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Seite 4.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 29.
Schiffes wurde rumänischen Offizieren übergeben. Der Matrose Matuschenko, wahrscheinlich der eistige Urheber der ganzen Bewegung, war für Fortführung des Kampfes, die Mehrheit dagegen. Er unterwarf sich dem Beschluß der Mehrheit. Die Offiziere des„Potemkin“, die gezwungen denselben führten, werden eine ent⸗ sprechende Erklärung dem dortigen russischen Konsul abgeben. Die rumänische Regierung erklärte offiziell, daß sie unter keinen Um⸗ ständen die Matrosen des„Potemkin“ der russischen Regierung ausliefern würde. Die Mannschaften des„Knjäs Potemkin“ werden als Deserteure behandelt. Da zwischen Ruß⸗ land und Rumänien für solche kein Ausliefe⸗ rungsvertrag besteht, hat Rumänien keine Ver⸗ anlassung, die Mannschaft auszuliefern. Die Mehrzahl der„Meuterer“ wird nach Amerika auswandern.
Der Moskauer Stadthauptmann, Graf Schuwalow, wurde am Dienstag von einem einfach gekleideten Manne erschossen, der mt mehreren andern als Bittsteller im Amtszimmer des Stadthauptmanns erschienen war. Der Täter feuerte aus einem Revolver mehrere Schüsse aus nächster Nähe auf den Grafen ab, der nach einer Stunde starb.
Pon Nah und Fern.
Gießener Angelegenheiten.
— In der Stadtverordneten-Sitzung am Donnerstag kamen Dinge von besonderer Wichtigkeit nicht zur Verhandlung. Hervorzu⸗ 1 55 ist ein Beschluß, wonach die Stein⸗
rüche im Stadtwalde nach Ablauf der Pachtzeit nicht weiter verpachtet, sondern in städtischen Betrieb genommen werden sollen. Die Angelegenheit wird im Anschluß an eine Vergebung von Pflasterstein⸗Lieferung ver⸗ handelt. Der Oberbürgermeister begründet diesen Antrag der Baukommission mit dem Hinweis darauf, daß die Stadt bedeutende Mengen Steine und Deckmatertal brauche, so daß der Betrieb sicher rentieren werde. Mit der Sand⸗ grube habe man auch günstige Erfahrungen gemacht. Mehrere Staotverordnete sprechen sich dagegen aus, doch wird dem Antrag der Bau⸗ kommission schließlich zugestimmt. Auf die vorgebrachten Bedenken, daß sich dann die An⸗ fe eines Fuhrparks notwendig machen würde, bemerkt der Oberbürgermeister, daß man ohnedies um die Anschaffung eines solchen nicht herumkomme.— Der Preis des Sandes aus der städtischen Sandgrube wird auf 2 Mark pr. cbm. ab Lagerplatz und 3.50 Mk. Lieferung auf Bauplatz festgesetzt.— Ueber Anbringung von Lüftungsklappen in der Stadtmädchen⸗ schule entspinnt sich eine lange Debatte. Stadt⸗ verordnete Jann bezeichnete diese Klappen als höchst gesundheitsschädlich. Von Haberkorn und andern wird jedoch ausgeführt, daß es so schlimm nicht sei und es wird im Sinne des Antrags beschlossen.— Auf dem neuen Fried⸗ hofe will der Oberbürgermeister eine Teich- anlage im Vorhof der Kapelle angelegt wissen, damit ein klein wenig Leben dorthin komme. Stadtverordneter Kirch will dort kein Wasser haben, er liebt sich die unbedingte Ruh'. Die Sache wird vertagt.— Für das Feuer⸗ wehrfest wird Gas, Wasser und Elektrizität umsonst geliefert. Hoffentlich finden die Ar⸗ beiter das gleiche Entgegenkommen, wenn sie mal ein 5 0 Fest abhalten.
— ohnungs⸗Aufnahme. Wie schon kürzlich mitgeteilt, veranstaltet die hiesige Ortsgruppe der Bodenreformer eine Erhebung über die Wohnungsverhältnisse in Gießen. Zu diesem Zwecke werden Fragebogen ausgegeben, die von freiwilligen Helfern(Studenten, Ge⸗ werkschaftsmigliedern) ausgetragen und auch ausgefüllt werden.— Zur Besprechung dieses Vorhabens fand am Samstag eine Versamm⸗ lung in Lonys Bierkeller statt, in welcher Genosse Krumm den Zweck einer solchen Aufnahme darlegte. Er führte aus, daß, wenn man in einer Sache auf soztalem Gebiete etwas tun wolle, dann müsse man durch statistische Feststellungen die Grundlagen schaffen. Die Wohnungsfrage stehe fast noch über der Lohn⸗
frage und gerade ste sei vou der Arbetter— Bewegung vernachlässtgt worden. Auch hier in Gießen sind die Wohnungsverhältnisse teil⸗ weise sehr schlechte, er brauche nur auf ver⸗ schiedene Gassen hinzuweisen. Die Stadtver⸗ waltung müsse stets gegen den Grundstücks⸗ wucher auf dem Posten sein, denn er bilde eine Gefahr für die Allgemeinheit und habe das Wohnungselend mitverschuldet. Der Grund und Boden werde in der raffiniertesten Weise ausgeschlachtet. Infolgedessen fehle Luft und Licht nicht nur in den Wohnungen, sondern auch freie Plätze und Anlagen werden beschnitten. Letztere sind hier schon an verschiedenen Stellen verschandelt worden. Unter den heutigen Ver⸗ hältnissen leiden die Arbeiter mit Kindern am meisten. Die Kinder kommen in stttliche und moralische Gefahr durch die heutigen Wohnungs⸗ ustände. Besserung sei nur zu erwarten, wenn tese Schäden offen dargelegt würden und daran müsse jeder mithelfen. Herr Dr. med. Arndt führte dann sehr eingehend aus, welche Forde⸗ rungen man in der Wohnungsfrage vom e Standpunkt aus stellen müsse. n die beiden Referate schloß sich eine lange Diskussion, auf deren Einzelheiten wir jedoch nicht eingehen können. Es meldeten sich eine Anzahl zur Mithilfe bei der Aufnahme.— An die Wohnungsinhaber ergeht die Bitte, den mit der Erhebung Beauftragten alle nötigen Aus⸗ künfte zu erteilen.
— Eine Bismarcksäule will die hiesige Studentenschaft auf dem Hardtberge errichten. Das hat auch die Menschheit am allernötigsten gebraucht! Was sollten auch die Jünger der Wissenschaft anders treiben... 2
— Auf dem Braunsteinbergwerk ereignete sich am Samstag ein schweres Un⸗ glück. Die Steiger Becker, Appel und der Vorarbeiter Häuser wollten einen Schacht befahren, der längere Zeit außer Betrieb war. Dabei riß das Förderseil und die drei Leute stürzten in die Tiefe. Sie zogen sich alle drei schwere Verletzungen, besonders Beinbrüche zu und wurden nach der Klinik gebracht. Dabet zeigte sich der Mißstand, daß auf dem Werke nicht einmal eine ordentliche Tragbahre oder Krankenwagen vorhanden ist, was in einem fonte Betriebe doch unbedingt der Fall sein ollte.
Aus dem Rreise gießen.
* Herr Pfarrer Beckel in Grüningen schickt uns nochmals eine Berichtigung, in der er erklärt: 1. Es ist un wahr, daß der Neffe des Verunglückten H. Hubler„bereits an dessen Todestag im Pfarrhaus vorgesprochen habe.“ Niemand weiß im Pfarrhaus etwas davon.
2. Die der Frau des Pfarrers in den Mund ge⸗ legte Aeußerung,„der Pfarrer komme erst um 6 Uhr zurück,“ ist un wahr. Die Frau des Pfarrers wußte ganz genau von dessen Rückkehr um 2 Uhr und hat dementsprechend den betr. Angehörigen am Sams⸗ tag Morgen bedeutet. Es liegt in diesem Falle durchaus kein Mißverständnis vor.
Wir müssen es unserem Gewährsmann überlassen, sich dazu zu äußern.
— In Lindenstruth wurde am Samstag vor acht Tagen ein Arbeiterverein gegründet, dem so⸗ fort eine Anzahl Mitglieder beitraten. Bei der Vor⸗ standswahl wurde Ludwig Eckhardt zum Vorsitzenden, Heinrich Deines zum Kassierer und Joh. Schild zum Schriftführer gewählt. Hoffentlich gelingt es dem Vor⸗ stande recht bald, die meisten dortigen Arbeiter durch unablässige Aufklärungsarbeit unserer Organisatlon zu⸗ zuführen, damit sich diese zum Nutzen unserer Sache kräftig entwickele! Selbstverständlich müssen alle Mit⸗ glieder den Vorstand dabei nachdrücklichst unterstützen!
— In Garbenteich wurde ebenfalls ein Wahlverein gegründet, der sich ganz vor⸗ trefflich entwickelt. Doch gibt der Wirt zum „grünen Baum“, mo die Arbeiter bisher ver⸗ kehrten, sein Lokal nicht her. Die Garbenteicher Arbeiter werden sich zu helfen wissen. Sie müssen ja nicht gerade bei diesem Wirte ihre Groschen verzehren!— Samgtag,(15.) Zusammenkunft im„Kühlen Grund“.
Aus dem Rreise Friedberg⸗Püdingen.
n. Ein Gewerbegericht für Friedberg zu errichten, hat die Stadtvertretung schon längst beschlossen. Das Statut hat auch kurz darauf die Genehmigung des Ministerlums gefunden und ist von der Bürger meisterei
veröffentlicht worden. Ordnung bis auf die Wahl der Betsitzer, Woran mag es liegen, daß diese nicht angeordnet wird? Es wäre wirklich an der Zeit, damit endlich die hier sehr notwendige Einrichtung in Funktion treten könnte.
J. Der Arbeiter⸗Gesang verein„Vorwärts“ feiert diesen Sonntag, den 16. Juli, sein Stiftungs⸗ und Sommerfest im Garten der„Concordia“ bei Ihl. Nachmittags geht ein Festzug durch die Stadt von der Burg aus nach dem Festplatze. Es wird auf recht zahlreiche Beteiligung der Arbeiterschaft Friedbergs so⸗ wohl an dem Festzuge, wie an der Veranstaltung über⸗ haupt gerechnet.
Aus dem Rreise Wetzlar.
h. Eine Partetversammlung für den Wahl⸗ kreis Wetzlar⸗Altenkirchen findet Sonntag, den 30. Juli nachmittags 3½ Uhr im Lokale„Wiener Hof“ in Gießen statt. Auf der Tagesordnung steht: 1. Das neue Organisationsstatut; 2. Parteitag in Jena; 3. Par⸗ teiangelegenheiten unseres Wahlkreises; 4. Verschiedenes. Die Parteigenossen des Kreises wollen dazu recht zahl⸗ reich erscheinen.
— Die Bürgerliste für Wetzlar und Nieder⸗ girmes liegt vom 15. bis 30. Juli auf dem Rathause Zimmer Nr. 2 zur Einsicht auf. Für jeden Einwohner ist es von großem Werte, sich zu vergewissern, daß sein Name in dieser Liste eingetragen ist. Wer nicht in der Liste steht, kann bei einer Gemeindewahl nicht wählen. Einwendungen gegen die Richtigkeit der Liste müssen sofort bei dem Bürgermeister erhoben werden.
h. Eine Bergarbeiter⸗Versamm⸗ lung fand am Sonntag im„Klosbergergarten“ statt. Der Kassierer des Bergarbeiter-Ver⸗ bandes, Paul Horn aus Bochum, fand mit seinen Ausführungen über den Nutzen der Organisation und seiner Schilderung des großen Bergarbeiterstreiks bet den 300— 400 Erschienenen starken Beifall. Herr Schlott von den Buderus⸗Werken hatte sich auch eingefunden und es hieß, er werde dem Referenten entgegen⸗ treten. Es meldete sich aber, trotz wiederholter Aufforderung, niemand zum Wort. Jedenfalls hatten die Ausführungen Horns den Herrn überzeugt und er wird hoffentlich in Zukunft es nicht mehr verbieten, wenn wieder einmal für streikende Bergarbeiter gesammelt werden soll. 183 Bergleute ließen sich aufnehmen und es gehören jetzt etwa 400 dem Verbande an. Ein sehr erfreultcher Fortschritt! 0
* Herr Pfarrer Zimmermann in Bacharach welcher früher im Wetzlarer Kreise amtierte, hatte sich an Montag vor dem Schwurgericht in Koblenz wegen Meineids zu verantworten. Die Geschworenen ver⸗ neinten jedoch die Schuldfrage, worauf Freisprechung erfolgte.— Herr Zimmermann ersucht uns in einer Zuschrift, daß wir nach diesem Ausgang erklären sollen, wir hätten ihm in einer in Nr. 50 v. Js. gebrachten Notiz Unrecht getan und bedauerten dies. Eine solche Erklärung können wir nicht abgeben. Wir wünschen gewiß Herrn Zimmermann Glück zu seiner Freisprechung — denn wir wünschen selbstverständlich auch keinem politischen Gegner das Zuchthaus— aber was wir damals in der Notiz sagten, war dem Urteile des Koblenzer Gerichts entnommen und nicht, wie Herr Z. meint, aus ihm feindlichen Hetzartikeln. Wir werden in nächster Nummer etwas eingehender darauf zurück⸗ kommen.
8. In Krofdorf ist diesen Sonntag Kriegerfest. Jeder halbwegs aufgeklärte Arbeiter kennt die mords⸗ patriotischen Tendenzen, welche die Kriegervereine ver⸗ folgen und wie feindlich sie sich gegenüber der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung verhalten und so den Kampf der Arbeiterschaft um bessere Existenzbe⸗ dingungen erschweren, Darum lassen verständige Arbeiter die Leute unter sich. Das ist auch schon deshalb zu empfehlen. weil es auf solchen Festen erfahrungsgemäß häufig sehr kriegerisch zugeht. Am Sonntag gab es z. B. auf dem Kriegerfest in Dillhausen eine große Schlägerei. Vier Burschen wurden durch Stiche schwer verletzt, darunter einer so bedeutend, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird.
J. In vielen Landgemeinden sind keine Totengräber angestellt, sondern es müssen die Nach⸗ barn ꝛc. des Verstorbenen das Grab herrichten. Das führt, wie schon vor einiger Zeit einmal in der Mitteld. S.⸗Ztg. dargelegt wurde, vielfach zu Mißhelligkeiten. So ging's kürzlich einen Arbeiter aus Felling s⸗ hausen, dem sein Arbeitgeber heftige Vorwürfe machte, weil er einen halben Arbeitstag wegen der Totengräberarbeit versäumt hatte. Es wäre doch viel vernünftiger, wenn die Gemeinden für solche Arbeiten jemand anstellen würden.
Aus dem Rreise Marburg-Nirchhain.
— In der Wahlvereinsversammlung am Samstag sprach Genosse Dr. Michels über„Marokko“.
Es ware also soweit ales in


