len. nur ain
Mir rer
den
gen. aus dad
und⸗ man rer
Nr. 35.
Mitteidentsche Sonntags⸗Zeitung.
Seite 5.
berufen werden, die sich eingehender damit befassen können, die aus eigener Erfahrung wissen, was dem Arbeiter frommt. Mit Recht wird belspielsweise darüber geklagt, daß viele Waren im Konsum erheblich teurer find, als sonst im Kleinhandel. In der Mitgliedschaft befremdet es auch, daß der bisherige Geschäftsführer Rücker ein Privatgeschäft käuflich erworben hat. Er läuft also zur Konkurrenz über. Das kann man zwar nun nicht hindern und dem Mann daraus auch keinen Vorwurf machen, aber für den„genossenschaftlichen“ Geist, der ihn beseelt, ist's doch bezeichnend.— Ferner find keine Kohlen im Konsum zu haben, ein Artikel, der doch wie kaum ein anderer bei gemeinsamem Bezug Vorteile bietet. Früher wurden Kohlen geführt und auch z. B. Fische, die es jetzt auch nicht mehr gibt. Alle diese Beschwerden muß die General⸗Versammlung abzustellen suchen und deshalb ist es nötig, daß die Mitglieder zahlreich erscheinen.
h. Uebel belohnte Hilfe. In der Nacht zum Samstag brach in Hermannstein Großfeuer aus, das drei Scheunen und ein Wohnhaus in Asche legte. Bei der Dürre konnte leicht eine furchtbare Kata⸗ strophe entstehen und es eilten deshalb Feuerwehren aus der Umgegend hilfreich herbei. Aber man empfing die in menschenfreundlicher Absicht Gekommenen sehr schlecht. Man begoß sie mit Wasser und warf mit Steinen nach ihnen. Danach scheint es fast, als ob den Hermannsteinern es erwünscht war, wenn dem Feuer kein Einhalt geboten worden wäre.
Eingesandt aus Wetzlar.
Wie sich auch ein Pfarrer mausern kann, zeigt so recht deutlich der hiesige evangelische Pfarrer Günder. Vor seiner Anstellung verstand er es ganz vorzüglich, bis auf wenige(die ihn vieleicht näher kannten) die Sympathien der Wetzlarer Protestanten sich zu sichern, er vermochte sogar, diejenigen, welche sonst nicht das Bedürfnis empfanden, zur Kirche zu gehen, durch seine weltlich gehaltenen Predigten heranzuziehen. Aber seit⸗ dem er einige Jahre als Pfarrer angestellt ist, bedient er sich einer Sprache, die alles bisher Gehörte übersteigt. So war ihm am Dienstag den 16. August das Amt zugefallen, für den verstorbenen Rentner Georg Krafft die Grabrede zu halten. Als Pfarrer, der doch berufen ist, Liebe zu predigen, unterwarf er das Leben dieses 72jährigen Gre‚ses, welcher oft seine freie Meinung im öffentlichen Leben kundgab, was man ihm wohl in den seltesten Fällen verübelte, einer derartigen Kritik, daß alle Beteiligten des zahlreichen Trauergefolges mit Em⸗ pörung die Grabstätte verließ en und es jedenfalls bereuten, die Wahl obigen Pfarrers seinerzeit befürwortet zu haben. Derartige Leichenreden hat er in der letzten Zeit schon mehrere gehalten, doch übersteigt diese alles bisher Ge⸗ hörte. Denjenigen Wetzlarern, welche Angehörigen oder Freunden die letzte Ehre erweisen wollen, ist für die Zukunft zu gratulieren, denn dieser Trostspender steht erst in den dreißiger Jahren. e.
Anmerkung der Redaktion. Wie uns von anderer Seite mitgeteilt wird, hat sich der Verstorbene allerdings keiner allgemeinen Sympathie erfreut und wir wollen ihn, indem wir der Zuschrift Raum geben, keineswegs in den Himmel heben. Mir verlangen auch nicht von dem Pastor, daß er der Wahrheit zuwider einen Toten am Grabe lobt. Was man aber verlangen kann, ist, daß der Pastor Rücksicht auf die Angehörigen nimmt, die in diesem Falle höchst peinlich von dem geistlichen Zuspruch berührt waren. Wer sich vor ähnlichen Dingen schügen will, verzichtet am besten auf geistlichen„Trost“.
Aus dem Nreise Dillenburg⸗Herborn.
— Bei den Bränden in Herborn sind im Ganzen 62 Scheunen und 25 Wohnhäuser zum Opfer gefallen. Brandstiftung liegt unzweffelhaft vor, doch ist Bestimmtes noch nicht ermittelt. Die Not der Abge⸗ brannten ist groß und bitten wir alle Genossen, die zur Linderung der Not ihr Scherflein steuern wollen, etwaige Gelder an unseren Gen. L. Trott⸗ Haiger zu senden, welcher Gaben entgegennimmt.(Quittung erfolgt in der Mitteld. Sonntags⸗Ztg).
Aus dem Areise Marburg⸗-Nirchhain.
r. Pflichtgetreue Stadtväter. Eine Stadt⸗ verordnetensitzung sollte am Dienstag stattfinden. Allein unsere Stadtverordneten scheinen es nicht so sehr eilig zu haben, denn es war kaum der vierte Teil erschienen und die Sitzung mußte auf Freitag verlegt werden. Hoffentlich haben sich die Stadtväter bis dahin ausge⸗ ruht. Wie wäre es, wenn die Stadt ein Automobil speziell für säumige Stadtverordnete anschaffen würde, um sie zur Sitzung abholen zu lassen? Es würde sich mit der Zeit lohnen.
1. Kein besonderer Freund der Arbeiter scheint der frühere Beigeordnete Sch im pf zu sein. Seine n Reserveofftzierston und seine Gewohnheit, die Arbeiter von oben herunter zu behandeln, haben letztere schon kennen gelernt. Neulich, bei der Feier des hessischen Geschichts vereins bekamen die Kutscher davon ein Beispiel
zu kosten. Als nämlich die geladenen Gäste bewirtet
wurden, glaubten einige Kutscher, die mit ihrem Gespann warten mußten, es könnte wohl für sie auch ein Bissen abfallen, zumal es auf städtische Kosten ging. Da kamen sie aber schön an. Herr Schimpf erschien und jagte die hungrigen Proleten zur Tür hinaus, jedenfalls damit sie nicht der übrigen Gesellschaft den Appetit verderben.— Aber auch in anderer Beziehung zeigt er seine arbeiterfeindliche Gesinnung. So hatten kürzlich die Erdarbeiter zu einer Versammlung Plakate ange⸗ schlagen. Diese scheinen den ehemaligen Beigeordneten geärgert zu haben, denn er wurde am hellen Tage da⸗ bei beobachtet, wie er sich damit abquälte, eins derselben abzukratzen. Tatsächlich waren viele davon verschwunden. Daß er mit den Resultaten derartiger Bekämpfung der Arbeiterbewegung zufrieden ist, glauben wir kaum, er wird noch keine großen Erfolge zu berichten haben.— Ueber den Vorarbeiter der städtischen Arbeiter Sauer aus Ockershausen wird ebenfalls viel geklagt. Mit diesem Mann und seinem Verhalten gegen die Arbeiter wird sich demnächst eine Versammlung zu beschäftigen haben. Bis dahin sollte Sauer sich das Studium von Knigges, „Umgang mit Menschen“, angelegen sein lassen.
* Von Muckern zu Grunde gerichtet. Aus Marburg berichtet unser Frankfurter Parteiblatt:
Ein Stadmissionar, der allen Frommen wegen seiner zahlreichen Acquisitionen außerordentlich imponiert, hatte sich eine hiesige Familie, die bisher in schönster Eintracht lebte, als Tummelplatz seines Apostelehrgeizes ausersehen. Er bekehrte innerhalb dreier Jahre die ganze Familie und sogar deren ganzen Bekannten⸗ und Verwandtenkreis. Nur der Sohn des Hauses, der eines Leidens halber seinen Beruf hatte aufgeben müssen und sich mit An⸗ fertigung baugewerblicher Zeichnungen beschäftigte, setzte allen Bekehrungsversuchen des Stadtmissionars einen energischen Widerstand entgegen und verweigerte die An⸗ teilnahme an den Bibelstündchen, Gebetsübungen und erbaulichen Gesprächen der Pietistengemeinde Das wurmte den Stadtmissionar um so mehr, als er den Bruder des ungläubigen Thomas bereits so fromm gemacht hatte, daß er pietistischer Reiseprediger geworden war. Der Apostel steckte sich nun hinter sämtliche Angehörige des Unbekehrten, die diesem täglich und stündlich mit Bekehrungsversuchen zusetzen mußten. Alle Bitten, man solle ihn doch endlich damit verschonen, waren erfolglos. Das Nervensystem des jungen Mannes wurde schließlich so zerrüttet, daß er nicht mehr arbeiten konnte und sich, wenn er nicht brodlos werden wollte, dazu entschließen mußte, seine Familie zu verlassen. Aber Niemand wollte ihm glauben, daß er nervenkrank sei, Man erklärte die Krankheitserscheinungen einfach für eine Strafe Gottes und verweigerte dem jungen Manne jeden Pfennig Geld, um es ihm unmöglich zu machen, sich außerhalb des Muckerheims eine Lebensstellung zu schaffen. Ueberall klopfte er vergebens an; denn alle Verwandten des jungen Manues, die samt und sonders von dem Stadtmissionar bekehrt worden waren, erklärten das Nervenleiden für eine Strafe Gottes, der man nicht entgegenwirken dürfe, da man ja sonst die Bekehrung des Sünders unmöglich mache. Jetzt ist dieser der Verzweiflung nahe und trägt sich mit Selbstmord⸗ gedanken; die Bekehrungsversuche aber werden ruhig fortgesetzt und der Stadtmissionar erkundigt sich täglich, ob der ungläubige Thomas nicht endlich mürbe ge⸗ worden ist, um sich der pietistischen Mission als Reise⸗ prediger anzuschließen. Die Mucker scheinen also den Jesuiten noch über zu sein.
— Eine öffentliche Versammlung findet am Montag(29. August) im Lokale Jesberg statt. Die Tagesordnung, zu der Habicht-Frankfurt sprechen wird, lautet:„Der Sieg der Frankfurter Bauarbeiter und was können wir daraus lernen.“
Aus erstklassigen Kreisen.
Der dreißig Jahre alte Freiherr Hugo von Wangenheim, der sich kürzlich vor der Kölner Strafkammer wegen Betrugs und Unterschlagung in idealer Konkurrenz mit Zuhälteret zu verantworten hatte, wurde zu sechs Monaten Gefängnis, unter Anrechnung von drei Monaten Untersuchungshaft, verurteilt. Der Staatsan⸗ walt hatte 18 Monate Gefänguis beantragt. Ein Haftentlassungsantrag der Verteidigung wurde abgelehnt. Hugo v. Wangenstein hatte einem unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehen⸗ den Mädchen die Ehe versprochen, es vorher aber um 700 Mk. gebracht. Dann war er geflüchtet. — Das Kriegsgericht in München verurteilte den Rittmeister, Freiherrn v. Horn, wegen Betruges, Fahnenflucht und Stttlichkeitsvergehens zu 6 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust. Der Verurteilte ist der Sohn des bayrischen Generals v. Horn.— Leutnant Walter vom 63. Inf.⸗Regt. in Ratibor wurde wegen Unterschlagung und Fahnenflucht in Ungarn verhaftet.
Das Ende eines aiten Kriegers.
Der„Erfurter Allg. Anzeiger“, ein Ord⸗ nungsblatt erster Güte, das für die Erhaltung unserer herrlichen Zustände schwärmt, mußte kürzlich berichten.„Ein Heimatloser hat vor kurzem im nahen Eichenhölzchen bei Gebesee durch Erhängen seinem Leben ein Ziel gesetzt. Drei alte zusammengebundene Taschentücher haben genügt, um den noch einigermaßen Be⸗ kleideten ins Jenseits zu befördern. Tragisch ist, daß derselbe, wie aus den Papieren hervor⸗ ging, als Halberstädter Kürassier den Todes⸗ ritt bei Mars⸗la⸗Tour mitgemacht hat.“ So sorgt das dankbare Vaterland für seine Kämpfer. Wäre der Mann ein Offizier gewesen, oder gar ein Prinz oder so etwas ähnlich „hohes“, so hätte man für ihn ganz anders gesorgt.
Treuer Vorsteher einer Gemeinde.
Das Geschäftemachen scheint der Gemeinde⸗ vorsteher Klingenberg von Weißensee fein ver⸗ standen zu haben. Die Gemeindevertretung hat bei der Aufsichtsbehörde ein Disziplinarverfahren und die Suspendierung vom Amte gegen den Gemeindevorsteher beantragt. Beim Ankaufe eines Grundstückes für die Gemeinde soll der⸗ selbe viele Tausende als Proviston in seine Tasche gesteckt haben. Auch sonst soll er das Interesse der Gemeinde und seinen Dienst viel⸗ fach verletzt.
Kleine Mitteilungen.
k In den Brunnen gefallen. Am Donnerstag früh stürzte in Reißkirchen ein vierjähriger Junge in den 6 bis 8 Meter tiefen Gemeindebrunnen. Das Kind wurde von dem Straßen wärter Geiß gerettet.
* Bei der Arbeit verunglückt. In Ber⸗ stadt stürzte vorige Woche der Arbeiter Göbel in die Trommel der Dreschmaschine. Ein Bein wurde dem Unglücklichen zermalmt. Ins Hungener Krankenhaus gebracht, starb er andern Tages.— Schwer ver⸗ letzt wurde ein Arbeiter in Oberscheld bei Dillenburg durch ein nachträglich explodierendes Geschoß bet Errichtung eines Hochofenwerkes.
* Eine Mordtat wurde am Sonntag nachts in der Nähe von Dillenburg verübt. Montag früh fand man am Wege nach Manderbach einen verheirateten Backsteinarbeiter, der in der Ströher'schen Ziegelei be⸗ schäftigt war, tot in einer großen Blutlache liegend. Es haben bereits Verhaftungen in der Sache stattgefunden.
Partei-Machrichten.
Kreiswahlverein Friedberg⸗Büdingen.
Die Filialen und Genossen, die noch im Besitz von den seither im Gebrauch befindlichen Ex tramarken sind, werden dringend gebeten, dieselben umgehend an den Kassierer einzusenden, da der Veesandt der neuen Marken erfolgen soll.
Die Adresse des Vorsitzenden ist: Georg Repp, Bis⸗ marckstraße 22; des Kassiers: G. Kühn, Langgasse 14.
Der Vorstand.
Versammlungs kalender.
Samstag, den 27. August. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig. Heuchelheim. Arbetterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei L. Sauer„z. gr. Baum“. Steinberg. Wahlverein. Abends 9 Uhr, Ver⸗ sammlung im Lokale„z. grünen Baum“. T.⸗O.: 1. Bericht von der Kreiskonferenz. 2. Bevorstehende Gemeinderatswahl. Samstag, den 3. September. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahl verein. Abends 8/ Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer.
Briefkasten.
Junger Bäcker in Wetzlar. Daß den Herren Junungs⸗Bäckermeistern jede neu auftauchende Konkurrenz sehr unangenehm ist und ste dieselbe zu unterdrücken suchen, ist doch eine bekannte Sache. Wenn die von Handwerkshebung reden, so meinen sie natürlich nur das ihre, nicht dasjenige anderer Leute. Aber stören Sie sich nur nicht daran. Liefern Sie gute Ware, machen Sie dabei die Brödchen etwas größer und geben das Brod etwas billiger— da werden Sie ein Bomben⸗ geschäft machen zum Aerger des„Deutschen Haus“⸗ Besitzers.— r.⸗Mrbg. Wir können nicht glauben, daß die Sache richtig ist. Wer wird sich dann vom Vorarbeiter treten lassen!
Steinberg, Haiger und andere Einsendungen mußten leider zurückgestellt werden.


