Ausgabe 
8.10.1905
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 41.

Aus]Not.

8 Die bisher unbestrafte 31 Jahre alte Dienst⸗ magd Völker aus Gießen mietele sich in Mainz im August mit ihrem Kinde in einer Wirtschaft auf der Rheinstraße ein. Sie nannte sich Frau Gruber und gab an, zur Erholung hier zu weilen und von ihrem Manne monat⸗ lich das Geld geschickt zu bekommen, auch habe ste auf der Sparkasse in Kassel 680 Mk. Eines Tages lieh sie sich 12 Mk., um nach Kassel u fahren und ihr Geld auf der Sparkasse zu olen. Sie reiste aber nach Marburg, wo ste dieselben Schwindeleien machte. Am 12. Sep⸗ tember wurde sie verhaftet uud ihr Kind kam ins Waisenhaus. Vor Gericht behauptete sie in großer Not gehandelt zu haben, ste hätte außer ihrem Vater nimand mehr und der wäre im Irrenhaus in Hofheim. Arbeit hätte sie des Kindes wegen nirgends be⸗ kommen und da ste dasselbe nicht verhungern lassen wollte, hätte ste die betrügerischen Sachen gemacht. Das Mainzer Schöffengericht verur⸗ teilte ste zu 20 Tagen Gefängnis.

Saubere Bäckerei. Ekelhafte Zustände in einer Bäckerei

gaben den Anlaß zu einer Beleidigungsklage

des Bäckermeisters Kranke in Dresden gegen seinen ehemaligen Gesellen Lehmann. Während des letzten Bäckerstreiks hatte Lehmann in einer Gehilfenversammlung gesagt, Bäcker⸗ meister Kranke verbacke stinkige Butter, auch habe er Schrot verbacken, in dem mehr Mäusedreck als Schrot enthalten gewesen sei, und als er(der Gehilfe) sich darüber auf⸗ aufgehalten habe, hätte Meister Kranke ge⸗ äußert:Die Leute fressen alles! Vor Gericht wurden diese Angaben durch ver⸗ schiedene Zeugen bestätigt und die Verhandlung endete deshalb mit der Freisprechung des An⸗ geklagten Lehmann. Sämtliche Kosten wurde dem Privatkläger Kranke auferlegt.

Jus Gefängnis wegen 10 Pfennigen!

Der Pastor Schall in Goslar machte bei dem Weggange seiner Dienstmagd Anna Nitsche eine fürchterliche Entdeckung. Man fand nämlich bei der Verworfenen ein dem pastoralen Dienstherrn gehöriges Kontobuch im Werte von zehn Pfennigen, und in diesem offenbar, gestohlenen Kontobuch hatte sie der er⸗ schreckendste Ausfluß ihrer verworfenen Gesinn⸗ ung Kochrezepte notiert! Eilends zeigte der Herr Pastor diese Morttat an und erreichte denn auch sein menschlich o so schönes Ziel: das Mädchen wurde vom Goslarer Schöffen⸗ gericht zu fünf Tagen Gefängnis verur⸗ teilt!Die Nitsche(wie es in dem edlen Jargon der bürgerlichen Gerichtsberichterstattung heißt) legte jedoch Berufung ein unter der Be⸗ ründung, daß ihr das Kontobuch von einer

itbediensteten geschenkt worden sei. Darauf kam es nun zu erneuter Verhandlung vor der Strafkammer. Es wurde aber Vertagung be⸗ hufs Ladung weiterer Zeugen beschlossen. Hoffent⸗ lich wird es dem Herrn Pastor doch noch ge⸗ lingen, dies Mädchen ins Gefängnis zu bringen. Für diegestohlenen 10 Pfennig! Denn die kleinen Diebe müssen schonungslos gehängt werden, während die großen, die Teuerung und Elend aller Art über ein ganzes Volk bringen, um sich in Form rechtens den Wanst zu füllen, mit ihren Titeln und Würden frei herumlaufen. Das ist der gerechte Ausgleich der Interessen! Solches nennt man Christentum!

Ein weiblicher Verteidiger vor Gericht.

Den überaus seltenen Anblick eines weib⸗ lichen Verteidigers genoß man bei einer Ver⸗ handlung vor der Berliner Berufungskammer des Landgerichts II unter Vorsitz des Land⸗ gerichtsrat Koch. Es handelte sich um eine Anklage gegen einen Bauerngutsbesitzer Götze in Koepenick, der fortgesetzt wegen des ihm streitig gemachten Rechtes zur Benutzung eines über fiskalischen Grund und Boden führenden Weges in Konflikt kommt und schon mehrmals freigesprochen worden ist, obwohl seit einiger Zeit eine Tafel mit der InschriftVerbotener Weg daselbst prangt. Als Verteidigerin dieses

Rechts erschien die Schwester des Angeklagten, Frau Gutsbesitzer Rückert, die auf Grund des § 138 der Strafprozeßordnung durch Gerichts⸗ beschluß zugelassen worden war, weil sie am besten mit den recht verwickelten Rechtsverhält⸗ nissen in Gemäßheit ihres Familienarchivs Be⸗ scheid wußte. Der weibliche Anwalt, der mit großem Aktenstoß im Saale erschien, erfreute sich einer so zuvorkommenden Behandlung, daß ihn mancher zünftige Kollege darum beneiden konnte. Die Dame n sich übrigens ihrer Aufgabe mit einer bewundernswürdigen Sach⸗ kunde und brachte dem Gerichtshofe die Ueber⸗ zeugung bei, daß ihrem Bruder mindestens der gute Glaube innegewohnt habe. Der Gerichts⸗ hof erkannte auf Freisprechung.

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1 Unterhaltungs-Ceil.

In der Zwickmühle. Erzählung von R. Schweichel.

(Fortsetzung.)

So frohndete er geduldig weiter, einen Tag nach dem anderen, und bereickerte seine Pflanzen⸗ kenntnis; aber die Pflanze, welche Mensch heißt, blieb ihm verhüllt. Eines jedoch entging ihm nicht. Anna wurde mit jedem Tage wort⸗ karger, kälter und fremder gegen ihn. Ver⸗ gebens suchte er die Ursache zu ergründen. Er wußte nicht, daß die Dorfwirtshäuser es mit den Börsen gemein haben, daß man daselbst Alles erfährt, Alles weiß. Von seiner Pflanzen⸗ suche hatte er in derSonne nichts erzählt, aber man hatte ihn und Amalie oft genug da⸗ bei gesehen und beobachtet und davon im Wirts⸗ hause geschwätzt, vielleicht mehr, als zu sagen war. Die Mittagsstunde war bisher die glück⸗ lichste für ihn gewesen; da hatte sich alles Trübe für ihn gelöst, da hatte ein heiteres Wort, ein tellnehmender Blick von Anna selbst die Plackereien mil Eulenrieds hoffnungsvoller Kindlichkeit, die ihm seine Schwäche bald ab⸗ gelauscht, vergessen lassen. Nun legte sich ein Reif darüber, den seine traurig fragenden Mienen nicht hinweg zu schmelzen vermochten. Eine Gelegenheit, mit Annerl unter vier Augen zu reden, wußte er nicht zu finden. Es war Alles für ihn zu Ende. 4

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Eines Mittags trug er einen schweren Vor⸗ satz in dieSonne. Er wollte sich fortan das Essen durch die Frau des Küsters, die ihm aufwartete, aus dem Wirtshause holen lassen.

Ja, warnm denn das? fragte die Sonnen⸗ wirtin verwundert, als er mit seinem Anliegen endlich herausrückte.Der Mensch soll mit den Menschen leben und nit einsam wie, ein Uhu in seinem Nest. Da kriegt er erst den richtigen Verstand, den er braucht. Nehmen's mir nit übel, Herr Greiner. Er drehte und wandte sich. Der Pastor hatteseinem jungen 18 wohlmeinend den Rat gegeben. Es

ele ihm durchaus nicht ein, die ihm unter⸗

stellten Lehrer irgendwie in ihrer Freiheit zu beschränken, hatte er geäußert, indessen gebe er doch Greiner zu bedenken, daßder täg⸗ liche Wirtshausbesuch mit dem Berufe eines Bildners der Jugend sich nicht gut ver⸗ einigen ließe. Zum Diplomaten fehlken dem jungen Lehrer jede Anlage, und so quälte er es denn endlich heraus:Der Herr Pfarrer meinte

Die Wirtin fiel ihm in's Wort, während die Tochter unauffällig die Stube verließ: Freilich, freilich, wenn's der Herr Pfarrer meint... Ich hab's nur nit gewußt, daß Sie den Berg hinauffahren wollen. Da tut ein Vorgespann halt gut. Greiner schlug das helle Feuer aus den Wangen.Ich verstehe Sie nicht, Frau Firstmann, rief er, und sie ver⸗ setzte, indem sie mit der fleischigen Hand] das Tischtuch glatt strich:Tut halt nichts.

Lassen Sie also das Essen nur holen! Lang wird's ja nicht dauern. Und gute Unterhaltun in ihrem Nest! Sie stand vom Tische auf. Er wollte ihr danken, aber ste wehrte ab. Mit schwerem Herzen war er gekommen, mit schwererem schlich er zurSonne hinaus.

Er könnt' einem leid tun, der Kindskopf, grollte die Wirtin, und ihre Tochter, die dar⸗ über wieder in die Stube gekommen war, rief mit unterdrückter Leidenschaft:Aber es ist⸗ doch nicht auszudenken, daß er die alte Jungfer heiraten soll!

Warum denn nit?! Hat der Pfarrer nicht auch mit ihren beiden jüngeren Schwestern die Sach' zu deichseln gewußt? Sie zuckte die vollen Schultern.

In der Schule schienen Nachmittags die wilden Indianer ihr Lager aufgeschlagen zu haben. Ruprecht ließ es gehen, wie es wollte. Es war ihm alles gleichgültig. Lange aller⸗ dings nicht. Denn als er nach dem Unterricht in den Wald eilte, um von der schnöden Welt nichts mehr zu sehen, da ward ihm so unsäg⸗ lich weh zu Mut, daß er sich unter ein Hasel⸗

ußgebüsch auf die Erde warf und weinte. Dann brannte der Zorn in ihm auf über sich wegen seiner Schwäche und über das Annerl, das sich so bald von ihm gewendet hatte. Was hatte er sich denn zu Schulden kommen lassen? Daß er mit der Amalie von Pastors botanistert ate Es war zum Lachen wenn er nur qätte lachen können! Aber gut ste sollten Recht behalten in derSonne! Pastor Köschke sollte sein Schwiegervater werden und das Annerl 15 erkennen, wie ungeheuer gleichgültig sie m war.

Es durchblitzte ihn anfangs nur. Allmälig aber fraß es sich in sein Herz ein, wie ein Wurm in das Fleisch eines Apfels. Nun wollte er die Gunst auch verdienen, die ihm Amalie entgegengebracht hatte. Daß er es in der ungeschicktesten Weise tat, schmeckte dem Fräulein Amalie wie die ersten Weintrauben. Der Pastor schien nichts zu bemerken. Nur einst, als er des Abends Kühle genteßend in seinem Garten wandelte, gleich dem Herrn im Paradiese, nur mit dem Unterschiede, daß er aus seiner langen Pfeife dampfte, während setne Frau, verschüchtert wie immer, auf einer Bank saß, ließ er, vor der Gattin stehen bleibend, die Worte fallen:Ich glaube, meine Liebe, wir haben demnächst an eine Aussteuer zu denken! 5

Der Herr erlöse uns, rief die Fran, ohne den Satz zu vollenden, indem sie von der Bank auffuhr und wieder zurückftel.

Amen! rief er und lachte, und die Frau murmelte, indem sie ganz in sich zusammen⸗ sank:Golt verzeih' mir die Sünde, sie ist ja doch mein Kind!

Am Pfingstsonntag sah Ruprecht vom Chor aus das Annerl unten im Gestühl sitzen, und er erschrak ob ihrer Blässe. Während der ganzen Predigt ließ er die Augen nicht von ihr, und fort und fort rief es ihm:Ach, wie blaß, wie blaß! Der jammervolle Anblick wendete ihm das Herz um.

Am zweiten Feiertage suchte sein Blick sie vergebens in der Kirche. Nachmittags sollte er im Pfarrhause Kaffee trinken und den Kuchen rühmen, den Amalie zum Feste gebacken hatte, daran ein gemeinsamer Spaziergang nach dem Forsthause sich schließen. Die im Buchenwalde auf der Höhe gelegene Försterei war ein be⸗ liebter Ausflugsort von Eulenried und den be⸗ nachbarten Dörfern. Man konnte dort Milch, Kaffee, Bier haben, und die reizende Aussicht ins Tal kostete nichts!

In der Pfarre wartete man vergebens auf den Lehrer. Man mußte ohne ihn den Keffee trinken, ohne ihn auf den Weg sich machen. Auf der Stirn des Pastors, der schweigend vorausschritt, braute ein Gewitter. Plötzlich stieß Amalie einen Schrei aus. Was es denn

ebe? fragte der Vater unzufrieden und wandte scch. Amalie konnte nicht reden; sie deutete mit der Hand nach einer Anhöhe, die nicht weit ab von der Försterei aus dem Grün der Buchen hervorsprang.Wohl ein Liebespaar, das sich dorthin geflachket hat, sprach der Vater.

Meine Augen sind nicht mehr scharf genug,