Ausgabe 
11.6.1905
 
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Gießen, den 11. Juni 1905.

12. Jahrgang.

Nr. 24. Redaktion:

Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

SonntagsZeitung.

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Ii allgewalt'gen alten Römerreiche, Das breit sich lagerte um's Mittelmeer Und den Besitz der ganzen Welt verdaute, In einem Winkel, der zu großem Ruhme Als Allerletzter kaum berufen schien,

Von Männern, deren armer Stand und Name Zu keiner Ehre wird und keiner Macht,

Geschah das Wunder.

Da standen sie und predigten begeistert

Von einem Gpfer menschlichen Gerichtes,

Von jenem Schreinerskind aus Judenstamm,

Des edles Herz von Staat und Priesterschaft Verkanmt, verhöhnt, verfolgt am Kreuz verblutet. In allem Festesprunk und Völkertrubel,

Dor hohen Herrn und schaubegier'ger Menge Sie predigen von ihm.

Und mag der Spott von Trunkenheit auch witzeln, Mag auch der Priester giftig bohrend blicken, Der Schriftgelehrte mit den Achseln zucken,

Der Römer lachend auf den Bauch sich schlagen, Sie predigen von ihm.

Das sprüht wie Seuerfunken! Ihre Worte

Von inn'rer Glut getrieben flammen auf,

Ein heißer Regen! Sieh', und hier und dort Da findet sich ein lechzendes Gemüt.

In dem ein Scho prasselnd sie entzünden.

Da werden Augen glänzend, Mienen leuchten, Und Herzen schlagen wärmer, schlagen höher, Auf Adlers Schwingen hebt sich der Gedanke, Und immer heller flammt die Glut der Rede, Und immer fester schließt sich die Gemeinde,

Sie bleibt zurück, da sich der Schwarm verläuft.

Ein Bruderbund.

Nun teilt er Hab und Gut, und Lust und Leiden, Inmitten einer altersgrauen Welt

Den Anfang einer neuen kühn gestaltend,

Wo alle zeitlich äußer'n Schranken fallen,

Wo nur die Seele gilt, und jede Seele

Und der Verklärte sollte wiederkehren,

Sein Reich den treuen Jüngern zu begründen. Den Todesschatten ihnen selbst zerstreuend,

Und ihrer Feinde Heere niederschmetternd.

Er kehrte nicht zurück.

Ein längres Leben war der Welt beschieden, Als sie sich dachten, und das Todesrätsel,

Uns ist es nicht so einfach mehr gelöst.

Doch eines blieb, das Siel!

Das Siel, das jene schauten,

Das glänzt auch heut' noch aus Prophetenaugen, Das läßt auch heut' noch Herzen rascher schlagen Und immer neue, neue Gpfer bringen:

Der Bruderbund der Menschen und der Völker, Wo alle zeitlich äußern Schranken fallen,

Wo nur die Seele gilt, und jede Seele

Und dafür denken, schaffen, sorgen, leiden,

Das gibt allein dem klein begrenzten Ich

Den stolzen Anspruch auf die Swigkeit.

Für dieses Siel gehn unsre Werbeboten,

In rauchiger Fabrik, auf staub'ger Straße,

In dumpfer Hütte, weihelosem Saal

Der Menschheit heil'ge Rechte zu verkünden,

In Arbeitstieren Seelen wachzurufen

Und aus dem trägen Herdentrieb und Schlafe Persönlichkeiten, Menschen, aufzurütteln.

cose Pfingsten.

Su sprengen gilt es alle starren Bande

Die auf gesunden Geistes Wachstum drücken,

Veraltete, zu eng gewordene Schranken

Und kalter Selbstsucht Rücksichtslosigkeit.

Wir brauchen Freiheit! Freiheit zur Entfaltung

Der starken, guten Kraft, die in uns lebt,

Der Menschenwürde, die in Staub getreten,

Nur kümmerlich noch Blatt und Blüte treibt.

Die tönernen Kolosse müssen fallen.

Wir lassen uns von keiner Kerze blenden,

Wo uns die Sonne führt, die Sukunft ruft.

Schon spürt die Seit ein Beben, und vergebens

Putzt ängstlich ihre alten Götter sie

Mit doppeltem Theaterpomp heraus,

Unsicher greifen die Gewaltigen,

Bald nach der Peitsche, bald nach der Schalmei.

Der Glaube, der den Galgen überlebte

Der keinem Spott und keinem Haß erlag,

Den keine leere Freundlichkeit betörte,

Der keinem Herren dieser Welt sich beugte,

Der eigner Täuschung kraftvoll sich entwand,

Wird seines Weges unbeirrbar schreiten.

Getragen von Millionen bricht er doch

An's Licht hervor einst, wie das Leben selbst,

Das jeden Frühling in den Binden drängend

Die eng geword'nen Hüllen sich zerreißt.

Es muß der Geist zum Herrn des Stoffes werden,

Muß über jeden Gegner triumphieren,

Die Selbstsucht muß in die Gemeinschaft münden,

Das ist die große Suversicht der Pfingsten! K.

Die Apostel.

Am fünfzigsten Tage nach der Auferstehung ihres Meisters so meldet das zweite Kapitel der Apostelgeschichte saßen die Jünger Christi einmütig bei einander, als sich brausend über sie von oben her der heilige Geist ergoß, und sie, klein, beschränkt, unwissend zuvor, in allen Sprachen ihrer Welt mit feurigen Zungen zu predigen begannen. b

Man mag von den Wundern der Heiligen

Schrift wie immer denken; sicherlich haben die Spötter, die da meinten, die Herzensergüsse feuchtfröhlicher Brüder zu vernehmen, nicht Recht behalten. In der Stärke und der Vor⸗ trefflichkeit der Männer war die Gewalt nicht gelegen, an der die Waffen der griechischen Philosophen gleichwie die Folterwerkzeuge rö⸗ mischer Cäsaren kraftlos zersplitterten. Nicht als siegende Eroberer treten Gott und Heilige des neuen Testaments auf; ebensowenig wie die Apostel ist Jesus auf feinem Erdenwege ein Uebermensch gewesen. Eine Geschichtsauf⸗ sassung, die alles Gewaltige, davon uns die Menschheitsgeschichte erzählt, auf kraftgeniale Heldennatur zurückzuführen strebt, kann die Tatsache des Christentums nur durch Wunder erklären, will es sie nicht als eine Entgleisung aus vorgeschriebenen Bahnen zähneknirschend verdammen. a

Das erste Wunderwerk einer weltumspan⸗ nenden Organisation ist von den vielen errichtet

worden, von den vielen, die fähig sind, zum

bergeversetzenden Glauben, fähig zur Begeisterung, fähig zu unerschütterlichem Wagemut in der Verfolgung erfaßter Ziele. Von allen den mannigfachen Berührungspunkten zwischen der

Entwicklung des Christentums und der des Sozialismus ist vielleicht dieser der wichtigste, daß beide das Wesen der menschlichen Geschichte nicht in den Willensäußerungen und Willens⸗ konflikten einzelner Persönlichkeiten, sondern in einem höheren Unpersönlichen suchen, mag man es die Gottheit oder die Naturnotwendigkeit der Entwickelung heißen. Name ist Schall und Rauch.

Von den Kanzeln wird es zu Pfingsten ge⸗ sagt, daß die Zeit der Wunder noch nicht vor⸗ über sei: Wenn sich Morgens strahlend rot das Tagesgestirn über die Wolken hebt, Baum, Strauch und Gras sehnsüchtig sich ihm entgegen⸗ dehnen, wenn sich im stillen Nest hoch oben am rauschenden Gipfel das heimliche Werk der Liebe vollzieht und aus der toten Kalkhülle warmbewegliches Leben hüpft, vollzieht sich da nicht ein leibhaftiges holdes Wunder vor unseren Augen?

Gut denn, es sei! Laßt uns dann aber auch unser Pfingstwunder gelten! Die ewige gewaltige Macht, deren Wirken in jedem neuen Frühling sich wunderbar enthüllt, sie wirkt nicht minder gewaltig im Werden des Menschenge⸗ schlechts als im Werden der übrigen Natur. Nein, gewaltiger noch denn uns hat sie die süße berauschende Macht des Wortes gegeben, uns hat sie die Welt der Gedanken erschlossen, Zeit und Raum hat sie unseren Geist überfliegen gelehrt. Was tut es, daß ihre Apostel heute mit anderen Worten ihre Heilsbotschaft ver⸗ künden, als sie es vor eintausendneunhundert Jahren taten?

Auch Petrus fählte sich, da er die erste Pfingstpredigt hielt, nicht als ein Schaffender, sondern als ein Verkünder. Das Geheimnis,

daß Schaffen und Verkünden eines sei, war ihm nicht aufgegangen. Was werden sollte, erschien ihm einfach als das Notwendige, das ward, ohne daß man es wollte, ohne daß man es sagte. Abermals sehen wir die Extreme des trocken⸗vernünftigen Materialismus und begeisterter Religiösität hart zusammenstoßen. Kein Raum bleibt zwischen ihnen für die Auf⸗ fassung, daß Herrscher, Kanzler und Generäle bevorzugte Werkzeuge Gottes seien. Für den Alliirten von Roßbach und Dennewitz ist da kein Platz; er ist vielmehr ein direkter Abkömm⸗ ling der Heidengötter, die, vom Olymp herab⸗ steigend, für und wider Ilion Partei ergriffen, die Wunder der Weltgeschichte sind keine Unter⸗ brechungen des natürlichen Entwickelungsganges,

sondern nur seine ruhig und stetig wachsenden

Erscheinungsformen.

Der Gedanke, Verkünder dessen zu sein, was werden muß, hat jenen wie uns die ruhige Gewißheit des Sieges und die Fähigkeit ge⸗ geben, uns im Glanze unseres künftigen Be⸗ sitzes zu sonnen. Zwischen toller Verzweif⸗ lungstat und stumpfem Geschehenlassen schwankt der Wankelmütige und Unsichere, das begetsterte Wort, die begeisterte Tat entspringt der ruhigen sicheren Gewißheit. Nie aber noch sind Wort und Tat so ganz eines gewesen, wie zur Zeit der Stiftung der christlichen Kirche und zur Zeit der erwachenden sozialistischen Bewegung. Das Christentum mußte seine Pfingsten haben, um zu werden, was er geworden ist. Wie einst den Römern der siegbringende Schild, ist den Aposteln in der Ausgießung des heiligen Geistes ihre einzige Waffe vom Himmel ge⸗ fallen und ihre beste: die Beredsamkeit. Wohl denn, auch wir erleben heute und täglich

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