Ausgabe 
27.11.1904
 
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Seite 4.

Mitteldeutsche SonntagsZeitung.

Nr. 48.

den Namen feststellen. Den wollte aber der Bruder Studio nicht angeben und deshalb wollte ihn der Schutzmann mit zur Wache am Selterstor nehmen. Dahin folgten nun die Zechbrüder. Und vor der Türe des Wacht⸗ lokals gab es eine lebhafte Auseinandersetzung mit den Schutzleuten, in deren Verlauf der Student Bausch dem Schutzmann Brasch einen Stoß versetzte, daß dieser N hinschlug. Nun zog dieser den Säbel, ohne indessen von seiner Waffe weiter Gebrauch zu machen. Nun hatten sich die Studenten vor Gericht zu ver⸗ antworten. Etwa zehn Studenten, die alle zugeben mußten, mehr oder weniger betrunken gewesen zu sein und die zwei beteiligten Schutz⸗ leute wurden als Zeugen vernommen. Das Verfahren war von mustergültiger Objektivität. Man vereidigte sogar die Schutzleute, die bei dem Vorfall nicht betrunken gewesen waren, erst nachträglich, während die Studenten alle vor der Zeugenaussage vereidigt wurden. Die Angeklagten verteidigten sich sehr gewandt es sind ja Studierte und die Zeugenaussagen der Studenten lauteten alle recht günstig für die Angeklagten. Der Amtsanwalt beantragte 40 und 80 Mk. Geldstrafe für die beiden An⸗ geklagten. Das Gericht verkündete, daß das Urteil erst über acht Tage nächsten Diens⸗ tag verkündet werden wird. Jedenfalls erwägt das Gericht, ob der Fall nicht auf Grund des§ 115, 1 oder 116, 2 vor das Landgericht gehört. Nun, mögen sie glücklich davon kommen! Wir haben kein Interesse an ihrer Bestrafung. Arbeitern möchten wir aber nicht raten, etwa in ähnlicher Weise ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen und so mit den Poltzeileuten umzuspringen. Erstens mal, weils unanständig ist, nachts zu krakehlen und andere Leute im Schlafe zu stören, dann aber könnten sie sich eine recht böse Suppe einbrocken. Neh⸗ men wir mal an, es sei bei einem Streik zu einem Renkontre mit der Polizei gekommen und es wäre dabei einem Schutzmanne ein

Stoß versetzt worden, daß er hinstürzte. Wir

wetten hundert gegen eins der Uebeltäter wäre, wenn nicht ins Zuchthaus, so doch auf lange Zeit ins Gefängnis gekommen.

Zum Saalbau⸗Projekt. Für den geplanten Theater- und Saalbau hat der Professor Dülfer⸗München einen Entwurf an⸗ gefertigt, der bei Hirz am Seltersweg ausge⸗ stellt ist. Wenn dieser Entwurf zur Aus⸗ führung gelangen sollte, würde man den Bau kaum als schön bezeichnen können. Er hat entschieden mehr Aehnlichkeit mit einem Fabrik⸗ als einem Theaterbau. Wenigstens macht die Skizze diesen Eindruck, es ist ja möglich, daß das fertige Gebäude sich viel gefälliger darstellt. Der Entwurf sieht einen Doppelbau vor, ein Gebäude ist für das Theater, das andere für den Saalbau bestimmt. Bis jetzt sollen 200 000 Mark von Privaten zu dem Bau zur Verfügung gestellt worden sein. Ueber die Art der Aus⸗ führung des Projekts bestehen noch viele Meinungsverschiedenheiten

Die Verlobung des Großherzogs mit der Prinzessin Eleonore von Lich, die in diesen Tagen publiziert worden ist, gibt der gutgesinnten Presse Veranlassung zu über- schwenglichen Artikeln. Es gibt danach keine Tugend und keinen Vorzug, den die Prinzessin, von der man vorher nie etwas hörte, nicht besäße. DerGieß. Anz. hat sich sogar einen 5 zugelegt, der u. a. diese Verse ver⸗

richt:

Heil Dir, Du Stern des Hauses Solms, Nun aller Hessen Sonne,

Dein Licht verwandelt Sorg und Leid In eitel Freud und Wonne.

Nachbarin! Euer Fläschchen!

In der Stadtverordneten-⸗Sitz⸗ ung am Donnerstag wurde mitgeteilt, daß das Gas- und Wasserwerk Anschlüsse an die Kana⸗ lisation ausführt. In dem Statut für das Kaufmannsgericht wurde einigen Aenderungen zugestimmt. Es tritt am 1. Februar 1905 in Kraft. Ferner wurden die Gehalte der Volksschullehrer nach deren Anträgen konform der in Worms, Friedberg ꝛc. geltenden Skala festgelegt, was jährlich 7000 Mk. mehr als bisher ausmacht.

Konfektionsarbeiterschutz und der preußische Handelsminister. So war der Vortrag betitelt, den der Genosse Mirus⸗Frankfurt in einer zahlreich besuchten Schnei derversammlung hielt, die am Dienstag, 15. Nov., im Orbig'schen Lokale stattfand. Die Lage der Konfektionsarbeiter, führte Redner aus, kam im Reichstage das erste Male im Jahre 1879 zur Erörterung, als der Zoll auf Näh garn eingeführt werden sollte. Man stellte damals eine Untersuchung an, deren Resultat erst 1887 dem Reichstage vorgelegt wurde. Ueber die schlimme Lage der Konfektionsarbeiter war man also unterrichtet, doch geschah nichts, um dieselbe einigermaßen zu bessern. Erst 1896, gelegentlich des Konfektionsarbeiterstreiks beschäftigte sich der Reichstag wieder mit der Materie und wieder gab es eine Enquete. Diese ergab, daß in diesem Berufe eine 11 stündige Arbeitszeit herrscht und Stundenlöhne von durchschnittlich 18 Pfg. bezahlt werden. Nachdem ein Gesetzentwurf zum Schutze dieser Arbeiterkategorie in der Kommission stecken geblieben war, trat 1897 eine Bundesratsverordnung in Kraft, die jedoch, weil sie sich nur auf die Konfektion im Großen bezog, wirkungslos war. Eine umfangreiche, mit vielem Material belegte Denkschrift reichte der Schneiderverband im Jahre 1901 ein, erhielt sie aber 1903 mit dem Bemerlen zurück, daß der Reichstag keine Zeit gehabt hätte, sich damit zu befassen. Im laufenden Jahre wurde die Verord⸗ nung von 1897 auch auf die Damenschneiderei ausge⸗ dehnt. Diese Verordnung, nach welcher Arbeiterinnen über 16 Jahre täglich nur 11 Stunden arbeiten dürfen und Samstag um ½6 Uhr abends entlassen werden müssen, durchlöcherte ein Erlaß des Handelsministers Möller, der die Beschäftigung der Arbeiterinnen auch nach ½6 Uhr des Samstags erlaubt. Gegen diesen Erlaß des Ministers, der im Widerspruch mit den Ab⸗ sichten des Gesetzgebers steht, muß energisch protestiert werden. Die Konfektionsarbeiter haben von der Gesetz⸗ gebung nichts zu erwarten, müssen sich vielmehr dem Schneiderverbande anschließen, um eine Verbesserung ihrer Lage zu erzielen. Eine in diesem Sinne ge⸗ haltene Resolution gelangte nach dem beifällig aufge⸗ nommenen Vortrage zur einstimmigen Annahme. Ueber den gleichen Gegenstand sprach Mirus bereits am Samstag vorher in Wetzlar und Sonntag in Mar⸗ burg in gut besuchten Versammlungen.

m. DieFreie Turnerschaft Gießen hielt am Sonntag, den 13. Nov. in der RestaurationZum Pfau ihre diesjährige General⸗Versammlung ab. Aus dem Geschäfts⸗ und Kassenbericht war folgendes zu er⸗ sehen: Der Mirgliederbestand stieg von 105 im Vor⸗ jahre auf 135, mithin eine Zunahme von 30 Mit⸗ gliedern. Die Gesamt⸗Jahreseinnahme betrug 790,38 Mark, die Ausgabe 480,11 Mk., verbleibt ein Kassen⸗ bestand von 310,27 Mk. Den Turnbericht erstattete Turnwart Böttger. Es turnten danach im Riegen⸗ turnen 3327 Turner an 90 Abenden in 424 Riegen (im Durchschn. pro Abend 37 Turner) gegen 2437 Turner an 87 Abenden(pro Abend 29 Turner) im Vorjahre. Mithin eine Zunahme von 890 Turner. Im Allgemeinen turnten insgesamt 3542 an 101 Aben⸗ den gegen 2684 Turner an 101 Abenden im Vorjahr. (858 mehr.) Der Verein wirkte auch bei verschiedenen Festlichkeiten anderer Vereine turnerisch mit. Bei dem Bezirksturnfest in Offenbach am 18. Juli erhielt die dorthin entsandte Musterriege die NoteGut bis sehr

gut In den Vorstand wurden gewählt resp. wieder⸗ gewählt: Als 1. und 2. Vorsitzender: Gg. Baum,

Gg. Schmidt; Kassenwart: Krausch; 1. und 2. Schrift⸗ wart: A. Roseubaum, Frenzel; 1. und 2. Turnwart: A. Böttger, W. Kalweit; 1. und 2. Zeugwart: G. Mitze, A. Guntrum.

Feste. Diesen Samstag hält dieFreie Turnerschaft, wie in voriger Nummer bereits erwähnt, ihr zweites Stiftungsfest im Saale des Café Leib ab. Wer es zu besuchen keine Gelegenheit hat, dem sei das Fest der Braner, das acht Tage später, am 3. Dezember im gleichen Saale stattfindet, zum Besuche em⸗ pfohlen. Das ist vor Weihnachten die letzte Festivität, die von Seiten der organisterten Arbeiterschaft veranstaltet wird. Die Brauer kommen stets ihren Verpflichtungen gegenüber den andern Gewerkschaften nach und verdienen somit auch die allseitige Unterstützung.

Verschwunden. In der Nacht zum 6. Novpbr. hat die 30 jährige Emmy Winkler, Tochter des hiesigen Professors, ihre elterliche Wohnung verlassen und ist seitdem verschwunden. Weil man annimmt, daß sie sich ein Leid an⸗ getan hat, wurde die Lahn wiederholt abgesucht, jedoch vergeblich. Das Polizeiamt hat 300 Mk. Belohnung für denjenigen ausgesetzt, der über die Vermißte Nachricht gibt.

Aus dem reise gietzen.

Unser Landkalender, derHessische Land⸗ bote, ist am Sonntag in 10000 Exemplaren in unserm Wahlkreise zur Verbreitung gelangt. Die Aufnahme war überall eine freundliche, nur in ganz vereinzelten Fällen mußten die Verteiler grobe, höhnische, manchmal auch unanständige Redensarten über sich ergehen lassen. Derartiges muß ja ein sozialdemokratischer Flugblatt⸗ verteiler stets mit in Kauf nehmen, wird sich aber da⸗ durch natürlich nicht im Geringsten beirren lassen. Es wäre auch ein Wunder, wenn die verlogenen Hetzereien und wüsten Beschimpfungen, welche in den Blättern der Ordnungsparteien, besonders der antisemitischen und Amtsblattpresse jahrein, jahraus gegen unsere Partet und ihre im Vordertreffen stehenden Vertreter geschleudert werden, auf rückständige und ungebildete Menschen nicht ihre Wirkung ausüben sollten. Wie gesagt, tritt aber die Frucht dieser Hetzerei nur vereinzelt in Erscheinung; grobe Ausschreitungen, wie sie noch vor 15, vor 10 Jahren auf dem Lande gegen unsere Leute verübt wurden, kommen nicht mehr vor, im Allgemeinen läßt sich die Landbevölkerung nicht mehr vor der Sozialdemokratie bange machen, sie wendet sogar unserer Partei vielfach ihre Sympathie zu. Immer mehr dringt die Ueber⸗ zeugung in die ländlichen Kreise, daß die Sozialdemo⸗ kratie als die einzige Partei die Interessen des Volkes nachdrücklich vertritt und seine Rechte verteidigt und so erobert sie sich mehr und mehr das allgemeine Vertrauen. Die gegnerischen Schwindeleien haben, wie alle Lügen, eben kurze Beine und werden nur eine Zeit lang ge⸗ glaubt.

Was den Inhalt unseresLandboten betrifft, so muß derselbe als recht belehrend und interessant bezeichnet werden. Zuerst sind unter der UeberschriftDer Sozial⸗ demokrat kommt! die Zicle und Bestrebungen unserer Partei kurz und verständlich dargelegt. Dann wird das objektioe Urteil des badischen Ministers Schenkel über die Sozialdemokratie angeführt, das dieser in Februar im Landtage abgab, weiter folgt die Verurteilung des Brot⸗ wuchers durch einen englischen Bischof, ferner wird an dem Beispiel Amerikas die Verderblichkeit der Zollpolitik für das arbeitende Volk dargeran, dann folgen statistische Notizen über Genossenschaftswesen, Sparkasseneinlagen, Kohlenförderung, Eisenbahnen, Handelsflotten ꝛc., da⸗ neben eingestreut viele humoristische Stückchen. Zum Schluß sind die vor längerer Zeit auch von unserem Blatte besprochenen Ausführungen des Züricher Pfarrers Kutter über die Sozialdemokratie wiedergegeben und der lezte Artikel erzählt eine Affaire aus der Geschichte des schwedischen Gottesgnadentums. Wir hoffen, daß auch der diesjährige Landbote es ist der fünfte Jahrgang aufklärend wirken und unserer Sache neue Freunde zuführen wird. Einige Wünsche möchten wir aber noch aussprechen. Vielleicht könnte unser Kalendermann im nächsten Jahre einen kurzen Ueberblick der wichtigsten politischen Ereignisse des Jahres, sowie der Tätigkeit des Reichstags und des Landtags geben. Sehr belehrend dürfte auch eine Wiedergabe der Ziffern des Reichshaus⸗ haltsetats wirken; die riesigen Summen, welche Militär und Marine und die nutzlose Kolonialpolitik verschlingen, dürften weite Kreise der ländlichen Leser zum Nachdenken anregen.

In Bersrod haben sich seit Kurzem unsere dortigen Parteifreunde zu einem soztaldemokratischen Wahlverein zusammengetan. Sie sorgen hoffentlich dafür, daß der neue Verein sich zu einem kräftigen Mitgliede unserer Organisation entwickelt, das sein Möglichstes zur politischen Aufklärung der dortigen Be⸗ völkerung und zur Verbreitung sozialdemokratischer An⸗ schauungen beiträgt.

Aus dem Rreise ꝗriedberg⸗Püdingen.

In Friedberg unterlag leider bei den Stadtverordneten wahlen unser Genosse Busold dem vereinigten, aus Nationalliberalen, Zentrum und Juden bestehenden Mischmasch. Gegen die letzte Wahl zeigten die sozialdemokratischen Stimmen Zunahme.

Aus dem Rreise Als fesd-Cauterbach.

Im Kampfe gegen die Staatsgewalt. Einige aufregende Tage hat die Gemeinde Wal len rod bei Lauterbach hinter sich. Der dortige Gastwirt Fenner war wegen eines Prozesses, den er mit einem Nachbar hatte, in hochgradige Aufregung geraten. Am Samstag schoß er aus seinem Hause auf den vorübergehenden Prozeßgegner und traf ihn in die Lunge. Als die Lauterbacher Gendarmerie den Wirt verhaften woll te, bedrohte dieser die beiden Gendarmen von der Haus treppe aus mit dem Jagdgewehr, worauf sich die Gendarmen zurückzogen. Nunmehr wurde noch in der Nacht die Gendarmerie des Kceises, sowie die aus der Nachbar⸗ kreisstadt Alsfeld aufgeboten. Fenner erklärte, j-den

niederschießen zu wollen, der sich dem von drei Seiten frei liegenden Hause näherte und hat auch etwa sechs Der Staatsanwalt, sowie Kreis arzt Dr. Wallau⸗Lauterbach begaben sich Sonntag an Ort

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