Ausgabe 
28.8.1904
 
Einzelbild herunterladen

Seite.

Mitteldentiche E onntag- Zeitung.

2.

Bericht des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei an den Bremer Parteitag.

(Fortsetzung).

Den Wahlen zu den Gemeindever⸗ tretungen bringen die Genossen allerorten das größte Interesse entgegen. In Baden sitzen Parteigenossen in 56 Orten, insgesamt über 800 Vertreter in den Ge⸗ meinden. Außerdem weist Baden noch 28 sozialdemo⸗ kratische Gemeinderäte und 3 Bürgermeister auf. In Württemberg zählt die Partei in 61 Orten 112 Partei⸗ genossen als Gemeinderäte und in 52 Orten 127 Partei⸗ genossen als Bürgerausschußmitglieder. In Anhalt hat sich die Zahl der Gemeindevertreter von 12 i. Jahre 1901 auf 40 gesteigert. Ueber den Ausfall der preußischen Landtagswahlen war den Fortschrittlern der Kamm ge⸗ waltig geschwollen. Sie fühlten sich in gehobener Stimmung und gaben in hochtönenden Phrasen der Zuversicht Aus⸗ druck, den Sozialdemokraten Berlins und der Ungegend bei den unmittelbar an die Landtagswahlen anschließenden Stadtverordnetenwahlen eine Anzahl Mandate zu entreißen. Bitter war die Enttäuschung der freisinnigen Wahl⸗ macher. Am 27. November fand die Wahlen für die Erneuerung des Stadtverordnetenkollegiums statt, woran die Partei mit 8 Mandaten partizipierte. Neben der glänzenden Behauptung des Besitzstandes eroberte die Partei noch 5 Mandate. Der Bericht führt im Weiteren noch eine Anzahl erfolgreiche Gemeindewahlen an.

Bei den Gewerbegerichtswahlen, die am 27, März v. J. in Essen stattfanden, siegte zum ersten Mal die Liste des Gewerkschaftskartells mit 5873 gegen 5257 Stimmen der christlichen Gewerkschaften. Die letzteren legten Protest gegen die Wahl ein, dem sich das Gewerkschaftskartell anschloß, denn es mußte zugegeben werden, daß die Wahllok litäten unzureichend gewesen wären. Die Wahl wurde für ungültig erklärt. Die Neuwahl fand am 8. Januar statt. Die Liste des Gewerlschaftskartells siegte mit 7888 gegen 7247 Stimmen der vereini ien Gegner. In vielen andern katholischen Orten siegte ebenfalls die Liste der freien Gewerkschaften.

Die Maifeier fiel in diesem Jahre auf einen Sonntag. Demzufolge war die Teilnahme an den Festveranstaltungen eine riesengroße. Doch kann dleselbe dafür nicht als Maßstab geltend gemacht werden, daß die Arbeitsruhe als würdigste Form der Maifeier Ge⸗ meingut großer Arbeiterkategorien geworden sel. Noch weniger aber können diejenigen mit dem Ausfall der diesjährigen Maifeier operieren, die der Meinung sind, wenn nicht in absehbarer Zeit die einheitliche Durch⸗ führung der Maifeier in allen Kulturländern gelänge, es besser sei, die Arbeitsruhe für die Maifeier fallen zu lassen. Maifestumzüge wurden in vielen Orten von der Polizeibehörde verboten.

Ueber die Parteipresse

teilt der Bericht mit, daß die Gesamtauflage derselben schon im März 600000 überschritten hatte. Seitdem haben eine große Zahl unsrer Blätter ihre Auflage wesentlich gesteigert. An der Gesamtauflage partizipiert derVorwärts mit 84000, dasHamburger Echo mit 44000, dieLeipziger Volksztg. mit 36 000, das Haller Volksblatt mit 17500, 2c. Für die Werbe⸗ krast des Sozialismus sind die steigenden Auflagen der Parteipresse das beweiskrästigste Zeugnis. UnsereMittel⸗ deutsche wird ebenfalls erwähnt und mitgeteilt, daß sie die Feier ihres 10 jährigen Bestehens beging. Bei den Parteizeitungen und in den Parteidruckereien sind zusammen 1805 Personen beschäftigt. In den meisten Druckereien der Partei besteht der Achtstunden⸗ tag. Eine im März stattgefundene Konferenz der Geschäftsleiter der Parteidruckereien beschloß eine Reso⸗ lution, in der sich die Parteigeschäfte verpflichteten, tunlichst bald a) die achtstündige effektive Arbeits⸗ z eit in ihren Betrieben einzuführen; b) für alle minde⸗ stens ein Jahr im Betriebe beschäftigten Arbeiter Fer ten bis zur Dauer von einer Woche zu gewähren unter Fort⸗ zahlung des Lohnes; c) die Bebdträge zur Invaliden⸗ versicherung ganz zu bezahlen; d) die Differenz zwischen Lohn und Krankenkassen⸗Entschädigung bei im Geschäft erlittenen Unfällen zu vergüten.

An Strafen wurden im Berichtsjahre erhebliche verhängt. Insgesamt wurden erkannt auf 43 Jahre, 2 Monate Gefängnis und 21552 Mk. Geldstrafe. Das sind gegen das Vorjahr mehr 7 Jahre Gefängnis und 4500 Mk. Geldstrafe.

Sind auch die Opfer groß, die von zahlreichen tapferen Genossen an Freiheit und Gesundheit gebracht werden mußten, so tragen die Prozesse doch viel zur Aufklärung bei. Die meisten Freiheitsstrafen trafen solche Arbeiter, welche von dem Koalitions recht Gebrauch machten und bessere Arbeits⸗ und Lohn⸗ bedingungen herbeiführen wollten. Sind auch die Arbeiter in der Wahl der Mittel vorsichtig, und kommen von Seiten der Arbeiter auch nicht solche Gewaltmittel

Unterdrückung der Arbeiter anwenden, so verurteilten doch die meisten Gerichte die Arbeiter zu Freiheitsstrafen und beweisen dadurch, daß auch sie den Spottsatz des

römischen Lustspieldichters:Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe, als Rechtsgrundsatz anwenden. Besonders bemerkenswert und von kulturgeschichtlicher Bedeutung waren zwei Prozesse der letzten Monate. In Saarbrücken wurde ein gemaßregelter Bergmann, der Genosse Krämer, angeklagt und zu drei Monaten Ge⸗ fängnis wegen angeblicher Beleidigung der Leiter der königlichen Bergwerke im Saarrevier verurteilt. In diesem Prozeß wurde die Praxis dessozialen König⸗ tums aber so bloßgestellt, daß wohl selbst die welt⸗ fremdesten Professoren und größten Schmeichler des Hohenzollernhauses sich scheuen werden, je wieder die Phrase vom sozialen Königtum zu gebrauchen.

Von hoher politischer Bedeutung war der Königs⸗ berger Prozeß. Als derselbe eingeleitet wurde, er⸗ kannten unsere Genossen, daß der Prozeß die deutsche Politik und die deutsche Rechtsprechung vor dem Auslande blamieren werde. Sie setzten alle Hebel an, jene Blamage zu hindern. Wo und wie sich im Reichstage Gelegenheit bot, wurde die Regierung auf das blamable Treiben aufmerksam gemacht. Aber der Reichskanzler Graf Bülow und die preußischen Minister glaubten Rußland einen Llebesdienst erweisen zu müssen. Die russische Polizei hatte auch wohl nicht ihre Zustimmung zur Einstellung, des Verfahrens gegeben, weil sie wohl glauben mochte, daß nur Deutschland resp. Preußen sich dabei blamieren könne. Aber die deutschen und preußischen Minister sowie die russische Polizei täuschten sich gewaltig. Nicht nur die deutsche Politik und Rechtsprechung, sondern anch das gewalttätige blutdürstige und korrupte System des russischen Absolutismus wurde vor der Welt bloßgestellt, wie noch nie.

Es zeigt sich, daß die Staatsmänner und Richter noch immer glauben, mit Strafen eine Kulturbewegung aufhalten oder Handlungen hindern zu können, die natur⸗ gemäß aus den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen hervorgehen. Ganz wider Willen wirken sie agitatorisch für die Bewegung, die sie bekämpfen wollen. Werden auchzahlreiche Vorkämpfer des Proletariats schwer geschädigt, indem sie Freiheitsstrafen erdulden müssen und hierdurch oft an ihrer Gesundheit leiden, so wirken die Strafen doch in der Regel auf den Bestrasten und die Massen der Arbeiter begeisternd. Der Kampfesmut steigt, wenn Leute, die nach ihrem besten Wissen und Können für das Wohl der Arbeiter eintreten, wegen Handlungen und Aeußerungen bestraft werden, in denen sie selbst und kein Arbeiter eine Rechtsverletzung erblicken, wegen Hand⸗ lungen, die oft erst durch künstliche juristische Ausleg⸗ ungen zu Vergehen oder Verbrechen im Sinne des Strafgesetzes gemacht werden.

Die Parteisinanzen.

Die Gesamteinnahmen haben sich im abgelaufenen Rechnungsjahre ziemlich in gleicher Höhe wie im Vor⸗ jahre gehalten. Die allgemeinen Einnahmen, welche auch die eigentlichen Parteibeträge enthalten, sind sogar um 17 922,31 Mk. gestiegen. Dagegen sind die Aus⸗ gaben, die infolge der Reichstagswahlen im vorigen Rechnungsjahre besonders hohe waren, und rund 191000 Mk. gegen das Vorjahr niedriger. Höher geworden sind die Ausgaben für allgemeine Agitation, Unterstützungen, Prozeß⸗ und Gefängniskosten, Reichs⸗ tagskosten und Verwaltung um insgesamt rund 60 000 Mk. Niedriger waren die Ausgaben auf Darlehens konto und für Preßunterstützungen. Eine Anzahl von Preß⸗Unter⸗ nehmungen, die durch Jahre hindurch Beihilfen aus der Zentralkasse benötigten, haben sich geschäftlich so konso⸗ lidiert, daß sie nicht uur ohne Zuschüsse auskommen, sondern bereits anfangen Ueberschüsse abzuwerfen. Der besonders günstige Kassenabschluß des letzten Jahres ist überhaupt in erster Linie den Ueberschüssen unserer großen Geschäfte zu verdanken.

Bezüglich der eigentlichen Parteibeträge ist, mit Ausnahme der bekannten Parteiorte, die, mit Berlin an der Spitze, von jeher Mustergültiges geleistet haben, eine wesentliche Besserung nicht eingetreten. Anerkannt muß indes werden, daß die süddeutschen Parteiorgani⸗ sationen in höherem Maße,] als ihnen dies früher möglich war, Beiträge an die Zentralkasse abgeführt haben.

Bei den fortgesetzten Hetzereien der Scharfmacher⸗ Kliquen, die sozialdemokratische Partei wieder unter ein Ausnahmegesetz zu stellen, wird es unsere Parteimitglieder interessieren zu hören, daß bereits vor Jahren ein Parteigenosse unter dem TitelJuliusturm einen Fonds in Höhe von 50 000 Mk. gestiftet hat, der nur in Not⸗ fällen unter bestimmten Voraussetzungen seitens des Gesamtvorstandes angegriffen werden darf. Die Zinsen dieses Fonds, dessen Bestehen wir auf Wunsch des Stifters erst jetzt mitt len, fließen wie bisher der Zentral⸗ kasse zu. Fließen im neuen Geschäftsjahre die Ein⸗ nahmen wie in den beiden letzten Jahren, dann kann die Partei eine erhöhte organisatorische und agttatorische Tätigkeit entfalten und sie kann diese Tätigkeit auch auf bisher noch unerschlossene Gebiete Deutschlands

in Anwendung, wie sie die Unternehmer in den Kartellen zur Steigerung der Preise ihrer Waren, oder gar zur

gaben die bereits sprichwörtlich gewordene Op ferfreudigkeit unserer Parteigenossen abermals bewähren!

Der Kriegs-Schrecken.

Wie ganze, sonst tapfere Truppenkörper im Kriege von Entsetzen und Todesfurcht gepackt werden und sich zur Flucht wenden, von der ste keineDisziplin und kein Machtwort eines Kommandierenden abhalten kann, schildert der Kriegs⸗Korrespondent eines russischen Blattes. Er gibt einen Bericht von der Schlacht bei Wafankau und beschreibt darin, wie eine Panik unter den russischen Soldaten durch die japanischen Granaten hervorgerufen worden war. Habt Ihr jemals gesehen, schreibt er nach der Frkf. Z1g.,wie Leute das Schlachtfeld ver⸗ lassen, sich zurückziehen, weglaufen nennt es, wie Ihr wollt! Großer Gott, möge Euch der Anblick einer so vollständig verlorenen Armee erspart bleiben. Ich sehe die Soldaten an und kann es nicht versteßen. In dichtgedrängten Massen drängen sich die Leute in das Tal, das sich in den Bergen nach Norden windet, in vollster Unordnung, schweigend, eilig. Keinen Blick wenden sie zur Seite. Es ist wie ein Strom, der seine Ufer überschritten hat und der einzigen möglichen Oeffnung zufließt. Diese ganze große Masse ist sinnlos; blind und dumm strebt sie den Bergen im Norden zu. Die Leute hinten treiben die Leute vor sich vorwärts und selbst wenn einer stehen bleiben wollte, kann er es nicht. Unabänderlich wird vorwärts gedrückt. Ich kam selbst vom linken Flügel und war davon überzeugt, daß unseren Truppen der Sieg gehörte. Die Soldaten sahen mich nicht einmal an.Wo geht Ihr denn hin?, rufe ich. Sie schweigen.Haben Sie die Flanke des Feindes um angen? Warum gehen Sie nach Norden? Dort ist Sieg, Soldaten, auf den linken Flügel. Die Japaner sind geschlagen! Keiner hört auf mich. Keiner scheint das Wort Sieg zu ver⸗ stehen. Mögen die anderen sich freuen, mögen sie lachen, aber hier bersten die Schrapnells über den Köpfen dieser Leute, und jeder hat nur den einen Gedanken weglaufen. Endlich traf ich einen Offizier.Was soll das heißen? Er antwortete:Ich habe den Befehl erhalten, zurückzugehen.Wo sind Sie gewesen? Im Zentrum.Aber so halten Sie doch! Gene⸗ ral Gerngroß hat die Japaner geschlagen, und Sie laufen weg. So versuchen Sie doch die Leute zu halten, ich kann es nicht.Halt! rufe ich. Der Offizier tut das Gleiche.Zweite

mit. Die zweite Kompagnie nimmt absolut keine

sich vorwärts. Kompagnie führt: schulin laufen? mir ists gleich,

Wollen Sie so bis Fent⸗

antwortete der Offizier.Aber

will mir befehlen, hier zu bleiben 2Schicken

Sie zum Korpskommandanten! 5 kommandant konnte nicht gefunden werden.

5 1

*

4

Der Bekehrte.

Erzählung von Friedrich Gerstäcker.

Außer der Thetis Kriegsdampfer dort vor Anker, schien, jetzt abzulösen hatten. Er machte

wenigstens nach den Depeschen, die ihm der Kapitän der Thetis übergab, schleunigst zur

schnell als möglich eine Quantität Kohlen an

ausdehnen. Möge sich auch gegenüber diesen neuen Auf⸗

Bord nehmen. Die Thetis borgte ihm daz

Kompagnie halt! schreit er laut und ich schrie

Notiz von dem Befehl. Schweigend schtebt sie 9 Ich frage den Offizier, der die

Meinetwegen zum Teufel,

hier sind Sie vielleicht nötig, sage ich. Wer Der Korps⸗

CS N SS Unterhaltungs-Cril. 5 0 8 2) I

(Fortsetzung.) 1

2. N Die Gelegenheit sollte sich ihm bald bieten. 5 lag aber noch ein englischer den ste, wie es

Abfahrt bereit und mußte, diese zu beeilen, so.

satiol wiede auf.

berflo mene

erhielt atmen