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Mitteldeutsche Sonutags⸗ Zeitung.
Seite 7.
der Spielteufel so manches junge Menschenleben ins Unglück gestürzt hat!
Doch hierbei handelt es sich stets nur um Angehörige der Kapitalistenklasse, und die ge⸗ richtliche Klarlegung der einzelnen Fälle zeigte uns die Fäulnis in den oberen Gesellschafts⸗ schichten. Wenn es uns als Menschen auch nicht gleichgültig sein kann, das Laster selbst und seine Schrecken im Gefolge dort zu be⸗ obachten, so berühren uns derartige Fälle als Arbeiter sehr wenig. Aber anders verhält es sich damit, wenn man mit blutendem Herzen tagtäglich noch sehen muß, wie auch unter einer
roßen Zahl von Arbeitern, und zwar der chlechtestgestellten unter der Arbeiterschaft, der Spielteufel umgeht und tagtäglich seine Opfer fordert.
Hier sind es arme Teufel, die nicht mehr verdienen, um von der Hand in den Mund zu leben und sich eben kümmerlich durchzuschlagen vermögen, bei denen das Karten- und Würfel ⸗ spiel zum Laster 97 7 1 ist und bei dem sie ihre letzten paar Mark vom verdienten Arbeits⸗ lohn oder ihre letzten paar Groschen, oie gerade noch für Lebensmittel des nächsten Tages ge⸗ reicht hätten, wenn sie arbeitslos sind, dem Spielteufel opfern und dann, der letzten Sub⸗ sistenzmittel entblößt, mürrisch und ärgerlich, abgespannt aufs äußerste, von dannen schleichen!
Die Kellner, die 14 bis 16 Stunden tagsüber für einige Nickel Trinkgeld gerannt haben in dem großen Lokal, um die Gäste zu bedienen, sieht man nach Schluß der Wirtschaft das Lokal zusammenräumen, Biergläser zu⸗ sammentragen und die Stühle und Tische zusammenstellen mit einer Hast als wenns im Akkord ginge. Der Uneingeweihte bemitleidet diese übermüdeten Leute, weil er glaubt, daß dieselben es jetzt so eilig haben, nur um mög⸗ lichst schnell nach Hause ins Bett zu kommen, ihre müden Glieder auszuruhen. Wer aber die Gewohnheiten dieser Leute kennt, weiß, daß dann viele von ihnen, wenn sie mit größter Hast ihren Wirkungskreis verlassen haber, um die Ecke einer stillen Straße biegen, durch eine Hintertür in ein halbdunkles, dumpfes Lokal hineinschlüpfen und dort dem Spielteufel bis in die frühe Morgenstunde frönen, dann aufs höchste ermattet, ärgerlich und mürrisch über ihre Verluste der letzten Nacht, nach einigen Stunden unruhigen Schlafs wieder sich auf⸗ raffen und ihren Dienst in der Tretmühle all⸗ täglichen Lebens, in Bierdunst und Tabaks⸗ qualm, wieder rein mechanisch verrichten.
Ebenso ergeht es den Schlächtern, nur mit dem Unterschiede, daß dieselben die Stunven, in welchen sie sich dem Spiellaster ganz ergeben, wegen der Eigentümlichkeiten ihres Berufs auf eine andere Tageszeit verlegen. Nicht zu ver⸗ gessen aber die Bäcker, welche wohl das beste Kontingent von allen Berufen an dem Spiel⸗ tisch stellen, bei welchen das den Geist und Körper zerrüttende Laster die größte Aus⸗ breitung gefunden hat. Sie, die ebenso wie ihre Leidensgenossen aus den obenerwähnten Berufen so nötig hätten, sofort nach vollendeter Arbeit sich am ganzen Körper gründlich zu baden und zu waschen, dann aber sofort ihre dumpfen, übermäßig erhitzten und mehlstaub⸗
eschwängerten Arbeitsräume zu verlassen und scch eine oder einige Stunden täglich in frischer Luft zu baden bei längerem Spaziergang, haben kaum ihre Bude verlassen, so schwingen sie sich auf die Straßenbahn oder Omnibus, um nur möglichst schnell ihr Verkehrslokal zu erreichen. Hier angekommen, werden einige Worte mit dem Wirt und den anwesenden Kollegen zur Begrüßung gewechselt und dann setzen sie sich um den Tisch, einer holt die Karten hervor— eine Zeitung zum Lesen verlangen sie gar nicht erst, wissen sie doch, daß sie schon nach einigen Minuten dabei einschlafen würden— und nun wird ein Unterhaltungsspiel begonnen. Aber nicht lange dauert es und schon ruft einer, „das ist zu langweilig, dabei schläft man ja ein.“ Betreffender wirft dem Wirt einen ver ⸗ ständnisvollen Blick zu und fordert seine Kollegen auf, etwas„Interessantes“ zu spielen. Einige Augenblicke und die ganze Gesellschaft ist sich einig und besetzt einen Tisch in einem dunklen
Winkel der Kneipe, oder— was ihnen noch angenehmer— der Wirt öffnet die Türe eines Nebenraumes, zieht vorsichtig die Vorhänge der nach der Straße gelegenen Fenster zusammen und nun geht es am Tisch los. Der Bank⸗ halter mischt seine Karten, erst nur Einsätze von 50 Pfg., bald aber folgen auch Ver⸗ doppelungen, und Einsätze von 5 Mk. und höher sind keine Seltenheit.
Ein junges schmächtiges Kerlchen hat zu Anfang Glück gehabt und 20 Mk. gewonnen, jetzt setzt er, wie von der Natter gestochen und läßt keine Miene von den Karten ab; aber das Glück hat ihn verlassen, schon ist der Gewinn wieder zum Teufel und jetzt holt er sein letztes Zehnmarkstück aus der Tasche; er will wechseln, aber da zuckt es in seinem Gesicht und— er ruft„10 Mk. auf die 7“.— Im Augenblick sind sie weg; er greift noch einmal in die Tasche, aber— findet nichts mehr. Jetzt borgt er sich von seinem Nebenmann noch einen Taler! Das Kerlchen ist heute wie besessen!— Die Sache wird jetzt interessant! Mehrere der Um⸗ stehenden rücken jetzt die Stühle heran, stellen sich auf diese und beugen sich über die um den Tisch stehenden hinweg, um besser alles über⸗ sehen zu können. Kein Laut ist zu vernehmen und die Augen eines jeden bohren sich in die Karten in den Händen des Bankhalters. Dem vorhin erwähnten jungen Mann rinnen die Schweißtropfen von der Stirn, als er den gepumpten Taler mit zitternden Händen setzt. Da fallen die Karten und der Bankhalter streicht auch diesen Taler ein.—
Da, ein wilder Fluch des Verlierenden, über welchen die ganze Gesellschaft in schrilles Lachen ausbricht. Wütend hierüber verläßt er das Zimmer und stürmt hinaus.
Dem Wirt scheint die Sache nicht mehr geheuer und mit Gewalt macht er dem ver⸗ botenen Spiel ein Ende.— Schmunzelnd drückt sich der Bankhalter in eine stille Ecke und zählt seinen Rebbach. In der Zeit, wo dieser, der schon jahrelang nicht mehr arbeitet und sich bloß vom Spielen ernährt, darüber nachdenkt, wo er sich des Abends noch amüsteren kann, stürmen die andern, in ihrer Barschaft bedeutend erleichtert, zu Hause an die Arbeit, und schon schweißtriefend von der Ueberreizung beim Spiel, mit glanzlosen, blöden Augen vor sich hin⸗ starrend, beginnen sie die Arbeit. Jeder hastet darauf los, kein Wort wird dabet gewechselt, und man steht nichts als verdrießliche Gesichter. Da, nach einigen Stunden angestrengter Arbeit unter tiefstem Schweigen löst sich bei einem die Zunge und nun kommt die Unterhaltung in Fluß, aber nur um das Spiel und nur um das Spiel dreht sich dieselbe, und endlich ist bei allen der Entschluß gefaßt:„Nun einige Wochen tüchtig gespart und nicht aus dem Hause gehen, um dann den Versuch zu unter⸗ nehmen, das Verlorene beim Spiel wieder zu holen!“ So geht die eintönige Arbeit bei der⸗ selben Unterhaltung unter Fluchen und Schimpfen weiter, währenddessen sich unser Bankhalter von gestern mit„noblen Damen“ amüsiert. Der versteht sein Geschäft, und falls er über etwas nachdenkt, dann nur darüber, ob er morgen wieder einige Dumme von solchem Schlag wie gestern mit gespickten Kassen findet, und er wird sie finden!
Diese Krebsschäden in unsern Reihen aus⸗ zumerzen, ist eine schwere und oft sehr undank⸗ bare Aufgabe, nichtsdestoweniger ist es aber unsere heiligste Pflicht, auch an sie uns heran⸗ zuwagen und durch Bildung und Aufklärung gegen das Laster und seine unheimlichen Folgen anzukämpfen! Nicht mit Leuten, die durch dieses Laster mit grenzenloser Lethargie und Vernachlässigung aller ihrer Interessen stumpf dahinbrüten, ist es uns möglich, unsre hehren Ziele zu erreichen, sondern nur mit solchen, die davon befreit sind, klar denkenden und über⸗— zeugten Mitgliedern.
Deshalb Kampf dem Spielteufel durch Bildung und Belehrung unsrer Mitglieder; aber noch schärferen Kampf, auch wenn nötig, durch Polizei und Gericht den gewerbsmäßigen Spielern, die unsern Kollegen im Spiel die sauer verdienten Groschen abgaunern wollen!
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Bauernfreunde.
Die Herren Junker spielen sich heutzutage als Freunde der Bauern auf. Der Bruder Bauer soll den Itzenplitzen und Köckeritzen die Kastanien aus dem Feuer holen. Leider finden sich Bauern genug, die den Lockungen der Nachkommen jener Strauchritter und Bauernschinder Gehör schenken. Vergessen sind alle die Bedrückungen und Schinderelen, denen früher der Bauer seitens der Herren, der Schnapphähne, ausgesetzt war. Vergessen ist, daß die Bauern sich früher mit Todesmut gegen ihre Bedrücker gewehrt und in geradezu barbarischer Weise von ihren Herren in das alte Joch wieder eingespannt wurden. Vergessen ist auch, daß viele Tausende deutscher Bauern verstümmelt, geblendet, hingemordet, die deutschen Gauen mit dem Blute der Unglücklichen gedüngt wurden, um ihnen einen heilsamen Schrecken vor ihrer gottgesetzten Obrigkeit beizubringen.
Von dem tiefen Elend der Bauern unter dem Regiment der adeligen Bauernwürger, der Vorfahren der heutigen Bauernfreunde, entwirft Sebastian Münster(1489 bis 1552) in seiner Kosmographie folgende Schilderung:
„Sie(die Bauern) führen ein schlechtes, niederträchtiges Leben. Jeder ist von dem anderen abgeschieden und lebt nur für sich selbst mit seinem Gesinde und seinem Vieh. Ihre Häuser sind erbärmliche, aus Kot und Holz erbaute, auf das Erdreich gesetzte und mit Stroh bedeckte Wohnungen. Ihre Nahrung besteht aus schwarzem Roggenbrot, Haferbrei, gelochten Erbsen und Linsen. Wasser und Molken dienen ihnen als Trank. Eine Zwillich⸗ hose, zwei Bundschuhe und ein Filzhut machen ihre Kleidung aus. Von Ruhe wissen diese
Lente nichts, denn von früh bis spät müssen
ste arbeiten. Den Ertrag ihrer Felder und der Viehzucht bringen sie zum Verkauf in die nächste Stadt, wo sie dagegen dasjenige ein⸗
kaufen, dessen sie bedürfen, denn unter ihnen
finden sich wenige oder gar keine Handwerker. Ihren Herren müssen sie oft im Laufe des Jahres dienen, ihr Feld bebauen, besäen, die Früchte abschneiden, diese in die Scheuern führen, Holz hauen und Gräben ziehen. Dieses arme Volt muß alles tun und darf ohne großen Verlust nichts aufschieben.— Die Edelleute aber tun gar„lustbarlich“, kleiden sich kostbar und zieren sich mit Gold, Silber und Seide. Wenn sie ausgehen, folgt ihnen eine zahlreiche Dienerschaft; stie gehen langsam und machen so wohlbedachte Schritte, daß das gemeine Volk sie an ihren Gebärden erkennen kann. Wollen sie sich weiter fortbewegen, so gehen sie nie zu Fuß, weil sie meinen, das sei eine unehrliche Tat und ein Beweis für ihre Dürftigkeit; sind sie jedoch in Not, so schämen sie sich nicht, zu rauben, besonders seitdem das Turnier in Ab⸗ gang gekommen ist. Wenn ihnen jemand eine Schmach angetan hat, so betreten sie selten den Weg des Rechts, sondern versammeln ihr reisiges Gespann und rächen sich mit Schwert, Feuer und Raub und zwingen auf solche Weiße die⸗ jenigen, die ihnen Aerger bereitet haben, zur Genugtuung.“
Art läßt nicht von Art! Die Bauern von heute wollen das aber nicht begreifen und wählen zu ihren Vertrauens männern die Spröß⸗ linge jener Schnapphähne, für die ihre Väter blutig fronden mußten.
Humoristisches
Russische Patrioten.„Nicht wahr, Herr Graf, Ihr Sohn ist doch im Ausland tätig, um Liebesgaben für unsere Armee zu sammeln? Hat er schon Erfolg gehabt?“
„O ja, meine Gnädige, er hat sich bereits ein hüb⸗ sches Landhaus am Rhein gekauft.“(W. Jak.)
Verteidigerblüte.„.. Meine Herren, Sie wissen alle aus eigener Erfahrung, daß, wenn man des Morgens in aller Frühe einen halben Liter Schnaps getrunken hat, man zur Begehung eines Raubmordes bedeutend leichter disponiert ist, als im nüchternen Zu⸗ stande.“
. 7 Bemüht Parteifreunde! en he nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes.
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