Ausgabe 
31.7.1904
 
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Nr. 31.

Mitteldeutsche Sonutaas⸗Zeitung.

Seite 3.

semitischen Führern eine Beobachtung ihres

Geisteszustandes angezeigt, die beispielweise durch

ihr Verhalten zu der KonitzerRitualmord Angelegenheit den Behörden dazu alle Ver⸗ anlassung gegeben haben.

Der Mirbach⸗ Skandal

wird noch immer von der gesamten Presse leb⸗ haft erörtert. Besonders wird die Frage auf⸗ geworfen, wo denn die 325000 Mk. ge⸗ blieben sind, über die Freiherr v. Mirbach quittierte, ohne auch nur einen Pfennig davon erhaltenzu haben? Die rückhaltlose Beant⸗ wortung dieser Frage dürfte aus begreiflichen Gründen gewissen hohen Kreisen nicht gerade erwünscht sein. Von Mirbachs Rücktritt als Oberhofmeister ist keine Rede mehr.

Wer begnadigt wird.

Der frühere Oberleutnant Rüger vom 17. Infanterie⸗Regtment, welcher wegen Tot⸗ schlags(er hatte den Hauptmann Adam meuch⸗ lings erschossen) zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, wurde begnadigt und aus dem Zuchthaus entlassen. Er hat noch nicht die Hälfte seiner Strafe verbußt. Mehrere Opfer des Löbtauer Urteils schmachten aber noch immer hinter Zuchthausmauern.

Eine kaiserliche Lohnerhöhung

Der alte Kaiser Franz Joseph von Oester⸗ reich war mit seinem bisherigen Gehalt, das nicht weniger als 18,6 Millionen Kronen beträgt eine österreichische Krone gleich 85 Pfennig nicht mehr zufrieden und verlangte vier Millionen Kronen Lohnerhöhung. Franz Joseph bezieht mit Ausnahme des rus⸗ sischen Despoten seit 30 Jahren die höchste Zivilliste in Europa, trotzdem er zwei arme, wirtschaftlich zurückgebliebene und dazu noch vom Militarismus ausgesogene Staaten regiert. Wenn aber der Hof auf die Einnahmen aus der Zivilliste noch angewiesen wäre! Kaiser Franz Joseph zählt zu den reichsten Männern Europas und auch einige Erzherzöge(kaiserliche Prinzen) gibt es, die hundertfache Milltonäre sind. Die Mitglieder des Hauses Habsburg besitzen nicht nur riesige Ländereien, sondern auch industrielle Unternehmungen, die selbstver⸗ ständlich nicht nach anderen Grundsätzen be⸗ trieben werden, als die Unternehmungen irgend eines Schulze oder Kohn. Auf einem Gut des Kaisers ist es neulich sogar wegen der schmäh⸗ lichen Behandlung der Landarbeiter zu einem Streik gekommen. Der Hof besitzt auch Aktien, besonders die der einträglichsten Bahn Oester⸗ reichs der Nordbahn, die man sich deshalb nicht zu verstaatlichen traut.

Diese Umstände wurden bei der Debatte über die kaiserliche Lohnforderung im ungarischen Parlamente mit angeführt und zwar in sehr wenig respektvoller Weise. Ueber Majestäts⸗ beleidigungen regt man sich in Ungarn nicht auf und die Abgeordneten übten daher ihren Witz in der gemütlichsten Weise.Die Erzher⸗ zöge könnten doch einmal den Versuch machen, aus eigenen Mitteln zu leben! Sie erhalten ja meist als Militärs eine Gage und besitzen Privatvermögen. Es ist doch vielleicht nicht absolut nötig, daß die Nation zu ihrem Unter⸗ halt beiträgt. Und Abgeordneter Gabany sagte: Dafür können wir wirklich nichts, daß sich die königliche Familie in so rapider Weise vermehrt. Gegen die Vermehrung könnte man sich so wehren, daß man aus den Er z⸗ herzögen katholtsche Pfaffen macht. Aus den Damen der Familie wollte man Nonnen machen. Ugron rief unter stür⸗ mischer Heiterkeit:Die Habsburger sollen zum Zweikindersystem greifen! Und Abg. Eötvös:Sie vermehren sich wie die Ratten. So fielen noch viele und stärkere Ausdrücke. Die Leute aber, die so sprachen, sind nicht etwa Republikaner, sondern ungarische Patrioten und Bourgeois. Ihr Hauptärger war, daß sich der alte Kaiser fast nie in Ungarn sehen läßt. Wenn er das Geld des Landes in Budapest veraus zabte, so daß diePatrioten und ihr Anhang auch ihr Schäfchen scheeren könnten, wäre alles recht.

Aber wozu einem Monarchen, bei dem man nicht schmarotzen kann, den Lohn aufbessern? Trotzdem bewilligten sie die Forderung mit großer Mehrheit und der alte Kaiser braucht darum nicht zu streiken wie seine armen Land⸗ arbeiter.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Kämpfe. Ein heftiges Gefecht hat vorige Woche bei Kiaotung stattgefunden. Darüber wurden folgende Einzelheiten berichtet: Die Japaner griffen die russischen Stellungen am Montag an. Abends waren die Russen um⸗ zingelt. Am Dienstag morgen wurde der Kampf erneuert und wütete lange heftig, bis schließlich Kiaotung von den Japanern genommen wurde. Man erbeutete 4 Kanonen. Die Verluste der Russen werden auf 1000 Mann angegeben, die der Japaner auf 300. In Tokio verlautet, daß nunmehr zum endgültigen Sturme auf Port Arthur vorbereitet werde.

Bei Tatschitschao erlitten die Russen am Sonntag wiederum eine schwere Nieder⸗ lage. Sie eröffneten früh morgens den An⸗ griff auf die Stellungen der Japaner, nach einem hartnäckigen Kampfe mußten sie sich aber unter heftigem Feuer eiligst nördlich auf Kaitscheng zurückziehen. Die Hafenstadt Niutschwang wurde am Montag von den Japanern besetzt. Die russischen Behörden hatten kurzvorher die Stadt verlassen und die Amtsgebäude zerstört. Mit diesen Vorstößen haben die Japaner die russische Hauptarmee unter Kuropatkin fast ein⸗ gekreist, so daß dieser sich höchstens durch einen verzweifelten Durchbruchsversuch nach Norden retten kann.

Gegen die russischen Seeräubereien im Roten Meere haben die betroffenen Regter⸗ ungen energisch Protest eingelegt, worauf die beschlagnahmten Schiffe wieder freigegeben wurden. Trotzdem hat das Wladiwostok⸗ Geschwader einen englichen Handels dampfer in den Grund gebohrt. Dieses Vorkommnis hat natürlich die in England gegen Rußland herrschende Erbitterung noch gesteigert und ein⸗ flußreiche Blätter erklären, daß diese Dinge Rußland noch in schwere Verlegenheiten bringen können.

Ueber die Zustän de in der rus⸗ sischen Armee schreibt ein Milttärarzt dem im Auslande erscheinenden Organ der russischen SozialdemokratieIskra:In der Armee ist vollständige Demoralisation. Es mangelt an Proviant, die Soldaten hungern. Die Offi⸗ ziere sind äußerst unzufrieden mit dem höheren Kommando. Das Oberkommando seinerseits hat zu vielen Ofsizteren kein Vertrauen und schickt Kavallerieoffiziere zur Infanterie, sowie umgekehrt. Die Soldaten werden wegen Ver⸗ fehlungen gepeitscht. Es geht ungeheuerlich zu. Und ein Soldat, der am Jalu mitgekämpft hat, sagt in einem Briefe, den trotz der strengen Zensur ein russisches Blatt veröffentlicht hat: 8 Tage während des Kampfes und auch nach⸗ her haben die Soldaten kein Brot gesehen, statt dessen bekamen sie Mehl, das von den Soldaten entweder mit oder ohne Wasser verzehrt wurde. Selbst die Regierung muß die traurigen Zu⸗ stände anerkennen. Der Hauptbevollmächtigte des Roten Kreuzes berichtet, daß es nötig ist, Proviant anzuschaffen nicht nur für die Kranken, sondern auch für die Verpflegung des kämpfenden Heeres. Derselbe Bericht erzählt, daß während der Schlachten am Jalu das Rote Kreuz unter den Soldaten nicht nur Tee, Zucker, Tabak und ähnliches, sondern auch Brot verteilte! Das Rote Kreuz wendet sich jetzt an die Spender mit der Bitte, unter anderem auch getrocknetes Brot nach dem Kriegsschauplatze zu senden. Als ob es sich um ein hungerndes Dorf handelte! Bald wird man auch um Schuhzeug betteln müssen, denn die Soldaten haben entweder gar keins oder total zerrissenes.

Dagegen führen höhere Offiziere ein Lotterleben mit den zahlreich aus allen Ländern herzugeströmten Halbweltdamen. Vor Kurzem kam, wie dasBerliner Tagebl.

berichtete, ein kaiserlicher Prinz, der Großfürst Boris, Leutnant im Gardehusaren-Regt. mit

einem ganzen Harem nach Mukden. Als ihm der Höchstkommandierende Kuropatkin befahl, die Damen aus dem Lager zu entfernen, kam es zwischen beiden zu Tlätlichkeiten. Der Großfürst zog den Säbel und verletzte damit den General an der Nase. Die Nachricht von diesem skandalösen Vorfall gelangte sofort nach Petersburg, die Abberufung des Großfürsten war die Folge.

Die militärische Ueberlegenheit der Japaner konstatiert eine kurz nach der Schlacht am Jalu an dieIskra abgesandte Zuschrift, worin es heißt: Das russische Heer ist am Jalu von den Japanern geschlag en worden 1. dank der Ueberlegenheit ihrer Kriegs⸗ taktik, 2. dank der Ueberlegenheit ihrer Artillerie, 3. dank der vorzüglichen Eigenschaften des ja⸗ panischen Offizierskorps und endlich 4. dank der bemerkenswerten Tapferkeit ihrer Soldaten. Die Ueberlegenheit der japanischen Armee über die russische wird jetzt auch von unserem Feld⸗ stab anerkannt.

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Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Ein wichtiges Urteil, das bekanntlich für die Arbeiterorganisationen von Bedeutung ist, fällte das Landgericht in Magdeburg. Ein BauunternehmerStrohmann sogen. Zwischenunternehmer in Magdeburg war, wie dieFrankf. Ztg. berichtete, seinen Arbeitern wiederholt den Arbeitslohn schuldig geblieben, weshalb sie durch den Zentral-Verband der Maurer über den Neubau die Sperre ver⸗ hängten. Die Folge davon war, daß, da fast sämtliche Maurer organisiert sind, der Unter⸗ nehmer monatelang keine Arbeiter erhalten konnte. Schließlich ging, derartige Schiebungen sind ja nichts seltenes im Baugewerbe, der Neubau an einen anderen Käufer über. Die Arbeiter durchschauten aber die Sache und ent⸗ deckten, daß der neue Besttzer völlig mittel⸗ los und von der Firma Mayer Oppenheimer in Hannover mit Geld notdürftig ausgerüstet war. Sie ließen deshalb die Sperre bestehen. Auch dieserBesttzer erhielt keine Arbeiter. Er strengte nunmehr bei der Zivilkammer des Landgerichts gegen den Vertrauensmann der organisterten Maurer, Schleue, und einige an⸗ dere Verbandsführer Klage auf Schadenersatz an. Er forderte für den angeblich ihm durch die Sperre erwachsenen Schaden 5 Prozent Zinsen von 55000 Mark und eine größere Summe Extrabuße! Das Landgericht hat nunmehr nach Abhaltung mehrerer Termine die Klage kostenpflichtig abgewiesen und erklärt, daß die Selbsthilfe der Arbeiter, die ihren Lohn nicht erhalten konnten(von den Strohmännern, die vom Gewerbegericht verur⸗ teilt wurden, war nie etwas zu holen) völlig berechtigt, der Anspruch auf Schadenersatz jedoch unberechtigt set. Mit diesem Urteil ist den Organisattionen der Arbeiter aller Berufe gegen⸗ über zahlfaulen Unternehmern eine wirksame Waffe in die Hand gegeben.

Pon Nah und Lern.

Hessisches.

Staatsrettung in Hessen. Ju Gonsenheim bei Mainz hatte kürzlich ein Einwohner eine Wirtschaft eröffnet und die Anzeige von seinem Unternehmen außer in den Mainzer bürgerlichen Lokalblättern auch in dem in Gonsenheim viel gelesenen Organ der Sozial⸗ demokraten erlassen. Kaum war aber die Nummer dieses Blattes mit der Anzeige er- schienen, als auch schon das Gouvernement in Mainz über die neue Wirtschaft das Militärverbot verhängte, trotzdem der Besitzer der Wirtschaft ein Mann ist, der sich nie um Politik bekümmerte. Nun wird's wohl anders bet ihm werden.

Die Freisinnigen und die Wahl⸗ vorlage. Eine Vertrauensmänner⸗Versamm⸗ lung der freisinnigen Volkspartei in Alzey beschloß am Sonntag eine Resolution zur hgess. Wahlrechtsreform, in der gesagt wird: