Ausgabe 
15.1.1905
 
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Gießen, den 15. Januar 1905.

12. Jahrgang.

Redaktion: Nüirchenplatz 11. Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

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Ein sozialer Riesenkampf

hat im Ruhrkohlenrevier begonnen. Auf einer nicht geringen Anzahl Zechen sind die Bergleute in den Streik eingetreten, trotzdem die Leitung des Bergarbeiterverbandes und alle Führer die denkbar größten Anstrengungen machten, den Streik zu verhüten. Am Mittwoch Mittag schätzte man die Zahl der Streikenden auf 35000 und noch immer wurde weitere Ausdehnung der Ausstandsbewegung gemeldet. Es ist leicht möglich, daß sich bis zum Schluß der Woche 100000 Mann im Streik befinden.

Was ist der Grund zu dieser Riesenbewegung? Wir sagten schon, daß die Führer sich alle Mühe gaben, den Ausstand zu verhüten und sich dadurch selbst scharfe Angriffe von den Bergleuten zuzogen. So wurde dem Abg. Hus in einer Versammlung zugerufen: Das Bremsen muß aufhören! Es geht nicht mehr so weiter! Das beweist, daß sich eine außerordentlich gereizte Stimmung der Kohlen⸗ gräber bemächtigt haben muß. Ueber die Ent⸗ wickelung der Differenzen wurde derFrkftr. Volksst. aus dem Ruhrrevier folgendes ge⸗ schrieben:

Vor 3 Wochen versuchte die Verwaltung vonBruchstraße auf direkt ungesetzliche Weise die Arbeitsordnung zu ändern; auf Einspruch der Belegschaft erklärte der königliche Revier⸗ beamte, Bergrat Remy(Bergrevieramt Witten), die Aenderung für statthaft. Das darauf an⸗ gerufene Oberbergamt Dortmund rektiftzierte Remy und veranlaßte die Zurücknahme des Anschlages. Aber der Macher von Bruchstraße ist der Zechentöter Stinnes, der Zechen stilllegt,weil es für ihn vorteilhafter ist. Der Anschlag kam vorige Woche wieder und nun allerdingsvorschriftsmäßig gesetzlich. Bis zum 1. Februar solle die alte Seilfahrt bestehen bleiben, dann solle sie eine Stunde früher beginnen und die Ausfahrt beim Alten bleiben. Dadurch wird im Effekt eine Schicht⸗ verlängerung herbeigeführt die man ver⸗ geblich mit der UmschreibungSeilfahrtsab⸗ änderung aus der Welt zu schw- atzen ver⸗ sucht! Die Arbeiter wissen das, deshalb ihr einmütiger Protest. Fast alle großjährigen Belegschaftsmitglieder erklärten sich unter⸗ schriftlich gegen die neue Arbeitsordnung. Wohl sind die Arbeitervor Erlaß einer neuen(oder eines Nachtrages zur) Arbeitsordnung zu hören, indessen, damit ist auch der Arbeitereinfluß zu Ende. Wenigstens ist auf den Arbeitereinspruch ein Ukas erfolgt, in dem Diktator Stinnes die Zurücknahme des Anschlages strikte ablehnt. Was nun?

Zunächst hat die Verwaltung die Arbeiter deputation sechs Stunden lang im Straßen⸗ schmutz auf Antwort warten lassen; den Zechen⸗ blättern hatte sie schon vorher telephoniert! Dann verweigerte man der Belegschaft die ihr regulär zustehenden Brandkohlen, weshalb schon am Mittwoch Mittag der Streik teilweise aus⸗ brach, aber noch gedämpft wurde durch die Organisation. Dann aber wies man die Ar⸗ beiterdeputation brüsk als inkompetent ab. Offensichtlich ist, Herr Stinnes wünscht den Krieg!

Da brach er am Samstag auf der Zeche Bruchstraße, deren Besitzer der obengenannte

Stinnes ist, aus und zwar infolge der heraus⸗

fordernden, fast höhnischen Antwort, die dieser der Arbeiterdeputation auf ihre Beschwerde gegen die Verlängerung der Schichtdauer zu teil werden ließ. Stinnes erklärte heuchlerisch, daß die Verlängerung der Seilfahrtzeit keine Schichtverlängerung bedeute! Außerdem ver⸗ weigerte man, die den Bergleuten zustehenden Hauskohlen in genügender Menge zu liefern. Alles dies in Verbindung mit Verlautbarungen, wonach Militär herangezogen werden sollte, steigerte selbstverständlich die Erregung unter den Bergarbeitern aufs Höchste und am Sams⸗ tag früh fuhr die Morgenschicht derBruch⸗ straße in der Stärke von 250 Mann nicht ein.

Sofort fanden Versammlungen statt. Die Leute derBruchstraße ersuchten die Kameraden des ganzen Ruhrreviers ausdrücklich,nicht in einen allgemeinen Streik einzu⸗ treten, weil dadurch der Sieg unserer gerechten Sache in Frage gestellt wird. Auf anderen Zechen sollen die Kameraden erst dann Forde⸗ rungen stellen oder sich anschließen, wenn ihre Verwaltung die Zeche Bruchstraße direkt oder indirekt unterstützt. Kameraden, zeigt Euch solidarisch insofern, daß ihr die Disziplin hoch⸗ haltet und erst dann vorgeht, wenn unser Sieg erfochten ist.

Erfreulicherweise haben sich alle vier Berg arbetterorganisationen: Alter Verband, christl. Gewerkverein, Hirsch⸗Dunkerscher Gewerkverein und die polnische Berufsvereinigung verbunden und wollen in diesem Kampfe gemeinsam vor⸗ gehen und gemeinsame Aufrufe an die Arbeiter richten. Besonders werden letztere dringend aufgefordert, keinewilden Streiks zu beginnen, sondern straffe Disziplin zu halten. Ein all⸗ gemeiner Streik in der jetzigen Zeit nütze nur den Unternehmern, bedeute aber fur die Arbeiter Unheil.

Mißstände sind soviel vorhanden, daß die Arbeiter schon längst alle Ursache zum Streik hätten, zumal die Kohlenbarone Geld in Menge aus dem Schweiße der Arbeiter pressen und in ihre Taschen führen. Doch wissen die Orga⸗ nisationen vorsichtig mit der Waffe des Streiks zu hantieren. Die Unternehmer, die Kohlenbarone, sind es, welche den Streik wollen und provozieren! Sie wollen durch gesteigerte Kohlenpreise riesige Profite einheimsen und zugleich die erstarkenden Bergarbeiter⸗Ge⸗ werkschaften niederschlagen. Und von ihrem Standpunkte aus rechnen sie nicht unrichtig. Sie sind durch Kohlenvorräte auf lange hinaus gedeckt und können den Streik länger aushalten, als die Arbeiter; sie können dadurch auch die verhängnisvollen Folgen der Ueberproduktion beseitigen, die den Kapitalismus als sein dro⸗ hender Schatten begleitet. Die holde Harmonie zwischen Kapital und Arbeit enthüllt sich da⸗ durch, daß die Kohlen arone ihren Profit steigern, indem sie mit dem Schwerte nach dem Herzen der von ihnen ausgebeuteten Proletarier zielen. Die Sachlage ist so klar, daß selbst die kapitalistische Presse sie nur noch zu be⸗ schönigen, aber keineswegs zu leugnen wagt.

Es ist ein Spiel so freventlich und gemein, daß auch dem Blödesten die Widersinnigkeit der heutigenOrdnung klar werden muß.

Die Arbeiterfuͤhrer des Ruhrreviers tun, was in ihren Kräften steht, um den Ausbruch eines Streiks zu hindern. Das ist ihre Pflicht.

Wann aber deren Erfüllung ihnen durch das Verhalten der beutegierigen Kapitalisten un⸗ möglich werden sollte, trifft sie kein Cadel. Eine Grenze hat Tyrannenmacht! Die deutsche Arbeiterklasse wird den Kämpfern, so viel in ihren Kräften steht, helfend zur Seite stehen.

Dom preußischen sopialdemokralischen Parteitag.

Wir haben in der letzten Nummer unseres Blattes nur einen Teil der Verhandlungen des ersten preußischen Parteitags und zwar den⸗ jenigen über die Wohnungsfrage und über die Schulfrage wiedergeben können. Im Folgenden wollen wir in gedrängter Kürze die weiteren Verhandlungen unsern Lesern vorführen.

Die Diskusston über das Referat des Genossen Dr. Arons über die Schulfrage war eine sehr eingehende und ergiebige. Alle Redner stimmten darin überein, daß als Hauptforde⸗ rung die gänzliche Lostrennung der Schule von der Kirche erhoben werden müsse. Bruhns ⸗Kattowitz begründet zunächst einen Antrag, wonach der Parteitag entschieden gegen die Art und Weise protestiert, in der die preußi⸗ sche Regierung die Volke schule in den fremd⸗ bezw. gemischt⸗sprachigen Gegenden als Mittel zur sogenannten Germanisation mißbraucht. Dieser Antrag wird von Adler ⸗Kiel lebhaft unterstützt, wobei er darlegt, wie man in Nord⸗ schleswig planmäßig darauf hingearbeitet, die Schule in den Dienst der Germanisationspolitik der preußischen Regierung zu stellen. Aus der weiteren Diskussion sind noch die Ausführungen der Frau Lily Braun hervorzuheben, die an der Hand preußischer Schullesebücher nachweist, wie der Unterricht in der Volksschule in erster Linie auf die Entwicklung hurrapatriotischer Gesinnung zugeschnitten ist.

Abg. Heine⸗Berlin wünscht ebenfalls die vollständige Beseitigung deskirchlichen Dog⸗ matismus; es müsse aber an dessen Stelle treten: Religlonsgeschichte, Moral und Kunst⸗ pflege. Die Ausscheidung des Religionsunter⸗ richts ohne einen Ersatz würde zur Folge haben, daß die Kirche die Herrschaft über die Geister außerhalb der Schule nur noch erhöhen werde. Das sehe man vor allem in Frankreich. Redner unterbreitet einen entsprechenden Zusatzantrag.

Bei der Fortsetzung der Verhandlungen am folgenden Tage drehte sich die Debatte haupt⸗ sächlich um die Ausführungen Heines über die Relig:on, gegen die sich fast alle Redner wandten und für Trennung von Schule und Kirche ein⸗ traten. Es wurde ausgesprochen, daß, wenn man seine Ausführungen unterschreibe, der Satz Religion ist Privatsache aus dem Partei⸗ programm gestrichen werden müsse. Nur einige Redner, unter andern Dr. Liebknecht, wollten für die Zukunftsgesellschaft und die Zukunfts⸗ schulereligtöse Acquivalente zulassen in Ge⸗ stalt einer Kunstmoral und insbesondere Natur⸗ lehre, aber sie wollten sie nicht als Ersatz für den Religionsunterricht gelten lassen. Abg. Heine, der nochmals dos Wort nahm, wahrte seinen Standpunkt. Würde jetzt die aktuelle Frage gestellt, konfessioneller oder gar kein Religionsunterricht in der Schule, so würde er letzteres als kleineres Uebel vorziehen.