Ausgabe 
31.1.1904
 
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Sette 6.

Mitteldentsche Sountaas⸗Zeitung.

Nr. 5.

(Fortsetzung von Seite 3.)

Alle Anzeichen sprachen dafür, daß dies ge⸗ schehen würde. Die Herren haben sich anschei⸗ nend durch die versprochene Unterstützung der größten Unternehmerorganisation blenden lassen, ohne sich dessen bewußt zu werden, daß diese Unterstützung sie wohl momentan für den Aus⸗ fall der Produktion zu entschädigen, nicht aber davor zu bewahren vermag, daß ihnen das Absatzgebiet verschlossen wird, und sie somit zum Ruin getrieben werden. Wohl, wollten die Fabrikanten es nicht anders, so hätte man ste ihrem selbstberetteten Schicksal überlassen können. Mit ihrem Fall aber wären tausende von Familien gezwungen gewesen, aus dem Orte auszuwandern. So hatte die Arbeiterschaft Crimmitschaus zu entscheiden, ob das Gemein⸗ wesen zerstört, ein Industrieplatz ersten Ranges, als solcher in die letzte Stelle gereiht werden sollte. Sie hatte zu entscheiden, ob Massen von Arbeitern aus dem Heimatsorte hinausge⸗ trieben werden sollten. Mag auch die heimat⸗ liche Scholle noch so kümmerlich sein, so hängt doch der Arbeiter an ihr, hoffend, durch seine Kraft die schlimmsten Uebel leichter dort, als in der Fremde beseitigen zu können. Hier aber handelte es sich um viele Arbeiter und Arbeite⸗ rinnen, die, in sehr hohem Lebensalter stehend, an keinem anderen Orte Arbeit gefunden hätten, deren Lebensabend dank dem Terrorismus des Unternehmertums noch kümmerlicher sich gestaltet hätte, als wenn sie gegen kargen Lohn ihre Arbeitskraft bis zur letzten Lebensstunde preis⸗

eben. So haben denn schließlich hier wie in

det und tausend anderen Fällen die Arbeiter gezeigt, daß sie ein größeres Gemeininteresse haben als die Unternehmer.

Das Interesse des Gemeinwesens war das Entscheidende, was die Leitung der Ausgesperrten veranlaßte, diesem bedeutungsvollen Kampfe ein so tragisches Ende zu geben. Dazu kam das Bedenken, daß ein allmähliches Abbröckeln der Kämpferschar eintreten könne, daß auch die Mutigsten und Opferwilligsten schließlich kam⸗ pfesmüde werden könnten, weil keine Möglichkeit vorhanden war, sich gegenseitig auszusprechen und durch die Aussprache in Versammlungen den Kampfesmut anzufeuern, den Kleinmütigen neue Kräfte zum Ausharren zu geben. Besonders bei den älteren Webern ersetzte die Streikunter⸗ stützung, wenn sie auch in der letzten Zeit er⸗ höht werden konnte, nur einen Teil des Arbeits⸗ verdienstes. Wenn dann nach 21 Wochen auch alte bewährte Leute, die wiederholt schon von den Unternehmern in eine gleiche Lage gezwungen wurden, dem Drucke der Not nicht mehr zu widerstehen vermochten, so ist das begreiflich. Aber wenn auch, dank der Opferwilligkeit der deutschen Arbeiterschaft, die Unterstützung we⸗ sentlich erhöht worden wäre, was blieb schließlich als Preis des Kampfes, wenn dieser bis zum Herbst dieses Jahres hätte fortgeführt werden müssen? Nichts anderes, als daß die alten bewährten Leute hinausgetrieben worden wären aus dem Heimatsorte, ohne an anderer Stelle ein Unterkommen finden zu können. So stand denn zu befürchten, daß auch die Treuesten kampfesmüde würden, wenn sie sahen, daß ein. Platz nach dem anderen,

dank den behördlichen Maßnahmen, die es hin⸗

derten, mit den Abfallenden und Zuziehenden in ausreichendem Maße verhandeln zu können, besetzt wurde. Ein allmähliges Abbröckeln war aber gleichbedeutend mit der Vernich⸗ tung der Organisation. Das aber war es, was die Unternehmer wollten. Wäre dann der Kampf nach Monaten beendet worden, so waren möglicherweise die Mittel nicht vorhan⸗ den, den Gemaßregelten so lange Unterstützung zu gewähren, bis sie ein anderes Unterkommen gefunden hätten. Täuschen wir uns darüber nicht, daß Kämpfe, welche auf die Leistung freiwilliger Beiträge hin geführt werden müssen, oft ein ungewolltes Ende finden, weil nach längerer Zeit die freiwillige Hilfe versagt.

Alle diese Gründe waren es, die zu diesem anscheinend jähen Abbruch des Kampfes Ver⸗ anlassung gaben. In den Kreisen, welche zur Leitung berufen waren, kamen diese Gründe

aber nicht erst am Tage der Entscheidung zur

Geltung. So trat denn am Sonntag den 17. Januar, nachmittags die Lohakommission zu⸗ sammen, um sich über die Fortführung des Kampfes zu entscheiden. Fast einstimmig be⸗ schloß sie nach Prüfung aller in Betracht kom⸗ mendeu Fragen, den Kampf abzubrechen. Von Bedeutung war, ob nochmals mit den Unternehmern verhandelt werden solle oder be⸗ dingungslos die Arbeit aufzunehmen sei. Ein⸗ stimmig wurde erklärt, daß mit diesen Unter⸗ nehmern kein Verhandeln über das Streitob⸗ jekt möglich set und daß jeder Verhandlungs⸗ versuch nur dazu führen würde, daß die Unter⸗ nehmer sich darüber verständigen würden, in welcher Weise die zur Arbeit Zurückkehrenden am härtesten getroffen werden können. Abge⸗ lehnt wurde auch einstimmig der Vorschlag, bei dem Bürgermeister vorstellig zu werden, Ver⸗ saumlungen freizugeben, damit die Streikenden Gelegenheit hätten, über die Beendigung des Streikes zu beschließen. Die Gewährung des Versammlungsrechtes würde nach den bisheri⸗ gen Erfahrungen, die mit der Stadtverwaltung gemacht wurden, einige Tage hinausgezögert worden sein, wiederum Zeit genug für die Unternehmer, über die zu treffenden Maßregeln sich von dem Centralverband deutscher Indu⸗ strieller belehren zu lassen. So entschloß sich die Lohnkommisston, die Beendigung des Kamp⸗ fes sofort nach Beschlußfassung der Obleute der Fabriken durch ein Flugblatt bekannt zu geben und bis zu diesem Moment nichts über die gefaßten Beschlüsse verlauten zu lassen. Die erforderlichen Arbeiten für die Ausführung des Planes wurden noch in der Nacht getroffen. Die Auszahlung der Unterstützung vollzog sich am Montag wie an allen früheren Tagen. Nach Schluß der Auszahlung traten die Ob⸗ leute der Fabriken zusammen und die Lohn- kommission berichtete über die gefaßten Be⸗ schlüsse.

Nur wenige Obleute sprachen sich gegen die Beendigung des Kampfes aus, mehr dem Ge⸗ fühl folgend, ohne die Erwägungen zu verken⸗ nen, die den schweren Schritt notwendig er⸗ scheinen ließen. Schwer ist es allen geworden und nicht nur den Mädchen, welche als Ob⸗ leute ihrer Fabrik eingetreten waren, um ältere Arbeiter vor Maßregelung zu schützen uad um⸗ sichtig ihres Amtes gewaltet hatten, sondern auch vielen im Kampfe um die Rechte der Arbeiterklasse ergrauten und abgehärteten Ar⸗ beitern standen die hellen Tränen in den Augen, als der Beschluß gefaßt wurde, be⸗ dingungslos die Arbeit wieder aufzunehmen. Nicht Sorge darum, nicht was aus ihnen wird, die in erster Reihe von der Wut und Rache der Unternehmer getroffen werden, war es, was ihnen die Tränen abpreßte, sondern das Ge⸗ fühl der Empörung, durch die Gewaltmaßregeln der Machthaber zu einem solchen Entschluß ge⸗ zwungen zu sein.

Hier aber zeigte sich die Disziplin der Crimmitschauer Arbeiterschaft und das Ver⸗ trauen, das sie ihren zur Leitung berufenen Genossen und Genossinnen entgegenbringen. Auch diejenigen, welche ihre Gefühle nicht zu beherrschen vermochten und diesen laut Aus- druck gaben, sie stimmten den getroffenen Maß⸗ nahmen zu, nachdem ihnen klar gelegt worden war, warum nur so, wie geschehen, gehandelt werden mußte. Es gab kein Wort der Klage, auch bei jenen nicht, die wußten, daß für sie die Fabriken sich nicht wieder öffnen würden. Nur eines kam vielfach zum Ausdruck, was auch in der Sitzung der Obleute erwähnt wurde, die Frage:Wird die deutsche Arbeiterschast uns nicht verachten, weil wir den Kampf auf gegeben haben?

Gerade dieses Abrechen des Kampfes im entscheidenden Moment sichert den Erfolg weit mehr, als ein Fortführen bis zum Weißbluten. Das wird sich denen, welche heute über die Niederlage im Kampfe in Crimmitschau froh⸗ locken, recht bald und recht deutlich zeigen.

Was immer die Fabrikanten auch auch be⸗ schließen mögen, den Zusammenhalt der Unter⸗ legenen werden sie nicht sprengen, ihre Organi⸗ sation nicht vernichten. Die Arbeiter kommen

nicht als die Bittenden, von äußerster Not ge⸗

trieben, denn alle, die abgewiesen werden, sie finden in der, dank der Opferfreudigkeit der deutschen Arbeiterschaft mit genügenden Mitteln ausgestatteten Organisation einen Rückhalt und

die erforderliche Hülfe. noch Einbuße des Vertrauens zur guten Sache

ist bei den Ausgesperrten zu finden. Der Zehn-

stundentag für die Textilindustrie wird errungen, trotz alledem und der gewaltige Kampf in Crim⸗ mitschau war das wirksame Vorgefecht.

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5 Anterhaltungs-Ceil. 7

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Der Sieg des Schwachen.

Erzählung von Melchior Meyr. 18.(Fortsetzung.)

Die Bäbe hatte eine Kamerädin, und diese

eine Schwester. Es ist denkbar, daß ste der Ge⸗ treuen, die ohnehin schon Mitwisserin geworden in der Bedrängnis ihres Herzens, nach dem ab⸗ genommenen Versprechen einer vollständigen Ge⸗ heimhaltung natürlich, den Handel erzählt und diese wirklich keiner Seele davon gesagt, ausgenommen ihrer Schwester, die dann, durch ihre gleichfalls erteilte Zusage schon weniger be⸗

engt, das weitere sich erlaubt hatte. Auf der

anderen Seite stand aber die Frau Pfarrerin in einem Verhältnis wechselseitiger Mitteilungen mit der Frau Lehrerin, und diese hatte wieder

eine Beziehung zur Frau Wirtin. Es ist mög⸗

lich, daß die gute und im Grunde ihres Wesens heitere Dame dem Reize nicht widerstehen konnte, die ihr noch nie vorgekommene und darum höchst

pikante Tatsache unter dem Siegel der tiefsten

Verschwiegenheit der Vertrauten zu schildern, da nach der strengen Justiz, die ste gegen die Uebeltäterin geübt hatte, doch auch die komische Seite derselben ausgebeutet sein wollte. Daß dann die Frau Lehrerin die prächtige Geschichte nicht ganz und gar für sich behalten, sondern sie unter der nämlichen sichernden Bedingung der Wirtin vertraut, wäre ihr kaum zu verden⸗ ken gewesen. Um so weniger aber der Wirtin dte Mitteilung an irgend einen ihrer Gäste, für deren Unterhaltung zu sorgen ja zu ihren Pflich⸗ ten gehörte! Genug, die Sache war ausge⸗ kommen, ging wie ein Lauffeuer im Dorfe her⸗ um, und der Schneider hatte die Folgen zu dulden.. 5 Mit welchen Empfindungen dieser den Wirts- garten verließ, kann man sich denken. Das ihm angeborene Ehrgefühl, durch die übelsten Er⸗ fahrungen nicht unterdrückt, war nach den gestrigen Siege über seinen Vater mächtig em⸗ porgelodert; seine Ansprüche auf Achtung hatten sich erneuert, und er glaubte sich durch die Er⸗ reichung seines Zweckes, die er für gewiß an⸗ nahm, allgemein in Ansehen bringen zu können. Nun war alles wieder zu Wasser geworden. Das heutige Gesicht des Alten hatte ihn be⸗ lehrt, daß er seine Einwilligung in die Heirat mit der Bäbe weniger als jemals hoffen könne daß er die Schläge fruchtlos erduldet hatte! Und zu alledem war seine Schmach öffentlich geworden er, der Geschädigte, war dem Spotte und der Mißhandlung preisgegeben, wer weiß auf wie lange! Der Boden brannte unter ihm, er fürchtete sich unendlich, jemand zu begegnen, und eilte auf dem kürze⸗ sten Wege aus dem Dorfe ins Feld, wo er den am wenigsten betretenen Fußpfad aufsuchte. Als er hier weitherum niemand gewahrte, entlastete er das gepreßte Herz und brach in laute Verwünschungen aus. Er sagte sich in wilder Veidenschaft vor, was er erduldet, schmähte, daß ihm grad ihm das begegnen . malte sich aus, was er ferner werde zu lei⸗ en haben, und wühlte sich immer tiefer in sein Elend hinein. Die Worte gingen ihm endlich aus, aber nicht das Wallen und Sieden des Herzens, dem sie entstiegen waren. Er lief zwischen herrlichen Saatfeldern hin, aber er nahm

Weder Mutlosigkeit

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