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Nr. 35.
Mitteldentsche Sonutaas⸗ Zeitung.
Seite 2.
Und wenn es gilt, die Forderungen der Arbeiterklasse zu verwirklichen, bietet die bürgerliche Republik alle ihre Machtmittel gegen die Arbeiter auf.
Ich beneide euch um eure Republik, beson⸗ ders um das allgemeine Wahlrecht zu allen Vertretungskörpern; aber ich sage euch ganz unverhohlen: Hätten wir das Stimmrecht in der Ausdehnung und mit der Freiheit wie ihr, wir hätten euch etwas ganz anderes gezeigt, abt Aer Beifall) als ihr uns bisher gezeigt
abt. Aber wenn bei euch Arbeiter und Unter⸗ nehmer in Konflikt kommen, so wird bei euch in himmelschreiender Weise gegen die franzö⸗ sischen Proletarler vorgegangen. Was ist heute überhaupt das Militär noch anderes, als das vornehmste Instrument zur Aufrechterhaltung der Klassenherrschaft! Kein größerer Kampf in den letzten vier Jahren, nicht in Lille, Roubaix, Marseille, Brest, Martinique, und noch jüngst in der Normandie, gegen streikende Glasarbeiter, bei dem nicht das Ministerium Waldeck⸗Rousseau⸗ Millerand, das Ministerium Combes gegen die Arbeiter Militär aufgeboten hat.
Haben unsere Vertreter im Reichstag etwa eine Reform zurückgewiesen, einen Fortschritt nicht unterstützt? Gerade das Gegenteil. Wenn wir in Deutschland ein ganz klein bißchen poli⸗ tischen und sozialen Fortschritt zu verzeichnen haben, so können wir Sozialdemokraten dieses allein auf unser Konto schreiben. Das können wir, auf die Autorität selbst unseres Feindes Bismarck gestützt, den Angriffen unsres Freundes Jaurés entgegenhalten. Und die Sozialdemo⸗ kratie ist so weitherzig, alle Konzessionen, die sie den Gegnern abgerungen hat, von ihnen anzunehmen, wenn sie uns irgend einen Fort⸗ schritt wirklich anbieten, heute die Regierung, morgen die liberalen Parteien, übermorgen das Zentrum zu unterstützen, das um die Wahl⸗ stimmen der Arbeiter buhlt. Aber in der nächsten Stunde bekämpfen wir sie alle als unsere dauernden Feinde. Die abgrundtiefe Kluft zwischen uns und der Regierung sowtie den bürgerlichen Parteien ist nicht eine Minute lang vergessen. Wenn in den letzten Jahren in Frankreich die Republik gefährdet war— ich nehme das als Tatsache an— so tatet ihr vollkommen Recht, wenn ihr zusammen mit den bürgerlichen Verteidigern die Republik gerettet habt. Wir hätten es genau so gemacht. Auch aus dem Kampf gegen den Klerikalismus machen wir euch keinen Vorwurf. Verbindet euch, wenn ihr allein zu schwach seid, mit den Liberalen, wir machen es ebenso, aber nach dem Kampfe sind wir geschiedene Leute. Und wo war denn in den letzten Jahren der Weltfriede in Europa gefährdet, den Jaurès auch gerettet hat? Ge⸗ sprochen haben auch wir für den Weltfrieden. Aber im Gegensatz zu uns stimmt ihr für den Militär⸗ und Marine⸗Etat(Die Jauresisten: Nein!), für den Kolonial⸗Etat.
Nun sprach Jaures weiterhin von der po⸗ litischen Machtlosigkeit der deutschen Sozial- demokratie. Was hat er denn von uns nach dem Dreimillionensieg erwartet? Sollten wir etwa die drei Millionen mobil machen und vor das königliche Schloß ziehen?(Heiterkeit.) Ich habe sofort nach diesem, mich gar nicht über⸗ raschenden Siege gesagt, daß sich vorläufig nicht viel ändern werde. Bet uns reichen die drei Millionen eben nicht. Aber lassen sie uns vier und acht Millionen haben, dann wollen wir einmal sehen. Heute verfügen wir nur über das moralische Gewicht einer starken Minder⸗ heit. Mehr können wir nicht verlangen. Ge⸗ wiß wandern die Gesetzesvorschläge, die mit unseren Stimmen angenommen werden, bei der Regierung oft in den Papierkorb, um so besser für unsere Agitation; wenn vernünftige und notwendige Anträge nicht Gesetz werden, damit kommen wir in die Höhe.
Aber sofort nach unserem Dreimillionensieg, sagt Jaures, tauchte ja der Gedanke auf, das Reichstagswahlrecht abzuschaffen. Aber, Genosse Jaureés, was beweist das anders als nur die Furcht der Bourgeoisie? Aber was passiert denn in Frankreich, wenn ihr einmal 2 Milli⸗ onen Stimmen habt? Wird eure 0 ruhig zusehen?(Unruhe bei den Jauresisten.) Wartet nur ab.
des Kongresses berückstchtigen!
Eure Machtlosigkeit kommt daher, daß euch das allgemeine Wahlrecht geschenkt worden ist. Ihr habt keine revolutionäre Ver⸗ gangenheit, so sagt Janrés. Aber das fran⸗ zösische Bürgertum hat dem Proletariat 1848 das Wahlrecht erobern helfen, und als dieses soziale Reformen verlangte, unterlag es in der Julischlacht. Nicht der Kampfesmut des fran⸗ zösischen Proletariats gab ihm die Republik sondern der Sieg Bismarcks, der euren Kaiser nach Wilhelmshöhe führte. Das ist kein Schade. (Heiterkeit.) Und in Deutschland mußte Bis⸗ marck, als er das allgemeine Wahlrecht gab, an die revolutionäre Tradition von 1848/49 an⸗ knüpfen. Daß seine Berechnung, so die Bour⸗ geoiste mit einer kleinen sozialistischen Partei niederhalten zu können, nicht richtig wurde, ist das Verdienst der deutschen Sozialdemokratie.
Bebel weist dann weiter darauf hin, daß seit der Episode Millerand sich bei jeder Ab⸗ stimmung im französtischen Parlament die jau⸗ resistische Fraktion in zwei oder drei Teile trennt, wie man es in Deutschland nur bei der verachtesten kapitalistischen Partei, den Natitonalliberalen, kennt. So bietet ein Teil der proletarischen Partei in Frankreich dasselbe Schauspiel. Wir müssen alles aufbieten, um dafür zu sorgen, daß diesem Schauspiel, für das wir aller Welt verantwortlich sind, ein Ende gemacht werde, daß endlich auch der französische Sozialismus den Platz einnimmt, der ihm nach seinen geistigen und materiellen Kräften zukommt. Und des⸗ halb stimmen Sie für die Dresdener Resolution. Das französische Proletariat wird die Mahnung Stürmischer Beifall, wiederholte Hochrufe und Händeklatschen folgt den Worten Bebels.
Bei der nun folgenden Abstimmung wird der Zusatz Adler⸗Vandervelde mit Stimmen⸗ gleichheit— 21 gegen 21 Stimmen— abgelehnt. Darauf wird die Dresdener Resolution mit 25 gegen 5 Stimmen angenommen; 12 Nationen enthalten sich der Stimme.
Unsern Genossen ist der Inhalt der Reso⸗ lution von unserm vorjährigen Parteitage be⸗ kannt. Darin weist der Kougreß die revisto⸗ nistischen Bestrebungen, welche an Stelle der steggekrönten, auf dem Klassenkampf beruhenden Taktik der Sozialdemokratie eine solche des Entgegenkommens an die bestehende Ordnung der Dinge setzen will und erklärt, daß die Sozialdemokratie die Verantwortlichkeit für die auf der kapitalistischen Produktionsweise be⸗ ruhenden politischen und wirtschaftlichen Zustände ablehnt, ebenso jene Bewilligung von Mitteln, welche geeignet sind, die herrschende Klasse an der Regierung zu erhalten; daß ferner die Sozialdemokratie einen Anteil an der Regierung nicht erstreben kann und jedes Bestreben, die Klassengegensätze zu vertuschen, um Anlehnung an bürgerliche Parteien zu erleichtern, verurteilt.
Auf die übrigen Verhandlungsgegenstände, Arbeiterverstcherung, Kolontalpolctik, Genueral⸗ streik, Maifeier ꝛc., welche alle glatt erledigt wurden, wird sich noch später Gelegenheit finden einzugehen.
Der Schluß des Kongresses gestaltete sich zu einer gewaltigen Kundgebung für die Einheit der Sozialdemokratie aller Länder. Nachdem der Engländer Hyndmann den Holländern den Dank für ihre Mühe bei den Vorbereitungen des Kongresses ausgesprochen, erklärten zwei Vertreter der beiden sozialistischen Parteien Frankreichs, daß sie alles tun würden, um die Einigkeit herbeizuführen. Es ver⸗ steht sich, daß der Kongreß diese Erklärungen mit freudigem Beifall begrüßte. Bebel gab der allgemeinen Freude darüber in warmen und anfeuernden Worten Ausdruck. Kein Zweifel, überall sind unsere Ziele die gleichen und bald werden auch unsere Wege zum Ziel die gleichen sein. In geschlossener Kampfeslinie stehen die Arbeiter aller Länder da! In sein Hoch auf die internctionale sozialistische Einigkeit stimmte der ganze Kongreß begeistert ein und sämtliche Nationen sangen den Refrain der französtschen „Internationale“ mit, die ein holländischer Männerchor anstimmte.
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Politische Rundschau.
Gießen, den 25. August 1904. Eine neue Kolonialbestialtität
macht von sich reden. Der Unteroffizier Kossak von der deutschen südwestafrikanischen Schutz- truppe hat einen Neger in der raffiniertesten Weise zu Tode gequält. Der Unmensch kam mit einer ganz gelinden Strafe davon und der⸗ jenige, der das Verbrechen der Behörde mit- teilte, ein gewisser Groeneveld, hatte merkwür⸗ diger Weise alle möglichen Verfolgungen zu erdulden. Dieser neue Kolonialskandal wird hoffentlich im Reichstag zur Erörterung kommen.
Ein Ordnungsblatt⸗Schwindel.
In der bürgerlichen Presse war vor kurzem von dem Abg. Genossen Vollmar berichtet, daß er im bayr. Landtage beantragt habe, dem Kammerpräsidenten v. Orterer eine monatliche Zulage von 900 bis 1000 Mk, zu bewilligen, damit er in der Lage sei zu repräsentteren. Selbstverständlich ließ sich auch das Friedberger Bauernfänger-Blättchen den fetten Brocken nicht entgehen. Die Münchener Post bemerkt dazu, daß diese Mttteilung eine Ente sei. Im Finanz⸗ ausschusse wurde bei Beratung des Landtags⸗ etats von den Repräsentationsausgaben des Präsidenten gesprochen, der diese, obwohl er keine Diäten erhält, aus eigner Tasche bezahlen muß. Bei dieser Debatte wies Vollmar u. a. darauf hin, daß sogar in Sachsen der Präsident 900 bis 1000 Mk. Repräsentationsentschädigung für die Session beziehe. Diese Bemerkung hat der Berichterstatter der Täglichen Rundschau in einen Antrag umgedichtet.— Natürlich fällt es keinem der edlen Preßorgane ein, den Sach⸗ verhalt richtig zu stellen.
Patriotischer Straßenschmuck.
Kürzlich fand in Langenbielau(Oberschlesien) ein Kriegervereinsfest statt, das natürlich nicht ohne die übliche Sozialistenvertilgungsrede ab⸗ ging. Die Sozialdemokraten waren aber trotz⸗ dem gemütlich genug, etwas zum Schmuck der Straßen und Häuser betzutragen, wozu öffent⸗ lich aufgefordert worden war. Sie brachten darum an dem Hause Steinhäuserstraße 35, allwo sich die Redaktion des„Proletarier für das Eulengebirge“ befindet, ein Transparent an, auf welchem zu lesen stand: g
Heer und Kriegsmarine kosten dem deutschen Volke jetzt jährlich über eine Wulltarde Mark oder pro fünfköpsige Familie rund 95 Mk. Diese Summe wird meist durch indirekte Ausgaben auf Lebensmittel und Verbrauchsgegenstände aufgebracht.
Lange war diese Inschrift, die von Manchem mit verständnisinnigem Lächeln gelesen wurde, nicht zu sehen, denn die Polizeibehörde duldete es nicht und entfernte sie deshalb; aber zum Nachdenken wird sie doch Manchen angeregt haben. Wer aus Liebe zum Volk(und das ist doch Patriotismus) gegen die wahnsinnige Be⸗ lastung der schwachen Schultern durch den Militarismus protestiert, ist jedenfalls ein besserer Patriot, als derjenige, der bei jedem Anlaß blödsinnig Hurrah schreit.
Beten und gewerkschaftlicher Kampf.
Den Christlichen soll das Beten bei Gründung von Gewerkschaften helfen. In der neuesten, ofstziellen praktischen Anleitung zur Gründung christlicher Gewerkschaften ist folgender Satz enthalten, den die„Berliner Zeitg.“ ans Licht beförderte:
„Eine christliche Gewerkschaft ist eine Inter⸗ essenvertretung auf christlicher Grundlage, we— sentlich ein Kampf⸗ und Unterstützungs⸗Verein. Aufnahme stimmberechtigter Mitglieder aus den andern Ständen ist unzulässig, da sonst die entschiedene Interessenvertretung gehemmt wäre. Man spreche sich mit einigen gleichgesiunten Freunden und gewinne diese fur den Plan. Ist derselbe Gott dem Herrn im Gebet vorgetragen, so habe man ein fröhliches Vertrauen auf gutes Gelingen der guten Sache.“


