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28.8.1904
 
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Nr. 35. Gießen, den 28. August 1904. 11. Jahrgang. ee ie Mitteldeutsche

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Ferdinand Lassalle.

Vierzig Jahre sind verflossen, als einer der bedeutendsten Führer der modernen Arbeiter⸗ bewegung, Ferdinand Lassalle, seine Augen für immer schloß. Ein arbeits⸗ und kampfesreiches Leben war hiermit zu Ende gegangen und zu⸗ gleich wurde mit diesem Ereignis eine wichtige Epoche in der Geschichte des deutschen Sozialis⸗ mus geschlossen.

Ferdinand Lassalle, als Sohn reicher jüdi⸗ scher Eltern 1825 in Breslau geboren, war einer der reichbegabtesten Menschen, welche die Geschichte kennt. Gleichzeitig Philosoph, Histo⸗ riker und Nationalökonom, Dichter und Rechts⸗ anwalt, Organisator und Agttator hat er in allen diesen verschiedenen Tätigkeiten mensch⸗ licher Energie Hervorragendes, in mehreren von ihnen Bleibendes geleistet. Niemand hat der Arbeiterbewegung seines Landes, solange er am Leben war, so sehr den Stempel seines Wesens aufgedrückt, wie er. Ein Stürmer und Dränger, forderte er mit den ihm eigenen bedeutsamen Eigenschaften der Veidenschaft⸗ lichkeit und Großzügigkeit sein Jahr⸗ hundert in die Schranken. Bescheidenheit war ihm fremd. Wie die, damals noch politisch so unreifen Arbeitermassen ihn, den reichen, zu ihnen, dem armen Volk,herabgestiegenen Mann, großen Gelehrten und feurigen Redner, gleich einem Halbgott verehrten, so dünkte auch er selber sich eine Art Uebermensch. Von demo⸗ kratischer Ordnung und Unterordnung war bei Lassalle und seiner großen Arbeitervereinigung, deren Präsident er wurde, noch nicht die Rede. Die Zentralgewalt lag allein in seinen Händen, und er handhabte sie in denkbar absolutistischster Weise. Er war nicht der von den Massen ge⸗ wählteFührer der Arbeiterschaft, sondern ihr mittelst seines hohen Verstandes und seiner besseren Einsicht selbstrechtlich sich seinen ihm gebührenden Platz nehmende Anführer, ein seine Entschließungen nach eigenem Ermessen treffender Generalissimus. Wie als Orga- nisator, so war derselbe auch als sozialistischer Wissenschaftler bei all seiner Begabung vielen Irrtümern unterworfen. Das sog n.eherne Lohngesetz, welches den Kernpunkt seiner volks⸗ wirtschaftlichen Lehre bildete, hat von der So⸗ zial demokratie, die als eine Partei positiver Wissenschaft niemals Schlacken, und mögen ste ihr auch noch so lieb geworden sein, mit sich herumtragen darf, längst preisgegeben werden müssen. Die zweite Grundidee des Lassalleschen Systems, die Forderung einer Schaffung von Produktiv⸗Assoztationen auf Staatskredit ein dem System des Franzosen Louis Blanc entliehener Gedanke! ist ebenfalls eine irr⸗ tümliche gewesen, denn der Staat ist nicht als ein über den Parteien thronendes neutrales Wesen, sondern als Ausschuß bestimmter herr⸗ schen der Gesellschaftsschichten zu möglichster Be⸗ festigung ihrer Herrschaft aufzufassen. Auch dieses Postulat hat die Sozialdemokratie fallen lassen müssen, als sie sich mit marxistischem Geist durchtränkte.

Der unvollkommenen Theorie entsprach auch eine unvollkommene Taktik. Mit der ganzen Leidenschaftlichkeit, deren er fähig war, wandte Lassalle die Schärfe seiner Waffen gegen den bürgerlichen Liberalismus und die bürgerliche

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Demokratie. Darin lag gewiß ein großes Verdienst. Lassalle löste die deutschen Arbeiter⸗

eines allgemeinen Volksparteiendusels der Ver⸗ schmelzung aller sogenanntenVolksparteien, indem er die Arbeiter, frei und unabhängig von der Kleinbürgeret, politisch auf eigene Füße zu stellen suchte und hiermit einer etwaigen Entwicklung der Linksparteien zu einer Art jaureésistischen Blocks von vornherein kräftig entgegen wirkte. Aber Lassalle vergaß in dieser Bekämpfung der bürgerlichen Demokratie leicht die Notwendigkeit einer noch schärferen und wenn möglich! noch unversöhnlicheren Be⸗ kämpfung der Reaktionäre. Lassalle hat viel⸗ fach in gefährlichster Weise mit der Regierung paktiert und selbst dem sozialen Königtum zwei⸗ deutige Komplimente gemacht. Vernichtung der bürgerlichen Linken eventuell selbst mit Hülfe der Reaktton das war, grob ausgedrückt, der Kern von Lassalles nächstem politischem Programm. Er übersah auch hier den Klassen⸗ charakter der Regierung.

Lassalle starb, wie bekannt, im Zweikampf. Selbst seine Todesart sollte noch bezeugen, wie unklar und romantisch dieser Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie noch war. Kein Sozialdemokrat von heute würde nicht er⸗ kennen, was Lassalle nicht erkannte: die ruch⸗ lose Torheit des feudalen Ehrenkodex. Hatte Lassalles heroischer Charakter die gr inneren und äußeren, praktischen und. peetischen Schwächen seiner Bewegung noc, notdürftig verdecken können, so deckte sie sein Tod nur desto krasser auf: Das System der Partei⸗ diktatur brach zusammen und lieferte die be⸗ kannten sauren Früchte: die Affaire Schweitzer und das Problem Gräfin Hatzfeldt. Seine Partei, die sogenannten Lassalleaner, beobach⸗ teten entscheidenden Fragen gegenüber eine un⸗ sichere Haltung. Im Kriege mit Frankreich 1870 als Bebel und Liebknecht, die Marxisten, in klarer Erkennung der Sachlage und mit einem Mut, von dem noch unsere spätesten Enkel singen und sagen werden, den kriegfüh⸗ renden Hohenzollernheeren jede Unterstützung verweigerten bewilligten die Vertreter der Lassalleaner im Parlament Bismarck die Kriegs⸗ anleihe und erst nach Sedan fanden sie den sozialistischen Standpunkt wieder.

sozialdemokratischen Partei und es begann jener Prozeß, in welchem sich die Marxisten mit den Lassalleanern allmählich zu jenem Ganzen ver⸗ schmelzen sollten, bas vir heute Sozialdemo⸗ kratie nennen.

Lassabe war kein Marx. Ihm fehlte um nur die Hauptsache zu sagen jener tiefe Blick und jene klare Schätzung, die jeder Situ⸗ ation auf den Grund sahen, jedes Rätsel ent⸗ rätseln konnten. Ihm fehlte vor allem auch der revolutionäre Gesamtzug, jenes bewußte Antidynastentum, ohne welches eine Arbeiter⸗ partei auf die Dauer keine Politik zu treiben vermag. Es wäre falsch, ihn deshalb zu schelten. Lassalle war ein Kind seiner Zeit und seiner Umgebung. Hätte er statt Scharen ihn bewundernder Männer aus dem Volke, klassenbewußte und selbstbe⸗

wußte Proletarier, hätte er statt ihm blindlings folgende Jünger

massen hierdurch 5 aus dem Banne

Wenige Jahre später einten sich beide Richtungen zur

kritisch denkende Parteigenossen neben sich gehabt, Lassalle wäre ein ganz anderer geworden.

Und doch hat das Andenken Lassalles einen begründeten Anspruch auf die Dankbarkeit des deutschen Proletariats. Er war es zuerst, der das Evangelium der politischen Selbsthülfe unter die Arbeitermassen säte, er, der den schlafenden Riesen Proletarier mit den Posau⸗ nenstößen seines die Freiheit predigenden Pathos aus der Lethargie rüttelte. Um seinen Namen zuerst scharten sich zu einer Zeit, als Marx in Deutschland fast nur den Gelehrten bekannt war tausende und abertausende, wissens⸗ und freiheitsdürstende Arbeiter, in der hellen Begeisterung eines neu gewonnenen Ideals, 155 den Kampf der Besten lohnenden Lebens⸗ zieles.

Er war es, der mit scharfem Blick erkannte, von welcher Bedeutung die Einführung eines allgemeinen und gleichen Wahlrechts für die Emanzipation des vierten Standes sein würde. Er, Lassalle, endlich war es auch, der den Zusammenhang von der Arbeiterbewegung mit der Wissenschaft so gern betonte. Die Worte die er in seiner berühmten Rede vor dem Berliner Kriminalgericht einst aussprach, sie haben noch heute programmatische Bedentung:

Zwei Dinge allein sind groß geblieben in dem all⸗ gemeinen Zerfall, der für den tieferen Kenner der Ge⸗ schichte alle Zustände des europäischen Lebens ergriffen hat, zwei Dinge allein sind frisch geblieben und fort⸗ zeugend mitten in der schleichenden Ausdehnung der Selbst⸗ sucht, welche alle Adern des europäischen Lebens durch⸗ drungen hat: die Wissenschaft und das Volk, die Wissenschaft und die Arbeiter!

Die Wissenschaft und die Arbeiter werden ihren Lassalle nie vergessen können.

Dr. R. Michels.

Die Welt dem Sozialismus!

Hoch die Internationale! Mit diesen Worten schloß der Prästdent des Amsterdamer Sozialistenkongresses am Samstag Mittag dessen Sitzungen. Und der begeisterte Hochruf, in den die 470 Kämpfer aus allen Teilen der Erde einstimmten, war keine leere Formel, sondern brachte das Denken und Em⸗ pfinden der zielbewußten Arbeiter aller Länder, ihre Interessengemeinschaft zum Ausdruck. Ohne Unterschied der Nation und Rasse gelobten da⸗ mit die Vertreter der Arbeiter aller Länder, für ein Ziel, für das Ziel des völkerbefreien⸗ den Sozialismus wirken zu wollen.

Die Amsterdamer Tagung hat einen erhbeben⸗ den, herrlichen Verlauf genommen. Mit Recht konnte Bebel in seiner Schlußrede sagen, der Kongreß habe die kühnsten Erwartungen über⸗ troffen. Er hat eine gute Arbeit geleistet, er hat in den wichtigsten Fragen Klärung geschaffen, die die internationale Arbeiterschaft bewegen. Gewiß, es wurde scharf gekämpft, aber der Kampf wurde in der vornehmsten Form geführt, wie auch bürgerliche Blätter anerkennen müssen. Natürlich konnte nur ein Teil der umfang⸗ reichen Tagesordnung erledigt werden. Das war vorauszusehen. Man muß bedenken, mit welchen Schwierigkeiten die Verhandlungen in⸗ folge der Vielsprachigkeit verbunden sind. Was unerledigt blieb, wird die Arbest des nächsten Kongresses bilden, der 1907 in Deutschland