Ausgabe 
4.6.1905
 
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Nr. 23.

Gießen, den 4. Juni 1905.

12. Jahrgang.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Sonntags⸗Jeitu

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Degeneration.

Die Degeneration hat in unserem deutschen Volke ungeheure Dimensionen angenommen; die Verwüstungen, die das kapttalistische Zeitalter an der Volksgesundheit anrichtet, sind geradezu

rauenhaft. Das wacht sich namentlich an der

ugend bemerkbar. Wenn auch die meisten der oberen Zehntausend denken mögen:Nach uns die Sintflut! so gibt es doch auch Elemente unter ihnen, denen einigermaßen bange wird bei dem raschen Verfall der Volksgesundheit, und die auf behördliches Eingreifen, auf staat⸗ liche und kommunale Fürsorge drängen. So berichtet ein süddeutsches Blatt, daß der Schul⸗ arzt des Kreises Worms einen Bericht über die Gesundheitsverhältnisse in den Volksschulen der ländlichen Gemeinden des Kreises erstattet hat. Dieser Bericht dürfte weithin Aufsehen erregen und beweist auch, wie notwendig die, namentlich von der Sozialdemokratie so dringend geforderte, allgemeine Anstellung von Schulärzten geworden ist.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse im Land⸗ kreis Worms sind nicht so schlimm, wie etwa im schlesischen Eulengebirge oder im sächsischen Erzgebirge. Dennoch ergab die Untersuchung, die der Schularzt des Kreises Worms unter⸗ nommen hat, ein ganz überraschendes Resultat. Er hat etwa 8000 Kinder untersucht und hat dabei über 2500 als krank oder leidend bean⸗ standet. Und das in einem ländlichen Kreise, wo nach den Behauptungen unserer Agrarier die Gesundheitsverhältnisse so bedeutend besser sein sollen, als in den Städten! Und wie mag es erst da aussehen, wo die allgemeinen wirtschaft⸗ lichen Verhältnisse schlechter sind, die Lebenshal⸗ tung niedriger ist, als im Wormser Landkreis!

Der Worqaser Schularzt hat bei den Kindern der Landbevölkerung sehr viel Tuberkulose und Skrophulose vorgefunden; Rückgratsver⸗ krümmung war auch sehr häufig; desgleichen Augen⸗ und Ohreuleiden auch in dem Bericht des Gießener Schularztes ist ähnliches zu lesen. Besouders auffallend war, daß bei so vielen Kindern die Zähne schadhaft waren; dies ging in einzelnen Schulen bis zu 90 pzt. der Schüler. Die Gründe dieser Erscheinung müssen erst erforscht werden.

Die Wormser Kreisverwaltung hat nicht

unansehnliche Mittel für die Pflege und die

ärztliche Behandlung der kranken und siechen Schuljugend ausgeworfen; dazu werden von berschiedenen Seiten Ferienkolonien resp. Ferien⸗ heime für die ländlichen Schüler und Schüle⸗ rinnen vorgeschlagen.

Das ist alles recht gut und schön und lobenswert, aberunzufrieden, wie wir nun einmal sind, können wir in alledem keine ernst⸗ hafte Bekämpfung des Uebels erblicken. Die Degeneration wird, wenn man diese Art von Fürsorge vervollkommnet, vielleicht in einem etwas langsameren Tempo vor sich gehen, aber aufgehalten wird sie nicht. Wer die deutschen Verhältnisse einigermaßen kennt, wird darüber auch gar nicht erstaunen. Weitaus der größte Teil des deutschen Volkes lebt im Zustande der Unterernährung und die Wirkungen dieses

recklichen Elends machen sich eben auch an

sch g . Jugend bemerkbar. Lange Zeit ist es gar

nicht so bekannt gewesen, unter welchen Zu⸗ Volkes Jugend die dürftige

Bildungsausstattung sich aneignen muß, die ihr die Volksschule bieten kann. Erst in neuerer Zeit haben menschenfreundliche Lehrer diesen Abgrund aufgedeckt. Sie stellten fest, daz ein sehr großer Prozentsatz der Kinder, ohne e in Frühstück genossen zu haben, zur Schule kommt, daß ein anderer nicht geringer Prozent⸗ saz auch über Mittag ohne Nahrung bleiben muß, und daß ein anderer großer Prozentsatz nur mit ganz unzureichenden Nahrungsmitteln den Tag über versehen ist. Das ist namentlich der Fall, wo die Eltern beide für den Unter⸗ halt der Familie arbeiten müssen und die Frau und Mutter sich den Tag über um ihren Haus⸗ halt und um ihre Kinder nicht bekümmern kann.

Aus Mitleid haben die oberen Zehutausend vielfach Kinderküchen eingerichtet, in deuen die armen Schulkinder für 510 Pfennig Nahrung haben können; auch kann ein Kind, dem seine Eltern gar nichts mitgeben, umsonst eine Speise⸗ marke bekommen. Die aus Privatmitteln er⸗ richteten Kinderküchen siud, so löblich ihr Zweck an sich sein mag, doch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Auf dem Lande sind solche Einrichtungen jedenfalls nur sehr schwer oder gar nicht durchführbar, da die wohlhabende bäuerliche Bevölkerung zu solchen Veran⸗ staltungen nicht heranzuziehen ist. Da kann nur Wandel geschaffen werden, wenn den Gemeinden vom Staat die Fürsorge für die Jugend auferlegt wird.

Aber auch damit wäre noch nicht viel getan. Mehr als irgend ein anderer Faktor ist der Klassenstaat geneigt, den Brunnen erst dann zuzudecken, wenn ein oder auch mehrere Kinder hineingefallen sind. Muß man die Degeneration erst abwarten und sie vorschreiten lassen, ehe man sich zum Einschreiten entschließt? Ein deutscher Professor hat jenes frivole Wort von der Vortrefflichkeit der Kriege gesprochen, die nach seiner Meinung von der Vorsehung dazu bestimmt sein sollen, mit demskrophulösen Gesindel aufzuräumen. Glücklicherweise denken die Männer der Wissenschaft im allgemeinen doch nicht so roh; aber auch nicht so dumm. Denn das immer weitere Kreise unseres Volkes schon in der Jugend ergreifende Siechtum ist ein Ausfluß unserer Gesellschaftsordnung und die Leiden einesfrischen fröhlichen Krieges könnten dasselbe nur vermehren, niemals aus der Welt schaffen.

Die Entdeckungen des Wormser Schularztes erscheinen wie ein warnendes Flammenzeichen an der Wand, wie ein düsteres Mene Tekel gegenüber den in ihre Genüsse versunzenen herrschenden Klassen. Was soll aus Deutschland und dem deutschen Volke werden, wenn seine Jugend so dem Siechtum und der Degeneration verfällt? Und wie ein Hohn erscheinen jene Gesänge der Dichter, in denen die Vorzüge des deutschen Volkes gepriesen werden, wenn man sieht, wie dies Volk unter einer erbarmungs⸗ losen Ausbeutung in Verfall gerät!

Es ist freilich die industriell⸗kapitalistische und die agrar⸗kapitalistisch⸗feudale Ausbeutung nicht allein, die solche Erscheinung zeitigt. Der Kampf um die Nahrungsmittel, der unserem Volke seine kärgliche Nahrung ver⸗ teuert und verschlechtert, steigert seine verheerenden Wirkungen. Sie werden noch be⸗ deutend höher gesteigert werden, wenn erst die Handelsverträge in Kraft treten.

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triebskapital,

Wir wollen nur hoffen, daß das Verfahren Wormser Schularztes Nachahmung findet, wenn wir auch der Meinung sind, daß der größte Teil der herrschenden Klassen auch durch die bedenklichsten Erscheinungen dieser Art aus seiner Trägheit und Genußsucht nicht aufge⸗ rüttelt werden kann. Wäre die Qualität des Patriotismus dieser Elemente echt und besäßen sie nur den hundertsten Teil von der Quantität von Patriotismus, die sie sich bei ihren Festen in selbstlobhudlerischen Toasten zuschreiben, dann könnten sie die fortschreitende Degeneration der Massen in Stadt und Land nicht so ruhig mit ansehen. g

Und der Klassenstaat hat ja keine Mittel. Er hat keine Mittel, um den Lungenheilan⸗ stalten unter die Arme zu greifen; das groß⸗ mächtige Deutsche Reich mit seinem Riesenbudget von über zweitausend Millionen hat zwar Mittel für afrikanische Kolonien, aber um das Siechtum im eigenen Volke zu be⸗ kämpfen, ist es zu arm.

So lange die Unternährung in unserem Volke nicht beseitigt wird, muß die Degeneration fortschreiten. Dazu muß aber eine gründliche Umkehr stattfinden und die agrarische Beute⸗ politik unmöglich gemacht werden. H. Echo.

Die Gemeindesteuer-Reform in Hessen. II.

In unserem ersten Artikel haben wir das Wesen und die Tendenz des Gemeindesteuer. gesetz⸗Entwurfs in möglichster Kürze gekenn⸗ zeichnet. Wir kamen zu dem Schluß, daß er vielfach eine Belastung der Leistungsschwächeren zu Gunsten der Leistungsfähigeren involviere.

Diese Tendenz kommt durch die Ausnahme⸗ bestimmungen des Entwurfs so recht zur Geltung.

Da ist zunächst die Befreiung der zu Zwecken der Hofhaltung benutzten Schlösser und Paläste des Großherzogs und die dazu gehörenden Gebäude, Gärten und Anlagen, die frei bleiben von der Grundvermögenssteuer, ebenso die Grundstücke und Gebäude der Kirchen und rechtsfähigen Religionsgesellschaften, soweit sie dem öffentlichen Gottesdienst oder der öffent⸗ lichen Totenbestattung dienen.

Bei der Gewerbebetriebsvermögenssteuer ist es der Art. 8, welcher Ausnahmen zuläßt, darunter auch jene, daß die Rechtsanwälte der Steuer nicht unterliegen. Ein Versuch, bei diesem Artikel die Arbeiter⸗Konsum vereine zur Gewerbevermögenssteuer heranzuziehen, mißlang glücklicherweise.

Ganz besonders ist es aber der Art. 11, welcher, obschon er auch Erhöhungen zuläßt, dazu dienen wird, etwa zu hoch gegriffene Gewerbetreibende teilweise oder ganz von der Betriebsvermögenssteuer zu befreien.

Andererseits soll der Art. 11 dazu dienen, jene interessanten Betriebe zur Gemeindesteuer heranziehen zu können, welche es verstehen, so abzuschließen, daß sie weder zur Einkommen⸗ noch zur Vermögenssteuer herangezogen werden können. Und derartige Betriebe gibt es im Lande mehr als mancher denkt, sodaß wir in dieser Richtung der Absicht des Entwurfs nur zustimmen können. Erleben wir es doch, daß es eine Braueret gibt mit 7844314 Mk. Be⸗ die kein Einkommen und kein