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Nr. 2. Gießen, den 8. Januar 1905. 12. Jahrgang. Nüdaktion: 2 Nebaktionsschluß: Kirchenplatz 11. Schloßgasse Mitteld eutsche Dannerztag Neachutng 4 Uhr. 2
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Gefängnis.
8 0 165 5 — 7. 4 2 f 8
Im datschen Rechtsstaate!
Obiges Bill, das wir in der letzten Nummer unseres Blattesbereits erwähnten, ist die genaue Wiedergabe eiser photographischen Aufnahme, die im Zimmr eines Gefangenen auf der Festung Eh enbreitstein gemacht wurde und zwar vernttelst Blitzlicht um— halb 1 Uhr nachts.
Das Bild eigt drei Gefangene, die sich's bei gefüllten n hinter einer Batterie leerer Flaschen wohl ein lassen. Am wohlesten von den Dreien ist e aber jedenfalls dem lächelnden Jüngling auf er rechten Seite des Bildes, der zudem besoyeren Anspruch auf unser In⸗ teresse machen krf, als es sich sozusagen um eine historische Zersönlichkeit handelt. Es ist nämlich Fähr ich Hüssener, der tapfere Held, der am Istertag des Jahres 1903 in
ner Vatersta; Essen in Erfüllung seiner arten, harten Soldatenpflicht“ wegen Nicht⸗ zens den C. jährig⸗Freiwilligen Hartmann
derstach. 1
Hüssener wide bekanntlich wegen dieser
vom Mari kriegsgericht in Kiel zu vier
ren Gefänges und Degradation, von der
ungsinstan dagegen zu zwei Jahren
g ohne egradation verurteilt. Der
err hatte beiden Instanzen sechs Jahre Zuchthaus beanagt. a
Ende 1903 sezog Hüssener die Festung Ehrenbreitstein. Wie„schwer“ er dort unter seiner„Strafe“ üßt, zeigt unser Bild.
Er genießt uhr Freiheit als ein im Dienste des Kapitals si abmühender Arbeiter. Im vergangenen Sumer konnte die„Rheinische Haan mitteih, daß Hüssener des Oefteren
rlaub erhalte ud eines Sonntags mit Freun⸗ den lustwandelnhin Köln gesehen worden sei.
Eine Berichtigung seitens der Militärb
. ehörde ist nicht erfolgt. In einem Coblenzer Hotel in der Nähe des Bahnhofs ist Hüssener den Kellnern unter dem Namen„Werner“ als sonn⸗ täglicher Frühschoppengast bekannt.
Die ihm für seine schändliche Tat zudiktierte „Strafe“ ist nicht anders als Erholung zu be⸗ trachten. Auf dem inmitten landschaftlicher Reize gelegenen Ehrenbreitstein mag es sich für „Gefangene“ aus den besitzenden Klassen außer⸗ ordentlich gut leben lassen. Jeder Gefangene hat sein gut eingerichtetes Zimmer, das nicht verschlosen und nur in längeren Zwischen⸗ räumen untersucht wird. Wir können aus eigener Anschauung bestätigen, schreibt unser Kölner Parteiblatt, daß das Zimmer eines solchen Gefangenen, was Umfang und Wohn⸗ lichkeit betrifft, den unter Proletariern üblichen Räumen weit vorzuziehen ist.
Daß die hier angeführten Tatsachen richtig sind, beweist die nach der Veröffentlichung obigen Bildes von der Coblenzer Militärbehörde er⸗ lassene Erklärung, wonach die Angelegenheit untersucht werden soll. Wäre irgend etwas unrichtig, so hätte ein scharfes Dementi des Festungs⸗ Gouverneurs gewiß nicht auf sich warten lassen. Das Bild zeigt die Gerechtig⸗ keit der heutigen Rechtspflege. Man erinnere sich an die Zuchthausurteile gegen„aufrührische“ Soldaten; an das Löbtauer Zuchthausurteil! Wegen unbedeutender Dinge wurden damit ehrliche Leute auf viele Jahre in's Zuchthaus geschickt! Und sozialdemokratische Redakteure, die in ihrer Ueberzeugung ein Wort zuviel geschrieben hatten, wurden allen Qualen der Gefängnis⸗Einzelhaft überantwortet. Verdienen sie schlechtere Behandlung als Burschen, die ein Menschenleben auf dem Gewissen haben?
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Dom preußischen sozialdemokratischen Parteitag.
Ueber die Verhandlungen des zwischen Weih⸗ nachten und Neujahr in Berlin abgehaltenen preußischen Parteitages haben wir in letzter Nr. nur kurze Mitteilungen machen können. Bei dem Interesse, das dem Parteitag von den Parteigenossen auch außerhalb Preußens mit Recht entgegengebracht wird, ist es selbst⸗ verständlich, daß wir die Verhandlungen, die sich um außerordentlich wichtige Gegenstände drehten, etwas ausführlicher schildern. Der Preußentag hat in unserer Partei durch den guten Verlauf allgemeine Befriedigung hervor⸗ gerufen. Für eine Reihe besonders wichtiger Fragen wurden nach sachlicher und ruhiger Er⸗ örterung klare Richtlinien gesteckt. Die Debatten waren stets erfrischend und interessant.
Wenn die bürgerliche Presse den Parteitag herunterzusetzen suchte und ihn als bedeutungslos hinzustellen sich bemühte, zeigt ste nur ihre eigene Verständnislosigkeit ud beweist, daß sie das Wesen der Sozialdemo“ratie nicht begreifen können. Die Liberalen Blätter, darunter auch die Frankfurter Zeitung, erklärten mit über⸗ legener Gebärde, daß es sich bei den vom Preußentag erhobenen Forderungen um alte liberale Programmsätze handele. Das mag zu einem Teile zutreffen. Aber das ist's ja eben: Das„liberale“ Bürgertum hat seine alten, wirklich liberalen Grundsätze längst verleugnet, die Sozialdemokratie muß sie verfechten und wird sie auch zur Durchführung bringen.
Den ersten Verhandlungsgegenstand bildete die
Wohnungsfrage. Referent hierüber war der Stadtverordnete Heimann ⸗Berlin. Er führte aus: Nach langen Verbereitungen und Ankündigungen hat die preußische Regierung den Gesetzentwurf veröffentlicht, den 1„Gesetzentwurf zur Ver⸗ besserung der Wohnungsbedingungen“ nennt. Für die 1,600,000 sozialdemokratischen Wähler Preußens, die das Dreiklassenwahlrecht vom direkten Einfluß auf die Gesetzgebung ausschließt, ist der prinzipielle Standpunkt zu ihm gegeben. Wir müssen gegenüber allen Plänen, in der bürgerlichen Gesellschaft die Wohnungsnot zu beseitigen, besondere Vorsicht walten lassen. Denn gerade die Wohnungsfrage ist seit jeher der Tummelplatz sozialpolitischer Re⸗ former aller Art. So fand vom 16.19. Ottober in Frankfurt a. M. der erste allgemeine deutsche Wohnungskongreß statt. Sein komplettes Fiasko bezeugt das Urteil des Professors Brentano, daß es der bürgerlichen Wissenschaft nicht gelungen sei, die Klassen⸗ gegensätze zu überwinden; bezeugt ebenso der Jubelruf der Hausbesitzer, deren Urteil der bekannte Baumeister Hartwig dahin zusammen⸗ fassen lonnte, daß der Grund der Wohnungsnot die mangelndesittliche Qualifikation vieler Mieter sei, die Lust an Spiel und Weibern hätten und ihr Geld in die Streik⸗ kasse abführten.(Hört, hört!) Und der Referent Professor Pohle negierte jede Wohnungsreform, als er schrieb, das Anwachsen der Bodenrente sei keine ungerechte Erscheinung, müsse als not⸗ wendige und gegebene Tatsache hingenommen werden. So wenig wie dieser Kongreß hat


