Ausgabe 
28.8.1904
 
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Seite 2.

Mitteldentsche Sonntags⸗geitung.

Nr. 35.

und zwar in Stuttgart abgehalten werden soll. Kurz, wir können mit den Leistungen unseres Weltparlamentes sehr zufrieden sein und sein Verlauf, eine großartige Demonstra⸗ tion für den Völkerfrieden, für die Einheit der Arbeiterklasse, wird die Kämpfer für die Befreiung der Arbeit überall anspornen und begeistern. 0 Die wichtigste Debatte war aber diejenige über die sozialistische Politik und Taktik. Dieser Punkt der Tagesordnung war in der dafür eingesetzten Kommisston schon drei Tage lang vorberaten worden und im Plenum war die Diskusston verhältnismäßig kurz. Ueber die Verhandlungen der Kommission erstattete Vandervelde ausführlichen und zusammenfassenden Bericht. Nach dem legten Jaurés, der Führer der französischenmini⸗ steriellen Sozialisten und unser alter Bebel ihre Ansichten über die sozialistische Taktik dar, was sie schon in der Kommision getan hatten. Es war ein gewaltiges Rededuell, das hier zwischen zwei der besten Redner, die es über⸗ haupt gibt, ausgefochten wurde. Wir können

ihre Ausführungen allerdings nur in gedrängter

Kürze wiedergeben.

Jaures bei seinem Erscheinen auf der Bühne mit stürmischem Beifall begrüßt führt aus: Es ist eine schwere Aufgabe, nach einem Berichterstatter zu sprechen, der mit einem leiden⸗ schaftlichen Appell an die Einigkeit schloß. Denn ich muß eine These vertreten, die Widerspruch finden wird. Gewiß, auch ich bin für die Einheit, aber sie kann und darf nicht zu einer unterdrückenden Uniformität werden, das Recht der Minderheit muß gewahrt bleiben. Sein eigenes Recht würde sich der Sozialismus selbst nehmen, wenn er das Recht der Minderheit schmälern wollte. Die Dresdener Resolution bildet den Abschluß großer theoretischer und praktischer Auseinandersetzungen. Sie regt eine Welt von Gedanken an, die hier auszusprechen die Zeit fehlt. Ich kann nur sagen, weshalb ich mich zu ihr in Gegensatz stelle.

Wir geben mit unserer Politik nicht den

Klassenkampf auf. Auf alle Beschuldigungen

können wir mit dem Hinweis auf unsre Taten antworten. Wir haben die bürgerliche Republik gerettet, wir haben dem freien Gedanken eine Stätte bereitet, wir haben den Klerikalismus zurückgedrängt, wir sind für den Weltfrieden eingetreten, wir haben den Chauvinismus, den Nationalismus und Zäsarismus zurückgeworfen. (Bravo!) Wir fürchten den Kampf in Frank⸗ reich gegen die sonderbaren Theoretiker nicht, die da behaupten, daß die Republik nicht wert sei, daß das Proletariat auch nur eine Stunde Arbeit zu ihrer Verteidigung opfere. Diese Theorie läuft auf den Glauben an den auto⸗ matischen Sieg des Kollektivismus hinaus und steht in vollem Widerspruch zur blanquistischen Tradition. Zu ihren glorreichen Ruhmestiteln gehört der Kampf für die Republik und die bürgerliche Freiheit.(Bravo!)

Nicht die praktischen Bedürfnisse, sondern allgemeine Gesichtspunkte lassen mich gegen die Dresdener Resolution Stellung nehmen. Mit Recht betont diese Resolution, das sich das Proletariat auf dem Boden des Klassenkampfes zu organisieren hat. Wir wiederholen unauf⸗ hörlich, daß das Proletariat sich als Klassen⸗ partei in bezug auf Ziel und Organisation zusammen zu schließen hat. Wir fordern, wie alle Sozialisten, die vollständige Umwandlung des Privateigentums in Kollektiveigentum, wir bekämpfen jede Form der Ausbeutung. Auch darin sind wir einig, daß alle Reformen nicht bloß ein Mittel sind, die augenblicklichen Leiden des Proletariats zu mildern, sondern daß sie auch dazu dienen, die Kampfestüchtigkeit des Proletariats für sein Endziel zu erhöhen. Vandervelde hat es für nötig gehalten, sich gegen diejenigen Reformisten zu wenden, die die Re⸗ formen als Mittel wollen, um die bürgerliche Gesellschaft zu befestigen. Wo sind solche Re⸗ formisten? Ich kenne sie nicht. Alle Reformen sind nur die Stufen, auf denen wir zum Ziele hinaufsteigen.(Lebhafter Beifall.) Wir wollen den Klassengegensatz nicht verwischen.

So weit stimme ich mit dem Wesen und

5. 805 5 ane n se dez er verkennt, daß es im Interesse de proletarischen Altenberge faber liegt, an all die zahlreichen, in der Gesellschaft schlum⸗ mernden demokratischen Kräfte außerhalb des Proletariats zu appellieren und diese bürger⸗ lichen Demokraten dem Interesse des Proleta⸗ riats dienstbar zu machen, um die Reaktion zu bekämpfen und Reformen herbeizuführen. Guesde hat in Versammlungen, die ich früher gemeinsam mit ihm abhielt, selber wie oft ge⸗ sagt, daß höchstens 100 000 Leute persönlich an der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ord⸗ nung interesstert seien. Wilhelm Liebknecht hat ähnliches gesagt. Es wäre unklug, alle die zahlreichen Elemente, die zwar ökonomisch nicht zum Proletariat gehören, nicht zusammenzufassen, sondern sie in der Vereinzelung zerkrümeln zu lassen. Die Bewegungen dieser Elemente müssen vom Proletariat beobachtet und seinen Be⸗ strebungen dienstbar gemacht werden. Was liegt dieser Resolution im tiefsten Sinne zu Grunde? Ein Art Mißtrauen gegen das Proletariat, daß es sich in Kompromisseleien verlieren, daß es von einer vorübergehenden Korporation mit der Demokratie verdorben werden könnte. Auf der einen Seite steckt man dem Proletariat die weitesten Ziele, sagt ihm, daß es eine Welt erobere, eine neue Gesellschaft schaffen wird, und auf der andern Seite hält man es wieder für so minderjährig und unreif, daß man be⸗ fürchtet, es könnte jeder Verführung erliegen. Je reifer, je kräftiger das Proletariat in einem Lande, desto entschiedener schließt es sich unsrer Taktik an. Wo volle Aktions- und Bewegungs⸗ freiheit herrscht, da tauchen neue Probleme auf. So ist es in Italien, so in Belgien, so in England. In England ist die sozialistische Bewegung nicht deshalb so schwach, weil, wie Bebel meint, die englische Bourgeoisie es treff⸗ lich verstanden hat, durch kleine Reformen die Arbeiter von selbständiger Organisation abzu⸗ bringen, sondern weil die englischen Sozialisten, von der Katastrophentheorie hypnotisiert, es nicht verstanden, durch praktische Tagesarbeit in enge Berührung mit der Arbeiterklasse zu kommen. Jetzt aber zeigt sich dort die Annäherung des sozialistischen Gedankens an die Gewerkschafts⸗ bewegung. Die Taktik der Deutschen allen Ländern aufzuerlegen, heißt nichts anderes als den Geist der Unsicherheit und des Zweifels ihnen einimpfen, der die deutsche Sozialdemo⸗ kratie beseelt. Was auf dem internationalen Sozialismus lastet, sind nicht die Kompromisse, nicht die angeblich abenteuerlichen Experimente eines Flügels des französischen Sozialismus, das ist in Wirklichkeit die politische Ohnmacht der deutschen Sozialdemokratie. Sie hat uns ein großes geschichtliches Beispiel durch ihre Agitation, Organisation und Disziplin gegeben, aber zwischen der Kraft, die sie zu repräsentieren scheint, und ihrer tatsächlichen politischen Macht besteht ein großer Gegensatz. Das wurde be⸗ sonders deutlich nach ihrem Dreimillionensteg und muß mit jedem weiteren Wahlerfolge noch deutlicher werden.

(Die Redezeit ist abgelaufen; der Kongreß beschließt, sie für Jaures und Bebel zu ver⸗ längern.)

Jaurès fährt fort: Woher kommt die poli⸗ tische Ohnmacht der deutschen Sozial demokratie? Einmal daher, weil das deutsche Proletariat keine revolutionäre Tradition hat. Es macht sich schwer fühlbar, daß das Wahlrecht vom deutschen Proletariat nicht auf der Barrikade erobert worden ist, sondern von oben geschenkt worden ist. Was aber geschenkt worden ist, das läßt sich auch leicht wieder nehmen. Daher die Er⸗ scheinung, daß imroten Königreich, in Sachsen, das Wahlrecht geraubt werden konnte, ohne daß die Sozialdemokratie ernsten Widerstand geleistet hat.

Angesichts dieser Verhältnisse ist die deutsche Sozialdemokratie in einer schwierigen Lage. Sie weiß nicht, welchen Weg sie selber gehen soll und nun will sie andern den Weg versperren. Unser das Reich! Uunser die Welt! rief der Vorwärts nach dem Wahlstege. Was aber hat man in Dresden gemacht? Hat man dort etwa ein praktisches Akttions⸗ Programm aufgestellt,

große Attionen vorbereitet? Diese von Kautsky mit theoretischen Formeln verdeckte Ohnmacht der deutschen Sozialdemokratie würde durch Annahme der Resolution dem Weltproletariat aufgedrückt werden. Es ist außerordentlich charakteristisch, daß der Widerstand gegen diesen Versuch gerade von demokratischen Ländern ausgeht, der Schweiz, Frankreich, England und Holland. Praktisch fruchtbare Politik muß der Grundsatz des internationalen Sozialismus sein.

Unter dem stürmischem Beifall verschiedener Nationen schließt damit der glänzende Redner seine Ausführungen. Nach Uebersetzung derselben ergreift in der Nachmittagssitzung Bebel das Wort, der ebenfalls von anhaltendem Beifall begrüßt wird. Seine Rede müssen wir natür⸗ lich in Rücksicht auf unsere Raumverhältnisse ebenfalls erheblich kürzen.

Bebel stellt nun zunächst fest, daß nicht die Deutschen, sondern ein Teil der französtschen Genossen die Dresdener Resolution eingebracht habe. Wenn man Jaurés gehört hat, führt er weiter aus, hat man sich immer nur fragen müssen: Wie ist es möglich, daß sich für eine solche Resolution in der Kommission eine Mehr⸗ heit finden konnte? Er stellte sie dar als Auf⸗ hebung aller Freiheit, allen selbständigen Denkens, als Unterdrückung der Minderheit, kurz, als den größten Geistesterrorismus, den man sich in der Sozialdemokratie ausdenken kann. Dabei ist es charakteristisch, daß ein Teil unserer Freunde sich zwar mit dem vollen Wortlaut der Resolution nicht hat befreunden können, daß aber auch das Amendement Adler⸗Vander⸗ velde nur eine verhältnismäßig kleine Abände⸗ rung bedeutet, während der ganze übrige Sinn und Inhalt unserer Resolution aufrecht erhalten wird. Schon aus diesem Gesichtspunkte wird Jaures ganze Kritik an ihrem Inhalt und ihrer Bedeutung hinfällig. Jaurés sagt, sie paßt nur auf das monarchische Deutschland. Gewiß, Deutschland ist nicht nur eine Monarchie, es sind fast zwei Dutzend Monarchien, also für eine Monarchie sind mindestens fast zwei Dutzend zu viel.(Große Heiterkeit). Gewiß ist Deutsch⸗ land ein reaktionäres, feudalistisches, polizistisches Land, das am schlechtesten regierte Land Europas. Das wissen wir, die wir Tag für Tag mit diesenm System zu kämpfen haben und seine Folgen am eigenen Leibe spüren, am besten; das braucht uns niemand aus dem Auslande erst zu sagen, in welch elenden Verhältnissen wir sind. Aber die Sache steht so, daß unsere Resolution vielleicht auch die Taktik richtig an⸗ gibt, die in den andern Ländern befolgt werden muß. Meine Ausführungen über Monarchie und Republik sind ja in der bürgerlichen Presse in unerhörter Weise wiedergegeben worden. Ich wiederhole aus der Kommission. Es ist selbst⸗ verständlich, daß wir Republikaner sind. Das ist ja eine der schwersten Anklagen des Grafen Bülow, des Fürsten Bismarck und der ganzen deutschen Reaktion zu allen Zeiten bis auf den heutigen Tag gegen uns. Wir haben das nie bestritten, aber wir schwärmen nicht für die bürgerliche Republik. So sehr wir euch Franzosen um eure Republik beneiden und so

sehr wir sie uns wünschen: uns deswegen den Kopf einschlagen zu lassen, das ist sie uns nicht

wert.(Stürmischer Beifall). Ob bürgerliche Monarchie, ob bürgerliche Republik, beides sind Klassenstaaten, beide müssen sie ihrer Natur nach auf die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bedacht sein. Beide müssen mit aller Kraft dafür eintreten, daß die Bour⸗ geoiste die ganze Macht in der Gesetzgebung behält. Denn in dem Augenblick, wo sie die politische Macht verliert, verliert sie auch ihre wirtschaftliche und soziale Stellung. So schlecht, wie ihr die Monarchie macht, ist sie nicht, und so gut, wie ihr die bürgerliche Republik macht, ist sie auch nicht. Selbst in unserem militärischen, junkerlichen, polizistischen Deutschland haben wie Institutionen, die für eure bürgerliche Republik noch ein Ideal sind. Seht auf die Steuergesetz⸗ gebung in Preußen und anderen Einzelstaaten und seht auf die Frankreichs. Ich kenne kein anderes Land in Europa, das ein so nieder⸗ trächtiges, reaktionäres, ausbeuterisches Steuer⸗

system hat wie Frankreich.