Ausgabe 
30.10.1904
 
Einzelbild herunterladen

1 1 1 N

0 1

er. 44.

Gießen, den 30. Oktober 1904.

11. Jahrgang

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Sonnt

Mitteldeutsche

edualttonsschuß:

Donnerstag Nachmittag 4 U. N

gs⸗Jeitung.

Abonnementspreis:

Die Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung kostet durch unsere nehmen alle Austräger in Stadt und Land, die Austräger fre ins Haus geliefert monatlich 25 Pfennig. Durch die Post bezogen vierteljährlich 75 Pfg. Direkt durch Druckerei, Ludwigstr. 30, jede Postanstalt und die Expedition unrer Kreuzband vierteljährlich 1 Mark. jeder Landbriefträger entgegen.(P.⸗Z.⸗K. 5107)

Bestellung en

6 finden in der M. S.⸗Ztg. weiteste Verbreitung. Expedition in Gießen, Rittergasse 17, die Petitzeile oder deren Raum kostet 10 Pfg.

Juserate Die ögespalt. Bei mindestens

4 mal. Bestellung gewähren wir 25% bei 6 mal. Bestellung 33½% und bei mindestens 12 mal. Aufgabe 50% Rabatt.

Die Schulden.

Ueber die Schulden des Reiches und der Bundesstaaten ist der amtlichen Finanz⸗ statistik folgendes zu entnehmen:

Die n Schulden des Reiches be⸗

trugen zu Beginn des Rechnungsjahres 1903

2 2813,5 Millionen Mark; darunter waren 2733,5 Millionen Mark fun⸗ dierte und 80 Milltonen Mark schwebende Schul⸗ den. In den Bundesstaaten betrugen die Schulden

17 766,3 Millionen Mark, davon 11.730, Millionen Mark fundierte und 46,1 Millionen Mark schwebende. Im Ver⸗ gleich zum Jahre 1902 haben sich die fundierten Reichsschulden nicht geändert, doch sind im Laufe des Rechnungsjahres 1903 290 Millionen Mark beigegeben worden. In den Bundesstaaten haben sich die fundierten Staatsschulden von 1901 zu 1902 um 462 und von 1902 zu 1903 um 471 Millionen Mark erhöht, so daß in den zwei Jahren eine Zunahme um 933 Milltonen Mark

oder 8,6 v. H. stattgefunden hat. An dieser Zunahme ist Preußen mit 422, Sachsen mit 150, Bayern mit 98, Baden mit 86, Hamburg mit 52, Hessen mit 48, Bremen mit 32, Württemberg mit 25 und Mecklenburg⸗Schwerin mit 18 Millionen Mark beteiligt.

Auf den Kopf der Bevölkerung ent⸗ fallen im Reich 48,49 Mark Reichsschulden und 208,10 Mark Staatsschulden, zusammen also

256,59 Mark.

Die Staatsschulden sind verhältnismäßig am größten in den Hansestädten; in Bremen kommen auf den Kopf 856,04 Mark, in Ham⸗ burg 596,54, in Lübeck 378,20 Mar; dann folgen Hessen mit 297,05, Württemberg mit 239,77, Bayern mit 236,48, Sachsen mit 233,24, Baden mit 225,58, Mecklenburg⸗Schwerin mit 208,74 und Preußen, das unter den größeren Staaten am günstigsten dasteht, mit 203,84 Mk.

Ganz auffallend gering ist die Staatsschuld in Sachsen⸗Weimar mit 4,94 und Sachsen⸗ Altenburg mit 4,53 Mark auf den Kopf.

Die Ausgaben an Verzinsung, Tilgung, Verwaltung u. s. w. für die fundierten Staats⸗ schulden betragen bei der Reichsschuld 94,4 und bei den Staatsschulden 471 Millionen Mark, zusammen also

565,4 Millionen Mark oder 10,04 Mark auf den Kopf der Bevöl⸗ kerung. Auf die Staatsschulden allein entfällt ein Betrag von 8,36 Mark für den Kopf, in Preußen ein solcher von 8,27 Mark. Die Zahlen über die Höhe der fundierten Schulden stnd wegen der verschiedenen Verwendung, der die Schulden in den einzelnen Bundesstaaten dienen, nur mit Vorbehalt vergleichbar und verwertbar. Wie in den Hansestädten der weitaus größte Teil aufgenommen ist zwecks Baues von Ver⸗ kehrsanlagen, die wieder Einnahmen abwerfen, so sind auch in den Eisenbahnstaaten die Eisen⸗ bahnschulden, denen ein werbendes Vermögen gegenübersteht, mit enthalten. Sondert man die Eisenbahnschulden aus, so verbleiben von den 11,7 Milliarden Mark der Bundesstaaten nur 4,5 Milliarden reine Staatsschuld(von der noch mindestens /, Milliarde auf die gedachten hanseatischen Anlagen entfällt), der Durchschnitts⸗

anteil an den einzelstaatlichen Schulden sinkt dann von 208,10 auf 80,15 Mark und die Ausgaben für die Staatsschulden fallen von 8,36 auf 3,22 Mark für den Kopf. Baden tritt nach Abzug der Eisenbahnschulden unter die schulden⸗ freien Staaten, in Württemberg beträgt der Rest der Staatsschuld 15,40 Mark auf den Kopf, in Bayern 32,40, in Sachsen 53,56, in Preußen, das nunmehr nächst den Hanse⸗ städten und Braunschweig am schlechtesten dasteht, 92,04 Mark.

Das Aulagekapital der Eisenbahnen beträgt im Reich und in den Einzelstaaten 12,69 Milliar⸗ den Mark, übersteigt also die Eisenbahnschulden, die 7,37 Milliarden betragen, um rund 5/ Milliarden. In Preußen stehen dem Anlage⸗ kapital von 8,08 Milliarden Mark Eisenbahn⸗ schulden von 3,85 Milliarden Mark gegenüber, so daß das Anlagekapital die Schulden 4,23 Milliarden Mark übersteigt.

Die in der Hauptsache gegen den Militaris⸗ mus, die Kolonialpolitik ꝛc. berursachte Reichs⸗ schuld ist eine ganz ungeheure, zu deren Ver⸗ zinsung Riesensummen aufgebracht werden müssen. Und sie werden vorwiegend aufgebracht durch Steuern auf die notwendigsten Lebens⸗ mittel der minderbemittelten Klassen und sie fließen in Gestalt von Zinsen in die Taschen der Besitzenden.

r

200 Millionen Mark für die afrikanischen Wüsten.

Immer neue Truppentransporte gehen nach dem Aufstandsgebiete in Südwestafrika ab und man macht sich in Regierungskreisen langsam mit dem Gedanken vertraut, daß der Krieg noch recht lange dauern und noch manches Milliön⸗ chen Mark Opfer kosten wird. Zumal jetzt, wo noch mehrere Negerstämme gegen die Deut⸗ schen sich im Aufstande befinden. Man rechnet bereits damit, daß der Krieg noch mindestens zwei Jahre dauert!

Auf mehr als hundert Millionen be⸗ laufen sich nach einer Nachricht, die dieSchle⸗ sische Zeitung aus gut unterrichteten kolonialen Kreisen erhalten hat, die bisherigen Kosten des Hererokrieges. Die Kosten, die die Nieder⸗ werfung des ganzen südwestafrikanischen Auf⸗ standes verursachen werden, werden von den⸗ selben Kreisen auf rund 200 Millionen geschätzt.

Das wird selbst dem Flottentollsten zu toll. So schreibt dasBerl. Tageblatt:

.. Die Kolonie kann uns in absehbarer Zeit keine Vorteile bieten, selbst wenn sie nicht so verwüstet wäre wie gegenwärtig. Da wird ein so hohes Opfer doppelt schwer, und drei⸗ fach schwer wird es, wenn man sich vergegen⸗ wärtigt, wie viele vitale Reichsinteressen in der inneren wie in der äußeren Politik unter dem chronischen Geldmangel leiden müssen. Wieviel hätte für die 200 Millionen, die wir nun à fonds perdu) hinauswerfen müssen, auf dem Felbe dringender Reichsaufgaben geleistet werden können.

So wird es allmählich auch den Bestgestnnten klar, wie recht die Nörgler und Vaterlands⸗

feinde mit ihrer Kritik an der deutschen Kolo⸗ ) Als verlorenes Geld.

ntalpolitik gehabt haben. DasTageblatt spricht nun jetzt endlich offen aus, was längst klar ist, freilich aber bisher nur in sozialdemokra⸗ tischen Zeitungen zu lesen war: daß nämlich der südafrikanische Krieg eigentlich der hellste Wahnsinn und die tollste Millionenvergeudung ist, die in der Weltgeschichte jemals vorge⸗ kommen ist.

Wem glaubt man Respekt einflößen zu können durch eine Politik, die den afrikanischen Sand mit deutschem Blute düngt, die Wüstenet, so weit und breit ste ist, mit Hundertmarkscheinen tapeziert und zugleich weiß, daß das alles nur zum Vergnügen geschieht und daß das deutsche Volk für alle ungeheuren Opfer, die es bringt, niemals irgend einen greifbaren realen Vorteil haben wird?

Aber der Aufstand soll niedergeworfen werden, koste es, was es wolle, denn es handelt sich in Südafrika umunsere Ehre.

Die Masse des deutschen Volkes ist auf diesen Ehrenkodex glücklicherweise nicht ein⸗ geschworen; die Notwendigkeit, daßwir uns mit Samuel Maharero, Heinrich Witboi und den anderen afrikanischen Herrschaften auf Tod und Leben duellieren müssen, sieht es durchaus nicht ein. Den herrschenden Klassen fällt die Schuld an diesem tollen Ehrenhandel vom Anfang bis Ende zu. Und wenn hundert und aberhundert Millionen dafür geopfert wer⸗ den, so geschieht es nicht deshalb, weil es die Ehre des deutschen Volkes, sondern weil es 115 9 des herrschenden Systems so ver⸗ angt.

Daß dabet nicht einmal die Formen ge⸗ wahrt bleiben, die die Verfassung vorschreibt, daß über den Kopf des Reichstages hinweg nach rein absolutistischer Art Ausgaben gemacht werden, die das Gleichgewicht des Reichshaus⸗ haltes für Jahre über den Haufen werfen und die regellose wirtschafts- und verfassungswidrige Schuldenwirtschaft vermehren, gehört zu den besonderen preußisch⸗deutschen Eigentümlichkeiten dieses Systems. Es ist merkwürdig, daß noch kein freisinniges Blatt diesen in die Augen springenden Umstand hervorgehoben hat und daß es immer wieder nur dieUmsturzpresse ist, die für die Beachtung der Verfassung eintritt. Der Ehrenfeldzug nach Südwestafrika bleibt in allen Erscheinungen, die er zeigt in kolonial⸗ politischer, innerpolitischer, militärischer Be⸗ ziehung ein unerträglicher Skandal. Wird der Reichstag ihm ein Ende machen?

*

Im übrigen stehts mit dem Ehrenfeldzug gar nicht so glorreich aus. Die Hiobsposten aus dem schwarzen Erdteil jagen einander, der Typhus fordert ungeheuer viel Opfer. Man kann keine Freiwilligen mehr bekommen, was sich auf die Lockungen der Kreisblätter meldet, ist meist unbrauchbares Material. Es ist tat⸗ sächlich im Volke wenig Luft vorhanden, sich für die südafrikanische Sache ins Zeug zu legen. Es werden daher meist aktive Militärpersonen zu dem Expeditionskorps genommen, von denen sich aus einer Reihe von Gründen mehrFrei⸗ willige melden. Kurz, in der ganzen deutschen Kolonialpolitik haben wir ein einzig dastehendes Fiasko erlebt.

!

Dr

.. 0 0*

1

5

8