreude in einem Gedicht der Münchener „Jugend“ gefunden:
Die letzten Schiffe, die Du— Zar!— gesendet,
Noch an den Feind, die letzten blauen Jungen!
Nun hat auch sie die Meeresschlacht verschlungen—
Sie haben Dein Verderben nicht gewendet!
Es geht zu Ende. Nein, es ist geendet.
Und weißt Du auch, weshalb er Dich bezwungen? Weil jung sein Reich ist, freiheit⸗, kraftdurchdrungen, Deins aber alt und morsch und blutgeschändet.
Laß Deine Schiffe, Zar, die nun zerschlagen, Laß Deine matten Heiligen Dir sagen. Was Du noch nicht begreifst: Dich schlägt die Zeit!
Fortschritt und Freiheit ihre Sturmkolonne! Das Reich des Finstern weicht dem Reich der Sonne! Ein Weltgericht— doch Weltgerechtigkeit!
(A. De Nora.)
In der Tat, alle die großen leuchtenden Ideale der Menschheit, sie blitzen, von heißer Sehnsucht entzündet, aus den schwarzen Wolken dieses grauenhaften Massenmordes in Ostasten einmal wieder kräftiger denn je hervor. Man muß schon recht stumpfsinnig sein, um nicht zu fühlen, daß es in diesem blutigen Ringen sich, mit Schiller zu sprechen, um der Menschheit große Gegenstände, um Herrschaft und um Freiheit handelt. Zunächst in Rußland selbst, wo die Masse der körperlich oder geistig wirklich Arbeitenden es sich nicht länger gefallen lassen wird, von einer brutalen, frivolen Genießerklique bei Seite gedrückt, ausgenützt, mißachtet zu werden. Mit Recht hat unser Genosse David im Reichstage seiner Zeit an Schillers„Tell“ erinnert:
„Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,
Wenn unerträglich wird die Last— greift er
Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
Die droben hangen, unveräußerlich
Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst.
Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,
Wo Mensch den Menschen gegenübersteht— Zum letzten Mittel, wenn kein andres mehr Verfangen will, ist ihm das Schwert gegeben!“
Und Sergius oder Geßler, was ist der Unter⸗ schied? Höchstens der, daß Geßler nicht sein elgnes Volk zu chikanieren und zu unter⸗ drücken hatte! Ob aber dieser Unterschied z u Gunsten des Russen spricht?
Eine zweite Forderung einfachster Berechtig⸗ keitsliebe ist die gegenseitige Achtung und An⸗ erkennung der Nationen. Mit welchem Rechte aber hat sich Rußland in der Mandschurei auf chinesischem Boden festgesetzt? Mit welchem Rechte hat es seine Fühler von da nach Korea ausgestreckt? Mit welchem Rechte schimpft es auf das„perfide“ Japan, da es sich in Port Arthur doch kaum gegen jemand anders rüstete, als gegen dieses? Und der übliche Entschuldi⸗ gungsgrund derartiger Eroberungszüge, ein „ zivilisiertes“ Volk habe die Aufgabe, ein tiefer⸗ stehendes mit seiner„Kultur“ zu beglücken, der paßt wahrhaftig auf das Verhältnis von Ruß⸗ land zu Japan noch hundert mal schlechter, als auf andere derartige brutale Unternehmungen. Wer angesichts dieses Krieges noch von„natio⸗ nalen Pflichten“ des russischen Volkes gegenüber seiner jetzigen Regierung spricht, die Fortsetzung dieser entsetzlichen Menschenschlächterei noch als „nationale Tat“ anerkennen möchte, den erinnern wir an Goethe(Gespräche mit Eckermann), für den„nur Kultur oder Barbarei eine Frage von Bedeutung“ war. Er meint:„Es ist mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. Auf den untersten Stufen der Kultur werden stie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz ver⸗ schwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet“. Dieser schöne Gedanke wird seine Richtigkeit auch da behalten, wo Nationen verschiedenen Rassen angehören, und gerade in dieser Beziehung eröffnet ebenfalls der Sieg der Japaner einen wohltuenden Aus⸗ blick in die Zukunft. Gerade eben beginnt unter den„zivilisterten“ Europäern allenthalben die Partei der rohen Rassenpolitiker zu wachsen, die feinerer Geistes⸗ und Gemütsbildung bar, allen stttlichen Rückstchten zum Trotz jede Ge⸗ waltpolitik gelten läßt, die im Interesse der „Höherentwicklung“ einer Rasse(natürlich ist das immer ihre eigene) gegen andre ange⸗ wandt wird. Ja, sie bieten sogar alle wissen⸗ schaftlichen Gründe und Scheingründe auf, um von vornherein die„Minderwertigkeit“ andrer Rassen zu beweisen. Was die schwarze Rasse, die Neger anlangt, so hat unser Genosse Hertz in den„Sozialist. Monatsheften“(Febr. 1905) die Unmöglichkeit solcher Verleumdung vortreff⸗ lich dargetan. Die Japaner aber werden fortan eines solchen Advokaten gar nicht mehr bedürfen. Mag auch bei ihnen natürlich die höchste Stufe der Entwicklung noch nicht erreicht sein), das
) Es schmeckt so ganz nach europäischem Byzan⸗ tinismus, wenn z. B. Admiral Togo seinen Sieg noch in erster Linie der„Tugend des Mikado“(Kaiser von Japan) zuschreibt.


