Ausgabe 
17.9.1905
 
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Nr. 38.

Mitteldentsche Sonntags ⸗Zeitung.

Seite&.

ersiklassigen politischen Vorrechten ausgestattet werden will, der werde Bordellwirt, gewerbs⸗ mäßiger Kuppler!

Eine sozialdemokratische Landtagsmehrheit

werden möglicherweise die vorige Woche in dem

kleinen thüringer Staate Schwarzburg⸗ Rudolstadt stattgefundenen Landtagswahlen ergeben, über deren Ausfall bereits in unserer vorigen Nr. kurz Mitteilung gemacht wurde. Das kleine Landesparlament zählt 16 Abge⸗ ordnete, wovon bisher schon sieben Sozial⸗ demokraten waren. Auf diese Zahl brachten es unsere Genossen bei den Wahlen von 1899, bis dahin war unsere Partei nur durch ein einziges Mitglied, einen Knopfmacher aus Frankenhausen vertreten. Bei den Wahlen am 7. September haben wir bereits die Hälfte der Sitze end⸗ gültig gewonnen und sind an zwei Stichwahlen beteiligt. Fällt uns aus den Stichwahlen nur noch ein Mandat zu, so ist die rote Mehrheit fertig; eben deshalb wird wohl alles ohne Parteiunterschied mit Hochdruck zur Verhinde⸗ rung dieses entsetzlichen Ereignisses arbeiten. Die Entwicklung des Ländchens zur roten Hoch⸗ burg ist ein Muster der Dinge, wie sie überall kommen müssen. Die kleine und teuere Regie⸗ rung, die nicht mehr als 90000Untertanen Seelen hat, erwies sich ebenso unfähig wie der lange Zeit dort herrschende kleinbürgerliche Fressinn, des Stillstandes in der Entwicklung des Ländchens Herr zu werden, den Preußen durch geflissentliches Uebersehen und Umgehen mit guten Eisenbahnverbindungen beförderte. Nur wo eine regsame Industrie mit geschickten Arbeiterhänden für Holz⸗, Glas- und Porzellan⸗ fabrikation sich rührte, war Fortschritt zu ver⸗ zeichnen; aber dort entwickelte sich gleichzeitig desto kräftiger die Soztaldemokratie, ebenso, wie dadurch der frühereFreisinn bei den Bauern sofort in den Bund der Landwirte, in der In⸗ dustrie in nationalliberales Scharfmachertum umschlug. Unsinnige behördliche Hetzereien gegen unsere Partei, Vereins⸗ und Versammlungsver⸗ bote brachten sie aber nur immer mehr in die Höhe. Die sieben Arbeiter⸗Vertreter haben sich durch ihr schlicht⸗volkstümliches Wirken im Landtag die allgemeine Sympathie erworben. Auch wenn sie nicht die Mehrheit, sondern nur die Hälfte der Landtagssitze erhalten, sind sie die politische Hauptmacht im Ländchen geworden.

Und dieser Erfolg wurde erreicht, trotzdem die vereinigten Bürgerlichen im Wahlkampfe alle Register zogen, alles in Bewegung setzten, gemein schimpften und verdächtigten, um die Sozial⸗ demokratie zu vernichten. Auch die Stimmen⸗ zahl wuchs sehr bedeutend: von 4048 im Jahre 1902 auf 5726, also haben wir 41 Prozent Zunahme zu verzeichnen. Die bürgerlichen Parteien haben zwar ebenfalls Stimmenzunahme, doch nur um 32 Prozent. Der Wahlausfall ist, schreibt unser Saalfelder Parteiblatt, als ein flammender Protest gegen die systematisch betriebene Aushunge⸗ rung des Volkes anzusehen.

Die Kamerun⸗Spritztour.

welche eine Anzahl deutscher Reichstagsabge⸗ ordneter auf Kosten der Hamburger Reederfirma Wörmann unternommen haben, um Kamerun und die westafrikanischen Kolonien zustudieren, ist schnell beendigt worden. Am Sonntag haben die Parlamentarier von Kamerun aus bereits die Rückreise angetreten. Man darf neugierig sein, was sie nun im Reichstage als Resultate ihresStudiums verzapfen werden. Ge⸗ sehen können ste gar nichts haben. Wir ver⸗ denken es ihnen nicht, wenn sie keine Neigung hatten, nach den Kolonien zu gehen, die sich im Aufstande befinden, denn da ist die Ge⸗ schichte zu brenzlich. Von Parade zu Parade.

Am Freitag erst hielt Wilhelm II. die große Parade bei Homburg ab und Montag fand

schon wieder eine bei Coblenz statt. Zu diesen

großen militärischen Schauspielen werden be⸗ kanntlich Truppen in großer Menge zusammen⸗ gezogen. Außerdem wallfahrten Massen von Kriegervereinlern, Ueberpatrioten, Neugierigen

und Taschendieben an den Platz der welter⸗ schütternden Begebenheiten. Hunderte von Gen⸗ darmen, Schutzleuten und Geheimpolizisten aus allerlei Orten weilten in Koblenz, um die steile Höh' zu stchern, wo Fürsten steh'n. Aus Köln allein reisten 104 Schutzleute, steben Wacht⸗ meister und Polizeikommissare nach Koblenz. Die polizeiliche Fürsorge erstreckt sich bis hin⸗ unter nach Köln und Düsseldorf. In beiden Orten wurden Versammlungen verboten, in a der Anarchist Weidner aus Berlin reden wollte.

Preußische Polizeistreiche.

In Köln verhaftete am Montag nachmittag die Kriminalpolizei den ehemaligen Führer der holländischen Sozialdemokratie, jetzigen Anarchisten Domela Nieuwen⸗ huis, als er beabsichtigte, den Zug 3 Uhr 23 Minuten, der über Ehrenbreitstein nach dem Süden geht, zu benutzen. Nieuwenhuis wollte sich angeblich nach Marburg begeben. Noch nicht einmal einen friedlichen Reisenden läßt die preußische Polizei in Ruhe. Fürchtet ste vielleicht, daß das harmlose Männchen in Coblenz oder Ehrenbreitstein ein Unglück an⸗ richten könnte, wo zur selben Zeit die bewaffnete Macht in zahllosen Regimentern beieinander war? Durch solche Polizeitaten wird Deutsch⸗ land nur dem Gespötte des Auslandes preis⸗ gegeben.

Altenburgischer Sozialistentod.

Was in Deutschland alles möglich ist, be⸗ weist folgende Begebenheit. Das Parteitags⸗ komitee in Jena hatte für die Teilnehmer am Parteitag einen Ausflug nach der malerisch im Saaletal gelegenen Leuchtenburg, der alten Trutzfeste geplant. Mit dem dort oben hausenden Wirt hatte man bereits ein Uebereinkommen betr. die Bewirtung der Delegierten getroffen und somit war alles in bester Ordnung. Nun ist aber die Leuchtenburg altenburgisches Staatseigentum und die Behörde hat dem Wirt verboten, den Delegier⸗ ten Speisen und Getränke zu ver⸗ abreichen und außerdem beauftragt, am ge⸗ nannten Tage die Burg geschlossen zu halten, damit nichts besichtigt werden kann. Ihr Vorgehen, das allenthalben in Deutschland stürmisch belacht werden dürfte, stützt die Behörde darauf, daß mit dem Wirt kontraktlich vereinbart ist, daß auf staatsfis⸗ kalischem Eigentum weder soztaldemokratische

Versammlungen noch andere Veranstaltungen

dieser Partei abgehalten werden dürfen. Die altenburger Staatsweisen wollen also offenbar die Sozialdemokraten durch Hunger zu Grunde richten. Glücklicherweise ist das Herzogtum nicht so groß, daß einer drin verhungern kann, denn in einer knappen halben Stunde kann man von überall her über der Grenze sein und im Ausland seinen Hunger stillen.

Neues Kinderspielzeug.

Orden gibt es zwar schon die schwere Menge wie es schkeint, aber noch immer nicht genug. Es war noch eine Lücke vorhanden, die jetzt ausgefüllt werden soll. Ein Kolonial⸗ orden soll eingeführt werden. Er soll für militärische Verdienste in den Kolonien verliehen werden und mehrere Klassen umfassen. Die Entwürfe sollen schon in Ansarbeitung sein. Als geeignetes Sinnbild wäre ein aufgespießter Herero zu empfehlen, der die Proklamation des großen Generals in Händen hält, als Wahl⸗ spruch:Für unser teures Geld und als Farbe des Bandes: gelb und grün, zur Erinnerung an den vielen Sand in Südwestafrika, an die zahlreichen Sektflaschen, mit denen die Straßen gepflastert werden, und an den Zustand, in den das deutsche Volk beim Anblick dieses Ordens verfallen wird.

Die russische Revolution.

Ueber die glückliche Flucht eines russischen Revolutionärs wurde der Leip⸗ ziger Volksztg. Mitteilung gemacht. Bei der Verfolgung der tapferen Kämpferschar des rebel⸗ lischenPotemkin in Theodosta ist unter anderm der Genosse Feldmann von den Zarendienern

ergriffen und in das Sebastopoler Militärge⸗ fängnis gebracht worden. Die Schergen wähnten ihre Opfer natürlich hinter den dicken Festungs⸗ mauern in völligerSicherheit. Doch es kam anders. Eines schönen Tages, etwa vor 14 Tagen, war Genosse Feldmann zusammen mit seinem Befängnisaufseher und dem Wachtsol⸗ daten verschwunden! Umsonst eiferten die Be⸗ hörden, Gendarmen und Spitzel hinterher, um die Flüchtlinge zu ergreifen; alle drei befinden sich bereits außerhalb der Schußweite der za⸗ rischenJustiz im Auslande. Wir wünschen der russischen Bruderpartei aufrichtig Glück zu diesem hervorragenden und wohlgelungenen Unternehmen.

Gegen 75 Matrosen des Panzer⸗ schiffesGeorgi Pobjedonoszew(von der Schwarze⸗Meer⸗Flotte), die sich in diesem Sommer dem meuterndenPotemkin auge⸗ schlossen hatten, wurde vor dem Militär-Marine⸗ Gericht in Sewastopol verhandelt. Nach zehn⸗ tägiger Verhandlung wurden drei Angeklagte zum Tode, neunzehn zu Zwangsarbeit, 33 zur Einreihung in die Arrestantenkompagnte verur⸗ teilt und 20 freigesprochen.

Wahlsieg in Spanien.

Am Sonntag haben die Wahlen der spanischen Deputierten stattgefunden, die natür⸗ lich eine Mehrheit für die Regierung ergaben. Gewählt sind 140 Ministerielle, 64 Konserva⸗ tive, 23 Republikaner, 6 Unabhängige ꝛc. Die Sozialdemokratie hat jedoch auch einen nicht unbedeutenden Erfolg zu verzeichnen. In Bil⸗ bao wurde Genosse Iglesias, der alte be⸗ kannte Führer der spanischen Sozialdemokratie gewählt. Wenn ein sozialistischer Wahlsteg trotz des Wahlrechts, der Wahlfälschung und des behördlichen Terrorismus möglich war, so ist das ein Beweis für den Fortschritt unserer Bewegung auch in Spanien.

Pon Nah und Fern.

Hessisches.

Der Mainzer Oberbürger⸗ meister Dr. Gaßner ist am Samstag Mittag nach längerem Kranksein gestorben. Sein Begräbnis fand auf städtische Kosten unter Teilnahme vieler Tausende statt und legte einen Beweis für die Beliebtheit ab, der er sich in allen Kreisen der Bevölkerung erfreute. Gaßner war früher Staatsanwalt, diese Stellung be⸗ hagte ihm aber nicht. Vor 20 Jahren trat er in die Stadtverwaltung seiner Vaterstadt ein und im Jahre 1894 wurde er zum Bürger⸗ meister gewählt. Seine Gerechtigkeit und sein hohes sozialpolitisches Verständnis, das er als solcher bekundete, sichert ihm auch bei der Arbeiterschaft ein ehrendes Andenken. Vor Kur⸗ zem hielt er bei Einweihung des Mainzer Konsumvereins als Vertreter der Stadt eine Rede, in der er den Konsumverein ein Unternehmen nannte, das der Stadt zur Ehre gereiche. Er beglückwünschte die Ge⸗ nossenschaft im Namen der Stadt und schloß seine Ansprache mit den Worten: Möge ein glänzender Stern über diesem Hause stets leuchten und die Genossenschaft, von Er⸗ folgen zu Erfolgen schreitend, wachsen, blühen und gedeihen zum Wohle ihrer Mitglieder und zu Nutz und Ehre unserer Stadt Mainz! Männer wie Dr. Gaß⸗ ner sind in der heutigen Zeit sehr selten!

Herr Kammerpräsident Haas hat in seiner Eigenschaft als Generalanwalt des

Reichsverbandes deutscher landwirtschaftlicher

Genossenschaften an den Ehrenprästdenten des in Straßburg abgehaltenen deutschen landwirt⸗ Hacranen ien chaftstages folgendes Dank⸗ telegramm gerichtet:

5 1 i. E., den 20. Aug.

Seiner Durchlaucht dem Kaiserlichen Statt⸗ halter Fürsten zu Hohenlohe⸗Langenburg.

Beim Scheiden aus Straßburg drängt es mich, Euer Durchlaucht namens des Genossen⸗ schaftstages für Hochdero in so reichem Maße uns erwiesenes gnädiges Wohl⸗ wollen nochmals den wärmsten Dank dar⸗