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verausgabt.
Seite 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 31.
haben 59 Verbände das Fachorgan obligatorisch eingeführt, während 4 dasselbe im Abonnement den Mitgliedern liefern. Die Gesamt⸗Auflage der Gewerkschaftspresse beträgt 1044650 Exem⸗ plare. Eines dieser Organe erscheint wöchent⸗ lich dreimal, 27 erscheinen wöchentlich einmal, 2 monatlich dreimal, 16 alle 14 Tage, 6 mo⸗ natlich zweimal und sieben monatlich einmal. Die Finanzgebahrung der Gewerk— schaften.
Die 63 Centralverbände hatten im Jahre 1903 eine Einnahme von 16 419 991 Mk. und Gesamtausgabe von 13 724 336 Mk. zu ver⸗ zeichnen und es verblieb ihnen am Jahresschluß ein Kassenbestand von 12973 726 Mk. In den vorstehenden Einnahmen sind nicht enthalten die Einnahmen der Lokalfonds, welche von den Vorständen der Verbände nicht verrechnet wer⸗ den, sowie die Einnahmen besonderer Kassen⸗ einrichtungen. In 12 Verbänden beträgt die Einnahme in den Lokalfonds 513 431 Mk., die zum größten Teil für Agitation, Streikunter⸗ stützung, sowie Arbeitslosen-, Reise⸗, Kranken⸗ und sonstige Unterstützung verausgabt wurden.
Ueber die Ausgaben, welche die Verbände im Jahre 1903 gemacht haben, gewährt folgende Aufstellung einen Ueberblick. Es wurden ver— ausgabt für:
Verbandsorgan 63 Organis. 884662 Mk Agitation 60 5 560987„ Streiks im Beruf 54 7 4409855„ Streiks in anderen Berufen 54„ 118858„ Rechtsschutz 52 150 286„ Gemaßregeltenunterstützung 41 7 157887„ Reiseunterstützung 41 2 613876„ Arbeitslosenunterstützung 28 5 1270023„ Krankenunterstützung 5 944059„ Invalidenunterstützung 1 5 189 442„ Sonstige Unterstützung 52 55 301961„ Stellenvermittelung 12 70 7872 Bibliotheken 16 10 14832„ Sonstige Zwecke 53 1 818 906„ Konferenzen und General⸗
versammlungen 43 10 164909„ Beitrag an die General⸗
kommission 59 7 89318„ Prozeßkosten 10 6 2276„5 Gehälter 61 5 304173„ Verwaltungsmaterial 57„ 2e,
Für Streiks wurden allein 4515812 Mk. Der bisher höchste Betrag für Streiks aus den Kassen der Verbände betrug 1900 2625 642 Mk. und die höchste Gesamt⸗ ausgabe für Streiks betrug 1886 3 042 950 Mk. Die Summe, welche 1903 allein aus den Ver⸗ bandskassen für Streiks verausgabt wurde, übersteigt also ganz bedeutend die bisher in einem Jahre für Streiks insgesamt verausgabte Summe.
Und die für Unterstützungs⸗ und Bildungs⸗ zwecke verausgabte Summe übersteigt die für Streiks aufgewendete noch um fast 100 000 Mk.
Reiseunterstützung wird in 48 Ver⸗ bänden gewährt, Arbeitslosenunterstützung in 30, Krankenunterstützung in 23 und Invaliden⸗ unterstützung in 5 Verbänden.
Die Kassenbestände der Gewerkschaften haben im letzten Jahre ebenfalls eine nicht un⸗ bedeutende Erhöhung erfahren. Trotz der enormen Ausgaben ist der gesamte Reservefonds von 10 253 559 Mk. auf 12973 726 Mk. ange⸗ wachsen. Auf den Kopf der Mitglieder be⸗ rechnete sich der Kassenbestand am höchsten bei den Notenstechern mit 278 Mk.; dann folgen die Buchdrucker mit 112 Mk., als dritte die Hutmacher mit 55 Mk. Dann fällt der auf den Kopf entfallende Betrag sehr rasch und zwar verzeichnen u. a. die Buchbinder 30 Mk., Zigarrensortierer 21 Mk., Zimmerer 20 Mk., Maurer 16,99 Mk., Holzarbeiter 16,94 Mark, Handschuhmacher 11.93 Mk., Glaser 10,86 Mk., Brauer 10,55 Mk., Bäcker 8 Mk., Böttcher 6,67 Mk., Metallarbeiter 5,69 Mk., Tabakarbeiter 5,31 Mk., Schneider 5,26 Mk., Tapezierer 5,07 Mk., Transport- und Verkehrs⸗ arbeiter 3,72 Mk. ꝛc. Die Aermsten sind die Dachdecker, deren Vermögen nur einen Pfennig per Mitglied beträgt.
Das Gesamtbild, welches uns die Statistik gewährt, ist nach jeder Seite hin ein recht er⸗ freuliches. Die Zahl der Gewerkschaftsanhänger hat sich ganz beträchtlich vermehrt, die Kassen
sind erstartt, trotz der riesigen Kämpfe, die mit dem Unternehmertum zu führen waren, und es ist wohl begründete Hoffnung vorhanden, daß auch in diesem Jahre die Entwickelung vorwärts schreiten wird. Aber auch die Unternehmer- vereinigungen sind kräftiger und widerstands⸗ fähiger geworden und sie nehmen eine immer drohendere Gefahr gegenüber unseren Gewerk⸗ schaften an. Angesichts dessen ist es notwendig, daß wir unsere Kassen immer mehr kräftigen. Wir dürfen uns in der Freude über unsere Er⸗ folge nicht in Siegessicherheit wiegen, sondern wir müssen fortdanernd ernstlich pestrebt sein, unsere Organisation nach jeder Richtung aus⸗ zubauen. Noch ist in dieser Beziehung eine gewaltige Arbeit zu verrichten. Große, starke Verbände haben doch in weiten Gebieten noch kaum Fuß gefaßt, in verschiedenen Berufen ist die Zahl der Organisierten zur Zahl der Be⸗ rufsangehörigen noch eine sehr geringe, kurz, die deutschen Gewerkschaften nehmen in ihrer Gesamtheit noch nicht jene machtvolle Stellung ein, wie sie einzelne Organisationen bereits auf⸗ zuweisen haben. Die sehr günstige Entwickelung im letzten Jahre wird jeden einzelnen Anhänger und Freund der Gewerkschaften zu neuer Tätig⸗ keit anspornen, mitzuhelfen an der Ausgestaltung des gewaltigen Baues der gewerkschaftlichen
Organisationen. L. Brunner.
Politische Rundschau.
Gießen, den 28. Juli 1904. Das teure Afrika.
Der famose„Platz an der Sonne,“ den sich Deutschland in Südwestafrika im Kolomalfieber⸗ wahn zugelegt hat, ist so heiß, daß es unseren Regierenden sogar in ihrer Sommerfrische zu heiß wird. Als Bebel im Reichstage die Be⸗ fürchtung aussprach, daß die Expedition gegen die Hereros dem Volke an die 50 Millionen kosten würde, tönten ihm ungläubige und höhnische Zurufe von den Kolonialphantasten im Reichstage entgegen. Jetzt kostet der Rummel schon viel mehr und es ist noch gar kein Ende abzusehen, noch viel weniger ein Erfolg zu erwarten. Außer den Geldopfern fordert der Krieg zahlreiche Menschenopfer, die besonders der Typhus dahinrafft. So gelangte anfangs der Woche eine Nachricht des Paters Nachtwey aus Owikokorero(Südwestafrika) nach Osnabrück, worin es heißt:
„Der Typhus steht im Bunde mit der List und Tücke des Feindes. Der Krieg wird noch sehr lange dauern und wird mit jedem Tag schwerer.“
Danach bringt General Trotha auch nicht fertig, was dem Oberst Leutwein nicht gelang, der Land und Leute kennt. Dieser wurde ab⸗ gesägt und Trotha hingeschickt, der von den dortigen Verhältnissen keine Ahnung hat. Viel⸗ fach wurde ihm deshalb der Mißerfolg voraus⸗ gesagt. Jetzt kann das deutsche Volk für die Sandwüste noch eine erkleckliche Anzahl Milli⸗ onen Mark locker machen.
Selbst das„Berl. Tageblatt“ schrieb dieser Tage:„Voraussichtlich wird der Krieg jetzt noch Jahre dauern und Hunderte von Millionen verschlingen.“
Für die Weisheit der Regierungsleute muß unser Volk schwer bluten!
Die Sozialdemokratie und der Krieg.
Die japanische sozialdemokratische Partei hat für den internationalen Sozialistenkongreß in Amsterdam eine Resolution beantragt, die zu Schritten für die Beendigung des russisch⸗ japanischen Krieges auffordert. Der Krieg werde von den kapitalistischen Regierungen der beiden Länder geführt, was große Leiden für die Arbeiter Rußlands und Japans verursache. Schon früher haben sich sowohl die japanische als auch die russische Sozialdemokratie ent⸗ schieden gegen den Krieg ausgesprochen und so gezeigt, daß sie als wahre Kulturparteien mit der Sozialdemokratie aller Länden den wahn⸗ sinnigen Völkermord verurteilen.
Ein Minister⸗ Reinfall.
Der bayrische Kriegsminister v. Asch hat sich neulich in der Kammer eine schwere Blamage geholt, so schwer, daß er sich ver⸗ anlaßt sah, seine Eutlassung einzureichen, die jedoch vom Prinzregenten nicht genehmigt wurde. Der Major Seitz hatte die Frau eines Kame⸗ raden, des Leutnants Pfeiffer verführt, also schändlich gehandelt. Er wurde mit ehren⸗ vollem Abschied entlassen. Ein beabsichtigtes Duell zwischen den beiden Offizieren wurde zunächst hintertrieben. Dann aber erließ de r Kriegsminister v. Asch einen Erlaß auf Grund dessen das Duell zustande kam. In der bay⸗ rischen Kammer wies kürzlich der Abg. Heim auf diesen Erlaß hin und interpellierte deshalb den Kriegslöben. Dieser leugnete den Erlaß. Heim wies nach, daß der Erlaß wirklich kxistiert. Wie steht nun der Kriegs⸗ minister da? Unser Genosse Vollmar hats ihm deutlich genug gesagt. Charakteristisch ist es, daß der Zentrumsabgeordnete den Erlaß schon seit 1898 kannte— so lange liegt die ganze Affäre zurück—, aber erst jetzt Gebrauch da⸗ von machte. Und warum das? Der Kriegs⸗ minister hatte einen argen Zusammenstoß mit dem Zentrumsabg. Pichler gehabt— Affäre Eras— und nun erst wurde er abgemurkst, denn der Zweck heiligt ja die Mittel.
Antisemitisches.
Vorige Woche starb in Hamburg der Schriftsteller Wilhelm Marr, der, ein alter Achtundvierziger, später den Antisemitismus propagierte. Er hat sich aber dann wieder davon abgewandt und sich wiederholt in derber und höchst abfälliger Weise über den Antisemi⸗ tismus und seine Vertreter ausgesprochen. So veröffentlichte jetzt die„Berl. Ztg.“ einen Brief von ihm, worin er erklärt:
Ich bin ein alter Parteigänger, aber nie habe ich mehr Erzschelmenbande gefun⸗ den als unter den heutigen Geschäftsantise⸗ miten. Das aber dürfen Sie privatim er⸗ klären, daß ich nach 30 jährigem Judenkrieg mich mit Ekel bis zum Erbrechen abwende von dem ganzen heutigen Geschäftsschwindel-Antisemitismus. 1 werde diese Behauptung nicht wider- rufen.
Aehnliche Urteile haben bekanntlich noch andere Anttsemiten über antisemitische Sache und Partei gefällt. Wir erinnern nur daran, was im Sommer 1901 der Berliner Antise mit Wilberg schrieb:
„Keine einzige Partei hat so viele Gaukler und Schaumschläger in ihren Reihen gezählt, wie die unsrige und keine Partei hat sich von Phrasenhelden und elenden Spekulanten so nasführen lassen, wie die antisemitische.“
Neben den Erzschelmen, von denen Marr spricht, gibt es unter den Antisemiten nicht wenige Erznarren, von denen der Dresch⸗ graf Pückler wohl der größte ist.
Uebrigens soll der geistige Zustand des Dreschgrafen Pückler jetzt derartig bedenklich ge⸗ worden sein, daß man ihn von Amtswegen in eine Anstalt zur Beobachtung bringen will. Wie aus Berlin berichtet wurde, wäre er schon seit längerer Zeit Gegenstand psychiatrischer Beobachtungen. Daß der Mann geistig nicht gesund sein konnte, mußte sich jeder sagen, der nur eine einzige seiner Reden gehört oder ge⸗ lesen hatte. Auch die antisemitische Partei⸗ leitung und die antisemitischen Führer mußten das wissen und trotzdem schleppten ste den geisteskranken und deshalb bedauernswerten Menschen in zahllose Versammlungen, um ihn gegen hohes Eintrittsgeld dem Publikum als Schaustück vorzuführen! Man benutzte die tollen Phantasten eines Verrückten und diesen selbst als Einnahmequelle! Eine solche ehr- und ge⸗ wissenlose Handlungsweise ist nur in einer Partei wie der antisemitischen möglich und es ist damit ein neuer Beweis geliefert für die Richtigkeit der oben angeführten Urteile, die Marr und Wilberg voll ehrlicher Entrüstung über die antisemitische Partei abgaben.— Nebenbei bemerkt, wäre noch bei andern anti⸗
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