Ausgabe 
27.3.1904
 
Einzelbild herunterladen

3

Seite 2.

Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.

weise die Ausnutzung der revolutionären Be⸗ anlagung ihrer hessischen e nicht entgehen lassen. Die hessischen Kleinbauern sind so leicht zu leiten. Sie besitzen infolge des ewigen Druckes, der bald mehr politischer, bald mehr wirtschaftlicher Natur war, einen instinktiven Hang, sich revolutionär zu betätigen. Hier ist der Schlüssel zu den Erfolgen der An. tisemiten zu suchen. Es ist deshalb mit ziem⸗ licher Bestimmtheit anzunehmen, daß die hes⸗ sischen Gebirgsbauern ihren bisherigen Führern in das Lager des Junkerbundes nicht folgen werden. Es ist ja auch zu töricht, den bettel⸗ armen Zwergbauern und Hauswebern einreden zu wollen, daß ste mit den adligen Großgrund⸗ besitzern eine Interessengemeinschaft bildeten.

Gerade in dieser Gegend, namentlich in dem industriellen Vogelsberg und Odenwald müßte jetzt die soztaldemokratische Agitation ganz energisch einsetzen und dem gesunden re⸗ volutionären Feuer der kleinbäuerischen Haus⸗ weber und hauswebenden Kleinbauern endlich einmal ein großes, vernünftiges und würdiges Ziel vorzeichnen.

Politische Rundschau.

Gießen, den 24. März 1904. Opfer der Kolonialpolitik.

Ende voriger Woche liefen Nachrichten sehr unerfreulicher Art von dem südwestafrikanischen Kriegsschauplatze ein. Ein Telegramm des Gouverneurs Leutwein meldete nämlich, daß der Major Glasenapp mit seinem Stabe, zahlreichen Offizieren, einer berittenen Abtei⸗ lung von 36 Mann und einem Maschinenge⸗ wehr auf die Nachhut des Feindes stieß. Diese erhielt unerwartet Verstärkung, so daß Major v. Glasenapp gezwungen wurde, zu rück⸗ zugehen. Das Gefecht spielte sich vor der eigentlichen Kolonne ab. Gefallen sind 7 Offiziere und neunzehn Mann, ver⸗ wun det drei Offiziere, zwei Mann. Vom Feind wurden 20 Tote gesehen.

Furchtbar geht die verhängnisvolle Saat auf, welche unsere Kolonialhelden ausgestreut haben. Daß 26 Mann getötet und nur b leicht verwundet wurden, legt die Vermutung nahe, daß die Hereros in ihrer Erbitterung das Vor⸗ bild europäischer Kriegsführung nach⸗ geahmt und ebenfalls keinen Pardon gegeben haben. Das beweist, wie sich die Grausamkeit der kolonialen Kriegsführung am eigenen Fleische rächt! Die Vernunft sollte wenigstens zu einer zivilisterten Kriegsführung veranlassen, wenn man schon das Gebot der Christenpflicht und der Kulturehre mißachtet!

Wer aber von Kultur und Menschlichkeit redet, christliches und menschliches Vorgehen auch gegen die Wilden fordert, der wird als Vaterlandsverräter, alsFreund der Hereros bezeichnet. DieEhre Deutschlands erfordert nach Ansicht unserer Kolonialschwärmer rück⸗ sichtslose Rache, neue Menschen⸗ und Geldopfer. Vernünftiger wäre doch und den Interessen Deutschlands weit besser gedient, wenn man einen billigen Frieden mit den Hereros zu Stande zu bringen suchte. Das brächte auch 1 deutschen Ehre nicht den mindesten Nach⸗ ell.

Schauergeschichten über Grausamkeiten, welche die Hereros den Deutschen gegenüber verübt hätten, haben sich durch die Berichte der Misstonare als gänzlich unwahr oder fürch⸗ terlich übertrieben herausgestellt. Wie dagegen von den deutschen Kulturpionieren vorgegangen wird, läßt ein in denLeipz. Neuesten Nachr. veröffentlichter Brief des Tierarztes Dr. Baum⸗ gart in Windhuk erkennen. In diesem Hun⸗ nenbriefe heißt es:

A, Die Erbitterung ist hier sehr groß keiner gibt Pardon, alles wird niedeegeschossen. Als wir die Feinde sahen und sie merkten, daß wir angreifen wollten, risse sie aus und wir in ge⸗ strecktem Galopp hinterher. Schnell warfen sie ihre Bündel fort, und wer ein Gewehr hatte, schoß auf uns, und die andern liefen. Die Hauptmasse konnten wir abschneiden und in wenigen Minuten hatten wir etwa 14 Herero erschossen und erschlagen.

Einer riß aus und versteckte sich im Gebüsch. Schon hatte er zwei Schuß aus meiner Browningpistole er⸗ halten, dann sprang ich vom Gaule runter und schlug ihm mit einem erbeuteten Gewehr so lange auf den Schädel, bis Gewehr und Schädel kaput waren. Einen andern, der sich verwundet in einen Busch verkrochen hatte, entdeckte ich und gab ihm zwei Pistolenschüsse, da kam noch ein anderer dazu und zerschmetterte ihm mit einer Flintenkugel den Schä⸗ del. Ich hörte dann, daß noch mancher erwischt war, auf unserer Seite kein Verlust. Ein Kerl hatte sich bis an den Hals ins Wasser gelegt und hinterm Busch versteckt und tot gestellt. Als die Unserigen auf ihn zukamen, schoß er noch schon war auch er ge⸗ liefert, Pardon wird nicht gegeben, alles muß dran glauben.

Also auch die Verwundeten metzelt man erbarmungslos nieder! Wer kann es den armen Schwarzen verübeln, wenn sie sich verzweifelt zur Wehre setzen?

Vollkommen erklärlich wird aber der Auf⸗ stand, wenn man die Schilderungen über das Betragen der weißen Kulturträger in Südwest⸗ afrika ließt, wie st: in demReichsbote, dem Berliner Pastorenblatt, das gewiß nicht im Verdachtehererofreundlicher oder vaterlands⸗ loser Gestunung steht, gegeben werden. Dieses Blatt brachte dieser Tage jedenfalls aus Misslonarkreisen einen Artikel über den Hereroaufstand, wodurch die sozialdemokratischen Befürchtungen und das Verhalten unserer Ge⸗ nossen in dieser Angelegenheit vollkommen ge⸗ rechtfertigt werden. Dem Artikel seien folgende Sätze entnommen:

Wir fragen uns immer wieder, wie ist's gekommen, daß die Hereros, die seit Menschengedenken nie einen Weißen ausgeraubt, ermordet haben, nun auf einmal so greuliche Mörder geworden sind. Ihr ganzer Charakter gegenüber den Weißen war nicht auf Rauben und Morden angelegt, sondern der des Respekts auf der einen und der stlavischen Furcht auf der andern Seite... Wer war ihr Vorbild, ihr Lehrmeister, daß sie so greulich sich vergriffen haben? Der Grund zu den Ursachen ist ja hier und da in der Köln. Zeitung usw., wenn auch nur teilweise, be⸗ leuchtet worden. Wucher und Raubhandel, durch den der Eingeborene nicht nur um seinen Viehbestand sondern auch um sein Land gebracht war. Aber neben diesen Ungerechtigkeiten sind noch ganz andere Dinge von seiten so mancher Weißen geschehen, welche die Hereros früher eingesehen und erkannt hatten, und die ihnen nicht allein allen Respekt gegen die Wei⸗ ßen nehmen, sondern sie auch mit bitterm Haß ge⸗ gen dieselben erfüllen mußten. Noch kurz vor dem Ausbruch des Aufstandes hatte ein Soldat einem un⸗ schuldigen Herero die Schädeldecke eingeschlagen und ihn wie ein Stück Vieh behandelt. Wollte man alle die Mißhandlungen mit Latten, Stöcken, Rhinozerospeitsche eine gewöhnliche Strafe oft an Unschuldigen, 25 Hiebe, daß der Bestrafte blutend wie tot dalag, das Niederknallen so mancher Unschul⸗

digen, ganz abgesehen von den vielen Gefängnisstrafen, zusammenstellen, so wird man sich nicht wundern

über den Haß der Eingeborenen gegen die Weißen. So etwas war früher unerhört... Der Fall des Prinzen Arenberg hat jetzt wieder die Zeitungen und den Reichs⸗ tag beschäftigt und man hat es offen zugeben müssen, daß dieser gebildete Herr solche Greueltaten begangen hat. Ist denn Hereroland ein Verschickungsland für un⸗ geratene, uubequeme Söhne, deren Vorleben hier die Ursachen des dortigen Aufstandes nicht allein, sondern der ganzen Verrohung der Hereros sind? Warum schickte man solche verkrachte Existenzen hinaus, die dem deut⸗ schen Namen nur Schande machten und das sonst nicht nach deu Blute der Weißen lüsterne Volk zur Rache entflammten? Weshalb will man sich das nicht einge⸗ stehen? Warum verdeckt man auch bei Arenbergs Fall den Umstand, daß die Mutter des so hingeschlachteten Willy Cains, um in deutscher Sprache zu reden, eine Prin zessin war, eine nächste Anverwandte der jetzt aufständischen Großleute und Oberhäuptlinge? Wird denn hier der Mord einer Person aus königlichem Ge⸗ schlecht etwa so übersehen?..

Im Weiteren bestreitet der Artikel, daß die Hereros Greueltaten an den Weißen verübt hätten; allerdings hätten sie verschiedene weiße Männer kastriert, die sich an schwarzen Frauen und Mädchen schändlich vergriffen hätten. Und von einer Deutschen, Frau Külbel wird gesagt, daß sie die Eingeborenenwie ihre Schweine schlug.

Ob die Regierung nicht für ihre verdammte Pflicht hält, nach dem Rechten zu sehen, und das Blutvergießen einzustellen? Und was sagen die bürgerlichen Parteien dazu, Zentrum, Kon⸗

servative und sonstige Patentchristen? wissen den sozialdemokratischen Kritiken und Warnungen gegenüber nichts weiter als mords⸗ patriotische Phrasen einander wie Papageien nachzuplappern und die Sozialdemokratenvater⸗ landslose Gesellen zu schimpfen. Jeder ge⸗ bildete Mensch wird aber die vaterlandslosen Gesellen höher achteen, als die Kolontalbestien vom Schlage der Arenberg und Konsorten.

Wahlen. f

In Zschopau⸗ Marienberg, wo, wie bereits in voriger Nummer bemerkt, am 18. März die Ersatzwahl für den verstorbenen Abg. Genossen Rosenow stattfand, hat unsere Partei nicht gut abgeschnitten. Es ist ja stets bei Nachwahlen ein Rückgang der Stimmen zu verzeichnen, doch hier beträgt derselbe beinah

10177, für Zimmermann und für Schanz(kons.) 432

Zimmermann erforderlich ist. Es fehlen also

nur 28 Stimmen an der absoluten Mehrheit! Bei der Hauptwahl im vorigen Jahre wurde Rosenow bekanntlich gleich im ersten Wahlgange

gewählt. Er erhielt 13 616 Stimmen, während sein einziger Gegenkandidat, ein Freikonserva⸗ tiver, mit 9876 Stimmen ausfiel. N

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Angelegenheit Göhre diesen Rückgang der Stimmen zum größten Teil mit verschul det hat. Eine Mahnung für alle Genossen, Un⸗ einigkeit und Disziplinlosigkeit nicht aufkommen

Nr.. Ach, dre

2 3400 Stimmen das ist höchst bedauerlich. Für unsern Kandidaten Pinkau wurden Reformp.) 5998 Stimmen abge⸗ geben, so daß Stichwahl zwischen Pinkau und

Vettüg Juchh

uber

in tre 1 1rlär Volke fromm

demut lle G

hubeg

Haus

feiner

zu lassen. Nun, hoffentlich strengen sich

unsere Freunde an, den Kreis in der Stich⸗ wahl zu behaupten. Das ist umsomehr nötig,

als die Gegner gewiß alles daran setzen wer⸗

den, uns das Mandat zu entreißen waren

doch schon bei der Hauptwahl fast sämtliche artisemitische Größen auf den Kreis losgelassen die Sachsen müßten sich ja bis zum Ende

der Reichstagsperiode schämen, wenn das Man⸗

dat dem rückständigen und doppelzüngigen An⸗

tisemitenhäuptling zufiele.

Zur Hamburger Bürgerschaft ha⸗ ben auch zwei Nachwahlen stattgefunden. In dem einen Bezirk unterlag der sozialdemokra- tische Kandidat, in dem andern gelangte er in

die Stichwahl, die hoffentlich zu unsern Gunsten ausfällt.

Bei vielen Gemeinderatswahlen im Nassauischen haben unsere Kandidaten in der dritten Klasse den Sieg davon getragen.

So in mehreren Taunus⸗Orten, in Hornau,

Ruppertshain, ferner in Griesheim a. M.

Nied bei Höchst und andern Orten. Die Wahl⸗ zeiten waren in den meisten Fällen so gelegt, daß den Arbeitern die Wahlbeteiligung sehr erschwert war und viele blieben wegen zu großen Zeitverlustes der Wahl fern.

Einen glänzenden Sieg errang unsre Partei am Dienstag bei den Stadtverordneten⸗ wahlen in Bremerhaven. Dort siegten die 5 sozialdemokratischen Kandidaten der dritten Klasse mit 466 bis 477 Stimmen über die

bürgerlichen, die es nur auf 398 bis 405

brachten. Preußisches Schildbürgerstück.

In den letzten Wochen hat der Wiener Arzt und Führer der österreichischen Arbeiter⸗Ab⸗ stinenzbewegung Dr. Fröhlich in mehreren

deutschen Städten Vorträge gehalten über das Thema:Die Alkoholfrage und die moderne Arbeiterbewegung. Das wollte er auch in Kiel. In dieser Versammlung wurde mitge⸗ teilt, es sei in Erfahrung gebracht worden, daß Dr. Fröhlich aus gewiesen werden solle, es wurde deshalb das Referat von dem Redakteur Adler⸗Kiel gehalten. Als der in der Versamm⸗

lung anwesende Dr. Fröhlich am Schluß der

Diskussion das Work nehmen wollte, wurde diesem von dem überwachenden Polizeikommissar die Ausweisungsorder überreicht, wo⸗ nach Dr. Fröhlich binnen drei Tagen das preußische Staatsgebiet zu verlassen

habe. Für den Fall des Sprechens wurde seine sofortige Verhaftung angedroht.

latte

Klassen 198 rah, gehalt daß er Naesen edle Lassen begrab

D franz am D Beteil zu Ver bon Paris Kämpf bon h. keines liche e 70 90

der jn bel 5 dern dem fn ang. fuse am 6 abged harder 8 ache Aus Dem