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Nr. 22.
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Gießen, den 29. Mai 1904.
11. Jahrg.
Redaktion: Kirchenplatz 11. Schloßgasse.
Sonnt
Mitteldeutsche
ns⸗ Zeitung.
Nedaktionsschluß: Donnerstag Nachmittag 4 Uhr.
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Abounementspreis: Die Mitteldeutsche
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RJuserate Die 5gespalt. Bei mindesten s
Die Landes⸗Konferenz der Sozialdemokraten Hessens findet Samstag 30. und Sonntag 31. Juli er. in Vöglers Bierhalle in Pfungstadt statt. Die vorläufige Tagesordnung lautet: 1. Geschäftsbericht des Landes⸗Komités. Referent Genosse Ulrich.
2. Rechnungsablage. Referent Genosse Orb.
3. Der internationale Kongreß in Amsterdam. Referent Genosse Berthold.
4. Der Parteitag in Bremen.
Referent Genosse Dr. David.
5. Tätigkeit des Landtags.
Referent Genosse Cramer.
6. Die bevorstehenden Kommunalwahlen.
Referent Genosse Ulrich.
7. Einlaufende Anträge.
8. Wahl des Landeskomités.
9. Wahl des Ortes der nächsten Landes⸗Konferenz, Parteigenossen! Das Landeskomité hat, entsprechend den Wüunschen der letzten Landes⸗Konferenzen, zum erstenmal zwei Tage für die Konferenz vorge⸗ sehen. Es ist der Anschauung, daß am Samstag, abends 8 Uhr mit der Verhandlungen begonnen werden soll.
Die Wichtigkeit der Tagesordnung macht eine zahl⸗ reiche Beschickung der Konferenz nötig, sorgt deshalb dafür, daß überall Delegierte gewählt werden. Diskutiert die Tagesordnung und sendet etwaige Anträge recht⸗ zeitig an den mitunterzeichneten Genossen Ulrich, damit dieselben veröffentlicht werden können.
Die Delegierten sollen mit einem Mandat verse hen sein; die Formulare versendet das Landes⸗Komités und werden dieselben von Genossen Ulrich bezogen.
Offenbach, den 30. April 1904. Das Landes⸗Komité. E. Ulrich. J. Orb,
Gr. Marktstraße 23. Friedrichstraße 24.
Nachwahlen u. Parteifragen.
Bei der Nachwahl in Frankfurt⸗Le⸗ hus ist die Stichwahlentscheidung so ausge⸗ fallen, wie es beinahe von vornherein für jeden Einsichtigen feststand. Unser Kandidat Dr. Braun ist mit 11882 Stimmen dem Natto⸗ nalliberalen Bassermann unterlegen, der 14 385 Stimmen auf sich vereinigte. Wir haben damit wieder ein Mandat verloren, das dritte seit den allgemeinen Wahlen und unserm Drei⸗ millionen⸗Siege. Aber nicht nur die Mandats⸗ verluste haben wir zu verzeichnen, sondern auch Stimmeneinbußen und zwar in einzelnen Fällen ziemlich erhebliche. Und wenn auch der Verlust einiger Mandate bei den jetzigen Stärke⸗ verhältnissen wenig oder gar nicht in Betracht kommt, so muß uns ein Stimmenverlust immer zu denken geben. Denn die Zunahme der für uns bei den allgemeinen Wahlen abgegebenen Stimmenzahl zeigt uns das Wachstum und die Fortschritte unserer Sache, ein wirkliches Fallen der Stimmen würde also Stillstand, Rückgang unserer Bewegung bedeuten.
Der Ausfall der letzten Wahlen gibt nun verschiedenen Parteiblättern Veranlassung, einen tatsächlichen Rückgang unserer Partei festzu⸗ stellen und diesen Rückgang auf Konto des Dresdener Parteitags zu setzen. So sagt unser Magdeburger Parteiorgan, nachdem es die Stimmenverluste bei den nach dem Partei⸗ tag stattgefundenen Nachwahlen auf 17414 berechnet hat, folgendes:
„Nicht allein, daß die unglückselige Sep⸗ temberwoche unsern Gegnern billige und zug⸗ kräftige Angriffswaffen geliefert hat; viel schwerer wiegt, daß die Massen der Partet vor den Kopf, die Mitläufer zurückgestoßen und daß vor allem die exponierten Genossen für geraume Weile matt gesetzt worden sind. Nicht die Wäh⸗ ler sind müde, sondern diejenigen Genossen sind ermattet, die in erster Reihe berufen sind, die Begeisterung unter die Wähler zu tragen. Die Parteigenossen mit der„gehobenen Lebens⸗ stellung“ können es so leicht nicht verschmerzen, daß ihnen von oben herab als Anerkennung für ihre Wahlleistungen in Bausch und Bogen das Klassenbewußtsein abgesprochen worden ist.
Das alles und manches sonst müßte schließ⸗ lich ertragen werden, wenn die Bruderkämpfe des Dresdener Parteitages notwendig ge⸗ wesen wären. Das in diesen Tagen veröffent⸗ lichte Urteil des Schiedsgerichts wird von der Zwecklostgkeit der gegenseitigen öffentlichen Leib⸗ wäsche vermutlich auch diejenigen überzeugt haben, die auf Grund oberflächlicher Beurteilung noch geneigt waren, der Dresdner Selbstzer⸗ fleischung die Wunderkur eines„Jungbrunnens“ zuzusprecheu. Das Urteil des Schiedsgerichts bestätigt, daß auf beiden Seiten mit einem Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl vorge⸗ gangen ist, der seinesgleichen sucht.
Das Allerschlimmste ist, daß immer noch kein Ende abzusehen ist. Schon kommen Er⸗ klärungen, Vorbehalte, Besprechungen der Ur⸗ teile; schon wird angekündigt, daß sich auch die Kontrolleure der Partei mit der Sache, die weniger eine Sache, denn ein verschlungenes Knäuel von Personenfragen ist, zu befassen haben werden. Ist auch von der Kontrollkommission ein andres Urteil als das ergangene nicht zu erwarten— dahinter dräut Bremen, das ein zweites Dresden werden kann.
Und so geht das fort, wenn nicht die Ar⸗ beiter endlich den beteiligten Parteiführern wie Literaten die menschlichen⸗allzumenschlichen Mucken austreiben und ihnen nachdrücklich zu Gemüte führen, daß sie als Sozialdemo⸗ kraten ihre Rechthaberei, ihre Impulsivität und ihre Rachsucht gefälligst abzulegen haben.“
Daß wir den Dresdener Parteitag nicht gerade als das ruhmreichste Stück Parteige⸗ schichte bezeichnen können und daß dafür ge⸗ sorgt werden muß, daß stch ähnliche Dinge wie in Dresden in Bremen nicht wiederholen, darin sind wir mit unserm Magdeburger Parteiorgan sehr einverstanden. Wir können aber nicht anerkennen, daß allein der Dresdener Parteitag an dem Stimmenrückgange schuld sein soll. Er mag einige unsichre Kantonisten zur Deser⸗ tion veranlaßt haben, einen nennenswerten Ein⸗ fluß hat er unseres Erachtens nicht ausgeübt. Kann übrigens bei den Nachwahlen von einem wirklichen Rückgange die Rede sein? Ein solcher läge nach unserer Meinung vor, wenn die sozialdemokratischen Stimmen hinter dem Ergebnis von 18 98 zurückgeblieben wären, das ist aber nirgends der Fall, überall erzielten wir bedeutend höhere Ziffern als bei den 98er Hauptwahlen. Das war sogar in Zschopau der Fall, wo unser Verlust bei der Nachwahl am stärksten war.
Dagegen haben wir im Straßburger Landkreise, wo am Samstag eine Nachwahl
stattgefunden hat, weil das Mandat des Demo⸗ kraten Blumenthal für ungültig erklärt wur de, sogar 1600 Stimmen weniger als 1898 auf⸗ gebracht. Es erhielten diesmal Stimmen: Hauß(eklerikal) 8234, Blumenthal 7855 und Meyer(Sozdem.) 1479. Bei den Haupt⸗ wahlen am 16. Juni dagegen: Hauß 8304, Blumenthal 6398 und Meyer 3097. Hier könnte also von einem wirklichen Rückgang geredet werden. Und doch liegt ein solcher auch hier nicht vor, weil bei der Aussichtslosig⸗ keit unseres Kandidaten ein Teil unserer Ge⸗ nossen sofort für Blumenthal gestimmt hat, der ihrerseits bereits bei der Stichwahl im vorigen Jahre nachdrücklich unterstützt wurde und für den sie auch in dieser Stichwahl den Ausschlag geben werden.
Nein, wir sind der Meinung, daß die Stim⸗ menverluste auch ohne den Dresdner Familien⸗ streit zu verzeichnen wären, ste erklären sich aus anderen für uns ungünstigen Momenten: alte Wählerlisten, Abzug vieler Arbeiterwähler aus den betr. Wahlkreisen und die immer für uns sehr ungünstig gelegten Wahltage. Die Haupt⸗ schuld trägt aber die mangelhafte Organisa⸗ tion! Diese schlagfertiger zu gestalten, muß unsere nächste Aufgabe und die des Bremer Parteitages sein. An diesem Punkte muß überall die Arbeit einsetzen; man soll aber in der Partei aufhören, über„Rückgang“ infolge des Dresdener Parteitags zu jammern.
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In Hannover sprach sich das Parteivorstands⸗ mitglied Gen. Pfannkuch über die inneren Parteiangelegenheiten folgendermaßen aus:
„Mit unsern Gegnern sind wir bisher immer fertig geworden und werden auch in Zukunft damit fertig werden. Aber in letzter Zeit haben sich in der Partei selbst Erschein⸗ ungen gezeigt, die ihr nicht zum Vorteil ge⸗ reichen können. Meinungsverschiedenheiten wer⸗ den immer vorhanden sein, aber wenn wir einer Welt von Feinden gegenüberstehen, muß auch verlangt werden, daß die Austragung derselben in einer Form geschieht, die das ge⸗ meinsame Ziel in den Vordergrund treten läßt und nicht zu einer persönlichen Verfeindung der Genossen führt. Nicht die eigentlichen Pro⸗ letarierkreise in der Partei sind es gewesen, die die Frage der Taktik aufgeworfen haben, sondern die Kreise der Partei, welche aus bür⸗ gerlichem Lager herübergekommen sind und eine andere Auffassung vom Kampfe haben, als die Arbeiter, welche stetig um ihre Existenz zu kämpfen haben. Jene würden gut tun, erst das proletarische Bewußtsein der im harten Tages⸗ kampfe stehenden Arbeiter zu studieren und erst, wenn sie dieses verstanden haben, können sie Führer der Arbeiter werden. Mit dem Ver⸗ ständnis der Theorie allein wird die Befähig⸗ ung zur Führung der Massen nicht erworben. Hier müssen sich Organisation und Agitation gegenseitig ergänzen und muß durch Aufklärung beides gefördert werden. 1
Pfannkuch besprach dann die Vorschläge, welche in Bezug auf die Verbesserung der Organisation gemacht worden sind und fuhr fort:„Wir haben drei Mandate verloren. Nun, das wird dem Wachstum der Partei keinen Schaden bringen, denn die Sozialdemokraten in den verlorenen Wahlkreisen gehen uns nicht


