Ausgabe 
31.7.1904
 
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Seite 6.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Rr. 31.

Winter ⸗Antisemiten.

Am Bahnhofe eines berühmten steierischen Kurortes, der u. a. auch von vielen Juden be⸗ sucht wird, erwartete eine Menge Leute den Schnellzug. Eine Bürgerfamilie vom Orte ist auch darunter, die vollzählig denOnkel Franz aus Wien erwartet. Endlich kommt der Zug und der Langersehnte, ein dicker Selchermeister, steigt aus. Nachdem die überaus herzliche Be⸗ grüßung auch von seiten der Neffen und Nichten zu Ende war, sieht sich der Onkel staunend um, betrachtet die Menschenmenge und sagt zum lieben Schwager:Aber Jud'n habts ös viel! Ja, seids denn ös nöt Antisemit'n?A wull, sagte der Angeredete eifrig,aba nur im Winter!

Die Stallweihe.

In dem gut katholischenBayr. Vaterland früher das Organ des bekannten Dr. Siegl erzählt ein Landgeistlicher folgende interes⸗ sante und nach mehreren Seiten hin bezeichnende Geschichte: Da wurde ich eines Tages gebeten, einen Stall zu benedizieren, weiloa Stückl nach dem andan umschteht, d. h. eingeht. Nun kannte ich die betreffende Stallbesitzerin als hervorragendes Muster von Unreinlichkeit. Ich steckte also Stola und Rituale in die Tasche und begab mich nach dem Stalle. Richtig, der wahre Augiasstall en miniature.Mit Stola und Rituale kannst du hier nichts machen, dachte ich mir eben, da zeigte mir die Beherr⸗ scherin dieses Stalles heulend eine Kuh. Auch hier wäre Rituale und Stola ohnmächtig gewesen. Ja Weiberl, sagte ich,da kann i nimma helfa, dös Schtückl müßt's n Schinda geben. Na, heulte sie,dös hot scho aner kafft (gekauft).Was, ja um wie viel denn? fragte ich verblüfft.um 25 Mark.No, guti Nacht, wer da was kriegt, gut'n Appetit.Ja, wiss'ns, Här Hochwürden,flüstert die jetzt unter Tränen Schmunzelnde, in da Schtoad drin fress'ns scho, kennas net.Ja, wie bringt Ihr denn dös nacha in d'Schtadt? Da kimmt a bei da Nacht.Ffffft! pfiff ich zwischen die Zähne,die alte Geschichte! Nun, ich bin kein Gendarm, kein Schlachthaus⸗ inspektor, meinetwegen soll die Bäuerin ihre 25 Markl haben. Aber den Stall habe ich ihr nicht ausgeweiht, ich lehrte sie statt dessen folgenden Privatweiheritus: Ich führte sie hin, wo der steinere Wassergrand und nebenan ein Besen standen, nahm den Besen, tauchte ihn tüchtig in den Grand und sagte:So, dös da is enka Weichbrunnkessel und dös is enka Weichbrunnpemsel, do weichzt enka Stall selber aus, denn in den Dreck geht koa Teuf'l eina, mirks enk dös, bhüaht Gott. Verdutzt schaut sie hinter mir drein und eben noch hörte ich sie sagen:Derhot koan recht'n Glaubn. Ha, ha, das Echo meiner Betschwestern, lachte ich und walzte als frisch gewappelter Ketzer auf meiner Filialstrada heimwärts.

Das Bild der Arbeitswilligen.

Aus Köln wurde kürzlich derFrankfurter Volksstimme berichtet: Der Maurerverband hat über den Bau des Unternehmers Kohl die Sperre verhängt; es ist dem Unternehmer ge⸗ lungen, ein Viertelhundert Arbeitswillige heran⸗ zuziehen, und er beschloß, das Ereignis der Nachwelt zum dauernden Gedächtnis zu über⸗ liefern. Er ließ sich deshalb an der Baustelle inmitten seiner braven Arbeitswilligen photo- graphieren; im Vordergrunde der lieblichen Gruppe halten zwei wilde Männer ein Schild, worauf geschrieben steht:Zur Erinnerung an die Bausperre bei Ignaz Kohl. Wir halten treu zusammen! Einige der Wackeren halten, um ihren Geist zu zeigen, Schnapsflaschen hoch, andere trinken, und jetzt kommt das Beste: dret der Helden halten jeder in der erhobenen Hand einen Revolver! Wenn die Regierung wieder einmal dem Drängen der Scharfmacher folgt und eine Zuchthausvorlage einbringt, wird sie, das erwarten wir, auch diese Probe Terrorismus ihrem Material ein⸗ verleiben. Bis dahin bemüht sich vielleicht August Scherl, das Bild für eine seiner Zeit⸗ schriften zu erwerben; es verdient mehr, als

Die Here.

Die Lene war ein kleines, gesundes Mädchen. Gesunde Kinder sind wie Vögel, vom Morgen bis zum Abend in fortwährender ee In dem großen Miethause war Lene auf d Stube angewiesen. Da stürzte sie die Stühle um, lief mit ihrer Puppe um die Wette, sang und krähte und störte dadurch die Mutter, die sich durch Glanzplätten ihr Brot verdiente. Am schädlichsten war Lene, wenn die Mutter aus dem Hause ging, um die Wäsche abzuliefern. Dann brachte sie alles in Bewegung, was be⸗ weglich war, und zerbrechliche Sachen waren dann nie des Lebens sicher. Was halfen alle Ermahnungen bei einem dummen Kinde? Da kam die Mutter auf einen unglücklichen Gedanken. Vor dem Weggehen sagte sie einmal so nebenbei zu ihrem Kinde:Wenn Du heute nicht ruhig sitzen bleibst, holt Dich die Hexe. Lene horchte auf.Die Hexe? fragte sie. Ja, die Hexe.

Die kann ja aber nicht herein, wenn Du die Tür zuschließt! f

Die Hexe kann überall hinein. Sie ver⸗ 11 sich hinter dem Ofen. Man sieht sie aber nicht.

Bei uns auch?

Freilich, überall, wo kleine Kinder sind. Warum, wo kleine Kinder sind?

Sie frißt die kleinen Kinder. Damit nahm die Mutter ihre Wäsche, verließ die Stube und schloß die Tür ab.

Lene saß einige Minuten starr da. Dann stürzte sie zur Tür, rüttelte an derselben und schrie:Mutter, Mutter! Aber die Mutter hörte sie nicht. Mit scheuen Blicken sah Lene nach der Ofenecke, schlich zu dem alten großen Sofa und duckte sich zitternd in die Ecke. An der Wand gegenüber machte sich ein surrendes Geräusch bemerkbar. Lene steckte in unheimlicher Angst den Kopf zwischen die Sofakissen. Jetzt klirrte es in der Küche ah, die Uhr schlug ihre Stunden. Nach und nach fing es an zu dämmern. Lene hob den Kopf. Rührte sich da nicht etwas hinter dem Ofen?Ach wenn doch bald die Mutter käme!

Und die Mutter kam. Das Knirschen des Schlüssels klang Lene wie Musik. Mit einem Satz sprang sie vom Sofa und krallte sich der eintretenden Mutter in die Kleider.

Ich war artig! flüstert sie scheu zur Mutter empor.

Die Mutter lächelte. Sie wußte nun, wie man den kleinen Wildfang bändigen konnte. Die Hexe wurde noch grauenhafter, als Lene einmal ihr Bild im Bilderbuche bei dem Knaben des Nachbars sah. Freilich, ein solches Weib mit der langen Nase, mit dem großen Munde und den vorstehenden Zähnen und mit den Händen mit Raubvogelkrallen konnte nur Kin⸗ der fressen.

Seit einiger Zeit ging Lene zur Schule. Sie ging gern; denn sie lernte gut und auf dem großen Schulhofe konnte ein kleines lustiges Mädchen nach Herzenslust herumspringen. Eines Tages summte die große Schar der Kleinen vor dem Unterricht wie ein Bienenschwarm. Es ist nicht festgestellt worden, wer unter der Schar das unglückliche Wort zuerst aussprach. Das Summen wurde aber immer stiller, wie ein Raunen ging's durch die Bänke, zuletzt trat eine Todenstille ein und eine weinende Stimme rief:Ich bleibe nicht hier, in der Schule ist eine Hexe.

Ein unbeschreiblicher Tumult folgte diesen Worten. Die Kinder stürzten aus den Bänken und drängten schreiend durch die Tür.

Lene hatte kaum das grauenhafte Wort ge⸗ hört, das sie seit Jahren wie ein Gespenst ver⸗ folgte, da war sie auch mit einem Satze zum Fenster hinaus, das glücklicherweise zu ebener Erde lag. Wie gehetzt flog sie über den Schul⸗ hof, stürzte durch die offene in Tür den Garten, jagte die Gänge in einer Ecke, wo ein umge⸗ stürztes Faß lag. In blinder Angst stürzte sie hinein und fiel mit einem Wehlaut in Ohnmacht. Das Faß war mit einigen Nägeln ausgeschlagen, die sich in den Körper des Kindes bohrten.

manches andere, der weiten Oeffentlichkeit bekannt zu werden.

Wochen vergingen, ehe die tiefen, von den ver⸗ rosteten Nägeln erzeugten Wunden geheilt waren. Eine ängstliche Scheu hat aber Lene die gesamte Kindeszeit nicht mehr verlassen.

Warum ich dies hier erzähle? Jahre ver- gingen; aber die Mutter erging sich immer wieder in bitteren Klagen, daß ihr Kind durch die Schule zu Schaden gekommen wäre.

. 7 Unterhaltungs-Ceil. 7

So du mir, so ich dir. Erzählung von Friedrich Gerstäcker. 2.(Fortsetzung).

Aber selbst der Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird und in Salomos Schöubeins Herzen begann in diesem Augenblicke eine wunderbare entsetzliche Veränderung. Er haßte den Schneidermeister Ehrlich, der seine Hand gefaßt hatte und sie herzlich drückte er haßte die Schwiegermutter, die mit blumengeschmückter Haube und freudestahlendem Antlitze hinter ihm drein schritt, ja er haßte in diesem Augenblick selbst seine Braut, das liebe holde Mädchen, das vertrauensvoll ihr ganzes Lebensglück in seine Hände legen wollte. Er vergaß, daß er selber es sei, der zuerst bittend an sie getreten und ihr vorgelogen hatte, wie unendlich glücklich sie ihn durch ihr Jawort mache. Er vergaß, daß der alte ehrliche Schneidermeister es zuerst gewesen, der dem armen unbedeutenden Kommis sein Kind anvertraute, und ihm die erste Hand reichte in der Welt ein selbstständiger Mann zu werden. Er mußte das alles vergessen, wenn er den schwarzen Undank beschönigen wollte, der jetzt sein ganzes Herz füllte; er mußte sein Gewissen damit betäuben, daß er sich selber als schlecht behandelt, als mißbraucht hinstellte, wo er zuerst der Bittende gewesen.

Aber was half ihm jetzt das Grübeln, was der finstere Haß? Unrettbar riß ihn sein Schicksal dem Unvermeidlichen entgegen. Wie sich mechanisch ein Fuß nach dem andern hob, und Schritt nach Schritt die Entfernung kürzte, die ihn noch von dem geglaubten Abgrund trennte, muße auch jede, selbst die letzte Hoff⸗ nung schwinden. Schon umfingen ihn die düsteren beengenden Räume der Sakristet dort stand der Priester in dem schwarzen Rock, den sorgfältig gefalteten symbolischen Mühlstein⸗ kragen um den Hals und er kam sich in dem Augenblicke vor, wie jemand, der in einen Strom gefallen ist, und mit reißender Schnelle 10 donnernden Mühlwehr entgegengerissen wird.

Von den übrigen war indes jedes viel zu sehr mit sich selber beschäf igt, die furchtbare Aufregung des Bräutigams zu bemerken, und wenn ste den Brautjungfern auch vielleicht nicht entging, schrieben diese dieselbe doch natürlich einer ganz anderen Ursache zu.

Der Geistliche hatte indessen seine Rede be⸗ gonnen, und wußte dabei nicht wie viel Unglück er mit dem langen zähen Faden, den er spann, heraufbeschwor. Der fromme Mann hielt es für seine Schuldigkeit, den beiden jungen Leuten so recht mit Allgewalt ins Herz zu reden, und glaubte das nicht anders bewerkstelligen zu können, als wenn er lieber gleich von der Er⸗ schaffung der Welt seine Zuhörer allmählig bis zu dem Punkte führte, auf dem sie sich gegen⸗ wärtig befanden. 5.

Salomo Schönbein indessen hörte so wenig von der Rede, wie er vorher von der Erzählung des Schwiegervaters und von den gerührten Worten der Schwiegermutter gehört. Aber in der Rede sammelte er Kräfte, in der Rede kam er zu einem Bewußtsein seiner Lage, wenigstens von seinem Standpunkte aus. Ihm war es, als sei er ein armes hilfloses Opfertier, das von feindlichen Gestalten zum Altar geschleppt worden, abgeschlachtet zu werden; dort in der

Nach längerem Suchen wurde die Lene ge⸗ funden und aus ihrer qualvollen Lage befreit.

Ferne streckten Hanke& Blenkert mitleidig die

Hände aus, ihn zu retten mit aufgelösten

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