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Nr. 38.
Gießen, den 17. September 1905.
12. Jahrgang.
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Redaktion: Rirchenplatz 11, Schloßgasse.
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Mitteldeutsche
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Jena. Prolog zum Parteitag.
Ein Jahrhundert kaum noch vorüber, Seit die Luft hier gebebt und gedröhnt, Seit im lodernden Schlachtenfieber Alt⸗Suropa gezuckt und gestöhnt.
Fern von Westen kam es, das Neue, Kam wie wilde Gewitternacht,
Brüllend stieg der korsische Ceue
In die würgende Männerschlacht.
Und er warf sie krachend zu Boden,
Die Verteid'ger vergangener Seit,
Schlug in Trümmer das Heer des Despoten, Sprengte es über die Lande weit,
Scheute mit Schwertern vom jungen Lichte Alter Nebel Dünste und Flor,
Siegreich stieg eine neue Geschichte
Ueber Blut und Trümmern empor.
Neue Heere seh' ich marschieren Wieder zu wogender Geisterschlacht, Neue Kämpfe sehe ich führen
Gegen alte, verrottete Macht.
Mit des Wissens schweren Geschützen, Mit der Wahrheit loderndem Brand Sehe ich neue Entscheidungen blitzen Ueber das deutsche Volk und Land.
Ja, hier ist historischer Boden! Einmal ward hier die Welt schon frei, „Nieder mit den Despoten!“ ihr Roten, Sei auch heute das Feldgeschrei! Richtet kühn eure Kraft, eure ganze, Auf den lodernden Klassenstreit— Nur über siegreich eroberter Schanze Dämmert die neue, die bessere Seit! Ernst Klaar. (Aus dem„Südd. Postillon.“)
Unser Parteiparlament.
tritt diesen Sonntag in Jena zusammen. Der Name Jena hat in der Geschichte eine große Bedeutung. Vor 99 Jahren war es, als hier in der Schlacht bei Jena der preußische De⸗ spoten⸗ und Militärstaat von Napoleon in Trümmer geschlagen wurde. Durch die Niederlage Preußens bei Jena brach der alte, muffige Feudal⸗ und Junkerstaat zusammen und es erhielt der Absolutismus in Deutschland einen Schlag, von dem er sich nicht wieder er⸗ holte. Der Sohn der großen Revolution, wenn er auch später sich von den übrigen gekrönten Häuptern nicht unterschied, hier trat er auf als Bahnbrecher und Verfechter des Neuen und warf die alte Ordnung über den Haufen. Die Schlacht von Jena bedeutet für das deutsche Volk den Ausgangspunkt einer neuen Zeit, einer Zeit, in der das unterdrückte Volk mächtig, an seiner Befreiung arbeitete. Unser Volk hat keine Ursache, das Ereignis von Jena zu beflennen, wie es höfische Geschichts⸗ schreiber und unsere Staatserhaltenden und „Patrioten“ tun, im Gegenteil es kann mit Genug⸗ tuung an die Niederlage zurückdenken, im gleichen Sinne wie jetzt die russischen Freiheitskämpfer die Niederlage des zarischen Rußlands im In⸗ teresse des Volkes mit Freuden begrüßen.
Unser diesjähriger Parteitag, der auf diesem Abe e Boden zusammentritt, hat die Oeffent⸗ ichkeit schon stark beschäftigt. Wohl bei keinem der fünfzehn seit dem Falle des Sozialistenge⸗ setzes abgehaltenen war dies in dem Maße der Fall. Seit Monaten schon werden die Ver⸗
handlungsgegenstände, die ihn beschäftigen sollen, in der Parteipresse ausgiebig und lebhaft er⸗ örtert und die Auseinandersetzungen nahmen oft eine heftige Form an, was die bürgerliche Presse veranlaßte ein zweites Dresden zu prophezeien.
Besonders erfreulich sind diese Auseinander⸗ setzungen ja nicht. Es war auch unnötig, daß die„Leipziger Volkszeitung“, resp. Genosse Franz Mehring über die„Vorwärtsfrage“, das heißt über die gewiß ziemlich untergeordnete Frage, ob man dem Vorwärts den Charakter als Zentralorgan belassen solle und ob er seine Aufgabe als solches erfüllt hat, neun große Artikel schreiben. Was dazu zu sagen war, konnte nach unserer Meinung mit einem weit geringeren Aufwand von Worten und auch viel ruhiger gesagt werden. Kautsky hat in der„Neuen Zeit“ darüber ebenfalls lange Artikel veröffentlicht. Er und die Leip⸗ ziger Volkszeitung stellen sich im Gegensatz zu dem„Vorwärts“, den seine Redaktion, beson⸗ ders Kurt Eisner nicht im ökonomisch-prinzi⸗ piellen Sinne leite. Diese Preßdebatten— wir haben in unserem Blatte keinen Raum da⸗ zu, näher darauf einzugehen, haben es auch nicht für zweckmäßig gehalten— sind in der Parteipresse und in Versammlungen als „Literatengezänk“ bezeichnet worden und ver— schiedene Kreiskonferenzen verlangen vom Partei⸗ tage, diesen„ewigen und zum Teil persönlichen Zänkereien“ weniger schriftstellerisch tätigen Ge⸗ nossen ein Ende zu machen. Das wird nun aller⸗ dings nicht so ohne Weiteres angehen.
Wir brauchen aber die Debatten auch gar nicht zu fürchten. Unsere Partet ist stets und muß stets für volle prinzipielle Klarheit sein, sie hat dem Geisteskampfe nie Fesseln angelegt und wird sich auch jetzt davor hüten, im In⸗ teresse der äußerlichen Einigkeit bedeutende Gegensätze, wenn solche in unseren Reihen vor⸗ handen wären, zu verklelstern und zu vertuschen. Klarheit in jeder Beziehung, nach außen und nach innen, das ist's, was unsere Partei vor⸗ wärts gebracht hat.
Deshalb dürfen wir prinzipieller Ausein⸗
andersetzung und sachlicher Kritik nicht aus dem
Wege gehen, es stünde uns auch schlecht an, wollten wir uns über den„Ton“, über etliche derbe Worte, die dabei gefallen sind, entrüsten. Diese schaden nicht, wenn ihre Urheber nur das Beste wollen. Und das muß man ohne weiteres von jedem Parteigenossen annehmen. Wenn wir das aber tun, dürfen wir um so weniger zaghaft in der Kritik der von ihm geäußerten Meinungen sein. Der gute Wille allein macht noch nicht den guten Parteigenossen, sagte neu⸗ lich unser Bremer Parteiblatt mit Recht, es kommt in erster Linie darauf an, was er will. Wenn sich die Betätigung seines Willens in einer falschen und parteischädlichen Richtung bewegt, so darf alle Brapheit und Biederkeit des betreffenden Genossen kein Hindernis sein, 1 deutlich und ungeschminkt die Wahrheit zu ägen.
Prinzipielle Gegensätze liegen unserer Meinung nach nicht vor. Trotzdem geht es nicht an, die erwähnten Preßfehden einfach mit dem Worte„Literatengezänk“ abzutun. Bei allen Uebertreibungen hat die„Leipz. Volksztg.“ viele sachlich sehr wertvolle Ausführungen ge⸗ macht und manches wichtige Material beige-
bracht, das beachtet und geprüft zu werden ver⸗ dient. Der Parteitag wird diese Prüfung vor⸗ nehmen und wird wohl zu unterscheiden wissen, was der Sache dient und was nicht. Jeden⸗ falls wird er aber auch dafür sorgen, daß ein „Krakehl“ nicht aufkommt.
Er hat ja außerdem noch wichtige und große Aufgaben zu erfüllen. Außer der üblichen Ent⸗ gegennahme der Vorstands⸗ und Fraktionsbe⸗ richte hat er über ein neues Organisations⸗ statut zu beschließen, dessen Fertigstellung immerhin einige Schwierigkeiten machen und
eraume Zeit in Anspruch nehmen wird. erner ist die wichtige Frage des politischen Massenstreiks zu erörtern. Hier handelt es sich darum, Klarheit zu schaffen über ein Kampf⸗ mittel, das unter Umständen auch unsere deutsche Partei einmal anzuwenden genötigt ist. Kurz, es fehlt nicht an Arbeit und der Parteitag wird sich seine Zeit nicht durch unnütze Literaten⸗ Debatten verzetteln lassen.
So wird auch der Parteitag von Jena kein Jena der Partei werden, er wird vielmehr gute Arbeit leisten, wie seine Vorgänger einen Markstein in der Entwicklung der deutschen Sozialdemokratie bedeuten und wir dürfen ihm deshalb mit frohen Erwartungen entgegensehen.
Tätigkeit der Sozialdemo⸗ kratie im Reichstage.
II. Die Militärvorlage.
Schon im vorigen Jahre wurde eine neue Militär⸗ vorlage angekündigt; man erklärte jedoch, da die Finanz⸗ lage des Reiches nicht günstig sei. dieselbe zurückstellen zu wollen. Es wurde nur die Friedens präsenz auf ein Jahr verlängert. Nun ist aber die Finanzlage im laufenden Etatsjahr um kein Jota besser; allein weiter wie ein Jahr reichte die Geduld der Kriegsverwaltung nicht Die Militärvorlage forderte die Erhöhung der Friedenspräsenz um 10339 Mann. Die Durchführung dieser gesetzlichen Maßregel soll bis zum Jahre 1910 vollendet sein. Sie wird an ein⸗ maligen Ausgaben 100 ¼ Millionen Mark kosten, und an fortdauernden Ausgaben jährlich 16 Millionen Mark. Die Regierungsvorlage sagt zu ihrer Begründung das⸗ selbe, was wir bei jeder neuen Militärvorlage zu hören bereits gewohnt sind. Man kommt unwillkürlich zu der Anschauung, als habe man in der Reichsdruckerel die Stereotypleplatten für die Begründung aufbewahrt. Nun sind freilich seit der Militärvorlage von 1893 und heute doch Ereiguisse in der Weltgeschichte eingetreten, von denen man glauben sollte, sie wären auch für die Militär⸗ verwaltung nicht ungeschehen. Allein für die Militär⸗ verwaltung sind diese Ereignisse in Ostasien nicht von Bedeutung, daß sie ihr Pläne und Absichten beein⸗ flussen könnten. Auch was die Forderung der Kavallerie betrifft, läßt sie sich nicht irre machen. Sie sieht doch prächtig aus, solche Reiterattacke, sie ist zwar sehr kost⸗ spielig, allein man weiß, an welcher Stelle man diese Truppe so gern hat.
Die Vorlage wurde, in Verbindung mit einer weiteren, die wohl auch noch als Pflaster auf die Wunde dienen sollte, nämlich mit der Vorlage über die gesetzliche Festlegung der zweijährigen Dienstzelt, zu⸗ sammen mit dem Etat beraten. Unser Fraktionsredner kritisierte scharf die Vorlage und zeigte, wie unbegründet die Motive der Vorlage seien. Er zeigte, wie durch die Ereignisse in Ostasien die französisch⸗russische Allianz vollständig ihre Bedeutung verloren habe. Er zitierte eine Anzahl militärischer Fachleute, die die Bedeutungs⸗ losigkeit der Kavollerie in modernen Krieg an der Hand von Tatsachen nachweisen. Dann ging er auf die


