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Nr. 24.
Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Seite 5.
Ferner hielt unser Genosse dem Herrn Abgeordneten sein Verhalten zur Wahlrechtsvorlage vor. Warum habe er denn gegen das direkte Wahlrecht gestimmt? Abg. Leun erklärte, er sei kein Feind des direkten Wahlrechts, habe sich nur den„Luxus“ erlaubt, bei der ersten Beratung gegen die Vorlage zu stimmen. Häuser ver⸗ säumte nicht, diese Aeußerung gebührend festzunageln. Mit dem wichtigsten Rechte des Volkes dürfte ein Volks⸗ vertreter nicht ein solches Spiel treiben und sich den „Luxus“ erlauben, bald so und bald so zu stimmen; es bleibt die Tatsache bestehen, daß er gegen das direkte Wahlrecht gestimmt habe, weil bei direkter Wahl sein Mandat gefährdet ist, und wies das an den abgegebenen Stimmen nach. Bei der vorjährigen Abstimmung habe er gefehlt. Herr Leun suchte dies zu entkrästen, was ihm aber nicht gelang. Auf die Versammlung, mit deren Verlauf wir sehr zufrieden sein können, kommen wir nochmals zurück.
f. Eine Maler⸗ und Weißbinder⸗Ver⸗ sammlung fand am Sonntag in Steinberg im Lokale„Zur Krone“ statt. Zimmermann⸗ Frankfurt sprach sehr eingehend über:„Die deutschen Gewerkschaften und deren Einfluß auf die wirtschaftliche Lage der Arbeiter“. Der Vortrag wurde von der gut besuchten Versammlung sehr beifällig aufgenommen und in der Diskussion wurde die Notwendigkeit des gewerk⸗ schaftlichen Zusammenschlusses betont und zum Beitritt in den Verband aufgefordert. Eine Anzahl der An⸗ wesenden kamen dieser Aufforderung nach. Immer vorwärts!
n. In Reiskirchen fand am Samstag Abend im Lokale des Herrn Biermann eine gut besuchte Versammlung statt, in der Genosse Beckmann⸗ Gießen über Politische Tagesfragen sprach. Er betonte im Laufe seiner Ausführungen die Notwendigkeit der politischen Organisation, die für die Arbeiter besonders wertvoll sei. Es traten denn auch sofort 27 Mann dem Kreiswahlverein bei.
Aus dem Rreise Jriedherg⸗Büdingen.
— Konflikt im Vilbeler Gemeinderat. Von der Mehrheit des Vilbeler Gemeinderats wurden die Sitzungen auf eine Zest festgelegt, zu welcher die sozlaldemokratischen Mitglieder, die sämtlich Arbeiter sind, unmöglich erscheinen konnten. Dadurch war der Ge⸗ meinderat beschlußunfähig. Sie fanden sich auch auf Aufforderung des Kreisamts nicht ein. Jetzt sind sie auf den 4, Juli zur Verantwortung vor den Kreis⸗ ausschuß geladen.
Aus dem Nreise Alsseld⸗Cauter hach.
k. Eine rohe Tat. Vor dem Schöffengericht in Alg feld hatte sich am Montag der Fuhrknecht Joh. Bluhm wegen Mißhandlung eines Kindes zu ver⸗ antworten. Eines Tages sah er den 11jährigen Sohn des Schneiders Konrad Dechert mit andern Jungen spielen und ohne jede Veranlassung stieß er ihn mit dem Kopfe gegen die Wand, warf ihn zu Boden und versetzte ihm einen Fußtritt. Der Körperverletzung an⸗ geklagt, gab er die Tat zu, entschuldiste sich jedoch mit Trunkenhelt. Das Gericht bezeichnete die Tat als eine außerordentlich rohe und verurteilte den Angeklagten zu
1 Monat Gefängnis.
* Die Maurer in Alsfeld sind in eine Lohnbe⸗ wegung eingetreten. 0
Aus dem Nreise Wetzlar.
* Mißstände im Wetzlarer Konsumverein. Es gehört bekanntlich zu den Lieblingsbeschäftigungen der bürgerlichen und Kreisblattpresse, Mißstände aus sozlaldemokratischen Betrieben in die Oeffentlichkeit zu bringen, um den Spießern vor dem roten Gespenst gruselig zu machen. Vor allem müssen da die Arbeiter⸗ konsumvereine tüchtig herhalten, die— nebenbei bemerkt — nicht das Geringste mit der soztaldemokratischen Partei zu tun haben.— Werfen wir nun einmal einen Blick in die Bäckerei des Wetzlar⸗Braunfelser Konsumvereins, dessen Leitung aus auter kapitalistischen Elementen be⸗ steht, als da sind General⸗Direktoren, Bergräte, Kommerzlen⸗ räte, Millionäre usw. In diesem Betriebe werden ein Oberbäcker und zwei Gehilfen beschäftigt. Die wöchentliche Arbeitszeit beträgt durchschnittlich 78 bis 80 Stunden, die Hälfte dieser Zeit wird bei Nacht gearbeitet und der Lohn beträgt 22 Mk. pro Woche für die Gehilfen; der Lohn des Oberbäckers ist uns nicht bekannt, dürfte aber 35 Mk. betragen. Die gesetzlich zulässigen Ueberstunden werden mit 40 Pfg. vergütet,„aber“ so sagte der Geschäftsführer zu dem vor einiger Zeit neu eingetretenen Oberbäcker:„sorgen Sie dafür, daß keine Ueber⸗ stunden gemacht werden“. Infolgedessen herrscht auch das reinste Antreibersystem bei der Arbeit. Nichts destoweniger müssen aber doch genug Ueberstunden gemacht werden, ohne daß dieselben auf der Kalendertafel ver⸗ merkt werden: der Leitung des Vereins sind die Arbeiterschutzgesetze Luft, sie stehen nur auf dem Papier. Einer der Gehilfen wurde am 1. April um 2 Mk. Lohnerhöhung bei der Verwaltung vorstellig und in der am 23. Mal stattgefuudenen Aufsichtsratssitzung
wurde das Gesuch abgelehnt; in dieser ganzen Zeit hat also keine Sitzung stattgefunden.— Aber nicht allein die Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse lassen vieles zu wün⸗ schen übrig, auch die sanitären und hygienischen Zustände spotten jeder Beschreibung. So war z. B. den ganzen Winter hindurch das Klosett zur Nachtzeit verschlossen und die Bäcker mußen, wenn sie naß geschwitzt waren, in Wind und Wetter ihre Notdurft auf dem Hofe oder auf dem vorbeigehenden Wege verrichten! — Erst nachdem die Polizei von diesem skandalösen Zu⸗ stande in Kenntnis gesetzt wurde, schaffte der Herr Ge⸗ schäftsführer Abhilfe.— Eine Bade⸗ oder anständige Waschvorrichtung ist in dem Betriebe Luxus, man muß sich unter der Wasserleitung waschen. Ebenso fehlt es an einem An⸗ und Auskleideraum, hierzu wird die Um⸗ gebung des Gasmotors benutzt. Die Wände der Bäckerei scheinen seit Jahren nicht geweißt worden zu sein. An einer Stelle ist die Decke sogar nicht verputzt und an Mäusen und Heimchen ist auch kein Mangel vorhanden. — So sind die Zustände in einem kapitaltstisch geleiteten Genossenschaftsbetriebe.
Die Mitglieder aber, in der Mehrzahl Arbeiter und Kleinbauern, sollten sich etwas mehr um ihre Genossen⸗ schaft bekümmern; sie haben alle Ursache zu verlangen, daß ihr notwendigstes Nahrungsmittel, das tägliche Brot, unter anderen Verhältnissen hergestellt wird.
h.„Unparteiische“ Gemeinheit. Vorige
Woche sind einem Pferde der Baufirma Schneider und!
Comp. von ruchloser Hand mehrere Stiche in die Brust beigebracht worden. Eine solche rohe und gemeine Tat wird jeder vernünftige Mensch verurteilen. Die „unpartetischen“ Wetzlarer Nachrichten stellen aber, ehe noch eine Untersuchung stattgefunden hat, diese Tat als einen Racheakt eines streikenden Bauarbeiters hin. Das ist eine Verdächtigung, die an Gemeinheit der Tat selbst nicht viel nachgibt. Die Bauarbeiter sollten das ihrige zur Ermittelung des Täters tun. Gehörte er, was wir nicht glauben, zu den organisterten Arbeitern, so würden diese keinen Augenblick zögern, ihn mit Schimpf und Schande aus ihren Reihen zu jagen.
h. Zum Maurerstreik. Noch immer be⸗ harren die Wetzlarer Bauunternehmer auf ihren Herren⸗ standpunkt und sind den bescheidenen Forderungen der Arbeiter noch in keiner Weise entgegengekommen. Von den Streikenden sind bereits eine nicht geringe Anzahl abgereist und befinden sich in weit besseren Arbeits⸗ bedingungen, als sie in Wetzlar gefordert werden. Für die nächsten Tage hat sich wieder eine größere Partie zur Abreise bereit erklärt und es dürfte den Unternehmern schwer fallen, für diese Ersatz zu bekommen.— Wer hätte noch vor wenig Jahren geglaubt, daß die Wetzlarer Maurer einen derartigen Kampf durchführen würden? Es geht erfreulicherweise überall vorwärts!— Kürzlich hielten auch die Stein arbeiter eine Versammlung ab, nach welcher sich 20 Mann in den Verband auf⸗ nehmen ließen.
* Eine Berichtigung wünscht Herr Rein⸗ hard Richter, Metallgießerei in Wetzlar, von dem in der vorletzten Nummer unseres Blattes unter der Spitz⸗ marke:„Unternehmerfrechheit“ berichtet war, daß er einen Arbeiter geschlagen habe. Dies bestreitet Herr Richter; er will den Arbeiter Graf,„einen in validen, dem Trunke zuneigenden Arbeiter“ nur etwas unsauft an der Schulter angefaßt und ihn zu einem Coakshaufen geführt. haben. Es liege ihm ferne, meint er weiter, Arbeiter zu schlagen; auch habe sich der Betreffende beim Hinfallen nicht verletzt, sonst hätte derselbe nicht weiter gearbeitet.— Wir erblicken in dieser„Berichtigung“ höchstens eine Bestätigung der von uns mitgeteilten Tatsachen. Das„unsanft“ an der Schulter anfassen nennen andere Leute eben schlagen.
Westerwald und Anterlahn.
O Das Oberlandesgericht hat in der Klage, welche der Spediteur Heppe gegen die Gültigkeit der letzten Stadtverordnetenwahlen in dritter Abteilung gerichtet hatte, entschteden daß es den Beschluß des Bezirks ausschusses auf Abweisung der Klage bestätigt hat. Es hat keine Wahlbeeinflussung darin gefunden, daß der Oberbürgermeister vor der Wahl erklärte, er wolle demissionieren, wenn Heppe gewählt werde. Diese Auffassung des Gerichts wird wohl nicht allgemein geteilt werden. Der Arbeiterschaft ist wohl „wurschtig“, ob der Oberbürgermeister oder auch der Stadtvercrdneten⸗Vorsteher von der Wahl einer be⸗ stimm.en Person ihre Demission abhängig machen wollen, aber in der Bürgerschart dürfte es doch viele geben, die sich durch eine derartige Erklärung beeinflussen lassen. Unser Stadtoberhaupt aber wird sich mit der Zeit dar⸗ ein finden, ebenso wie es der Herr Stadtverordneten⸗ Vorsteher bei der vorletzten Wahl auch hat tun müssen, auch dann, wenn er es begreiflicherweise als keine An⸗ nehmlichkeit empfindet, mit Antisemiten vom Schlage des Herrn Heppe zusammenzuarbeiten, daß die Wähler darüber zu entscheiden haben, wen sie zu Stadtverordneten wählen wollen, und daß die Wähler sich um das persön⸗ liche Empfinden der hohen Herren nicht zu kümmern brauchen.
O Unsern Wahlkreis bereist zur Zeit ein Herr Dr. Böhme aus Berlin und hält an ver⸗ schiedenen Orten Versammlungen ab, in denen er seine Reichstagskandidatur anpreist. Aufgestellt als solcher hat er sich selbst, nennt sich deutsch⸗sozial und hofft bei der nächsten Wahl alle nationalgesinnten Wähler auf seine Kandidatur zu vereinigen. Der Vorstand der konserva⸗ tiven Partei hat ihn jedoch bereits abgeschüttelt. Falls der Mann bis zur nächsten Wahl seine Kandidatur auf⸗ recht hält, wird er das bürgerliche durcheinander lediglich um eine Stimme vermehren.
O Bürgerliche Unkenntnis in Verbindung mit einer guten Portion Unverfrorenheit kamen in der Stadtverordnetensitzung vom letzten Freitag zum Ausdruck bei Beratung eines Antroges zur Ab⸗ änderung der Konzessionierung von Wirtschaften. Herr Stadtverordneter Berdux meinte, die in der Nähe don Wirtschaften wohnenden Leute könnten besonders Sonn⸗ abends beobachten, wie die Arbeiter ihren Wochenlohn verjubelten, während die Frauen sich vor den Türen die Haare rauften, weil sie anderen Tags kein Geld für Brot zu kaufen hätten. Wenn„die in der Nähe von Wirtschaften wohnenden Leute“, die Herrn Berdux ihre Wahrnehmungen mitgeteilt haben, sich den Schlaf aus den Augen wischen würden, könnten sie bald merken, daß nicht bloß Sonnabends, sondern auch in anderen Nächten es keine Arbeiter sind, welche die nächtlichen Radauszenen vollführen, denn gerade in diesem Sommer feiert die„akademische Freiheit“ wahre Triumphe, sodaß die jungen Leute, die das Geld ihrer vielfach durch Arbeiterausbeutung reichgewordenen Väter verjubeln, alle Ursache haben zu singen bis zum frühen Morgen:„Ein freies Leben führen wir!“ Ein Mann aber, der in so leichtfertiger Weise wie Herr Berdux in öffentlicher Stadtverordnetensitzung die Arbeiter beleidigt, verdient ausgehauen zu werden(in Stein selbstverständlich), um als dauernd abschreckendes Beispiel zu zeigen, was für Leute in einer Universitätsstadt die kommunalen Angelegenheiten regeln.
OQEin Brotpreisaufschlag ist der Fleischver⸗ teuerung auf dem Fuße gefolgt. Die Wirkung dieses Aufsch ages auf den Haushalt eines kinderreichen Arbeiters sollten sich Leute von Schlage des Herrn Berdux einmal genau ausrechnen, bei etwas Vernunft würden sie dann zu anderen Anstchten kommen.
b. Paragraph 175. Hauptmann v. Horn von der ersten Kompagnie des Marburger Jägerbataillions wurde vom Dienste entfernt, weil er mit Untergebenen unzüchtige Handlungen begangen hat. Am Montag früh hat er Marburg verlassen.
* Verhaftete Sünder. Der Staatsanwaltschaft gestellt hat sich der wegen Sittlichteits verbrechen entflohene und steckbrieflich verfolgte Lehrer Pfeif fer aus Nassauerfurt.— Ferner wurde der Bureauvorsteher Renke, dem Fälschungen und Betrügereien zur Last ge⸗ legt werden, ebenfalls in das Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Renke führte früher ein sehr flottes Leben, für das aber seine Mittel nicht ausreichten, weshalb er sich solche durch betrügerische Mannöver zu verscha fsen suchte.
Letzte Nachrichten.
Reichstagswahl in Hamel n⸗Springe. Bei der Stichwahl am Donnerstag erhielt Brey(Soz) 10167, Hausmann Matl.) 14361 Stimmen. Letzterer ist somit gewählt.(Siehe pol. Rundschau.) ——.....—ñꝛ
Versammlungskalender.
Samstag, den 10. Juni. Gießen. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Löb(Wiener Hof).— Metall⸗
arbeiter. Abends 8¼ Uhr Versammlung bet Orbig. Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr Ver⸗
sammlung im Lokale zur„Wilhelmshöhe“. Zahl⸗ reich erscheinen!
Wieseck. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versamm⸗ lung im„Gambrinus“ bei Wacker.
BBB
Briefkasten.
Von Einsendungen mußten wir zu unserm Bedauern eine Anzahl zurücklassen. Die betreffenden Einsender wollen dies entschuldigen,
In eigener Angelegenheit. Zu dem Bericht aus dem„Correspondent“, siehe Seite 1 dieser Nummer, bemerken wir, daß Tarifver⸗ letzungen, wie sie in der letzten Buchdrucker⸗ versammlung besprochen wurden, bei uns nicht stattfinden. Sämtliches Personal wird von uns tarifmäßig entlohnt.
Gießen. Heppeler& Meyer.
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