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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 28.
Der Zar.
Von Professor M. v. Reus ner.)
Der höchste Bureaukrat Rußlands ist selbst⸗ verständlich der Zar. Die Minister bilden seine Kanzlei. Das einzige, was den Zaren von allen anderen Beamten unterscheidet, besteht darin, daß er außer Gott keinen höheren Vor⸗ gesetzten hat und daß er im Besitz eines Hofes ist. Das eine und das andere übt den un⸗ günstigsten Einfluß auf jeden Zaren. Vor allem fällt er der Ketzerei der Selbstvergötterung anheim. Ein Mensch, der jeden Tag zu hören bekommt, daß er ein großer Selbstherrscher, ein uneingeschränkter Gebieter eines nach hundert Millionen von Köpfen zählenden Volkes set, daß ihm göttliche Weisheit und göttliche Gnade innewohne, kann leicht den Grad des Wahn⸗ sinns erreichen, den die Aerzte als Größenwahn bezeichnen. Ein Autokrat der auf eine schwin⸗ delnde Höhe gehoben wird, beginnt sich in der Tat als eine Gottheit zu betrachten, die mit allen Eigenschaften eines höheren Wesens aus⸗ gestattet ist. Unter dem Einflusse seiner sonder⸗ baren Lage und Umgebung beginnt er sich wirklich als allmächtig allwissend, und unfehlbar zu halten. Kaiser Nikolaus II. ist am wenigsten vor dieser Selbstüberhebung geschützt. Er duldet ebensowenig Widerspruch wie seine Ahnen. Er haßte Witte wegen seines selbstbewußten Auf⸗ tretens. Er jagte wohlverdiente Staatsmänner fort, sobald sie das Gefühl der persönlichen Menschenwürde äußerten. General⸗Adjutant Wanowsky, der frühere Kriegsminister und dann Kultus minister, klagte nach seiner Ent⸗ lassung über den Zaren:„Der Kaiser ist so jung und will keinen Aelteren über sich haben. Er fürchtet, daß ich als Greis, ihn lehren und leiten würde. Er will alles selbst machen.“ In der Person Nikolaus II. führt der Größen⸗ wahn zu den traurigsten Folgen. Ohne jeden politischen Sinn und ohne jede politische Be⸗ gabung sucht er Charakterstärke durch läppischen Starrpnn zu ersetzen, und Selbständigkeit durch — passiven Widerstand gegen alle, die er als für sich gefährlich erachtet. Mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit klammert er sich an die Idee des Absolutismus, obwohl er selbst sehr gut einsieht, daß sie nicht mehr zu verwirklichen ist. Er ist jetzt nicht in der Lage, die Revolution zu bekämpfen, und bekämpft sie auch nicht— aber er nimmt zu einer höchst sonderbaren Taktik Zuflucht. Hinter den Mauern des Palastes sich verbergend, sitzt er und wartet. Er weiß sehr wohl, daß sie kommt, die fürchterliche, un⸗ abwendbare Macht. Er steht es sehr gut, daß sie mit jeder Stunde näher und näher kommt. In ihr kommt vielleicht sein eigener Tod, der Tod der Dynastie, allein... wie unter einem Alpdruck befangen, wie von Entsetzen unterjocht, sitzt er und wartet und hat keine Kraft, um der Gefahr vorzubeugen; er kann sich nicht entschließen und wird sich auch nicht entschließen; er wird den Absolutismus bis zum letzten Augenblick nicht aufgeben. In dieser Lage verharrend, wird er den letzten Ausbruch des Sturmes abwarten, und dieser Sturm wird ihn ins Verderben stürzen— und dennoch will er ihm nicht aus dem Wege gehen. Was für ein tragisches und jämmerliches Bild zugleich: ein gekröntes Kaninchen vor dem Rachen der Revo⸗ Iution, ein Zar, durch den Absolutismus an die Guillotine gebunden.
Der Hof des Zaren ist am wenigsten ge⸗ eignet, den Selbstherrscher zur Bestnnung zu wecken und ihn zu veranlassen, eine Verfassung zu geben. Der Hof ist ausschließlich darauf bedacht, daß der Monarch vom realen, lebendigen Leben abgeschnitten bleibe. Der Hof ist eine Organisation der Lüge, ist eine heilige Kaste, wo alle Begriffe und Be⸗ ziehungen absichtlich entstellt werden. Der Hof ist ganz und gar für sich abgeschlossen. Nur diejenigen, welche durch Generationen hindurch in Vergötterungen der hohen Persönlichkeiten und in stlavischer Verehrung für den Thron erzogen werden, haben darin Zutritt. Die Hofschargen sind wohlerzogene Sklaven, die sich
(“Aus dem Buche von Professor M. v. Reusner Die russischen Kämpfe um Recht und Freiheit. Halle, Verlag von Gebauer⸗Schwetschke.
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als Gentlemen gebärden. Sie können schmeicheln, indem sie sich den Schein des Unabhängigen geben und vornehm tun, sie kriechen und sehen doch dabei aus, als wären sie voll aufrichtigster Begeisterung, sie lügen immer, fälschen die Tatsachen und verstehen zugleich, als aufrichtige und wahrheitsliebende Menschen zu erscheinen. Die Schauspielkunst und das Komödiantentum ist nirgends so entwickelt wie am Hofe. Und alle Ziele, alle Bestrebungen dieser Menschen sind nur auf das eine gerichtet; um die Hoheiten in eine undurchdringliche Hülle zu weben, die ste von der Gesellschaft und dem Volke trennt; mit eigenen Mitteln eine Fälschung des öffent⸗ lichen Lebens vorzunehmen und die Hoheiten daran glauben zu lassen, sie an den rosigen Nebel des Luxus und der Huldigung zu gewöhnen, um dann diese Menschen mit atrophiertem Willen und Geist ganz und gar in die eigenen Hände
zu bekommen. (Schluß folgt.)
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Unterhaltungs-Cril.
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Aussiseher Rampfruf.)
Der Groll, der Naß, der Sorn ist erwacht Ob all der zaristischen Niedertracht—
Der Boden schwankt und die Erde bebt Vom geknuteten Volk, das nach oben strebt. Verschwunden ist sie, die heilige Scheu
Vor der Tyrannei und der Barbarei.
Es ballt sich die Faust, die von Ketten schwer, Su trotziger, blutiger Gegenwehr.
Ob abgeschlachtet für Sar und Reich,
Ob fallend für Freiheit, das gilt jetzt gleich— Drum lieber gestorben für's freie Recht,
Denn als zaristischer Henkersknecht!
Eine Woge braust über's Russenland,
Sie nahm ihren Lauf von Gstasiens Strand, Wo vor der„siegenden Sonne“ Macht
Die Sarenherrschaft zusammengekracht.
Anna.
Von einem Frankfurter Arbeiter.
Sie kannten sich schon als Kinder. Auf dem Schulweg und dem Spielplatz waren sie immer zusammen gewesen und mit der Zeit hatte sich ein inniges Freundschaftsverhältnis zwischen ihnen herausgebildet. Er hatte ste oft gegen die Quälereien und Mißhandlungen seitens der anderen Kinder, namentlich der Knaben, energisch verteidigt, und er freute sich, wenn sie bei ihm Schutz suchte. Er pflegte sich dann neben sie zu setzen, und während sie die reichlich flteßenden Tränen trocknete, erzählte er ihr von fernen Gegenden, von Schlössern und Burgen, und was er sonst noch alles aus den Büchern, die er gelesen, wußte.
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Nun waren sie beide der Schule entwachsen, und mit den Jahren hatte sich ihre gegenseitige Zuneigung noch inniger gestaltet. Karl Eiche⸗ nauer war in einer Fabrik als Maschinen⸗ schlosser beschäftigt und Anna Wengler in einer Wäscherei als Büglerin tätig. Mit dem kargen Lohn, den sie erhielt, mußte sie für sich und ihre Mutter den Unterhalt bestretten, und trotz⸗ dem sie von früh Morgens bis spät in die Nacht in der dunstigen heißen Stube am Bügel⸗ tisch stand, wollte es kaum ausreichen, das Notwendigste zu beschaffen.
Karl pflegte sie nach Feierabend abzuholen und sie klagte ihm dann oft ihre Not. Er tröstete sie wie in früheren Zeiten und sprach ihr Mut zu:„Nur noch zwei oder drei Jahre, dann habe ich mir soviel erspart, daß wir uns einen bescheidenen Hausstand gründen können!“ sagte er, indem er ihre Hand drückte,„dann brauchst Du Dich nicht mehr abzuquälen.“
) Ernst Klaar: Knute und Bombe. Lieder und
Gesänge für ein freies Rußland.(Verlag M. Ernst, München.)
Sie hörte ihm lächelnd zu und ging mit neuem Mut an ihr mühsames Tagewerk. Karl verdoppelte seinen Eifer und legte, was er von seinem Verdienst erübrigen konnte, auf die Seite.
Sonntags machten sie kleine Spaziergänge oder nahmen an den Arbeiterfesten teil, die alljährlich gefeiert wurden.
Solche Feste waren namentlich für Anna stets eine wohltuende Abwechslung in ihrem eintönigen Dasein, und ihre Wangen, die recht bleich und durchsichtig geworden waren, röteten sich vor Vergnügen. Gar oft betrachtete Karl mit Besorgnis die blassen, müden Züge seiner Geliebten und er mußte sich Gewalt antun, um die Tränen zu verbergen, die ihm heiß in die Augen stiegen.
„Geduld, Schatz! Bald haben wir soviel, daß Du Dich nicht mehr abzurackern brauchst. Wir fangen klein an, aber ich werde unser Heim so hübsch und traulich wie möglich ein⸗ richten und Du sollst mir als mein liebes, kleines Frauchen dabei helfen.“
Sie lächelte müde, schlang ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn leidenschaftlich auf den Mund. Plötzlich ließ sie los, ein Husten⸗ anfall schüttelte ihren zarten Körper und auf den Wangen wurden zwei brennende rote Flecke sichtbar. 90
Karl nahm sich bestürzt ihrer an, aber sie wehrte lächelnd ab:„Laß nur, lieber Karl, es geht vorüber, ich glaube, ich habe mich erkältet. Bitte, laß uns nach Hause gehen!“
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Eines Tages nahm Karl sie mit in die Oper. Man gab den Trompeter von Säckingen. Anna strahlte. Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß ihr ein solcher Genuß geboten wurde. Leuchtenden Auges verfolgte sie die Vorgänge auf der Bühne. Besonders wirkungsvoll war die Trennungsszene:
Das ist im Leben häßlich eingerichtet,
Daß bei den Rosen gleich die Dornen steh'n,
Und was das arme Herz auch sehnt und dichtet,
Zum Schlusse kommt das Voneinandergeh'n.
In deinen Augen hab' ich einst gelesen.
Es blitzte drin von Lieb und Glück ein Schein;
Behüt' dich Gott! Es wär zu schön gewesen,
Behüt' dich Gott, es hat nicht sollen sein!
Tief ergriffen blickte Anna vor sich nieder. Karl beobachtete ste verstohlen und er freute sich in stillen— well sie sich freute. Als der Vorhang gefallen und beide den Heimweg an⸗ traten, ward Anna nicht müde, über das Stück und die schöne Mufik zu plaudern.
Karl versprach ihr, sie noch recht oft ins Theater zu führen und sie drückte ihm dankbar die Hand.
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Durch rastlosen Fleiß und Sparsamkeit hatte er es endlich dahin gebracht, einen, wenn auch bescheidenen Hausstand zu gründen. In vier Wochen sollte Hochzeit sein. Anna freute sich wie ein Kind und ihre müde blickenden Augen belebten sich zusehends. Sie ging nicht mehr in die Wäscherei und war nun emsig beschäftigt für ihr künftiges Heim zu nähen und zu schaffen.
Eines Morgens lag sie frierend und heftig hustend im Bett. Sie fühlte sich elend und schwach und vermochte nicht aufzustehen. Die besorgte Mutter holte einen Arzt und dieser sah auf den ersten Blick, daß hier nicht mehr zu helfen war. Die zwei verräterischen Flecken brannten wieder auf ihren Wangen und zwischen den Lippen sickerten dunkle Blutstropfen hervor. Der Arzt, der diese beiden Frauen nicht auf⸗ regen wollte, sprach einige beruhigende Worte und verschrieb zum Schein ein Medikament. Rae sorgfältige Pflege und absolute
uhe.
Die Tage vergingen und Anna nahm zu⸗ sehends ab. Ihre Mutter und Karl, so oft es dem letzteren die Zeit erlaubte, wichen nicht von ihrem Bette.
An einem Sonntag lag ste ruhig da und hielt die arbeitsharte Hand Karls zwischen ihren abgezehrten Fingern. Sie fühlte sich wohler, die Schmerzen in der Brust und der Husten hatten nachgelassen. Die Fenster waren geöffnet und die würzige Frühlingsluft drang mild herein. Feierliche Glockentöne klangen


