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Seite 2.
Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.
Nr. 22.
verloren. Festen Besitzstand haben wir im übrigen nicht verloren, denn zum festen Besitz⸗ stand der Partei kann man nur die Kreise rechnen, in denen wir die absolute Majorität aller eingeschriebenen Wähler haben. Das ist in den drei Kreisen nicht der Fall. Aber das noch zu erreichen, darauf muß die Organisation zugeschnitten werden. Es ist sehr gewagt, zu behaupten und darauf hinzuweisen, daß die Autonomie der Wahlkreise eine absolute sei. Die Genossen in den einzelnen Wahlkreisen werden nicht sagen können, daß sie reglementiert worden sind, jedoch, wenn einmal eingegriffen werden mußte, da waren sehr zwingende Gründe maßgebend. Wenn der Parteitag eine Institu⸗ tion wie den Parteivorstand einsetzt, so ist es selbstverständlich, daß diese Institution ent⸗ sprechend den Beschlüssen des Parteitages han⸗ deln muß, dem letztern ist sie ja auch Rechen⸗ schaft schuldig. Wenn auch bei uns die Auto⸗ nomie der Wahlkreise Prinzip werden sollte, dann könnten wir auch Dinge erleben wie in Frankreich und Italien. Bei uns ist nicht der Abgeordnete der Erwählte des betreffenden Wahlkreises, sondern der der Gesamtheit. Ge⸗ wiß, die Genossen des Kreises, in welchem er gewähl“ ist, werden ihn zuerst zur Rechenschaft ziehen, aber die Gesamtheit, der Parteitag in letzter Instanz ist entscheidend.“
Politische Rundschau.
Gießen, den 26. Mai 1904.
Wahlrechts raub liegt im Unternehmer⸗ interesse.
Das stellte die deutsche„Arbeitgeber- Zeitung“ fest, indem sie schrieb: „Bei Gelegenheit der letztjährigen Wahlen zum Reichstag wurde an dieser Stelle die Parole ausgegeben, daß kein Wahlkandidat die Stimme eines Arbeitgebers erhalten dürfe, der sich nicht offiziell dazu verpflichte, das Arbeitgeberinteresse rücksichts⸗ los zu vertreten. Es versteht sich von selbst, daß nach Lage der Dinge in eine der⸗ artige Vertretung der Arbeitgeberinteressen auch die Befürchtung einer i änderung des Reichstagswahl rechts einzubeziehen sein wird...“ Was das Organ der Mehrwertschlucker hier in etwas verschleierter Form von sich gibt, kannte man allerdings schon längst als den heißen Wunsch jener Herren. So unverschämt und offen rückte man aber noch nie mit den saubern Plänen heraus.
Autisemitische Mittelstands rettung.
Vorigen Donnerstag haben die Stadtväter in Dresden, fast ausschließlich antisemitische Spießbürger, die unverschämte Umsatzsteuer an⸗ genommen, trotzdem sich gegen das aus ödester Interessenpolitik geborene Projekt, durch das man künstlich die wirtschaftliche Entwickelung zurückschrauben zu können glaubt, eine starke Protestbewegung nicht nur in den Kreisen der Arbeiter geltend machte. Im Kollegium sitzen eben in der Hauptsache die Vertreter der Innungsmeister und anderer Mittelstauds⸗ gruppen, da sich die Vertreter der Intelligenz und der Großindustrie, angewidert von den niedrigen geistigen Niveau um das Stadt⸗ verordnetenkollegium nur wenig kümmerten und die Arbeiter noch vollständig unvertreten sind. Die Umsatzsteuer soll erhoben werden als solche, sowie als Filial⸗ und als Warenhaus⸗ steuer. Besonders hart werden natürlich die Konsumvereine betroffen. Ihre Extrabesteuerung bedeutet direkt einen Griff in die Taschen des arbeitenden Volkes. Einer der wenigen Dres⸗ dener Stadtverordneten, die eine soziale Ader haben, der Nationalsoziale Dr. Scheven, gab dem auch Ausdruck, indem er den wilbgewordenen Mittelstandsrettern zurief:„Unrecht Gut ge⸗ deihet nicht!“ Er mußte diese Freveltat, die Wahrheit in diesem Kollegium zu sagen, aller⸗ dings mit einem Ordnungsruf büßen. Auch die Filialsteuer wird für die davon Betroffenen hart wirken und ist gewissermaßen eine Be⸗ strafung kaufmännischer Intelligenz und Tüchtig⸗
keit. So berechnet ein Fllialgeschäftsinhaber sein Einkommen auf jährlich 15000 Mk., die Steuer aber beträgt 12,500 Mk. Das ist in der Tat die reinste Vermögenkonfiskation. Daß dem Mittelstande trotz alledem nichts geholfen wird, ist von vornherein klar. Die betroffenen Geschäfte werden mit allen Mitteln versuchen, ihren Umsatz zu erhöhen und neue Zweige in ihren Betrieb hereinzuziehen, um die Scharte wieder auszuwetzen. Man darf deshalb darauf gespannt sein, ob der Rat der Stadt(Magistrat) dem antisemitisch⸗bornierten Versuch, das Rad der Zeit zurückzuschrauben und Dresden zu einem Krähwinkel herabzudrücken, seine Zu⸗ stimmung geben wird. Wie die famose Mittel⸗ standsrettung durch die Umsatzsteuer aussieht, dafür brachte kürzlich unser Görlitzer Partei⸗ organ ein derartiges Beispiel. In Görlitz er⸗ halten nämlich die kleinen Gewerbtreibenden aus der Umsatzsteuer Rückvergütung auf ihre Poclage Gewerbesteuer und so wurde auch dem
erlage unseres Parteiblattes die Riesensumme von— einer Mark und achtundzwanzig Pfennige übermittelt, worüber das Blatt quittiert und dafür dankt, daß er für den geringen Betrag vor der Konkurrenz der Waren⸗ häuser mitgerettet worden ist!—
Kampfesweise christlicher Gewerk⸗ schaftsführer.
Vor dem Schöffengericht in Köln standen der Gauleiter des christlichen Schnei⸗ derverbandes, Nolte aus Gelsenkirchen, sowie der Schneider Haufler aus Köln unter der Anklage derverleumderischen Beleidigung des Gauleiters Trilse vom Deutschen Schnei⸗ derverband. Die Angeklagten nahmen in der Verhandlung alle der Anklage zu grunde liegen⸗ den Behauptungen zurück, erklärten, keinerlei Absicht gehabt zu haben, Trilse einer ehren⸗ rührigen Handlung zu bezichtigen, und ver⸗ pflichteten sich, alle Kosten zu übernehmen. Darauf zog Trilse den Strafantrag zurück.
Ehrung eines Sozialdemokraten.
Die Beerdigung des belgischen sozialistischen Abgeordneten Gustav Defnet,“ die am Donners⸗ tag in Saint Gilles, seinem Wohnorte er⸗ folgte, gestaltete sich zu einer großen Trauer⸗ kundgebu ng. Die Trauer war eine allgemeine; von vielen öffentlichen und Privatgebäuden wehten Trauerfahnen, im Rathause war der große Sitzungssaal umgewandelt in eine Trauerkapelle. Massenhafte Ehrenspenden, nicht etwa nur von Arbeitervereinen und Partei⸗ Organisationen, sondern von fast allen bürger⸗ lichen Korporationen und Behörden von Saint⸗ Gilles und Brüssel sowie öffentlichen Anstalten aller Art waren aufgestellt. So unter anderm vom Gemeinderat selbst, vom Personal der Polizei von Saint Gilles usw. Liberale und katholische Gemeinde- und Stadträte, Bür⸗ germeister, Senatoren und Deputierte hatten es sich nicht nehmen lassen, den toten Gegner zu ehren, selbst der(klerikale!) Minister Trooz erschien mit seinem Geheimsekretär, um der Familie sein Beileid auszudrücken. Die Trauer⸗ feier selbst eröffnete der Bürgermeister von Saint Gilles mit einer tiefempfundenen Rede, in welcher er die Bürgertugenden des Ver⸗ storbenen, seinen nie rastenden Fleiz im Dienste der Allgemeinheit pries. Genosse Dewinne und andere folgten.
So wurde ein Sohn der Arbeit geehrt, dessen Leben dem Dienste der Gemeinde und des Staats, dem Wohle der Arbeiterklasse ge⸗ widmet war. Besonders wohltuend wirkte die taktvolle Art, wie hier die Vertreter aller Par⸗ teien und Richtungen dem toten Gegner die ihm We Achtung und Ehrung darbrachten, ein Vorgang, wie er in Deutschland kaum denkbar wäre.
Sozialistische Bürgermeister sind kürzlich in mehreren Städten und Gemein⸗ den Frankreichs, in denen bei den Ge⸗ meinderatswahlen die Sozialisten die Mehrheit erhielten, gewählt worden. In Lyon, der zweitgrößten Stadt Frankreichs wurde der so⸗ zialistische Bürgermeister Dr. Augagueur mit
Siehe unter Parteinachrichten.
43 gegen 1 Stimme wiedergewählt und als Adjunkten für die Zentralmairie sowie für die Bezirksmairien(Unterbürgermeistereien) wurden ebenfalls Sozialisten und Radikale gewählt. In Dijon, das von den vereinigten Radikalen und Sozialisten den Reaktionären abgenommen worden ist, wurde der Sozialist Barabanut mit 34 von 35 Stimmen zum Bürgermeister ge⸗ wählt. Der erst 30jährige Genosse ist Bahn⸗ hofsarbeiter in Dijon mit einem Jahresein⸗ kommen von 1500 Francs. Der Gemeinderat beschloß, ihm ein Jahresgehalt zu bewilligen. Er wird seine Entlassung aus dem Bahndienst nehmen. Im Kriegshafen Brest, der gleichfalls von den Sozialisten erobert worden ist, ge⸗ staltete sich die Bürgermeisterwahl besonders feierlich. Als Bürgermeister wurde der So⸗ ialist Uhrmachergehilfe Aubert gewählt, als
djunkten drei revolutionäre Sozialisten, da⸗ runter der Sekretär der Hafenarbeitergewerk⸗ schaft, und zwei Radikalsozialisten. Das Ergeb⸗ nis wurde mit ungeheuerm Jubel aufgenommen. Die Anwesenden scharten sich hinter der Musik⸗
kapelle zusammen und durchzogen in einem
rasch anschwellenden Zuge unter dem Gesang der Internationalen und Hochrufen auf den Sozialismus die Stadt.— Die deutsche Spie⸗ ßerpresse findet es unerhört, daß einfache Ar⸗ beiter in die höchsten Gemeindeämter berufen wurden und meint, die Gewählten besäßen dazu nicht die genügende Fähigkeit. Aber es hat sich fast immer erwiesen, daß Leute aus der Arbeiterklasse das Gemeinwesen besser, unter allen Umständen aber ehrlicher geleitet ha⸗ ben, als die den bessern Kreisen Entstammten.
Louise Michel,
die vor Kurzem totgesagte Revolutionärin, ist nach Paris zurückgekehrt und kann nun an das Studium der zahlreichen Nekrologe und Biographien gehen, die über ste in französischen und ausländischen Blättern erschienen sind. Ihre Gesundheit ist fast vollständig wieder her⸗ gestellt und sie beabsichtigt, demnächst wieder in Pariser Versammlungen zu sprechen.
Das russische Volk regt sich.
Gegen die scheußlichen Drangsalierungen, welche die Schergen der russischen Gewaltherr⸗ schaft an dem Volke verüben, macht sich erfreu⸗ licherweise innerhalb des letzteren immer mehr Widerstand bemerkbar. So wurde über eine in Odessa vorige Woche ausgebrochene Er⸗ hebung berichtet: Mittwoch, vormittags gegen 9 Uhr versammelten sich einige hundert Uni⸗ versitätshörer und Arbeiter vor dem Hause des Bürgermeisters und riefen:„Nieder mit Rußland!“„Gebt uns Freiheit!“ „Lange genug schon sind wir Sklaven!“ Bleich⸗ zeitig wurden auf das Haus des Gradomat⸗ schelnik Schüsse abgegeben. Es wurde unver⸗ züglich um militärische Hilfe telephoniert, und bald darauf erschien eine Rotte Kosaken, die die Demonstranten zu zerstreuen suchte. Da aber die Studenten und die sich ihnen anschließen⸗ den Arbeiter in bedeutender Uebermacht waren, kam es zu einem erbitterten Kampfe. Die De⸗ monstranten erhielten durch 600 Arbeiter Hilfe und schossen mit Revolvern auf die Kosaken. Der regelrechte Kampf dauerte von 9 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags. Von den Kosaken sollen fünf Mann getötet und fünf⸗ zehn verwundet, von den Demonstranten sollen dreißig Arbeiter und fünfzehn Studenten getötet worden sein. Die ganze Stadt sei gegenwärtig von Kosaken förmlich okkupiert.
Russisch⸗japanischer Krieg.
Der Vormarsch der Japaner in die Mandschurei sollte nach Meldungen von russi⸗ scher Seite ins Stocken geraten sein. Es ist ja möglich, daß die Japaner erst weitere Truppen⸗ transporte und Verstärkungen abwarten, ehe sie es zu einem Zusammenstoß mit der russischen Hauptmacht kommen lassen, aber als einen Rückzug wird man das nicht ansehen können. Gegenwärtig hat auch die Regenperiode in Ko⸗ rea eingesetzt, die Wege sind grundlos und
J hemmen die Bewegungen der Truppen.— Die
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