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Seite 6.
Mittel dentsche Sountaas⸗ Zeitung.
Fürsten und Herren dazumal. Mit einem wohlgerüsteten Heere brach er gegen die Bauern los und rückte auf Fulda, wo sich ein großer Bauernhaufe unter dem Uhrmacher Hans Dol⸗ hopt festgesetzt hatte. Die Bürger von Fulda verzagten und öffneten die Tore; ein Teil der Bauern entfloh, 1500 wurden vom Landgrafen im Schloßgraben eingeschlossen, wo ste drei Tage und drei Nächte dem Hunger und Durst preisgegeben wurden. Als man ste herausließ, balgten sich die Unglücklichen um das Spülicht der Schloßküche. Philipp verhöhnte ste und ließ fünf Hauptleute enthaupten.
Alsdann zog er mit Georg von Sachsen und Heinrich von Braunschweig gegen Thomas Münzer. Nach dem leichten Stege über dessen Heer zu Frankenhausen ward unter den Flie⸗ henden ein furchtbares Gemetzel angerichtet; das Blut floß in Bächen. Siebentausend Bauern wurden auf der Flucht erstochen; in Franken⸗
hausen wurden 300 enthauptet. Die Reichsstadt
Mühlhausen ward aufs grausamste behandelt; Münzers Genosse Pfeifer ward mit 92 Mann enthauptet und außerdem noch eine Menge Mühlhauser Bürger am Leben gestraft. Der Hinrichtung des bis zum Wahnstinn gefolterten Münzer wohnte Philipp mit den anderen Fürsten bet; sie behandelten ihn sehr von oben herab und auch der einundzwanzigjährige Philipp wollte dem gefangenen Revolutionär noch Moral predigen. Aber Münzers Geist war unge⸗ brochen. Er antwortete ihnen, sie möchten das Buch Samuels und der Könige lesen; da würden sie sehen, welch ein Ende Tyrannen nehmen, und darin möchten sie sich spiegeln. Dann fiel sein Haupt.
Selbst Luther, der doch in einem grimmigen Pamphlet aufgefordert hatte, man soll die Bauern„stechen, schlagen und würgen“, er⸗ füllten die Greuelszenen in Thüringen mit Ab⸗ scheu und er meinte, ihm sei vor dem Sieg der Herren ebenso bange gewesen, wie vor dem der Bauern.„Hätten die letzteren gestegt, so würde der Teufel Abt geworden sein; würden aber die Tyrannen Herren, so würde des Teufels Großmutter Aebtissin werden.“
Der Geschichtsschreiber Schlosser sagt, Phi⸗ lipp habe„wie ein Tamerlan““ gehaust. Philipp selbst aber leugnete damals, daß dem Volke überhaupt Unrecht geschehen sei und meinte: „Die Bauern vergessen unsere Sorgen und Mühen, gegen welche ihre Abgaben und Lasten noch gering sind.“
Sehr„großmütig“, in der Tat!
Eine erschöpfende Charakteristik Philipps kann hier nicht gegeben werden, allein wir haben die obigen Tatsachen angeführt, weil ste von der offiziellen protestantischen Geschichts⸗
schreibung übergangen oder vertuscht zu werden
pflegen. a
Wenn es also den Gläubigen des Prote⸗ stantismus überlassen bleibt, Philipp zu ver⸗ herrlichen, so müssen wir den egoistischen Zug betonen, der den Handlungen Philipps anhaftet. Kirchengüter jedenfalls ein Hauptmotiv seines Anschlusses an den Prolestantismus, wenn er auch die schönsten„evangelischen“ Sprüche zu tun pflegte. Aus dem Streit der Fürsten um die Kirchengüter ging jener fürchterliche Krieg hervor, der Deutschland dreißig Jahre lang verheerte. Philipps Egoismus zeigte sich am deutlichsten in der interessanten Affäre seiner Doppelehe.
Er war seit 1523 mit einer sächsischen Prinzessin Christine vermählt. Später faßte er eine heftige Neigung zu einem Fräulein Margarete von der Saal und wollte sie zu seinem„zweiten Eheweib“ machen. Wie dies geschah, zeigt deutlich, daß Philipp den Prote⸗ stantismus nur als Mittel zum Zweck auffaßte, denn sonst hätte er nicht die Sache unternommen, die dem Protestantismus unendlichen Schaden bringen mußte. Die Mutter Margaretes ver⸗ langte für die Doppelehe die Zustimmung von Luther und Melanchthon. Philipps Gemahlin gab ihre Zustimmung, nachdem auf nicht sehr noble Art auf sie eingewirkt worden war.
Luther und Melanchthon waren in der
* Ein astatischer Eroberer im 14. Jahrhundert.
Er sah in der Konfiskation der
peinlichsten Verlegenheit, als der verliebte Landgraf die Zustimmung zu der Doppelehe verlangte. Aber sie wollten sich diesen mächtigen Verbündeten nicht entfremden, und so gingen sie und der bekannte Theologe Butzer auf die Sache ein. Der Briefwechsel der drei Theo⸗ logen mit dem Landgrafen läßt in recht erbau⸗ liche Zustände hineineinblicken.
Luther und Melanchthon schrieben an den Landgrafen, ein Gesetz, wonach ein Mann mehr denn ein Eheweib haben dürfe, sei nicht zu erlassen, weil„daraus in allen Heuraten ewige Unruhe zu besorgen.“ Bestehe aber Philipp darauf, schrieben sie,„noch ein Eheweib zu haben, so bedenken wir, daß Solches heimlich zu halten sei, nämlich daß Ew. Gnaden und dieselbe Person mit etlichen vertrauten Personen wissen Ew. Gnaden Gemüt und Gewissen Beichtweise.“ Daraus folge„keine besondere Rede und Aergernis.“—„So ist auch nicht alles Rede zu achten, wenn das Gewissen recht steht, und dieses halten wir für recht. Denn was vom Ehestand zugelassen im Gesetz Moses ist nicht im Evangelium verboten. Also hat Ew. Gnaden nicht allein unser Gezeugnis im Falle der Notdurft, sondern auch unsre Er⸗ innerung.“ Schließlich baten die beiden Refor⸗ matoren dringend, die Sache nicht an den Kaiser gelangen zu lassen.„Denn fromme deutsche Fürsten nichts zu tun haben mit den Praktiken des Kaisers usw.“
Die Trauung fand 1540 zu Rotenburg an der Fulda statt. Der fromme Melanchthon, der auch so sehr gegen die Bauern gehetzt hatte, und Butzer war zugegen. Die Doppelehe wurde indessen bald bekannt und erregte un⸗ gemeines Aergernis. i
Gewiß kann die ganze Persönlichkeit Phi⸗ lipps nicht allein nach dieser Affäre beurteilt werden. Aber ungemein charakteristisch bleibt ste für ihn und für die Reformatoren.
Wir glauben mit der Anführung aller dieser Tatsachen den Beweis erbracht zu haben, daß Philipp den Namen des„Großmütigen“ nicht verdient, der von Schmeichlern erfunden und vom offtziellen Protestantismus aufrecht erhalten worden ist.
b Unterhaltungs- Ceil.
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A
Dyllen aus einem Gebirgsdorse. Frei nach dem Leben von Ludwig Schierk. 2.(Fortsetzung.) 1
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Das Dorf war in drei Häuserreihen ange⸗ legt, die an einem gewissen Punkte zusammen⸗ trafen. Dort kreuzte der elende Dorfweg eine breite Reichsstraße, die zwei Landstädtchen ver⸗ band. Die armen, einfältigen Dorfleute nannten sie die Kaiserstraße; denn sie waren der festen Meinung, der gute Landesfürst, der im nahen Städtchen das Gericht unterhielt, habe sie von seinem eigenen Gelde bauen lassen, um ihnen damit eine kleine Freude zu machen. Sie ver⸗ gaßen, daß der Graf, dem die Hirsche im Walde gehörten, vor fünf Jahren auf dem schlechten Wege, der damals die zwei Landstädtchen ver⸗ band, aus dem Wagen geschleudert wurde und mit seinem schönen, grünen Sammtrocke in eine Pfütze zu liegen kam. Sie wußten nicht, daß es der Graf seiner Großmutter geklagt hatte, die es ihrer Tante vertraute, deren Onkel ein gewaltiger Kammerherr war. Sie ließen sich's nicht träumen, daß dieser Kammerherr einen Bruder besaß, welcher mit dem guten Landes⸗ fürsten, der im nahen Städtchen das Gericht unterhielt, jeden Monat fünf Wort sprechen durfte. Jene fünf Worte verhalfen dem Grafen, dem die Hirsche im Walde gehörten, zu einem breiten Wege ohne Pfützen und den armen, einfältigen Dorfleuten zu einer Kaiserstraße. Fouhrwerk und elegantes Reisegefährt rollte jetzt zuweilen daher; aber die niederen Hütten
Humanität verborgen.
Nur zwei Schornsteine lugten etwas übern den Damm und lauschten gleich einem ausge streckten Ohrenpaar nach den tiefsinnigen Reden,
die aus den vorbeieilenden Wagen erschollen.
„Mon Dieu!“ sagte einst ein brauner Voll⸗
bart zu zwei runden Wangen, die ihm gegen⸗ über saßen,„mon Dieu! ich glaube mein Schatz, es wohnen sogar Menschen hier!“ Die zwei runden Wangen lachten durch zwei niedliche Grübchen eine stumme Antwort. Etwas fühl⸗
barer wurde die reisende Humanität den kleinen
Dorfjungen, welche die Eskimohütten bauten;
der eine und der andere vorbeieilende Wagen 4
ließ ihnen einen saftigen Peitschenhieb zurück.
Die Häuserreihen des Dorfes nannte man „Seiten“.
Auf der einen lag ein steinernes Gebäude, das zur Hälfte eingestürzt war. In dem noch erhaltenen Teile hauste ein alter Jude, der den Arbeitern Branntwein verkaufte.
Einst hatten Aecker und Wiesen einen Grund⸗ besitz zu diesem Gebäude gebildet. Die Leute nannten es das„Erbgericht“. Dieser Grund- besitz war, wie vieles andere, Eigentum des Grafen geworden, dem die Hirsche im Walde gehörten. Nun stand das alte Haus wie eine Ruine da, und der alte Jude mit seinen großen Brillengläsern und seinem krächzenden Hüsteln war die Eule, die darin ihr Nest gebaut hatte.
Der Steinhaufen gab der Häuserreihe den Namen: sie hieß die„Richterseite“. In der Mitte der zweiten„Seite“ lag ein Teich.
Cr lieferte die Wasserkraft für das gräfliche
Eisenwerk, das an jener Stelle mit zwei Schorn⸗ steinen— den Kirchtürmen des Kapitals qualmte. Man fing da den dürftigen Dorfbach ein und spannte seine armselige Flut durch Schleusen, wie man einen störrigen Arbeiter durch Hunger antreibt, immer und immer wieder seine Hand im fremden Interesse zu rühren.
Es war dabei nicht in Betracht gezogen, daß dadurch die Hütten tiefer unten oft ohne Wasser waren. Die Dorfjungen, welche die Esktmohütten bauten, eilten dann um die Mittagszeit mit hölzernen Geschirren, die lustig aneinauder klapperten, den Weg hinauf und trugen den erfrischenden Trank für die Mittags⸗ tafel heim. Es verschlug dabei nicht viel, daß fetlige Kohlenschüppchen auf der Oberfläche schwammen. Die Tafelnden, die während des Vormittags genug Kohlenstaub eingeatmet hatten, empfanden derlei nicht besonders tief. Man blies vor dem Trunke in das Gefäß, jene Kohlenschüppchen wegzufegen, wie der Stamm⸗ gast im Hofbräuhause den Bierschaum vom soliden Deckelglase entferut.
Freilich, seit die„Stubendirn“ des Grafen, dem die Hirsche im Walde gehörten, in den
Teich gesprungen war, sich und das Leben 1
unter ihrem Herzen zu ertränken, wollte den. Leuten der Trank nicht mehr munden, und
manche Hand ballte sich zur Faust, ehe sie den g
Krug faßte. Aber die Einsichtigen unter ihnen glaubten der ausgestreuten Meinung, der junge
Graf habe nur das„Beste“ des armen Mädchens? Und die Einsichtigen haben immer
Von diesem Wasserbecken hieß die Häuser⸗
ewollt. echt.
reihe die„Teichseite“.
Der dritte Teil des Dorfes war der arm;
seligste. Er führte tief in den Wald, und das Wasser fehlte ihm gänzlich.
Hier wohnten die Holzarbeiter des Grafen,* i
dem auch die Bäume im Walde gehörten. Weiter oben stand das schmucke Forsthaus
mit dem Hirschtopf am Giebel und den Blumen.
töpfen am Fenster.
Es war ungemein bezeichnend, daß hier zwei Drittel der Bewohner den Namen„Köhler? Man hätte diese Häuserreihe die „Waldseite“ nennen können, aber sie ward 5
führten.
anders getauft.
An ihrem Beginne lag der Kirchhof mit seinen Holzkreuzen. Denn auf dem Lande hat jedes Dorf drei Dinge: ein Armenhaus, einen Arrest und einen Kirchhof.
Mr. 48.
waren vom hohen Damm der Straße aus nicht 1 zu sehen. Sie duckten sich verschämt gegen den Bach; darum bließ die Dorfidylle der reisenden


