Ausgabe 
5.3.1905
 
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Nr. 10.

Mitteldentsche Sountags⸗Zenung.

Seite 7.

schlechten Präparation des Gehirnes, mit der das aus der Schule entlassene Arbeiterkind ins Leben hinaustritt.

Mögen diese Zeilen dazu beitragen, unsere Arbeiterväter und⸗Mütter zu mehr Gerechtigkeit gegen ihre von der Schule mißhandelten Kinder, dagegen zu mehr Gleichgültigkeit gegen die Schulzensuren zu bringen.

Aus demTabakarbeiter. 8

Unterhaltungs-Cril. 1 Bergmannstrost. Sie blieben Sieger, die Protzen, Sie durftens wagen, zu trotzen, Sie haben dazu die Macht. Wir fahren hinab in den Schacht, Gebändigt und geschlagen, a Die Herzen zum Verzagen Verloren ist die Schlacht! Sie dürfen ihr Mütchen kühlen Und wieder mit uns spielen, Wie Katzen mit der Maus Der große Kampf ist aus! Sie dürfen uns wieder büttelr, Sie dürfen uns knuten und knütteln. Sie sind dieHerrn im Raus! Doch kommt dereinst die Stunde, Da steigen aus tiefem Grunde Wir rächend wieder empor. Und wie ein jeder jetzt schwor, So schlagen mit Totesverachten Wir wieder die alten Schlachten Und gehen als Sieger hervor! Ernst Klaar. (In der neuesten Nummer des Südd. Postillon.)

Das Siebente. Von K. H. Diefenbach.

Schluß.)

Rothtann überlegte sich's. Seine Frau riet ihm ab. Wenn sie wieder glücklich durch sei, meinte sie, könnte sie auch etwas verdienen, und dann sollte es schon gehen. Der Mann aber erwog die Geschichte mit dem Siebenten und nahm den Nachtwächterposten an. Nun hatte er eine tägliche Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden. Er hielt aber aus um der Kinder willen.

Wenn nur jetzt das Siebente ein Bub wird, dann muß der Herzog zu Gevatter stehen. Es gibt ein ordentlich Stück Geld, und damit helfen wir uns auf. Vielleicht kann ich dann mein Nachtwächterhorn wieder an den Nagel hängen, sagte er zu seiner Frau.

Und wenn's ein Mädchen gibt, dann brauchst du keinen Gevatter mehr anzusprechen. Du weißt ja doch nicht mehr, zu wem du gehen sollst, entgegnete darauf Marie.

Es ist ein Elend mit den vielen Kindern! stöhnte Rothtann.

In der ersten Adventnacht wurde er von der Straße weg heimgerufen. Als er in seine Stube trat, hielt ihm die Wehmutter ein neu⸗ geborenes Kindlein unter die Augen.

Ein Bub! rief Rothtann.Gott sei Dank!

Die Wehmutter brachte das Kind zurück hinter den Kattunvorhang, welcher das Wochen. bett von der übrigen Stube abschloß, und trat dann nochmals vor den Mann. Wieder hielt sie auf den Armen ein Kind.

Was ist denn das? fragte er erstaunt.

Ein Mädchen, antwortete die weise Frau.

Ein Mädchen ein Mädchen. Ich hab's noch eben selbst gesehen, daß es ein Bub war, stammelte Rothtann.

Ja, ja, lieber Rothtann, Ihr seid ein ge⸗ segneter Vater, lachte die Wehmutter:Ihr

abt Zwillinge. 1 0 machte der Mann. Er wußte

3 en den. 6 setzte sich und stierte 0 T setzte es nicht zu fassen Zwillnger

den ausgetretenen Fußboden an. Es war also noch nicht einmal mit einem

Nase zwet mußten es sein! Welch' ein Unglück

as denn nun?Da nützt ja auch der Nacht⸗

wächterposten nichts, unterbrach er seinen Ge⸗

Ua e und krach! flog das Horn in eine e

Johann, Johann, was machst du denn? rief die Wöchnerin ängstlich.

Sei ruhig, das dumme Horn ist mir ge⸗ fallen, antwortete Rothtann.Hat es dich erschreckt? Wie geht dir's denn? Nein, Marie, aber so was?

Die Kindbetterin wimmerte:Ich kann ja nichts dafür. Man kann die Kinderchen doch nicht fortwerfen.

Seid nur ruhig, sagte die Wehmutter. Wo sieben essen, wird auch das achte nicht verhungern. Euer Mann ist ein Rindvleh, wenn er das nicht einsieht. Legt Euch jetzt schlafen, Rothtann, Ihr seid übermüdet; morgen früh wird Euch das nicht so schlimm vorkommen. Was man sich eingebrockt hat, muß man auch austunken!

Rothtann dachte;Schlafen legen? Nu, das Dorf wird nicht fortgetragen werden, wenn kein Nachtwächter da ist. Und er legte sich schlafen.

Am nächsten Morgen klopfte ihn der Schult⸗ heiß heraus.Wo war't Ihr die Nacht? fragte er streng.

Wir haben Zwillinge kriegt, antwortete indirekt der Nachtwächter kleinlaut.

Das ist ja eine schöne Bescherung, meinte der Schultheiß.Sind sie denn gesund?

Es scheint so.

Nu, dann ist's gut. Wißt Ihr, der Gensdarm hat heute Nacht die hiesige Wache revidiert. Er hat Euch nicht gefunden und erstattete Anzeige.

Heiliger Gott, und was gibts jetzt? fragte Rothtann.

Was jetzt? Jetzt bekommt Ihr eine Geld⸗ strafe und werdet Eures Amtes entsetzt.

Dann können wir uns alle begraben lassen, erklärte der Nachtwächter. Seine schwieligen Hände ballten sich zu Fäusten.

So schlimm wird's nicht werden, tröstete der Schultheiß.

Kaputt schlag' ich alles! schrie der Nacht- wächter.Eins kommt zum andern. Nichts wie Unglück und Unglück! Das Haus geht flöten, die Kinder verhungern! Donnerkeil, Herr Schultheiß, warum habt Ihr mich Eure Weisheit nicht früher gelehrt!

Seines Amtes wurde Johann Rothtann nicht entsetzt. Auch schlug er nicht alles kaputt, wie er angekündigt hatte. Er ging vielmehr hin und ersäufte seine Sorgen in Doppelkümmel er ward zum Säufer. In einer Nacht bekam er dann auf der Wachtstube das Delirium, und ein paar Monate später war er tot. Die Gemeinde Dingskirchen hatte viele Jahre lang seine Hinterbliebenen zu versorgen. Es kostete die Gemeindekasse jedes Jahr dreißig Gulden das ganze Nachtwächtergehalt damit die armen Würmer zu ihren Kartoffeln auch Brot zu essen hatten.

Jetzt ist es in Dingskirchen mit dem Kinder- segen der armen Leute leidlich bestellt. Der Bürgermeister hat zu Nutz und Frommen seiner Gemeinde sein Geheimnis verraten jedem, von dem sich nichts Gutes erhoffen ließ.

Splitter.

Ueber den Adel.

Ein schamhaftes Lächeln glänzt auf der Wange des wahrhaft Edlen, wenn er die sonderbare Etymologie des WortesAhnen in einer Glosse des Sachsenspiegels liest:Das Wort Ahnen, heißt es dort,ist aus dem Latein gezogen, von dem Wörtlein anus, welches heißet, der Hindere an dem Menschen.

Schölzer. * 1*

Als im Jahre 1719 zu Dresden ein Turnier gehalten werden und ein Jeder seine Ahnen beschwören sollte, erklärte der bekannte drollige General von Kiau:er könne das nur in An⸗

ehung seiner Mutter tun. 0 50 f Schummel.

r

Ber Räuber verliert den Adel. Aber falsch spielen ist eine freye Kunst, und verliert man deshalb dend Adel in unsern Zeiten nicht.

Peckenstein. *

Durch folgende Dinge verliert man in unsern aufgeklärten Zeiten den Adel nicht: wenn man Schulden macht, und nichts bezahlt; wenn man unschuldige Mädchen verführt und sitzen läßt; wenn man uneheliche Kinder in die Welt setzt, und sich nicht weiter um sie kümmert; wenn man den Freund im Zweikampf ermordet; wenn man faulenzt und dumm ist.

v. Kotzebue.

Humoristisches.

Der Brummer. Von Alfred Scholtz. Kennst Du das unglücksel'ge Tier, Das brummt und kann dabei nicht fliegen? Es brummt und kann oft nichts dafür! Oft brummt's auch nur, weil es geschwlegen, Doch brummt es niemals zum Vergnstgen?

Es ist kein Brummer, auch kein Bär; Zweit Beine hat's und keine Flügel; Doch, wenn es brummt, brummt's regulär Auf Wochen hinter Schloß und Riegel; In Rußland kriegt's noch extra Prügel.

Je öifter's schon gebrummt, je mehr Und länger brummt es in der Regel; Des Rätsels Lösung ist nicht schwer:

Es ist ein Zeitungsredakteur, Der seine Strafe brummt in Tegel.

Die Kohlenlunge. Zechen besitzer:Berg⸗ mann Müller, Sie feiern heute Ihren sechzigsten Ge⸗ burtstag. Die Bergleute werden meistens nur 35 Jahre alt. Sie werden also bald sterben. Daß mir dann ja Ihre Lunge abgeliefert wird, damit ich die unterschlagenen Kohlenteilchen wieder bekomme.

Im christlichen Gewerkverein.Ihr solltet wieder arbeiten, denn es steht geschrieben: Im Schwelße deines Angesichts sollst du dein Brot essen.Ja, Hochwürden, aber die Zechenbesitzer tun das doch auch nicht.Die sind nicht gemeint. Denn nicht mal der liebe Gott würde sich getrauen, Herrn Stinnes oder Herrn Thyssen mit Du anzureden.

Litteraris ches.

Zu Friedrich Schillers Gedächtnis erscheint in diesem Jahre an Stelle derMärz⸗Zeitung eine reich illustrierte Zeitung, die Schiller, als dem gelstigen Vorkämpfer der bürgerlichen Revolution Deutschlands, gewidmet ist. Je mehr sich die bürgerliche Welt von heute unter Führung eines Ministers Studt bemüht, die Schiller⸗Feler zu einem leeren Schaugepränge byzan⸗ tinischer Entartung zu gestalten, um so wichtiger ist es für die Sozialdemokratie, den bürgerlichen Revolutionär in seiner Kraft und Reinheit dem deutschen Volke dar⸗ zustellen. Statt der widerwärtigen bürgerlichen Schlller⸗ legende, die die Gestalt des kämpfenden und ringenden Dichters in einem blassen und schwächlichen Ideologen zu verkümmern sucht, bedarf dies Jahr, in welches der hundertjährige Todestag Schillers fällt, der Schiller⸗ wahrheit. Die Buchhandlung Vorwärts hat deshalb, statt zum Mai eine Schiller-Festschrift herauszugeben, diese Publikation an die Märzfeter geknüpft, denn in der Revolution von 1848 wurde doch wenigstens ein Hauch von Schillers Geist wirklich und lebendig. Die Festschrift wird diesmal 16 Seiten umfassen, besonders reich geschmückt mit dokumentarischen Bildern sein und das Wesen und Wirken des Dichters, des Philosophen, des Historikers, möglichst umfassend in einer Reihe von Einzelaufsätzen darstellen. Die Herstellung wird auf

feinem Papier in braunem Tondruck erfolgen. Der Preis für die Nummer ist 20 Pfg. Sozialdemokratisches Bücher⸗ und

Schriften verzeichnis der Buchhandlung Vorwärts in Berlin ist soeben wieder neu ausgegeben. Es enthält auch diesmal kurze Auszüge oder Erläuterungen zu den auf⸗ geführten Titeln, so daß es jedermann leicht ist, sich über den wesentlichen Inhalt einer Schrift zu orientieren. Für Vereine und ihre Bibllotheken ist dies ein wesent⸗ licher Ratgeber bei Anschaffung oder Ergänzung lhrer Bücherbestände. Empfehlenswert ist auch die Durchsichet der unterGelegenheitskauf aufgeführten Bücher, die zu teilweise recht erheblich ermäßigten Prelsen manchen gute Buch, das sonst fast unerschwinglich ist, enthalts., Das Verzeichnis wird auf Verlangen gratis und franko von der Buch handlung Vorwärts in Berlin SW. 68 Lindenstr. 69, versandt. Es ist auch in allen Partel⸗ buchhandlungen erhälllich.

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