Ausgabe 
31.7.1904
 
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Nr. 31.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

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darf man nicht als Norm ansehen. Vom Apotheker⸗ und Rentnerstandpunkt allerdings braucht man ja damit nicht zu rechnen, denn die 100 und 200 Prozent Ver⸗ dienste der Medizinal⸗Taxe richten sich nicht nach der Conjunktur, sondern die werden herausgeschlagen, wenn noch so schlechte Lohn⸗ und Arbeitsverhältnisse sind. Dr. B. hat doch im Reichstage gehört, wie ein agra⸗ risches Mitglied der nationall. Fraktion, der Abg. Held, welcher einen kleinbäuerlichen Kreis vertritt, von der Rednertribüne aus bestätigt hat, daß gerade die Bauern seines Wahlkreises für den Sozialdemokrat gestimmt haben, weil wir gegen hohe Vieh- und Korn⸗ zölle waren. Das Geständnis des Abg. Held hat uns wieder bestätigt, daß unser Standpunkt der richtige war, daß die Getreide- und Viehzölle den kleinen Mann nur schädigen und dem Großgrundbesitzer aber nützen. Wörtlich rief damals der natl. Abg. Held in unsern Augen ist er auch ein Held unserer Fraktion zu: Der Bauer will gar keine Getreidezölle, das Getreide verfüttert er nur oder er verbraucht es in seinem Haus⸗ halte. Sie werden doch selbst nicht glauben, daß Bauern mit einem Besitze unter 2 Hektar, viel Getreide verkaufen können. Wenn eine solch agrarische Autorität trotz politischer Gegnerschaft uns bei der Vertretung der Interessen der Kleinbauern Recht geben muß, dann kann Dr. B. als Ritter ohne Halm und Ar, der von prak⸗ tischer Landwirtschaft gar nichts versteht. sich be⸗ ruhigen. Die Kleinbauern können gar keinen besseren Sachwalter ihrer Interessen bekommen als die Sezial⸗ demokraten.

(Weitere Ausführungen über Unterstützung der Natio⸗ nalliberalen sind zurückgestellt. D. R.)

Daß Dr. B. den Abg. Krösell von sich abzu⸗ schütteln sucht, ist ja begreiflich. Ob beide in demselben Fraktiönchen sind, ist gleichgültig, geistig und politisch verwandt sind sie miteinander. Auf meine Anführung des württemberg. Ministers Pischeck, der den antise⸗ mitischen Agrarter Wolf der Lüge geziehen hat, sagt Burckhardt, daß bei uns sonst die Aussprüche von Ministern wenig Geltung hätten. Glaubt er damit eine besondere Weisheit zu verkünden? Wir erkennen stets das Wahre und Richtige an, gleichgiltig wer es ausspricht und würden auch Herrn Burckhardt Beifall spenden, wenn er etwas Vernünftiges sagt, bis jetzt hat er uns dazu noch keine Veranlassung gegeben.

Triumphierend weist dann Dr. B. auf unsere an⸗ geblich geringe Stimmenzunahme in Haiger hin. Unsere

Stimmen stiegen dort von 5 auf 34, beinahe um das

siebenfache. Damit sind wir vorläufig zufrieden und sorgen für Weiteres!

Herr B. erklärt zum Schluß, daß ihm alle Angriffe und Anfeindungen gleichgültig lassen. Freut mich, einem Korbmacher, der an einem schlechten Korbe flickt, ist es auch ganz gleichgültig, ob derselbe beim Flicken Fagçon behält oder nicht. Wir Genossen aber alle werden weiter arbeiten und in nicht allzulanger Zeit, wie ich zu meiner aufrichtigen Freude in einer liberalen Zeitung las, die christlich-soziale Erbschaft antreten.

Soviel für heute! Auf Wiedersehen! L. Trott. t. Ordnungsliebende Sanges⸗ brüder als Knüppelhelden. Zu einer

wüsten Keilerei kam es am Sonntag Abend auf der Eisenbahnstation Niederdresseln⸗ dorf. Der Gesangverein von Niederdresseln dorf feierte an dem Tage seine Fahnenweihe. Sangesbrüder von Herdorf wollten mit dem in Niederdresselndorf fälligen Zuge 8 Uhr 37 Minuten die Rückreise antreten. Sie weigerten sich, dem Bahnbeamten ihre Karten vorzuzeigen, worauf eine regelrechte Prügelei entstand. Dem Bahnsteigschaffner wurde der Arm drei⸗

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mal gebrochen, außerdem erhielt er sonst noch bedeutende Verletzungen. Der diensthabende Stationsvorsteher trug erhebliche Verletzungen davon, ebenso zwei weitere Hilfsbeamten. Alle Beamten der Station wurden derartig zu⸗ gerichtet, daß ste dienstuntauglich waren. Die Vereinsfahne, welche als Waffe diente, wurde kurz und klein geschlagen. Die Prügelhelden sind teilweise bereits verhaftet.

Aus dem Rreise Marburg⸗Nirchhain.

r. Ueber den Bremer Parteitag verhandelte die am Samstag stattgefundene Partei⸗Versammlung. Nach kurzer Diskusston wurden zwei Anträge ange⸗ nommen, die dem Parteitag unterbreitet werden sollen. Von der Entsendung eines Delegierten wurde Abstand genommen.

r. Auf zum Gewerkschaftsfest! Wie all⸗ jährlich, so haben die vereinigten Gewerkschaften ein Sommerfest au diesem Sontag, den 31. Juli veran⸗ staltet. Da es uns nur zweimal im Jahre vergönnt ist, ein gemeinsames Fest zu feiern, so wollen sich die Mitglieder der Gewerkschaften recht zahlreich einfinden. Für genügende Unterhaltung hat das Komitee nach jeder Richtung hin gesorgt. Vor allen Dingen müssen unsere Freunde zahlreich zum Festzug antreten, der um 3 Uhr von Valentin Zeiß nach der Schanze abgeht. Auf dem Festplatze giebts Konzert, Gesangsvorträge, Preisschießen, Kinderbelustigung und noch vieles andere. Abends gehts im Lampionzuge durch die Stadt nach dem Schloßgarten, wo ein Tänzchen das Fest beschließen soll. Darum kommt in Schaaren zum frohen Feste!

r. Feste auf städtische Kosten. Diese Woche wurde in Marburg der 400 jährige Geburtstag des Landgrafen Philipp des Großmütigen von Hessen ge⸗ feiert, der sich für die Stadt durch die Gründung der Universität besonders verdient gemacht haben soll. Das ist immerhin ein Verdienst, wenngleich wir der Meinung sind, daß ohne diese Gründung des biederen Philipp die allgemeine Bildung auf demselben Niveau stände. Aber den Marburger besseren Leuten gab der Geburts⸗ tag Veranlassung zu einem Fest, mit dem zugleich die 70. Jahres versammlung des Vereins für hessische Ge⸗ schichte abgehalten wurde. Eine große Anzahl Mit⸗ glieder des Vereins hatten sich von Nah und Fern ein⸗ gefunden. Nach der Feier auf dem Schlosse, bei der verschiedene Reden gehalten wurden, bewirtete man sämt⸗ liche Gäste auf Kosten der Stadt. Wer hat aber dazu die Mittel bewilligt? Bis jetzt weiß es noch niemand. Jetzt ist auch ganz leicht erklärlich, warum am letzten Male die Stadtverordneten⸗Sitzung so schwach besucht war. Manche Stadtväter wollten eben eine solche Forderung nicht bewilligen und hatten andrerseits auch nicht den Mut, offen dagegen aufzutreten. Jetzt wird nun der MagistratIndemnität bei den Stadtver⸗ ordneten nachsuchen müssen. Da es bei der Feier ziem⸗ lichhoch herging, so werden die Kosten dementsprechend sein. Bewilligt werden sie aber doch. Wie aber wäre es, wenn die Stadt eine ansehnliche Summe zu dem Gewerkschaftsfeste beisteuerte? Da bei uns zumeist nur ärmere Leute verkehren, so wäre für die⸗ selben ein Stadtzuschuß eher angebracht als für die reichen Mitglieder des hess. Geschichtsvereins.

Kleine Mitteilungen.

k Tod durch Ueberfahren erlitt der schon acht zigjährige Landwirt Eichelmann in Echzell. Er wollte am Samstag eine Fuhre Klee heimbringen, als das Pferd durchging. Bei dem Versuche es zu halten stürzte der Greis und geriet unter den Wagen. Er

wurde schwer verletzt nach Hause gebracht, wo er bal verstarb. N

* Opfer der Arbeit. Schon wieder haben drei Arbeiter im Essener Bezirk bei der Arbeit das Leben eingebüßt! Zwei wurden auf der Zeche Neumühl durch hero bfallendes Gestein getötet, ein anderer zwischen zwei Förderwagen zerquetscht. Ferner geriet im Nickelwalzwerke in Schwerte ein Arbeiter in eine Transmission, wodurch er so schwere Verletzungen er⸗ litt, daß der Tod sofort eintrat.

Lohnbewegungen. Mit einem Siege der Arbeiter endete der Ausstand der Tischler und Glaser in Dresden. Unter den Forderungen, mit welchen die Dresdener Holzarbeiter durchdrangen, befinden sich 9, stündige Arbeitszeit, Mindeststundenlohn von 45 Pfg. für Bautischler und Glaser, 42 Pfg. für Möbeltischler. Vom 1. April 1905 soll die gstündige Arbeitszeit eingeführt und der Lohn um 2 Pfg. per Stunde erhöht werden. Die Aussperrung im Maingebiete dauert noch fort; ebenso der Schreinerstreik in Offenbach.

Versammlungskalender. Samstag, den 30. Juli. Gießen. Wahl verein, fällt aus.

Gießen Freie Turnerschaft. abends 8 Uhr Sitzung bei b.

Sonntag, den 31. Juli. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Nachmittags 3 Uhr Versammlung im Vereinslokal. Dienstag, den 2. August.

Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 Uhr Sitzung bei Orbig.

Russischer Men schenschinder hingerichtet.

Der russ. Minister des Innern Plehwe wurde am Donnerstag in Petersburg auf der Fahrt zum Warschauer Bahnhofe durch eine Sprengbombe getötet. Der Wagen mit sämtlichen Insassen flog in die Luft, 20 Personen sollen dabei noch umgekommen sein.

Plehwe war einer der brutalsten und blutigsten Schergen des Zarismus und sein Tod ist der Lohn für seine Scheußlichkeiten gegen das Volk, besonders die Studenten und die Arbeiterschaft. Wiederholt ließ er Massenverhaftungen und Auspeitschungen vornehmen; er ist schuld an den scheußlichen Metzeleien in Kischinew und Homel, die den fluchwürdigsten Grausamkeiten, die je ein Bluthund anordnete oder geschehen ließ, würdig zur Seite zu stellen sind. Von Plehwe stammt unter Anderem auch ein Erlaß, welcher zuließ, daß die in Sibirien geborenen Kin der der deportierten Frauen ermordet und alsTodgeburten in die Standesbücher gebucht wurden. Unter diese Summe von Greueltaten hat jetzt ein Unbekannter den Strich gezogen. Mit Plehwe ist aber nur ein Einzelner, wenn auch einer der hündischsten Vertreter des Systems Väterchens dahin. Das System selbst wird weiterbestehen, weiterbruta⸗ lisieren, weite'rmorden und kein Attentat wird es aus der Welt schaffen. Aufklärung der Massen allein wird das Schandregiment Väter⸗ chens stürzen!

Festkomitee,

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