Ausgabe 
17.9.1905
 
Einzelbild herunterladen

Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 38.

Religion.

In meinem Artikel überKirche und Reli⸗ gion hatte ich geschrieben, es möge wohl eine Sünde sein, keine Religion zu haben. Dazu machte die Redaktion die Anmerkung:Wir können es nicht für eine Sünde halten, keine Religion zu haben. Das ist ein schroffer Gegensatz in Worten. Und doch weiß ich mich in der Sache mit der Redaklion böllig eins. Für die Anmerkung aber bin ich inso⸗ fern sehr dankbar, als sie die Anregung zu 11 Reihe wichtiger klärender Gedanken geben muß.

Ich sehe ein, daß ich in jenem Zusammen⸗ hange das WortReligion überhaupt besser nicht gebraucht hätte. Es hat eben im Lauf der Zeit schon einen so verächtlichen Beige⸗ schmack von Formelkram und Glaubenszwang angenommen, es ist durch seine stete Verquickung mit der Kirche und allen ihren Fehlern so ent⸗ wertet worden, daß sich in jedem freien Denker schon bei dem bloßen Klang ein Widerwille regt. Es ist mit ihm wie mit noch manchem anderen Wort gegangen. Zum Beispiel sind Ausdrücke wie:Kerl,Frauenzimmer, Dirne u. a. früher einmal ganz respektvolle Bezeichnungen gewesen. Dazu ist das Wort: Religion auch noch ein Fremdwort, und Fremdwörter wendet man an stch schon gern da an, wo man etwas mehr Aeußerliches und Oberflächliches benennen will. Wir gebrauchen z. B. das WortAmüsieren bei weniger wichtigen Anlässen, wo uns das rechte deutsche WortFreuenzu schade ist; so sagenspazieren, logieren,ästimieren,loyal,Rage, Intelligenz u. a. weniger, als die entsprechen⸗ den deutschen Wortewandern,wohnen, achten,treuWut,Geist u. a. Des⸗ gleichen kann man auch mit dem WortReli⸗ gion den eigentlichen Wert des Menschen gar nicht packen. Wie nebensächlich und bedeutungs⸗ los erscheint z. B. in LessingsNathan die Religion der handelnden Personen gegen⸗ über ihrem sittlichen Verhalten! Und jeder unbefangene und vorurteilslose Denker wird diese Betonung des letzteren, diese Gleich- gültigkeit gegen erstere durchaus billigen.

Ich hatte das Wort Religion, das aus dem Lateinischen stammt, im Zusammenhang meines Artikels in ei em anderen, tieferen Sinn ge⸗ braucht, als es gewöhnlich geschieht, in dem Sinn, den es hatte, ehe noch die Kirche und ihreVäter es zu ihrem Monopol machten. Da bezeichnete es die ganze sittliche Stim⸗ mung des Menschen. Und so habe auch ich es verstanden: Als die ganze Art und Weise, wie wir die Aufgabe unseres Lebens zu lösen und die Zeit unseres flüchtigen Erdendaseins auszufüllen suchen. Es ist die Stimme des Gewissens, welche jedem Individuum eine be⸗ stimmte Stellung gegenüber der gesamten Welt und für alles Handeln gewisse Rücksichten auf die höchsten Interessen und Forderungen der Menschheit vorschreibt. Wenn die alten römischen Denker von einemMenschen ohne Religion sprechen, so meinen sie damit geradezu einen gewissenlosen Menschen, währendreligiöse Naturen eine sittlich gehobene Weltanschauung in sich tragen und ihren Mitmenschen gegenüber betätigen. Das aber ist wohl klar, daß wir in unseren Reihen beim Kampf um soziale Gerechtigkeit Leute der ersteren Art nicht gebrauchen können. Und an dieser Stelle läßt sich dann auch leicht erkennen, in wie fern alle diese allgemeinen Gedanken über Welt und Leben auch direkt praktische Bedeutung haben, sich in der täglichen Arbeit und Erfahrung geltend machen. Denn fragen wir uns einmal: Wer sind die treusten, zuverlässigsten und wirkungseifrigsten Genossen? Diejenigen, welche den Sozialismus als Erlösung der Menschheit so recht in seiner ganzen weltumändernden Größe erfaßt haben, welche ihr Herz an ihn gehängt haben und für seinen Fortschritt auch zu großen persönlichen Opfern, wo es sen muß, bereit sind. Und in diesem Sinne ist ja oft genug der Sozialismus direkt als Religion hin⸗ gestellt worden. Da sind mir grade eben zwei im Vorwärtsverlage erschienene Broschüren à 20

Pfg. zur Hand, da heißt es in der einen von

Jos. Dietzgen(die Religion der Sozialdemo⸗

kratie):Die Tendenzen der Sozialdemokratie enthalten den Stoff zu einer neuen Religion, welche nicht, wie alle bisherigen, nur mit dem Gemüte oder Herzen, sondern zugleich auch mit dem Kopf, dem Organ der Wifsenschaft erfaßt sein will. Die andere von Fr. Stampfer enthält den Ausspruch Liebknechts:Ist im Sozialismus nicht die höchste Sittlichkeit: Selbst⸗ losigkeit, Aufopferung, Menschenliebe? Wenn wir unter dem Sozialistengesetz freudig das schwerste Opfer gebracht haben, uns die Familie und Existenz zerstören ließen, uns auf Jahre trennten von Frau und Kind, bloß um der Sache zu dienen, so war das auch Religion, aber nicht die Religion des Pfaffentums, son⸗ dern die Religion des Menschentums.

Das ist also das Entscheidende, daß jemand die Sache über seine Person zu stellen vermag, daß jemand mitarbeitet an der Erfüllung der großen sittlichen Forderungen der Menschheit auch da, wo er selbst keinen direkten Gewinn, ja vielleicht sogar nur Schaden und Kränkungen davon tragen kann. Auf Leute aber, die zu einer solchen Aufopferung rein persönlicher Interessen nicht fähig sind, ist niemals fester Verlaß. Wer z. B. in unsere Partei einträte nur in der Hoffnung, da eine irgend wie führende Rolle spielen zu können, der würde natürlich alsbald wieder abfallen, sowie er tüchtigeren Genossen gegenüber seinen Ehrgeiz nicht befriedigt sähe. Ein anderer kommt viel⸗ leicht in der Meinung, daß wir ihm heute oder morgen schon in dieser oder jener Not helfen könnten. Wenn er dann aber sieht, daß auch wir nur mit Menschenkräften arbeiten, daß auch wir die alten Betriebe nicht gleich auf den Kopf stellen können, daß es erst noch viel Mühe, Kampf und materielle Opfer erfordern wird, ehe wir einen entscheidenden Einfluß erreichen können, da kehrt er uns enttäuscht den Rücken und spricht von Utopie und Illusionen. Nein solch e Leute sind keine Kräfte, solche Leute können uns keine große Dienste leisten. Wir brauchen charakterfeste Männer, denen es ernst ist um die Sach e, die stch durch persönliche Verstimmungen am großen Gedanken des Sozialismus nicht irre machen lassen und ihnen wird er dann bald auch alles und mehr sein, als anderen Menschen die sogenannte in kirch⸗ liche Formalitäten gepreßteReligion. Da werden keine Opfer des Verstandes gefordert, da wird die gesunde Natur nicht als sündhaft verketzert, und da wird demnach das Herz be⸗ friedigt von dem schönen Gefühl, einem meusch⸗ heitserlösenden Gedanken zu dienen, mitzuhelfen an einem Werk, für das uns Kinder und Kindeskinder einst noch Dank wissen werden, es ist das schöne Gefühl, nicht nur ein Geschöpf zu sein, wie ein Tier oder eine Pflanze, wo jedes für sich dahinlebt, sondern eine lebendige, tätige wirkliche Menschenpersönlichkeit, die die Spuren ihres Daseins sichtbar und bleibend in den Gang der Geschichte einprägt. Jeder, der auch nur einen Baustein zu dem Zukunftswerk des Sozialismus beisteuert, sichert sich damit sozusagen ein Stückchen Ewigkeit,es wird die Spur von seinen Erdentagen, wie es Göthes Faust als seine beste und höchste Weisheit aus⸗ spricht,nicht in Aeonen untergehn! Jeder, der auch nur ein bißchen an den Erfolgen unserer Partei beteiligt war, der weiß, was es für eine Freude ist, sich so nützlich gemacht zu haben, diesem oder jenem Kameraden den ersten Anstoß gegeben, unsrer Zeitung einen neuen Leser, der Gewerkschaft ein neues Mitglied ge⸗ wonnen zu haben, und was dgl. Dinge mehr sind, die so gering sie einzeln scheinen, in ihrer Zu⸗ sammenwirkung doch schließlich allein die große Arbeiterpartei und mit ihr die Hoffnung und Garantie für eine bessere Zukunft geschaffen haben. Dieser Glaube und diese Arbeit vor allem an den höchsten Zielen der Menschen, das ist in Wahrheit Religion, das ist die Religion, die uns stolz machen darf, die uns das Recht gibt, unsre flammenden Anklagen gegen die heutige Gesellschaftsordnung, gegen die egoistische Spießbürgersattheit und gegen die lichtscheue Kirchengelehrtheit zu erheben.

Im Namen dieser Reltgton des Menschentums geschieht es, wenn wir jene des Pfaffentums bekämpfen, für die das Wort Religion nun freilich einen ganz anderen Sinn gewonnen hat. An Stelle des selbstlosen Verhältnisses des Menschen zu seinen Mit⸗ menschen drängte sich allmählich immer mehr das selbstsüchtige des Menschen 0 seinem Gott hervor; bei ihm gut angeschrieben zu sein, um für sich das ewige Leben zu ergattern, das war nun das höchste Ziel, für diefes Verhält⸗ nis suchte der Kirchenvater Augustin(um 400 n. Chr.) nach einem passenden Wort, und da⸗ für mußte dann schließlich das alte gute Wort Religion eintreten. Es nahm schließlich ganz die BedeutungGottesdienst an, damit nun allerdings sofort den Ton vom Handeln für die Mitmenschen auf das Glauben an Gott ver⸗ legend und so tausende von ehrlichen, guten und klugen Männern als Ketzer verwerfend, die auch mit ihrem Atheismus oder Pantheismus jedenfalls mehr Wert für die Welt hatten, als tausende katechismustreuer Dummköpfe. Der so auf⸗

efaßten Religion gegenüber gilt allerdings das

ort Bebels, daß wir ihr Feind sein müssen in jeder Form und gerade weil wir ihr Feind sind, weil wir sehen, wie hemmend und drückend ste unserer Bewegung entgegensteht, wie viel Tausende sie noch im Bann ihrer Jenseitsver⸗ heißungen und Jenseitsdrohungen und fern allen gesunden, idealen Diesseitsbestrebungen hält, gerade deshalb scheint es uns so wichtig, immer von neuem auch auf diese höchsten und wich⸗ tigsten Fragen des Menschendaseins ein ernstes Nachdenken zu richten. Es gibt für den Arbeiter eigentlich nur zwei Richtungen, in denen er seine Fracht betätigen kann, wenn er sie über⸗ haupt in den Dienst höherer Zwecke stellen will: Sozialismus oder Christentum! Wie ein denkender Mensch sich entscheiden wird, ist uns nicht zweifelhaft und ebendeswegen wollen wir das Denken über diese Dinge, über die Religion, ebenso zu fördern suchen, wie es die Kirche gerne zurückhält. Ich schließe des⸗ halb mit Bebels Einlettungsworten zu seiner BroschüreChristentum und Sozialismus (Verlag des Vorwärts, 10 Pfg.):

Täuscht aber nicht Alles, so beginnt das zwanzigste Jahrhundert wieder mit einem Kampfe gegen Kirchen und Dogmentum und gegen die Anmaßungen eines herrschsüchtigen Priestertums, das wieder seine Zeit gekommen glaubt, um dem Volk den Fuß auf den Nacken setzen zu können. Aber die immer weiter in die Massen dringenden Resultate der Naturwissenschaften und der Geschichtsschreibung und die Erkenntnis der ökonomischen Tatsachen, die allen religiösen Theorien Hohn sprechen, bereiten den Boden, auf dem ein neuer Kulturkampf entsteht, der jedoch von der Halbheit des bürgerlichen Kultur⸗ kampfes ebensoweit entfernt ist, als die bürger⸗ lichen Freiheits⸗ und Gleichheitsbestrebungen von den sozialistischen Zielen.

K. Wbr.

Anterhaltungs-Ceil.

In der Zwickmühle. Erzählung von R. Schweichel.

Der Pastor Köschke von Eulenried hatte den neuen Lehrer, der sick ihm zum Eintritt in das Amt vorstellte, mit einer durch Wohl⸗ wollen gemilderten Würde empfangen. Die offtzielle Einführung sollte erst ein par Tage später stattfinden, denn noch lärmte und tobte die dörfliche Jugend, welche Ruprecht Greiner zur frommen Sitte und Gottesfurcht den unerschütterlichen Grundlagen des Staats erziehen sollte, in der letzten Frist der Oster⸗ ferien. Nun stand er am Fenster seiner Giebel⸗ stube im Schulhause, und ein Strom von Lebens⸗ freudigkeit durchbrauste ihn. Seine blauen

[Augen leuchteten, auf seinen blassen Wangen