Ausgabe 
17.12.1905
 
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Nr. 51.

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Mitteldentsche Sounaas⸗Zeitung

Seite 8.

Militärische Schreckensjustiz.

Von einer solchen kann man wirklich sprechen angesichts der zahlreichen Urteile, die in der letzten Zeit von Militärgerichten gefällt wurden. Vor kurzem war vom Oberkriegsgerichte in Ratibor in Schlesien ein Soldat zu fünf Jahren 6 Monaten Zuchthaus ver⸗ urteilt worden, gegen den die Vorinstanz eben⸗ soviel Gefängnis erkannt hatte. Und für was diese furchtbare Strafe? Ein Unteroffizier, der auf einem dortigen Platze einen Soldaten wegen einer unpassenden Antwort verhaftete, war beim Verlassen des Platzes von drei anderen Sol⸗ daten von hinten angefallen, wobei es dem Arrestanten gelungen war, in dem allgemeinen Wirrwar zu entkommen. Von den drei An⸗ greifern konnte nur einer ermittelt werden und dieser wurde vom Oberkriegsgericht zu der an⸗ gegebenen Strafe verurteilt. Der Verurteilte hatte hierauf Revlston beim Reichsmilitärge⸗ richt eingelegt, die Erfolg hatte. Die Sache wurde an das Oberkriegsgericht zurückverwiesen. Diesmal wurde nur fünf Jahre vier Monate Gefängnis erkannt, wovon vier Monate auf die erlittene Untersuchungshaft angerechnet wurden.

Ein anderes fast unglaubliches Urteil wurde gegen den Gefreiten Elgert vom Infanterte⸗ Regiment Nr. 68 in Koblenz gefällt. Dieser geriet eines Morgens mit dem Unteroffizier Winter im Schloß⸗Cafe in Wortwechsel, wobei es auf der Straße zu Tätlichkeiten kam. Ob⸗ gleich in der Verhandlung vor dem Koblenzer Kriegsgericht festgestellt wurde, daß Elgert von dem Unteroffizier Winter an⸗ gegriffen worden war, fand das Ge⸗ richt, daß dennochein tätlicher Angriff mittels gefährlichen Werkzeuges vorliege, da Elgert den Unteroffier mit einem Regenschirm() ge⸗ schlagen habe. Das Gericht erkannte auf eine Mindeststrafe von 2 Jahren Gefängnis!

Der Vorwärts⸗Konflikt

ist nunmehr als erledigt zu betrachten. Schon vorige Woche faßte die Reichstagsfraktion einen Beschluß, in dem die Angelegenheit für erledigt erklärt wird. Auch der Abgeordnete Genosse Gradnauer, einer der ausgeschiedenen Re⸗ dakteure, erklärte, daß die Angriffe, die von ihnen gegen den Parteivorstand und die Preß⸗ kommission in einer vor Kurzem bei Birk in München erschienenen Broschüre erhoben würden, nicht mehr aufrecht erhalten werden könnten und daß auch sie(die Redakteure) den Wunsch hätten, daß dieser unleidliche Zwischenfall aus der Welt geschafft werde.

Somit wäre eine Affaire vorüber, die inso⸗ fern der Partei Schaden gebracht hat und noch bringt, als sie von den Gegnern wacker gegen uns ausgenützt wurde. Und die Geschichte konnte sehr leicht vermieden werden. Die größte Schuld liegt ganz zweifellos auf Seiten der ausgeschiedenen Redakteure. Sie hatten nicht das Recht, das Zentralorgan dazu zu benutzen, ihre persönlichen Angelegenheiten in der Weise, wie sie es getan, breitzutreten und sen⸗ sationell aufzuputzen. Sie haben dabei einen bedenklichen Maugel an Disziplin bekundet. Hoffentlich wird die Parteieinigkeit nicht mehr in dieser Weise gestört! Die gegenseitigen Vor⸗ würfe und Angriffe werden bon den Gegnern mit Behagen ausgeschlachtet. Unsere Partei steht vor großen Aufgaben, zu deren Durch⸗ führung sie alle Kräfte zusammenfassen muß. Das sollten unsere Literaten in erster Linte beachten!

Für eine kaiserliche Liebhaberei,

die den Reichssteuerzahlern schon 700000 Mk. gekostet hat und den elsaß⸗lothringischen Steuer⸗ zahlern ebensoviel, sollen nochmals 850000 Mk. aufgewendet werden. Es handelt sich um die seinerzeit vielerörterte sogenannte Wiederher⸗ stellung der Hohkönigsburg im Elsaß. Die Burg wurde bekanntlich gelegentlich der Auf⸗ hebung des Diktaturparagraphen dem Kaiser geschenkt und es tauchte dann das Projelt auf, sie ausbauen zu lassen. Dafür waren 1400000 Mark in Aussicht genommen und in 5 Jahren sollte der Bau vollendet werden. Die 5 Jahre

sind demnächst um und das bewilligte Geld geht zu Ende, aber der Bau ist noch nicht fertig; es sollen vielmehr noch Jahre Ba nzeit und 850000 Mk. erforderlich sein, die man abermals zu gleichen Teilen auf das Reich und Elsaß⸗ Lothringen zu verteilen gedenkt.

Die Treunung von Staat und Kirche

ist nunmehr in Frankreich durchgeführt. Der Senat nahm kürzlich die diesbezügliche Vorlage in ihrer Gesamtheit mit 179 gegen 103 Stimmen. Von der republikanischen Presse wird dieses Ergebnis mit Genugtuung begrüßt. Ste erklärt, die Republik müsse dem Senat und seinem Prästdenten dankbar sein, für die energische und ruhige Art, mit der die Erör⸗ terung dleses bedeutsamen Gesetzes durchgeführt worden sei. Der 5. Dezember 1905 sei ein geschichtliches Datum allerersten Ranges in der Entwicklung der französischen Demokratie. Nunmehr gehört der Wählerschaft das Wort, welche die im nächsten Mai stattfindenden Kammerwahlen dieses Gesetz besiegeln werde. Den Pfaffenblättern dagegen liegt das Gesetz schwer im Magen und sie erklären seine An⸗ nahme für einen schweren Fehler des Parla⸗ mentes. Durch das Gesetz werden zunächst 8 Millionen Franks am Kultusbudget erspart, 0 verteilt werden ollen.

Kleine politische Nachrichten.

Bei der Gemeinderatswahl in Stuttgart wurden bel starker Wahlbeteiligung sämtliche acht von der mit den Sozialdemokraten verbündeten Volkspartei aufgest ten Kandidaten gewählt. Davon gehören vier der Sozialdemokratie, drei der Volkspartei an, ein Kandidat war ein parteiloser Liberaler.

Zwei Antisemiten führer verklagten sich vor dem Dresdener Gericht. Und zwar der berühmte Stadtverordnete und ehemalige Reichstags⸗ abgeordnete Baumeister Hartwig und der Stadtver⸗ ordnetenvorsteher Häckel. Letzterer war früher Rechtsbei⸗ stand Hartwigs und beide waren dicke Freunde. Der Klage lag eine anrüchige Geschichte über Zuwendung städtischer Kohlenlieferungen an einen Stadtverordneten zu grunde. Häckel hatte u. a. mit Bezug auf Hartwig, weil dieser die Kohlengeschichte in die Oeffentlichkeit gebracht hat, gesagt, er sehe ein, früher einen Un würdigen ver⸗ teidigt zu haben. Das Gericht verurteilte Hartwig zu 300 Mk. Geldstrafe, Häckel wurde freigesprochen. Der Prozeß ist eine Begleiterscheinung des Zusammen⸗ bruchs der antisemitischen Stadtwirtschaft in Dresden.

So ziales.

Aus den Gewerkschaften. Der Fach⸗ verein der Diamantarbeiter in Hanau hat beschlossen, am 1. Januar 1906 zum Deutschen Metallarbeiterverband überzutreten. Die Mitgliederzahl des Verbandes der Tapezierer betrug am Schlusse des dritten Quartals 6739. Das Verbandsvermögen be⸗ trug zu gleicher Zeit 87 660,14 Mk. Der Verband der Vergolder hat in einer soeben stattgefundenen Urabstimmung mit 1019 gegen 368 Stimmen den Uebertritt zum Deut⸗ schen Holzarbeiterverbande beschlossen. Die Zahl der Mitglieder beträgt nach der letzten Abrechnung 1845, wovon 1396 sich an der Urabstimmung beteiligten. Der Kassen⸗ bestand der Hauptkasse betrug am Schlusse des dritten Quartals 25 153,10 Mk Die Mlit⸗ gliederzahl des Brauer verbandes betrug am Schlusse des dritten Quartals 11817.

Die Wertlosigkeit der christlichen Gewerkschaften sehen deren eigene Angehörige allmählich ein.Der Arbeiterbund, das Organ des nordelbischen Verbandes chrlstlicher Arbeiter vereine, schrieb kürzlich zu diesem Thema: Wir haben keine Idee, für die wir kämpfen! Wir nennen uns christliche Vereine: welch, ein Hohn! Was hat unsere Sache mit dem Christentum, mit Christo zu tun! Wir sind von Christo durch eine tiefe Kluft geschieden von dem rein menschlich betrachtet -Welten⸗ und Himmelsstürmer, der Welthaß und Tod verachtete, dem Idealisten, den seine Verwandten für irrsinnig hielten, dem Vor⸗ kämpfer für Recht und Freihett, gegen alle verrotteten Einrichtungen und Rechte.

Wir nennen uns Arbeitervereine, als wenn wir's wären! Wir sind gemischt aus Nicht⸗ arbeitern und Arbeitern. Und die Führer sind nicht Arbeiter, sondern Arbeit⸗ geber, Lehrer und Pastoren usw., in den Einzelvereinen wie im Gesamtverband. Wir glauben sozial zu wirken; ich habe ntr⸗ gends etwas gespürt! Hülfskassen, Vorträge usw., die tun's nicht, Vergnügungen auch nicht. Sozialtsmus tritt an den einzelnen greifbar und faßbar nur in der Form von Sozialpolitik heran, und diese hat nur Sinn und Kraft als politisch gefärbte Sozialpolitik. Wir mögen uns Vereine nennen und auch das sind einzelne unserer Vereine kaum noch,

soziale, christliche, nationale Arbeitervereine im

tieferen Sinne sind wir nicht, und wo der tiefere Sinn fehlt, da ist es nicht weit zum Unsinn, zur Phrase, da fehlt die schöpfertsche Kraft, da fehlt die Existenzberechtigung! Was unseren Vereinen not tut? Wieder- geburt im neuen Geist! im wahrhaft sozialen Geist! Sonst möge man unsere Vereine lieber sprengen; sie schaden mehr, als sie nützen. Sind ste doch schon in ganz Deutsch⸗ land ein Gegenstand des Schmerzes für unsere Freunde, ein Gegenstand des Gespöttes für unsere Nichtfreunde, ein Gegenstand der Ver⸗ achtung für unsere Gegner! Der Mann hat soweit nicht Unrecht. Wir meinen nur, daß auch keine Aussicht auf eineWiedergeburt vorhanden ist.

Fünfundzwanzig Prozent Dividende hat die Generalversam lung der Hannoverschen Maschinen⸗ bauanstalt A.⸗G., vorm. Egestorf, ihren Aktionären zu⸗ gesprochen. Die Direktion teilte ferner mit, daß sie seit Abfassung des Geschäftsberichts zu dem bei Schluß des Jahres vorhandenen Arbeitsquantum für etwa 5 000 000 Mark neue Aufträge hinzubekommen habe, so daß das Gesamtquantum die Ziffer von 13 000 000 Mk. über⸗ steigt. Diese Aktionäre gehören auch zu dennotlei⸗ denden Kapltalisten, die die winzige Lohnforderung einer Hand voll Arbeiter nicht bewilligten, sondern statt dessen zu einer Massenaussperrung griffen.

Pon Nah und Lern.

Gießener Angelegenheiten.

Die törichte Sozialdemokratie und der kluge Reptilredakteur. In seiner Montagsnummer gab derGießener Anz. folgende Weisheit zum Besten:

Wie töricht die Sozialdemokratie zur Zeit operiert, bewies die Veranstaltung von Massen⸗ kund gebungen in Sachsen, die sich allerdings am letzten Sonntag nicht wiederholt haben, und der Versuch der Rosa Luxemburg, bie russische Bewegung als vorbildlich für die deutsche Arbeiterschaft hinzustellen. Es ist durchaus zu billigen, daß in den sächs. Großstädten das Militär an den arbeitslosen Sonntagen in den Kasernen konsig⸗ niert bleibt, zur Begegnung etwaiger Unruhen. Der sozialdemokratische Radikalts⸗ mus ist wohl das allerungeeignetste Mittel, um der Arbeiterschaft neue Rechte zu verschaffen. Er ist ein Spiel mit dem Feuer und dient nur dazu, das Bürgertum in einen immer stärkeren Gegensatz zu der Emanzipationsbewegung des vierten Standes zu bringen.

Nun, besondere Sympathie für die Eman⸗ zipationsbewegung des vierten Standes hat wohl unser deutsches Vürgertum niemals empfunden noch gezeigt. Für eine Bundes⸗ genossenschaft, die Säbel und Flinte gegen das für sein gutes Recht kämpfendes Volk anzu⸗ wenden empfiehlt, wie es derliberale Anz. tut, müßte sich die Sozialdemokratie bestens bedanken. Sie ist vielmehr sotöricht, sich auf sich allein zu verlassen und sie wird das Wahlrecht erkämpfen auch gegen das Bürger⸗ tum. Sie weiß, was sie für Mittel anzu⸗ wenden hat und braucht denklugen Rat des kosakischen Amtsblattes nicht, nach dessen Lob und Zustimmung sie nicht geizt.

Die volle Kompottschüssel. Vor einiger Zeit ging eine Mitteilung durch die Presse, nach welcher Wilhelm II. zum Reichs⸗ kanzler Bülow geäußert haben sollte:Die Kompottschüssel des Arbeiters sei

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