Ausgabe 
31.1.1904
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 5.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Geite 5.

rechnet. Vernünftige und denkende Arbeiter kennen

die Qualität der unparteiischen Blätter, danken dafür und abonnieren sozialdemokratische. Ordnungsheldentum. Vergangenen Sonntag verteilte einer unserer Genossen in Odenhausen Landkalender. Er kam auch in die Wirtschaft L. Kreiling, wo er dem

Wirt ebenfalls ein Exemplar einhändigte. Der

Mann glaubte nun damit eine besondere Helden. tat auszuführen, daß er vor den Gästen das unschuldige Heftchen in den Ofen steckte. Nun, es gehörte ihm ja als sein Eigentum, er konnte damit machen, was er wollte. Doch hätte es seiner geistigen Entwickelung nicht geschadet, wenn er es gelesen hätte, dümmer wäre er jedenfalls nicht geworden. Und einen Orden wird ihm seine Heldentat auch schwer⸗ lich einbringen. Den Arbeitern Odenhausens ist aber zu raten, daß sie nur dort verkehren, wo sie nicht brüskiert und beleidigt werden.

aus dem Nreise Marburg⸗Rirchhain.

*Professor Dr. Lehmann ist am Dienstag im Alter von erst 51 Jahren nach schwerem Leiden gestorben. Der Verstorbene war ein bedeutender Jurist und Verfasser zahl⸗ reicher Schriften. Bei den letzten preußischen Landtagswahleu kandidierte er für die Natio⸗ nalliberalen in Marburg, unterlag aber dem konservativen Landrat Negelein.

f Konsumverein. In der am Samstag, 23. Januar stattgefundenen Generalversamm⸗ lung des Konsum vereins für Marburg und Umgegend erstattete der Geschäftsführer den Bericht vom 1. Quartal des neuen Ge⸗ schäftsjahres, wonach im allgemeinen ein Auf⸗ schwung des Geschäfts zu konstatieren war. Der Warenumsatz betrug ca. 1300 Mk. Die Mitgliederzahl ist auf 330 gestiegen. Auch die Sparkasse hat sich gut entwickelt. Da der in voriger Versammlung gewählte Kontrolleur L. Prophet, an Stelle des freiwillig zurückge⸗ tretenen Chr. Weber, abgereist ist, mußte eine Ersatzwahl stattfinden und wurde als solcher Fr. Holzknecht gewählt. Die Verträge mit dem Vorstande wurden debattelos auf ein Jahr verlängert. Ferner sprachen sich verschiedene Mitglieder im Prinzip für Errichtung einer eigenen Bäckerei aus und wurde der Vorstand beauftragt, die nötigen Schritte behufs Einrich⸗ tung einer Bäckerei einzuleiten, um der nächsten Versammlung eine bestimmte Vorlage zu machen. Da in nächster Zeit Agitations⸗Versamm⸗ lungen in Cappel, Ockershausen, Marbach und Wehrda stattfinden, wird um rege Teilnahme an diesen Versammlungen ersucht..

t. Buchdrucker. An den beiden Oster⸗ feiertagen findet in Marburg der Gautag des Gaues Frankfurt⸗Hessen(Verband der deutschen Buchdrucker), welcher alle drei Jahre abgehalten wird, statt. Eine am Sonntag stattgefundene sehr zahlreich besuchte Buchdrucker⸗Versammlung besprach u. a. die zu treffenden Arrangements bei Gelegenheit dieses Gautages. Auf die ge⸗ faßten Beschlüsse in dieser Versammlung haben wir vielleicht später Gelegenheit, einmal zurück⸗ zukommen.

Vergiftete Mahlzeit.

Große Aufregung verursacht in Darmstabdt ein in der Kochschule des Alice-Frauenvereins vorgekommener Vergiftungsfall, der bisher 5 Personen das Leben kostete. In der Anstalt waren konservierte Bohnen zu Salat verwendet worden. Fast alle, die davon gegessen, er⸗ krankten. Elf liegen noch schwer krank dar⸗ nieder. Die Vorsteherin der Anstalt starb ebenfalls.

Ein Streikkrawall⸗Prozeß

at sich vorige Woche vor dem Mainzer

andgericht unter kollossalem Andrange des Pub⸗ likums abgespielt. Angeklagt waren der Mau⸗ rer Mathias Orth, Johann Barth, Peter Barth, und Christian Ditt, die im August v. J. beim Maurer⸗Ausstand sich an dem Ueberfall auf die italienischen Arbeiter beteiligt haben sollen. Die

zogen, mit Knütteln und Eisenstangen verpeü⸗ gelt, es sollen auch Revolverschüsse auf sie ab⸗ gegeben worden sein. In dieser Sache erfolg⸗ ten zuerst etwa 30 Verhaftungen, von denen jedoch nur die gegen die genannten Angeklagten aufrecht erhalten wurden. Von den geladenen 50 Zeugen sind die 15 ebenfalls vorgeladenen italienischen Maurer nicht erschienen; die La⸗ dung konnte ihnen nicht zugestellt werden, da ihr Aufenthalt unbekannt ist. Die Angeklagten bestreiten jede Teilnahme an dem Ueberfalle. Im weiteren Verlauf der Verhandlung stellte sich heraus, daß die der Anklage zu grunde liegenden Vorkommnisse bedeutend übertrieben dargestellt worden waren. Die beiden Barth wurden freigesprochen, Ditt und Orth da⸗ gegen wegen Körperverletzung zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt, wovon ihnen 4 Monate auf die Untersuche haft angerechnet wurden.

Prügelpädagog.

Vor dem Schwurgericht in Karlruhe stand am 22. Jan. der 52jährige Lehrer Eckert aus Brötzingen bei Pforzheim, um sich wegen Körperverletzung mit nachfolgendem Tode zu verantworten. Er hat einen schwächlichen, kränklichen Kna⸗ ben in einer Schulstunde dreimal derart mit einem Rohrstock mißhandelt, daß der untere Rückenteil, Gesäß, das Hüftbein und die Oberschenkel bis zur Kniekehle mit fingerdicken, blutunterlaufenen Striemen bedeckt war. Acht Tage nach der Mißhandlung starb das Kind an einer Lungenentzündung. Die Gerichtsverhandlung ent⸗ rollte ein tieftrauriges Bild der scheußlichen Prügelei in der Volksschule. Der Lehrer erzählte noch, daß der Knabe sonst immer gut, fleißig und aufmerksam gewesen sei. Statt sich zu fragen, was wohl an dem Tage mit dem Knaben sein möge, daß er so verstört und unauf⸗ merksam dasitzt, arbeitete er mit dem Stock. Das Gericht sprach trotz des skandalösen Falles den Angeklagten frei.

Furchtbare Grubenexplosion.

Durch eine gewaltige Explosion schlagender Wetter wurde die Grube der Harwick⸗Coal⸗ Company bei Cheswick in Pennsylvanien voll⸗ ständig zerstört. Die Grube stürzte ein und sämtliche darin befindlichen Bergleute, 180 an der Zahl, wurden verschüttet und getötet. Die Mehrzahl der Verunglückten waren Aus⸗ länder. Der Arbeiter geht elend zu Grunde, weil der Kapitalist immer mehr Reichtümer anzuhäufen trachtet und dabei die notwendigsten . für die Arbeiter außer acht äßt!

Eine ganze Stadt abgebrannt.

In der Nacht vom Freitag zum Samstag hat eine furchtbare Feuersbrunst die norwegische Hafenstadt Aalesund vollständig eingeäschert. Gegen 2 Uhr morgens brach der Brand in der Präservens aus und in nicht mehr als 2 Stunden wa der größte Teil der Stadt nieder⸗ gebrannt, und die Bevölkerung konnte nichts andres machen, als sich vor dem Feuer flüchten, das sie weiter und weiter aufs Land hinaus⸗ trieb. Das Ganze gestaltete sich beinahe vom ersten Augenblick an als eine Flucht, unter der man anfangs versuchte, etwas zu retten. Vieles wurde auch auf die Straße gebracht, aber die Schnelligkeit des Feuers war so groß, daß man alles liegen lassen mußte, um nur das Leben zu retten. Mehr als 11000 Menschen waren obdachlos und mußten auf freiem Felde kam⸗ pieren, nur mangelhaft bekleidet, dem Sturme und der Kälte ausgesetzt. Sogar mehrere Schiffe, die sich im Hafen befanden, sind ver⸗ brannt, andere mußten versenkt werden, um sie vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. Von verschiedenen Seiten wurden Dampfer mit Nahrungsmitteln und Kleidern abgesandt; von Bremen ließ der Norddeutsche Lloyd zwei Dam⸗ pfer abgehen, wovon der erste bereits Dienstag Vormittag in Aalesund eintraf und sofort die Verteilung der Nahrungsmittel und warmen Kleider stattfand. Auch von anderen Orten aus wurden Hilfsaktionen ins Werk gesetzt.

Aalesund ist eine Stadt von etwa 12000 Einwohnern, an der Westküste Norwegens unter dem 62. Breitengrad gelegen. Die Stadt be⸗ treibt bedeutenden Fischfang und Handel.

italienischen Streikbrecher wurden damals am frühen Morgen, als sie nach ihren Baustellen

7

Kleine Mitteilungen.

. Die Bahnsperre wird ab 1. Februar auf

der oberhessischen Bahnstrecke Gleßen⸗Fulda eingeführt. r Vom Zuge überfahren. Der Stations⸗

vorsteher Müller in Flacht bei Diez(Strecke Diez⸗ Wiesbaden) wurde am Samstag Abend vom Zuge über⸗ fahren und total zerstückelt.

e Opfer der Arbeit. Bei Dombrowa in Schlesien, wo die Erbauer einer Zweigbahn Schlacken von der Schlackenhalde der Paulinenhütte nach dem Bahnkörper abfahren ließen, löste sich plötzlich eine Schlackenwand und begrub gegen 30 Arbeiter unter sich. Nach angestrengter Rettungsarbeit wurden 7 Leichen herausgeschafft. Fünf Bergleute verunglückten auf der ZecheConstantia bei Sterkrade durch Erplosion eines Sprengschusses. Zwei sind tot. Durch Schlag⸗ wetter sind auf Zeche Dorstfeld bei(Dortmund) zwei Bergleute verunglückt.

2

Par tei-Nachrichten. Wahlkreis Gießen⸗Grünberg⸗Nidda.

Sonntag, den 28. Februar, vormittags 10 Uhr im Lokale Orbig in Gießen:

Kreiskonferenz.

Vorläufige Tagesordnung:

1. Bericht des Vorstandes des Kreiswahlvereins. 2. Neuwahl des Vertrauensmannes. 3 Unsere Kreis⸗ organisation. 4. Die Gemeinderatswahlen. 5. Unser diesjähriges Kreisfest.

Zu der Konferenz kann jeder Parteiort bis zu drei Delegierte entsenden, es können sich auch mehrere Orte auf einen Delegierten einigen. Auch solche Orte, wo ein Parteiverein nicht besteht, können Delegierte ent⸗ senden. Zu diesem Zwecke sollen die Vertrauensleute am Orte die Genossen zusammenberufen und die Wahl vornehmen lassen. Mandat sfor mulare sind bei dem Vertrauensmann A. Bock Gießen, Damm⸗ straße 22 erhältlich. Wir ersuchen die Genossen im Kreise, zu der Konserenz Stellung zu nehmen und etwaige Anträge rechtzeitig möglichst bis zum 20. Februar an den Vorsitzenden, Gg. Beckmann, Gießen Grünbergerstraße 44 einzureichen.

Der Vorstand des Kreis⸗Wahlvereins.

Versammlungskalender.

Erscheint zahlreich und pünktlich in den Ver⸗ sammlungen! Samstag, den 30. Januar.

Gießen. Soz.⸗dem.⸗Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Vortrag vom Stadtverord⸗ neten E. Krumm über kommunalpolitische Fragen.

Marburg. Soz.⸗dem.⸗Wahl verein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Jesberg.

5 Sonntag, den 31. Januar.

Steinberg. Arbeiterbildungs verein. Nach⸗ mittags 4 Uhr Versammlung bei Wirt Schwarz. T.⸗O.: Jahresabrechnung.

Marburg. Arbeiter⸗Gesang⸗VereinEiu⸗ tracht. Nachmittags 2 Uhr Generalversammlung bei Jesberg. Darauf Familienabend.

Montag, den 1. Februar. g

Marburg. Schneider. Abends 9 Uhr Ver⸗ sammlung bei Hillberger. Schuhmacher im gleichen Lokal.

Dienstag, den 2. Februar.

Gießen. Gewerkschaftskartell. Abends 9 lor Sitzung bei Orbig.

Samstag, den 6. Februar.

Marburg. Holzarbeiter. Abends 9 Uhr. Ver⸗ sammlung bei Hillberger.

Quittung. Für die Crimmitschauer: Brauer⸗ Verband 10 Mk. H. G. Brauer 1. Mk. Liste Nr. 30. 13,55. Liste Nr. 31. 6,02. Liste Nr. 35. 10,22. Wirtschaft in der Rodheimerstraße Ertrag der Versteige⸗ rung einer Trompete und einer Flasche Sekt 8,50 In voriger Nr. ist zu lesen: Landsmann statt Landmann.

Parteifreunde! Euer Blatt, die

Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung!

äceei K LI

Giessen, Seltersweg 6 hält sich zur Lieferung vorzüglicher Backwaren bestens empfohlen. Lieferung frei ins Haus.

Werbt stets neue Leser für