begraben!
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Mitteldeutsche Sonntags⸗Zeitung
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on in etwa 60 deutschen Städten Vorträge er die Alkoholfrage gehalten hat, muß man schließen, daß die preußische Regierung den
Kampf gegen die Schnapspest als etwas Staats⸗ gefährliches ansteht. Das ist er schließlich auch — für den Staat der Junker und Schnaps⸗ brenner!
Hammerste in,
der frühere Redakteur der junkerlichen Kreuz⸗ zeitung und Busensreund Stöckers, der wegen Betrug, Unterschlagung ꝛc. eine dreijährige Zuchthausstrafe verbüßte, ist vorige Woche ge⸗ storben. Die Berl. Volksztg. charakterssierte ihn treffend durch folgenden Nachruf:„Hammer⸗ ein war der Typus eines jener modernen 4 orkämpfer der frömmelnden Reaktion, die dem Volke in allen Tonarten Gottesfurcht und fromme Sitte, Entsagungsfreudigkeit und Hunde⸗ demut predigen, während sie selbst sich über alle Gebote der Sittlichkeit und des Rechts hinwegsetzen. Er, der den Tag mit frommen Hausandachten begann, begab sich von da zu seiner Geliebten Flora Gaß. Er, der in seinem Blatte von der Begehrlichkeit der„unteren Klassen,“ von der steigenden Sucht des Volkes nach luxurtlöser Lebensweise mit schroffem Tadel sprach, konnte mit dem dürftigen Chefredakteur⸗ gehalt von Mk. 24 000 nicht auskommen, so daß er zur Aufbesserung seiner traurigen Lage diesen Entbehrungslohn durch verschiedene sehr unedle Manipulationen zu erhöhen suchle.“ Lassen wir also Stöcker den alten Sünder
Louise Michel.
Die von den Bürgerlichen viel verleumdete französische Revolutionärin Louise Michel ist am Dienstag in London gestorben. Wegen Beteiligung am Kommunekampfe wurde sie
Ju Verschickung nach New⸗Caledonien verurteilt,
von wo ste, amnestiert, im Jahre 1882 nach Paris zurückkehrte. Sie war eine unermüdliche Kämpferin für die Volksinteressen, eine Frau von hoher Seelengüte und reichen Kenntnissen, keineswegs das Scheusal, als das sie bürger⸗ liche Sudelblätter hinzustellen suchten. Sie ist 70 Jahre alt geworden. Ehre ihrem Andenken!
Vom russisch⸗japanischen Krieg.
Ein neuer heftiger Angriff auf Port Arthur ist am 22. März von Seiten der japanischen Flotte erfolgt. Letztere erschien bei Tagesanbruch in der Stärke von 18 Pan⸗ zern und Kreuzern nebst 8 Torpedobooten vor dem Hafen und begann das Bombardement gegen die Stadt und den Hafen 5 Stunden lang. Nach einer russischen Meldung hätten die russischen Schiffe das Feuer lebhaft und wirk⸗ sam erwidert; worauf die japanische Flotte abgedampft sei. Daß das fünfstündige Bom⸗ bardement keinen Schaden in Port Arthur an⸗ gerichtet haben sollte, wie die Russen glauben machen wollen, ist höchst unwahrscheinlich.— Aus verschiedenen russischen Städten werden Demonstrationen gegen den Krieg gemeldet.
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Aus dem Reichstage.
Die Beratung des Militäretats wurde am Mittwoch zu Ende geführt. Gen. Zu⸗ beil brachte bei dieser Gelegenheit eine Reihe
von Mißständen in den Arbeitsverhältnissen der Militärwerkstätten von Spandau, Erfurt und Hanau zur Sprache. Er kritisierte die Arbeiterentlassungen, die niedrigen Löhne und mit besonderem Nachdruck den Versuch, die Spandauer Arbeiter im Sinne der Regierungs- politik zu beeinflussen. Der Regierungsvertreter gab dabei zu, daß die Spandauer Arbeiter zum ee ee Genuß der famosen Reden des Reichskanzler gegen die Sozialdemokratie verurteilt worden sind.— Im Verlaufe der Debatte gab es einen heftigen Zusammenstoß unserer Genossen mit dem„schlichten Manne aus der Werkstatt“, dem 7 15 für Potsdam, Tischlermeister Pauli. Dieser Mann stellte u. a.
Aus diesem Vorgehen gegen Fröhlich, der
die verrückte Behauptung auf, daß unser Ge⸗ nosse Herbert⸗Stettin von jedem seiner Wähler 5 Pfg. pro Woche erhalte und damit eine Wocheneinnahme von 200 Mark habe. Genosse Herbert stellte fest, daß es sich natürlich um eine idiotische Lüge handelt. Herbert ist Buch⸗ druckereibesitzer und nicht auf Wochenbeiträge von den Parteigenossen angewiesen. Wenn solche handgreiflichen Unwahrheiten von Abge⸗ ordneten im Reichstage vorgebracht werden, dann kann man sich eine Vorstellung von den blödsinnigen Schwindeleien machen, mit denen im Lande von den gegnerischen Agitatoren ge⸗ gen uns operiert wird.— Dann wurden noch Wahlprüfungen vorgenommen. Hierbei ver⸗ fiel auch die Wahl unseres Genossen Buch⸗ wald der Ungiltigkeitserklärung. Wir beleuchten djese noch an anderer Stelle.
Die Herero⸗Expedition war am Donnerstag Gegenstand der Verhandlung. Die Geschichte fängt an, ziemlich kostspielig zu werden. Mit den Entschädigungszahlungen und Ersatzarbeiten werden so 40— 50 Millionen draufgehen. Angesichts dieser Sachlage wuchs unserer Fraktion die dringende Aufgabe, zu fragen, wen die Spuld an diesen tief bedauer⸗ lichen Vorkommnissen trifft, und da hat sich von Tag zu Tag deutlicher herausgestellt, daß die Hereros von den ausbeut erischen Blutsaugern unter den Händlern und der Ungeschicklichkeit und Energielostigkeit der Ver⸗ waltung in den Verzweiflungskampf getrieben worden sind. Demnach stellte unsere Fraktion jetzt dieser neuen Nachforderung ein klares, deutliches„Nein“ entgegen. Das etwa war der Grundgedanke der Bebelschen Ausführungen, den er durch zahlreiche Einzelheiten erläuterte und mottvierte. Unter anderm führte Bebel aus:
„Ein Teil der Kolonialpolitiker arbeitet direkt auf Veesklavung dieser Völker hin. Die verschiedensten Maß⸗ nahmen der Behörden haben die Unzufriedenheit der Eingeborenen bis aufs höchste gesteigert. Besonders hat das Verhalten der europäischen Händler zur Empörung der Eingeborenen beigetragen. Diese haben ihnen Waren mit 200—300 pzt. Aufschlag aufgeschwatzt und haben, wenn die Hereros nicht Zahlung leisteten, obendrein ihnen ihr Vieh zu Schleuderpreisen weggenommen. Durch eine Maßregel der Kolonialverwaltung vom 1. April v. J. ist dann die Verjährungsfrist für die Forderungen an die Hereros auf ein Jahr herabgesetzt worden. Man hat mit dieser Verordnung offenbar dem Interesse der Hereros dienen wollen. In der Tat aber ist sie natür⸗ lich dem blutsaugerischen Volk der Händler zugute ge⸗ kommen. Es sollen 126 000 Eintreibeformulare nach diesem Erlaß in Südwestafrika gedruckt sein. So mußte es den Hereros klar werden, daß es auf ihren Unter⸗ gang abgesehen war. Dazu kommt, daß ein großer Teil der dortigen Ansiedler von äußerst zweifelhaftem Charakter ist. Die Eingeborenen sind barbarisch und unmenschlich behandelt worden. Ich verweise nur auf den Fall Arenberg. Schließlich wurde auch ein bis ins Lächerliche gehender Bureaukratismus geübt. Für die Jagd auf Schakale und Panther verlangte man Jagdscheine.(Heiterkeit) Wenn s) die Hereros zur Empörung getrieben wurden, so ist es nicht wunderbar, daß sie entsprechend ihrer niedrigen Kulturstufen den Kampf führten. Freilich ist gemeldet, daß sie die Frauen der Weißen geschont haben. Das hängt wohl mit den Resten des alten Mutterrechts zusammen, die bei solchen niedrigen Kulturvölkern noch gelten, und die ihnen die Tötung einer Frau als das höchste Ver⸗ brechen erscheinen lassen. Jedenfalls dürfen aber die Europäer nicht ihre eigene Kriegsführung nach dem Verhalten der Hereros einrichten. Hier aber scheint sehr gesündigt worden zu sein. Durch Briefe von Mitgliedern der Schutztruppe wird die unglaublich klingende Nach⸗ richt gemeldet, daß der Befehl gegeben sei, keine Ge⸗ fangenen zu machen, sondern alles Lebende, was schwarze Farbe hat, niederzumachen. Eine solche Kampfeswelse wäre nicht nur barbarisch, sondern bestialisch zu nennen. Das würde noch über das Verhalten im Chinakriege gehen, wo man wenigstens die Frauen schonte. Ich glaube vorläufig noch nicht, daß ein solcher Befehl erlassen ist. Freilich, die Haltung der kolonial⸗ freundlichen deutschen Presse läßt befürchten, daß man in diesen Kreisen eine derartige Willkür gegen die Here⸗ ros für durchaus angebracht hält.“
Ueber Bebels Kritik natürlich großer Ent⸗ rüstungsrummel der bürgerlichen Parteien, in den auch die Freisinnigen miteinstimmten. Ein solcher wird ja bei jeder Gelegenheit inszeniert und kann weiter keinen Eindruck machen. Unseren Genossen, welche für Menschlichkeit und Ge⸗
rechtigkeit auch gegenüber den Wilden eintraten,
rechnete man dies als antinationale Gesinnung an, bezeichnete sie als„Freunde der Herero“. Dadurch werden sich unsere Abgeordneten nicht abhalten lassen, Kritik zu üben, wo sie es für notwendig halten und das ist bei der famosen, das Volk ungeheuerlich belastenden Kolonial⸗ politik mehr als sonstwo der Fall. Der Ko⸗ lontaldirektor konnte die Verwaltung nicht rein waschen; er 5 sich über die unangenehme Situation damit hinweg, daß er die Fehler des Kolonialamtes für eine Folge der Unvollkommen⸗ heit der menschlichen Natur erklärte und den Aufstand wie ein Naturereignis, wie Wassers⸗ not oder Feuersbrunst, betrachtet. Nachdem Genosse Bebel unsre Stellung gegenüber den Verdrehungen der Gegner noch einmal klarge⸗ stellt hatte, wurde die ganze Vorlage der Budget⸗ kommisston zur näheren Prüfung überwiesen. Dort werden sich die bürgerlichen Parteien von der Regierung, die in dieser Frage selbst Partei ist, bereitwilligst„aufklären“ lassen, um dann mit Hurra alle Forderungen zu bewilligen.
Bei der Beratung des Marineetats, den man nach der Hererovorlage in Angriff nahm, brachte Bebel das milde Urteil des Oberkriegsgerichts gegen Hüssener zur Sprache und stellte es in wirksamen Kontrast zu dem bekannten drakonischen Urteil des Heidelberger Kriegsgerichts, das Soldaten, die in der Trun⸗ kenheit einen Sergeanten verprügelt haben, zu langjährigem Zuchthaus verurteilt hat. Staats⸗ sekretär v. Tirpitz lehnte ein Eingehen auf den Spruch des Kieler Oberkriegsgerichts ab, hielt aber sein Urteil über den Fall Hüssener aufrecht, das bekanntlich viel schärfer ausge⸗ fallen ist als das der Kieler Richter.
Am Freitag, bei der Weiterberatung des Marineetats beleuchtete Genosse Hus in einer wirksamen Rede die Zustände bei der„Wohl⸗ fahrtsfirma“ Krupp in Essen, die Ueberhand⸗ nahme der Sonntagsarbeit, das Sinken der Löhne, das Steigen des Unternehmerprofits, die Herabsetzung der Accordsätze, die Schneidig⸗ keit der Vorgesetzten, die hohe Unfall⸗ und Krankenziffer, die lange Arbeitszeit usw. Er schloß mit der Forderung, daß die Marinever⸗ waltung in künftige Lieferungsverträge mit Krupp die Bedingung aufnehmen solle, daß den Arbeitern auskömmliche Arbeitslöhne zu gewähren seien. Diese Anregung fiel auf sehr steiuigen Boden. Die Marineverwaltung schwieg dazu.
In der Samstags ⸗-⸗Sitzung, der letzten vor den Osterferien, wurden die dringendsten Arbeiten erledigt. Dazu gehörte zunächst der Nachtragskredit für die Expedition nach Süd⸗ afrika. Bebel lenkte dabet die Aufmerksamkeit auf Briefe aus Südafrika, die in bürgerlichen Blättern veröffentlicht wurden und die, wenn die Schilderungen wahr sind, eine sehr inhu⸗ mane Art der Kriegsführung gegen die Schwarzen beweisen. Gegen die Stimmen unsrer Fraktion wurden die Kredite genehmigt und dann die Beratung des Marine-Etats fortge⸗ setzt. In die Debatte griffen von unsrer Frak⸗ tion die Genossen Zubeil und Legien ein. Letz⸗ terer brachte die Arbeiterkündigungen zur Sprache, die regelmäßig im Frühjahr erfolgen, wenn der Reichstag den Marine⸗Etat berät. Die Vermutung liegt nahe, daß hier ein innerer Zusammenhang besteht. Den Abgeordneten soll zu Gemüte geführt werden, daß sie die For⸗ derungen der Verwaltung bewilligen müßten, wenn sie Arbeiterentlassungen vermeiden woll⸗ ten. Dabei hätte die Verwaltung es in der Hand, wenn sie genügendes sozialpolitisches Verständnis besäße, durch Verkürzung der Ar⸗ beitszeit der Fluktuation unter ihren Arbeitern ein Ende zu machen. Legien brachte dann die Beschwerden der Kieler Werftarbeiter im ein⸗ zelnen vor und richtete die bestimmte Aufforder⸗ ung an den Staatssekretär, zu erklären, daß die Werftarbeiter das unbedingte Recht hätten, einer Gewerkschaft anzugehören. Hierauf blieb Herr v. Tirpitz die Antwort schuldig.— Die Debatte über den Marineetat war damit beendet und Präsident Ballestrem schickte die Volksvertreter in die Ferien, ihnen fröhliche Ostern wünschend.


