Ausgabe 
29.5.1904
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche Sountags⸗Zeilung.

Nr. 221

gegen die Steuerreform ist. Er führte u. a. aus: Heyl habe ihn im Reichstag beschuldigt, daß er die ganz unmögliche Progression von 118 Prozent im hessischen Landtag gefordert habe, und als der hessische Finanzminister die Sache in der Kommission dahin aufklärte, daß v. Heyl nach der neuen Progression eben 118,000 Mark mehr Steuern bezahlen müßte(woher der Irrtum gekommen sei), habe von Heyl nicht den Mut gefunden, zuzugestehen, daß er sich blamiert habe. Warum v. Heyl über Vermögens⸗ konftskation geschrieen hat, ist begreiflich, wenn man weiß, daß dieser Freiherr 1,400, 000 Markals Einkommen und 31 Millionen Mark als Vermögen deklariert. Er, Redner, habe eine Skala aufgestellt bis zu 100 /, wonach von Heyl anstatt 92,000 Mark 210,000 Mark zu bezahlen hätte. Dabet von Vermögens⸗ konfiskation zu reden, sei absurd, wenn man Riesenprofite aus der Lederindustrie und aus bayerischen und hessischen Grundstücksspeku⸗ lationen herausziehe. Die von ihm vorgelegte Skala habe nach einer Nachprüfung durch die Finanzkommission eine Erhöhung der 9,000,000 Mark betragenden Einkommensteuer um 1,899,000 Mark im Gefolge. Dies wäre in kleicher Progression auch bei der Vermögenssteuer zu erreichen, aber die Regierung bestreitet die gesetzgeberische Verwertung dieser Vorschläge ohne jede Begründung! Dabei ist noch gar nicht an eine Erhöhung der Progresston bei der Erbschafts⸗ und Schenkungssteuer gedacht worden, und trotzdem schreit man jetzt schon überVer⸗ mögenskonfiskation. Dem Herrn v. Heyl z. B. tun die 118,000 Mark mehr an Steuern bei seinem jährlichen Einkommen von 1,400,000 Mark nicht so weh als dem Arbeiter, der 10 Pfg. mehr bezahlen soll, die er nicht hat. Deun der erstere bezahlt die Steuer aus dem Ueberfluß, der letztere aus seinem Existenz⸗ einkommen. Dabei schafft nicht der große Kapt⸗ talist sein Millionen⸗Einkommen selbst, sondern seine von ihm ausgebeuteten Arbeiter.

Eine Interpellation wegen eines Kindes mor des hat der Abg. Köhler⸗ Langsdorf in der Zweiten Kammer eingebracht. Dieser ungewöhnlichen Anfrage liegt folgender Tatbestand zu Grunde: Auf dem Friedhofe in Eberstadt bei Lich wurde bekanntlich am 23. April die Leiche eines neugebornen Kindes gefunden. Die Untersuchung ergab, daß ein Kindesmord vorliege. Auf eine anonyme Denunziation hin wurden einige Tage später die 25 Jahre alte Minna Gör lach, Tochter des Maurermeisters Görlach I. und die Ehe⸗ frau des Konrad Görlach behördlich vorgeladen und als der Tat verdächtig durch den Kreisarzt einer körperlichen Untersuchung unterzogen. Die Folge war, daß der Staatsanwalt gegen die Minna Görlach Anklage wegen Kindes⸗ mords erhob. Das Mädchen ließ sich daraufhin freiwillig von dem praktischen Arzt Dr. Scha ad zu Lich noch einmal untersuchen, und dieser kam zu dem entgegengesetzten Resultat wie der Gerichtsarzt und gab seiner Ueberzeugung von der Schuldlosigkeit der Angeklagten Ausdruck. Später wurde die Görlach nochmals untersucht und verhaftet. Dieser Sache hat sich nun der Abg. Köhler angenommen. Er fragt u. a.:

Welche Maßregeln gedenkt die Regierung

zu ergreifen gegen diejenigen Beamten, die die empörenden ärztlichen Eingriffe angeordnet und ausgeführt haben, die in der Meinung aller Vorurteilslosen als Verbrechen gegen die persönliche Freiheit und die allgemeine Sittlichkeit sich charakteristeren?

Schließlich fragt Interpellant, warum die Görlach in Haft behalten würde, trotzdem Dr. Schaad ihre Schuldlosigkeit mit Bestimmtheit begutachten könne. Andererseits wird mitge⸗ teilt, daß Prof. Pfannenstiel sowohl wie Medizinalrat Haberkorn übereinstimmend ihr Gutachten dahin abgaben, daß die Görlach einem Kinbe das Leben gegeben, und daß die Geburt zeitlich mit dem Ableben des auf dem Friedhof vergraben gefundenen Kindes zusammenfällt. Hoffentlich trägt Köhlers Anfrage dazu bei, Licht in die Affaire zu bringen.

Die Kretschmannbriefe. Zu dem Prozeß, der auf nächsten Montag gegen die Mainzer Volks⸗

zeitung angesetzt ist, weil dieselbe aus den Kriegsbriefen

des verstorbenen Generals von Kretschmann einige hessische Offiziere angeblich beleidigende Stellen abdruckte, ist auch die Genossin Lilly Braun, die Herausgeberin jener Briefe, als Zeugin geladen worden.

Ueber die ländlichen Arbeiter⸗ verhältnisse in Oberhessen ist kürzlich ein Buch von Dr. Eugen Katz erschienen. Wir kommen auf den Inhalt der wertvollen und interessanten Arbeit noch zurück.

Gießener Angelegenheiten.

Das Museum im alten Rathause ist, wie uns mitgeteilt wird, nächsten Sountag außer der üblichen bisherigen Besuchszeit von 111 Uhr zum ersten Male auch von 24 Uhr nachmittags geöffnet. Wir können unsern Lesern nur empfehlen, von dieser Neuerung Gebrauch zu machen und die dem Oberhessischen Geschichtsverein gehörenden Sammlungen zu besichtigen, welche teilweise Aufschluß geben über Verhältnisse längst vergangener Zeiten. Bei dieser Gelegenheit sei auch auf die Gemälde⸗ Ausstellung im Turmhause am Brand hinge⸗ wiesen, die Sonntags von 112 Uhr geöffnet ist. Hier kostet der Eintritt 20 Pfg.

Dernationale Sängerwettstreit, der über Pfingsten in Gießen stattfand, wurde zwar von dem nicht besonders freundlichen Wetter etwas beein⸗ trächtigt, zeigte aber eine ziemlich große Beteiligung aus⸗ wärtiger Vereine. Im Festzug marschierten 4050 Vereine, deren Mitglieder wohl mit wenigen Ausnahmen der Arbeiterklasse angehörten. An der Spitze des Zuges fuhren eine Anzahl Chaisen, worin die gewichtigen Per⸗ sönlichkeiten des Festausschusses, der Ehrenpräsidenten ꝛc. denen das Gehen schwer fällt, Platz genommen hatten. Bei Festen dieser Art bilden die Arbeiter eben nur Staffage und es ist bedauerlich, daß sie nicht auf sich selbst besinnen und sich mehr in den Arbeiter⸗ gesang vereinen zusammenschließen. Einem Ar⸗ beiter, der sich andern Menschen gleichachtet, muß es doch Ueberwindung kosten, wenn er, um ein Fest zu ermöglichen, von einem Kommerzienrat zum andern lau⸗ fen und um gütige Unterstützung bitten soll. Ein anderer, freierer Geist herrscht in den Arbeiter ge⸗ sang vereinen! Und der kann so recht auf den beiden großen Gesangsfesten zum Ausdruck, die über Pfingsten in Bayreuth und in Mannheim abgehalten wurden. Sehr richtig sagte Genosse Dreesbach in seiner Festrede bei dem Mannheimer Feste: Die Arbeiterge⸗ sangvereine singen nicht um Kaiser⸗ oder andere Preise, nicht im Preiswettsingen versuchen sie ihre Kunst, sie singen, um das Lied zu feiern und in dem Lied die Freiheit. Möchten das alle Arbeiter beherzigen ll

Viele Arbeiter und Parteigenossen haben die hessische Staatsangehörigkeit noch nicht erworben, obwohl sie schon jahrzehnte⸗ lang in Hessen ansässig sind, haben also nur Pflichten, aber keine Rechte im Staate. Kein Arbeiter sollte sich die geringen Mühen und Kosten, die mit der Naturalisation verbunden sind, verdrießen lassen. Was alles dazu nötig 0 wird öfters in unserm Blatte bekannt ge⸗ geben.

Aus dem Rreise gießen.

Staufenberg. Der Volks verein hält diesen Samstag, den 28, Mai, abends 9 Uhr bei Wirt Vogel eine Versammlung ab. Es liegt eine wichtige Tagesordnung vor, weshalb die Mitglieder recht zahl⸗ reich erscheinen wollen. Nichtmitglieder haben Zutritt. Es ist sogar wünschenswert, daß die Genossen ihre Freunde und Bekannte mit in die Versammlung bringen, denn die Stärkung der Organisation ist dringend nötig!

Aus dem Rreise sriedberg-Büdingen.

Bei der Landtagsersatzwahl im Kreise Friedberg⸗Nauheim, die am vorigen Freitag vor⸗ genommen wurde, ist der nationalliberale Rechtsanwalt Windecker doch nochgewählt worden. Der Bündler⸗Führer Schlenke, für den Hirschel in seinem Blatte sich gewaltig ins Zeng legte, ist durchgeplumpst, wie ihm das schon öfters passierte. Natürlich beklagen wir weder diesen Ausgang, noch begrüßen wir ihn; denn beide Kandidaten gehörten zur Kategorie der So⸗ zialistenfresser.

Aus dem Rreise Wetzlar.

* Als patentierter Sozialisten⸗ ver nichter stellte auf der Welegteren sammlung evangelischer Arbeitervereine, die in Frankfurt diese Woche stattfand, der Pastor Weber seinen Freund, den Gärtner Behrens vor. Der gute Pastor erklärte triumphierend: zin einer mehrmonatlichen Agitationstour habe Behrens die Sozialdemokratie gründ⸗ lich abgetan. Sie getrauten sich gar an 1 in 01 N Ver⸗

mlungen zu kommen. Bei den nächsten

Wahlen dürfte die Sozialdemokratie, die Aer führerin des Vaterlandes, nicht die Erfolge erzielen wie bei den letzten Wahlen. Ein andrer Pastor, Arndt, sah sich veranlaßt, etwas Wasser in Webers Wein zu schütten. Er meinte, daß sich die erfolgreiche Agitation der evan⸗ gelischen Arbeitervereine nur auf bestimmte Kreise beschränke. Davon könne keine Rede sein, daß man der Sozialdemokratie das Wasser abgraben könne. Auch in der Wetzlarer Gegend betrieb der christliche Behrens monate⸗ lang das Sozialistenvernichten und zwar unter Anwendung höchst unchristlicher Mittel. Er wird aber, wie so viele Sozialistentöter, die Erfahrung machen, daß die Sozialdemokratie lustig weiter lebt und wächst, die er so gründ⸗ lich totgeschlagen zu haben wähnte. Vor Kurzem ist Herrn Behrens übrigeus in einer von seinen Leuten einberufenen Gärtnerver⸗ sammlung sein arbeiterfeindliches Treiben von seinen eigenen Berufskollegen vorgehalten und ihm gründlich heimgeleuchtet worden.

h. Patrioten brauchen keine Steuern zu zahlen. UnserRechtsstaat erfährt eine drastische Illustration durch einen Zusatz zur Lustbarkeitssteuer⸗ Ordnung, der dieser Tage bekannt gemacht wurde und folgendermaßen lautet:

Lustbarkeiten, welche zur Feier patriotischer Feste, namentlich des Allerhöchsten Geburtstages veranstaltet werden, bleiben steuerfrei, sofern sie an dem Gedenk⸗ bezw. Geburtstage selbst statt⸗ finden. Trifft diese Voraussetzung nicht zu, so kann aber die Steuer für diese Lustbarkeiten vom Bürger⸗

meister nach pflichtmäßigem Ermessen erlassen werden.

Sind nicht alle Staatsbürger vor dem Gesetze gleich? Wie konnten die Stadtverordneten einer solchen Verordnung zustimmen?

h. Ein Handarbeitskursus für schul⸗ entlassene Mädchen wird ab 1. Juni in den obern Räumen der Herberge zur Heimat ab⸗ gehalten. Anmeldungen nehmen Fräulein Leon⸗ tine Meyer, Frau Justizrat Aldefeld und der Landrat Dr. Sartortus entgegen.

Aus dem Nreise Marßurg⸗Rirchhain.

r. Heinrich Weiershäuser, der langjährige Vorsttzende der Marburger Filiale des deutschen Holzarbeiterverbandes ist am ersten Pfingsttage in dem noch jugendlichen Alter von 27 Jahren verstorben. Seit etwa einem halben Jahre war er lungenleidend, sein Zustand verschlimmerte sich in den letzten Ta⸗ gen zusehends, bis ihn der Tod gerade am herrlichen Pfingstfeste erlöste. So lange er konnte, man kann sagen, bis zum letzten Atem⸗ zuge hat er als zielbewußter Arbeiter und Ge⸗ nosse redlich seine Pflicht erfüllt, fast immer in der vordersten Reihe gestanden, mit Hingabe und Opferwilligkeit unserer großen Sache ge⸗ dient. Das erkannten auch unsere Marburger Genossen und Gewerkschaftsmitglieder an, die überaus zahlreich seinem Sarge folgten. Von der Partei, allen Gewerkschaften, der Gewerk⸗ schaftskommission, dem GesangvereinEintracht wurden prachtvolle Kränze am Grabe nieder- gelegt, der Vertreter des Holzarbeiterverbandes widmete dem Verstorbenen tief empfundene Abschiedsworte, Grabgesänge des Gesangvereins begleiteten die einfache und würdige Trauer⸗ feier. Die von tolerantem Geiste durchwehte Grabrede des Herrn Pfarrer Metz stand in wohltuendem Gegensatz zu dem Verhalten, was öfters Geistliche bei Beerdigung von Genossen zeigten. Weiershäuser hatte viel unter der Verfolgungswut der Schreinerinnung zu leiden, er wurde von einer Werkstatt zur andern ge⸗ jagt, nirgends fand er eine, sichere Stellung, trotzdem er als guter Schreiner bekannt war.

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