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Seite 2.
mitte ldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 44.
Politische Rundschau.
Gießen, den 27. Oktober 1904.
„Erstklassige Meuschen“.
Unter diesem Titel hat der Militär⸗Schrift⸗ steller Graf Baudissin, der unter dem Schrift⸗ stellernamen„Frhr. v. Schlicht⸗ schreibt, vor Jahresfrist einen Roman veröffentlicht. Das Werk machte böses Aufsehen in Offtzierskreisen, wie auch in den diesen nahe stehenden Gesell⸗ schaftsschichten. Aber auch sonst fand das Buch wenig Verteidtger. Dasselbe stellte, als ob es sich um etwas Selbstverständliches handelte, die Zustände in einem der vornehmsten Regt⸗ menter des preußischen Heeres so dar, daß die wahrheitsgetreueste Schilderung einer Ver⸗ brecherhöhle als ein liebliches Idyll dagegen erscheint. Alle Welt blickte entsetzt in diesen Spiegel sittlicher Verwahrlosung und niemand, der sich eine Spur moralischen Empfindens be⸗ wahrt hatte, blieb bei der Lektüre dieses Roman⸗ pamphletes von Schüttelfrösten des Ekels ver⸗ schont. Nur darüber, wie weit die Schuld an diesem wahrhaft niederschmetternden Eindruck dem Verfasser, wie weit sie dem Stoffe selb'st zuzuschreiben war, wogte der Streit der Mei ⸗ nungen. Die staatserhaltende Presse versicherte, daß es sich hier bloß um ein Sammelsurium der schmählichsten Lügen und Verleumdungen handle; dagegen hafteten damals in der Er⸗ innerung der Massen die Skandale von For⸗ bach und anderen„kleinen Garnisonen“ viel zu fest, als daß man al les, was der Verfasser zu behaupten sich erkühnte, in das Fabelreich hätte verweisen wollen. Aber selbst bei den „Vaterlandslosen“, den geschworenen Gegnern unseres verderblichen und verderbten milita ristischen Kastenwesens überwog die Meinung, daß die„Erstklassigen Menschen“ nicht als ein Bild der Wirklichkeit, sondern nur als ein Zerr⸗ bild zu betrachten seien, das vorhandene schwere sittliche Schäden ins Ungeheuerliche übertreibe.
Herr Wolf Graf Baudissin stand wegen dieses Buches am letzten Sonnabend in Berlin vor Gericht. Er hätte sich als Angeklagter darauf berufen können, daß es sein Recht als Romauschriftsteller sei, die Wahrheit phantastisch zu übersteigen. Er hätte zugeben können, daß sein Buch mehr Dichtung als Wahrheit sei, er hätte behaupten können, daß er schadhafte Zu⸗ stände habe bessern wollen, indem er vorhandene Laster durch das Vergrößerungsglas seiner Romankunst zeigte.
Von einer solchen Art der Verteidigung blieb der erstklassige Verfasser des Buches„Erstklassige Menschen“ weit entfernt. Seine ganze Ver⸗ teidigung war vielmehr danach gerichtet, als ob er mit lächelnder Unschuldsmiene fragen wollte: „Ja, was ist denn da eigentlich dabel?“— Der Roman wurde verlesen. Seinen Inhalt faßte der Staatsanwalt zusammen: Die Offiziere erschienen darin ohne Ausnahme„als Gecken und Narren, ohne ernstes Streben, als Mäd⸗ chenjäger von fast brutaler Roheit, als lieder⸗ liche Menschen, als verlumpte stttlich tiefstehende Schurken“. Aber Wolf Graf Baudissin, der 12 Jahre lang Offizier gewesen ist, dessen hoch⸗ aristokratische Verwandtschaft in hohen mili⸗ tärischen Stellungen steht, ja der einen eigenen Sohn de m Stande zuführen will, den er als einen Abgrund der Verworfenheit geschildert hat, findet das alles als nichts Besonderes, beinahe als etwas Selbstverständliches und Bekanntes! Er erklärt sogar:„Ja, es ist so!“ Wenn auch, was in seinem Buche stehe, nicht so erlebt sei, so sei doch alles, was in dem Buche stehe, erlebt. Er sei imstande, den Wahr⸗ heitsbeweis zu führen! Aber er habe keine Lust, den Sozialdemokraten neues Futter zu bringen und alte Kameraden an den Pranger zu stellen.
Der gräfliche Angeklagte kam bedeutend billiger davon, als ein sozialdemokratischer Redakteur bei der gleichen Sachlage davon ge⸗ kommen wäre. Er erhielt nur 300 Mk. Geld ⸗ strafe, der Verleger 200 Mk. Das Urteil ist bemerkenswert. Wäre nämlich die Behauptung des Angeklagten, seine Schilderungen entsprächen der Wahrheit, richtig, dann hätte er über⸗
haupt keine Strafe verdient. Standen aber die
Richter auf dem Standpunkt, daß die Behaup⸗ tung des Angeklagten, er habe für alles den Wahrheitsbeweis in der Tasche, unrichtig sei, dann wird man das Strafmaß nicht über⸗ mäßig hoch finden können.
Der Prozeß der„Erstklassigen Menschen“ hat unter lauter erstklasstgen Menschen gespielt; der unbehandschuhte Pöbel, der so ungebildet ist, Schurken Schurken zu nennen, hat sich mit der angenehmen Rolle des Zuschauers begnügen dürfen. Und so ist es auch in diesem erst⸗ klassigen Prozeß sehr höflich und sänftiglich, rücksichtsvoll von allen Seiten zugegangen. ES wurde kein aufregender Wahrheitsbeweis ge⸗ führt, kein ungeheuerliches Urteil gefällt— und doch erscheint von allen militärischen Skandal⸗ prozessen dieser der allerschlimmste.
Wie der Krieg verroht.
Ein bürgerliches, also„gutgesinnntes“ Blatt in Offenburg in Baden veröffentlicht den Brief eines Hererokriegers, der u. a. schreibt:
„Ein Herero, der mir unter die Hände fällt lebend, für den ist die Kugel zu teuer, aber das, was auf meinem Gewehr aufge- pflanzt ist, soll ihm wohl bekommen, bis er den letzten Atemzug tut.
Bei dem letzten Gefecht nach Ostern wurde festgestellt, daß sie bloß auf Kleider ausgehen; 15 Tote wurden von uns gefunden, nackt ausgezogen, einem Leutnant die Brust kreuz und quer durchschnitten, der wahrscheinlich noch lebte, als es vollzogen wurde.
Das besorgen alles die Weiber. Wenn einer von den Männern tot oder kampfunfähig wird, so stehen schon wieder andere da, die das Gewehr abnehmen und weiterfeuern. Es wurde gesehen, daß ein toter Herero noch völlig im Anschlage lag mit der Pfeife im Munde und zielte; so sterben die Hunde; ein anderer wurde ge⸗ funden sitzend am Wasser hinter einem Busch. Dieser hatte in einer Hand einen Fetzen Tuch, war wie lebendig in Stellung und hatte Wunden ausgewaschen; als man näher untersuchte, hatte er 6 Schuß. So haben die Bengels ein Leben, daß sie mit 5 Schuß noch weiter kämpfen.
Jetzt hört die Schweinerei auf. Wenn unsere Truppen am Platz sind, so hört der Kampf nicht eher auf, als bis alle Lahin sind.“
Wenn ein Deutscher mit dem Gewehr im Anschlag und der Pfeife im Munde auf dem „Felde der Ehre“ stürbe, der würde stcher als Held ersten Ranges gefeiert werden. Stirbt aber ein Herero so, der doch auch sein Vater⸗ land gegen fremde Eindringlinge verteidigt, so stirbt er, wie ein Hund! Die Kolontalkriege kosten dem deutschen Volke nicht nur ungezählte Millionen und Menschenleben, sie haben auch für die dabei Beteiligten schwere moralische und sittliche Schäden im Gefolge.
Die internationale Sozialdemokratie für den Frieden!
Die belgische Arbeiterpartei hat den Vor⸗ schlägen Jaures gemädz beschlossen, eine Propa⸗ ganda zugunsten des Friedens zu eröffnen. Ferner teilt der italienische Genosse Andrea Costa dem Genossen Jaures mit, daß die italienischen Parteigenossen sich seinen Vor⸗ schlägen auschließen und daß die Sozialisten von der italienischen Kammer in diesem Sinne vorgehen würden. Sodann teilt Jaures seinen Lesern mit, daß auch der„Vorwärts“ der deut⸗ schen Partei versichert habe, daß diese im Reichs⸗ tag ebenfalls ihre Stimme gegen die Bestiali⸗ täten des Krieges erheben werde, und versucht nun die Bedenken des„Vorwärts“ zu zer⸗ streuen. Diese gingen dahin, daß von einem Eingreifen der Mächte im Sinne der Herbei⸗ führung des Friedens schließlich nur Rußland profitieren, kurz, daß sich das ganze Spiel von 1895 wiederholen werde, wo Japan bekanntlich durch die Diplomatie von Rußland, Deutschland und Frankreich um die Früchte seines Sieges gebracht worden ist. Jaures sagt, es handele sich nicht um eine sofortige diplomatische Aktion, sondern in erster Linie darum, der Stimme der Menschlichkeit das größtmöglichste Gehör zu verschaffen. Nachdem Japan in den neun Monaten des Kampfes seinen festen Willen be⸗ zeugt habe, seine Existenz zu behaupten, könne ihm sein Platz in der Reihe der großen Nationen und die notwendigen Garantien nicht mehr ver⸗
weigert werden. Aber einerseits müsse Ruß⸗ land diesen Garantien zustimmen, andererseits dürfe Japan mit seinen Forderungen nicht über das hinausgehen, was für seine Lebensinteressen und als Gewähr seiner Sicherheit notwendig sei.
Amnestie in Sachsen.
Anläßlich des Thronwechsels ist Sachsen mit einer Amnestie beglückt worden. Das Regierungsblatt veröffenklichte eine Kundgebung des neuen Königs, wonach alle wegen Maje⸗ stätsbeleidigung, Hausfriedensbruchs, wört⸗ licher Beleidigung einer Behörde oder eines Beamten, Preßvergehens, sowie Uebertre⸗ tungen gegen das Forst⸗ und Feldstrafgesetz ver⸗ hängten Strafen erlassen wurden. Die Voll- streckung der Strafen wurde am 25. Oktober aufgehoben. Durch den Erlaß hat u. a. unsere Genossin Luxemburg, die seit Ende August wegen angeblicher Majestätsbeleidigung im Ge⸗ fängnis zu Zwickau saß, einen Monat profitiert. Das letzte Löbtauer Opfer ist leider unberück⸗ sichtigt geblieben.
Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß der strebsame König nicht weniger als 120 Millio- nen Mark Vermögen hinterlassen hat ohne die 52 Ritter güter, die sich in seinem Be⸗ sitze befanden! Und dabei erhielt er bei seinem Regierungsantritte noch eine sehr erhebliche Gehaltszulage! Die Masse des Volkes aber muß sich mit der kümmerlichen Lebenshaltung be⸗ gnügen.
Bergwerks Verstaatlichung. Seit lange bemüht sich der preußische Staat
die Kohlengrube„Hibernia“ in seinen Besitz zu
bringen, seine Versuche sind aber bisher ge⸗ scheitert. Die Aktionäre haben am Samstag den Verkauf des Unternehmens an den Staat abgelehnt. Die besseren Leute halten fest, was sie haben und halten sich allein für berech⸗ tigt, sich durch Ausbeutung der Bodenschätze— die von Natur- und Rechtswegen der Gesamt⸗ heit gehören— und durch Ausbeutung der Arbeiskraft Tausender von Arbeitern die Taschen zu füllen. Grundsätzlict muß die sozialistische Arbeiterschaft für Ueberführung der Bergwerke in den Besitz der Allgemeinheit sein. Der heutige Staat ist aber von unserem Standpunkte aus kaum anders aufzufassen, als der Großkapitalist und deshalb braucht die Sozialdemokratie keine Anstrengungen zu machen, demselben neue Mackt⸗ mittel zuzuführen. Die Hibernia⸗Affaire zeigt aber für jeden Einsichtigen, wie notwendig der Sieg des proletarischen Sozialismus ist.
Für Calbe⸗Aschersleben,
wo an Stelle des so tragisch geendeten Genossen A. Schmidt eine Reichstags⸗Ersatzwahl statt⸗ finden muß, ist Genosse Albrecht⸗Halle in Aussicht genommen. Albrecht gehörte schon dem vorigen Reichstage als Vertreter vom Anhal⸗ tischen zweiten Wahlkreise an, der 1898 nur mit sehr geringer Mehrheit genommen wurde und im Vorjahre unserer Partei verloren ging.
Die Antwort der„Lumpen“.
Gegen den antisemitischen Bürgermeister Lueger in Wien, der bekanntlich die mai⸗ feiernden Arbeiter Lumpen schimpfte, richtete sich eine riesige Demonstration, welche die Wiener Arbeiter am Sonntag veranstalteten. Zur Feier des 60. Geburtstages Luegers wollten ihm seine Christlich⸗Sozialen einen Fackelzug bringen, der jedoch von der Regierung verboten wurde, die jedenfalls Zusammenstöße mit der erbitterten Arbeiterschaft befürchtete. Dessenungeachtet fan⸗ den sich nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr etwa 30000 Arbeiter vor dem Rathause ein.
Die„Frlftr. Ztg.“ berichtet weiter: Die aus ganz Wien zusammengezogene Wache zu Fuß und zu Pferd sperrte bereits in den ersten Nachmittagsstunden sämtliche zum Rathaus führenden Straßen ab, zog bei Anrücken der Arbeiterschaft einen dreifachen Kordon um die Promenade und beschränkte die Arbeiter auf die Ringstraße, während sich trotz der gesperrten Straßen unter den Fenstern der Wohnun Luegers successive etwa 1000 Christlich⸗soziale ansammelten. Die Massen der in geschlossenen Trupps aus einzelnen Bezirken anmarschierenden
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