Ausgabe 
31.1.1904
 
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Nr. 5.

Mitteldeutsche Sonntags⸗geitung.

Seite 7.

sie nicht wahr, so wenig als er die Lerchen

hörte, die nach und nach die Luft zu beleben an⸗

fingen. Sein Geist war der Außenwelt ent⸗ nommen, seine Füße trugen ihn nur mechanisch weiter.

Ein Markstein, an den er stieß, brachte ihn wieder zur Besinnung. Er sah auf und be⸗ merkte, daß er in die Feldung des Nachbar⸗ dorfs eingetreten und diesem näher war als dem seinen. Das stimmte ihn ruhiger. Es war sicherer hier und darum für ihn heimlicher. Einen Seitenpfad einschlagend, ging er lang⸗ samer, aber um vieles gemütlicher vorwärts. Nach und nach legte sich der innere Aufruhr ganz, der Mut kam ihm wieder, und die Kraft der Verteidigung regte sich in ihm.

a Die Phantasie, die große Trösterin, erhob sich, fühlte sich und begann ihr Geschäft, die erlebten Unbilden umzubilden und das, was geschehen war, so darzustellen, wie es hätte ge⸗ schehen sollen. 5

Er dachte sich die Kerle im Garten, wie sie an der Tafel saßen und von ihm sprachen. Es gab ein Gerede hin und her, und mancher dumme Spaß wurde über ihn gemacht.Wenn er jetzt käme, rief einer der Lümmel,dem soll es gutgehen! Und stehe da, er kam, er setzte sich zu ihnen aber die Sache ging anders, als sie dachten! Das Trätzen fing an, einer half dem andern. Eine Zeitlang hörte er es ruhig an, indem er nur diesem und jenem eine Red' hinschmiß, daß er daran zu schlucken hatte. Endlich kriegte er's genug, und er rief zum Leard:Halt's Maul jetzt! Ich hab' das dumme Gered' satt! Der Leard gab nicht nach. Nochmal rief er ihm zu:Halt's Maul, oder es reut dich! Der Leard lachte laut und fing wieder an. Da war's mit seiner Geduld zu Ende; um nicht lange herumzufackeln, ergriff er den Maßkrug, holte aus und schlug den Kerl auf den Kopf, daß er ins Gras hinpur⸗ zelte. Alle sprangen auf und schrieen:Auf ihn! Er hat den Leard totgeschlagen! Haut ihn nieder! Aber solch Geplärr konnt' ihn nicht aus der Fassung bringen; er trat zurück, schwang den Krug und rief:Drei Schritt' vom Leib! Wer mich anrührt, ist des Todes! Die Bosheit und die Wut trieben doch ein paar Burschen vorwärts, obwohl ihnen der Schrecken aus dem Gesicht sah; grimmig gingen sie auf ihn los, der Kampf begann und ihm gelangen die größten Taten seines Lebens. Den ersten schlug er ins Gesicht, daß er rück⸗ wärts auf die andern stürzte und das Blut ihm aus der Nase lief. Dem anderen gab er eins hinter die Ohren, daß der taumelte, mit dem Gesicht auf den Boden fiel und Ach und Weh schrie. Nun wurden die übrigen rasend, einer hetzte den andern, und auf einmal stürz⸗ ten ste alle zugleich gegen ihn. Da half kein Ftuger! Er setzte mit der Schnelligkeit des Blickes und mit ungeheuerer Kraft den Schwung, daß er umging wie ein Triebrad und es ganz unmöglich war, ihm anzukommen. Wer am weitesten vorkam, der kriegt' es mit fürchter⸗ licher Gewalt an den Kopf, an die Arme, daß er beiseite geschleudert um und um torkelte. So ging's fort, bis sie alle zu Boden lagen und stöhnten, sogar flennten, ausgenommen die

zwei Jüngsten, die sich hinten gehalten hatten

und ihn zitternd baten, ihnen nichts zu tun! Während dies geschah, waren die übrigen Gäste herbeigekommen, hatten zugesehen und ihm Lob zugerufen. Er setzte den blutigen Krug auf den Tisch, schnaupfte ein paarmal und rief: So geht's den Kerlen, die mich für'n Narr'n haben wollen! Wem ich gut zum Rate bin, der läßt's bleiben! Die Umstehenden schau⸗ ten sich an und sagten:Wer hätt' dem Schneider das zugetraut? Das ist ja ein Herr⸗ gottsakrament! Er aber griff in die Ta⸗ sche, warf dem Wirtsmädchen einen Zwölfer hin, und schritt triumphierend durch die Lente, die ihm rechts und links Platz machten!

Als er mit diesem idealen Gebilde so weit gekommen war, hörte er Fußtritte. Ungern

wendete er den Blick von der schönen Szene

auf die gemeine Wirklichkeit, und vorwärts blickend erkannte er einen Bauern vom Nach⸗ bardorf, der in Begleitung eines Buben gegen

ihn herankam. Schon von weitem nahm er in;

dem Gesicht des Alten das unangenehme Lächeln der Schadenfreude wahr, und eine Ahnung er⸗ regte sein Herz.

Der Bauer grüßte schmunzelnd und sagte: Nun, Tobias, hast du's zu Hause nicht mehr aushalten können? Es geht dir wohl recht schlecht bei euch, daß du zu uns herüber⸗ kommst?

Er hatte recht geraten der alte Esel wußte die Geschichte auch schon der Teufel hatte in dieser Sache noch ein übriges getan. Allein jetzt war er im Zuge, und schnell gefaßt erwiderte er:Bei euch, wenn ich deswegen gekommen wär', tät ich auch nicht viel profi⸗ tieren; denn da giebt's so große Narren, wie ich seh', als bei uns! Und rüstig schritt er vorüber, während der Alte und der Bube zu⸗ sammen lachten.

Seine Wanderung hatte indessen ihr Ziel erreicht. Wenn es so stand, so war's hier nicht besser als bei ihm, und er konnte wieder nach Hause gehen. Die Sonne zeigte sich schon gegen Nordwesten er drehte sich und ging langsam heimwärts. Gehend und zeitweise stehend und umherschauend, wußte er es so einzurichten, daß er just zur Dämmerzeit ins Dorf kam.

Auf dem Rückweg hatten sich Wolken er⸗ hoben, die den Schein der untergegangenen Sonne verdeckten es war ziemlich dunkel, als er die Hauptgasse entlang ging. Dennoch erkannte er sogleich eine Gestalt, die langsam gegen ihn heranwandelte, und die ihm Gott entgegensandte die Bäbe.

Nach gewechselten Grüßen begann das Mäd⸗ chen in melancholischem Tone:Es ist gut, daß ich dich treff; uns ist das Aergste passtert, was hat passieren können!

Was? rief Tobias auffahrend,geht das so fort? Nun?

(Fortsetzung folgt.)

5 n

Einige Gedanken über das Kind. Von R. Gersuny, Wien.

Du erziehst ein Kind durch Lehre und Bei⸗ spiel; weißt Du aber, wie das im Kinde wir⸗ ken wird? Oft ist einböses Beispiel für das Kind abschreckend und nützt ihm mehr, als die schönste Rede. Die ersten Lügen. Denke Dir, mein Kind fängt an, zu lügen! ruft die unerfahrene junge Mutter einer mütter⸗ lichen Freundin zu. Diese untersucht lächelnd den Fall, und was kommt heraus? Das Kind hat der Mutter ein freies Spiel seiner Phanta⸗ stie wie etwas Wirkliches erzählt, nicht um zu täuschen, nur um zu plaudern, etwa so, wie es früher gezappelt und gekräht hatte, nur aus Freude an der Bewegung, sonst ohne Zweck und Ziel. Sage dem Kinde lächelnd: Das hast Du nur ausgedacht, das hast Du gar nicht gesehen. Das Kind wird, stolz auf seine Leistung, ernst⸗ haft nicken und so allmählich den Unterschied zwischen dem Wirklichen und dem Erdichteten kennen lernen. Strafe ein Kind nie für Wahr⸗ haftigkeit, sonst lehrst Du es lügen. Für jedes Geborene giebt es einen höchsten Grad der Vollkommenheit, den es erreichen könnte, wenn alle seine natürlichen Anlagen zielbewußt, harmonisch und ungestört ausgebil⸗ det würden. Dieses individuelle Ideal sollte während der ganzen Zeit der Entwickelung das Ziel der Erziehung sein; erst später be⸗ ginne das bewußte Streben nach Einseitigkeit: die Ausbildung für einen bestimmten Beruf. Wer so erzogen ist, hat noch andere Lebens⸗ freuden, als die Berufsarbeit, und ist kein ver⸗ lorener Mensch, wenn diese aufhört. Wenn die Kinder heranwachsen, sieht man all⸗ mählich das verkümmern, was das. so hold macht: die unbefangene Natürlichkeit, das freimütige Wesen und alle Keime schöner Men⸗ schennatur. Wie die Bienen ihre Brut durch Einschließen in enge Zellen zu Arbeitstieren verstümmeln, so engen die harten Forderungen des Lebens den heranwachsenden Menschen ein. Wir armen Krüppel! Das Kind fühlt, wie in seinem Inneren die Welt eatsteht,

der Jüngling baut sie aus; kaum ist die Jugend erfüllt von schöpfertschem Uebermut, von Herrsch⸗ begier und Ihr alten Weltmüden und Schiff⸗ brüchigen verlangt von ihr Bescheidenheit und Resignation! Waret Ihr denn selbst nie⸗ mals jung?

Mein Vater pflegte zu sagen: Man sollte die Kinder so behandeln wie Erwachsene mit kleinem Verstand. Der Rat ist gut, aber nur für die Umgangsform. Für die Erziehung muß man sich stets vor Augen halten, daß die Kin⸗ der treffliche Beobachtungsgabe, leichte Auffas⸗ sung, bewundernswürdiges Gedächtnis haben; ihnen fehlt jedoch die Erfahrung und ste müssen erst lernen, neu gewonnene Vorstellungen denen anzugliedern, die sie schon besitzen. Das treff⸗ liche Gedächtnis der Kinder sei dem Erzieher eine Warnung, daß er nie die Wahrhaftigkeit verletze; früher oder später würden die Kinder ihn durchschauen und dann die Achtung vor ihm verlieren oder gar die vor der Wahrheit.

Der Heizer der ersten Lokomotive,

die George Stephenson dem öffentlichen Be⸗ triebe übergeben hat, Marshall, ist kürzlich in London gestor ben, wie man derFkf. Z. von dort schreibt. Er erreichte ein hohes Alter und überlebte seinen Meister länger als 55 Jahre, denn Stephenson starb am 12. August 1848. Die denkwürdige Fahrt, bei welcher wie es heißt, Marshall als Heizer diente, fand am 27. September 1825 zur Eröffnung der Eisenbahn⸗ linie derStockton and Darlington Railway statt, der ersten in der Welt, welche Passagiere beförderte. Für diesen Zweck war sie aber nicht eigentlich bestimmt, sondern zur Beförderung von Mineralien. Erst die Eisenbahnlinie Liverpool⸗ Manchester, die im Oktober 1829 dem öffent⸗ lichen Verkehr übergeben wurde, kann als die erste Eisenbahn für Personenbeförderung ange⸗ sehen werden. Auf seiner ersten öffentlichen Fahrt, am 27. September 1825, fungierte Stephenson selbst als Lokomotivführer und der junge Heizer, den er mitgenommen, zeigte sich der Ehre würdig, denn in dem Protokoll das über die denkwürdige Reise aufgenommen wurde, geschah dessen besondere Erwähnung, daß das Feuer trefflich unterhalten worden war.

D

Humoristisches.

Auf dem Kasernenhof. Unteroffizier, Müller, wirste mal die Knie besser durchdrücken! Kerl du denkst wohl, du bist hier auf dem Forbacher Kasino⸗ ball?(W. Jakob.)

Heiteres aus der Schule. Unter mehreren heiteren Antworten aus Kindermund werden derFrkf. Ztg.. die folgenden mitgeteilt: In Lu dwigs⸗ hafen gte der Schulinspektor bei der Prüfung:

Kannst Du mir sagen, warum der Krebs immer rückwärts in seinen Schlupfwinkel geht?

Karlchen antwortet:Damit er sich net erum ze drehe braucht, wann er wieder eraus geht.

Ein Gegenstück zu diesem kleinen Phlegmatikus wohnt in einem Taunusörtchen. Dort fragte der Lehrer in der Schule:

Warum schläft der Ha se mit offenen Augen?

Und der kleine Weise antwortete:

Damit, wenn der Jäger kommt, ihm seh en kann!

Sg

Beschichtskalender.

31. Januar. 1893: Zukunfts-⸗Debatte in Deutschen Reichstage. 1892: DerVorwärts veröffentlicht den Soldaten⸗Mißhandlungserlaß des Prinzen Georg von Sachsen. 1. Februar. 1903: Holländ. Elsenbahnerstreik sieg⸗ reich beendet. 1896: Stöcker muß aus der konser⸗ vativen Parteileitung ausscheiden. 1558: Uuiver⸗ sität Jena gegr. 1868: Ledru⸗Rollin, franz. 48er Sozialdemokrat F. 1829: Brehm, Naturforscher*. 1899: Löbtauer Zuchthausurteil. 53 Jahre Zucht⸗ haus, 8 Jahre Gefängnis über 10 Arbeiter wegen geringfügiger Vergehen verhängt.

1897: Achtstundentag⸗Debatte im Deutschen Reichs⸗ tage. 1890: Wilh. II. Arbeiterschutzerlasse.

5. 1880: Dynamit⸗Attentat im kaiserl Winterpalast in Petersburg. 1682: Böttger, Erfinder des Porzellans*.

1898: Tondichter Curti Dresden T. 1897: Ende des Hamburger Hafenarbetterstreiks.