Ausgabe 
27.3.1904
 
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Gießen, den 27. März 1904.

Jahrg. II.

Redaktion: Kirchenplatz 11, Schloßgasse.

Mitteldeutsche

Jonntags⸗Zeitung.

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Gefährdete Volksrechte.

Was das deutsche Volk an Rechten besttzt, ist wahrlich geringfügig genug. Trotzdem sind diese und besonders das Reichstagswahl⸗ recht vielfach Gegenstand der heftigsten An⸗ griffe von Seiten der Geldsacks-Parteien und ihrer Presse gewesen. Kurz nach der Reichs⸗ tagswahl erhob sich das Geschrei nachReform, das heißt Beseitigung des Reichstagswahlrechts, die sauberen Pläne des Doktor Giesebrechts, der für diesen Zweck eine Organisatton schaffen wollte und Geld sammelte, wurden bekannt. Im Reichstage selbst begann der Kampf gegen die Sozialdemokratie in einer Weise, wie es bisher noch kaum dagewesen war. Vom Reichs⸗ kanzler an bis zum letzten Antisemiten glaubte jeder sein Scheit zu dem für die Sozialdemo⸗ kratie errichteten Scheiterhaufen herbeitragen zu müssen.Dresdener Parteitag war bei jedem das bis zum Ueberdruß wiederholte Leitmotiv.

In den letzten Tagen ist von unserm Breslauer Parteiorgan wieder ein vertrau⸗ liches Zirkular veröffentlicht worden, in wel⸗ chem zur Gründung eines Vereins aufgefordert wird, der die Beseitigung des Reichstagswahl⸗ rechts bezwecken soll. Man will eineVolks⸗ bewegung gegen dasselbe zustande bringen und in einem dem Zirkular beigefügten Peti⸗ tions⸗Entwurfe wird ersucht, das Reichstags⸗ wahlrecht so zu ändern,daß die Gefahr einer sozialistischen Reichstagsmehrheit beseitigt wird.

Alle diese Dinge lassen die neuliche Mit⸗ teilung des Vorwärts über eine beabsichtigte Reichstagsauflösung und Ueberrumpelung der Wähler sehr glaubhaft erscheinen. Tatsache ist denn auch, daß 10 Millionen Wahlkou⸗ verts von Berlin aus bestellt wurden mit der besonderen Verpflichtung zur Geheim⸗ haltung dieser Bestellung. Das stellte die bürgerliche Heilbronner⸗Neckarzeitung fest und ste fügte hinzu, daßeine Auflösung des Reichs⸗ tags an höchster Stelle ins Auge gefaßt wurde. Für ein Regierungs⸗Dementi zu dumm! soll Bülow in Bezug auf die Vorwärts⸗Mitteilung gesagt haben. Es sieht aber gar nicht so aus, als ob die Dummheit auf Seiten desVorwärts liegt. Dessen Wachsamkeit hat vielleicht die Verwirklichung des Planes verhindert. Man hoffte am Ende, eine Mehrheit gegen das Wahlrecht zusammenzubringen.

Alles das ist aber für unsere Genossen, für die gesamte Arbeiterklasse eine dringende Mah⸗ nung stets auf dem Posten zu sein. Organistert,

ereinigt euch! Und vor allem: Sorgt für

die weiteste Verbreitung der so⸗ zialdemokratischen Schriften und Zeitungen!

Revolutionäre Bauern.

Der hessischeantisemitische Bauern⸗ bund hat sich, wie in voriger Nummer bereits mitgeteilt, dem Bund der Landwirte ange⸗ schlossen. Das ist anscheinend eine wenig be⸗ deutsame Nachricht ziemlich lokaler Natur, schreibt ein Parteigenosse; wer aber die hessi⸗ schen Verhältnisse näher kennt, dem erscheint

dieser Anschluß in einem ganz andern Lichte,

dem wird er fast zu einem politischen Ereignis,

das unter Umständen überraschende Folgen zeitigen kann.

Der hessische Bauernbund wollte ein Bund wirklicher Bauern sein; er trug in der Zeit seiner Blüte einen allerdings sehr derben, ja ruppigen, man könnte sagen kuhstallduftenden aber doch auch wieder eigenwilligen, auflehne⸗ rischen, ja revolutionären Charakter zur Schau. Daran waren weniger die protzigen Großbauern der gesegneten Wetterau und die geschäfts⸗ schlauen Winzer des reichen Rheinhessens schuld, als vielmehr die armen Bauern des Vogel⸗ bergs und des Odenwalds, die den langen Winter hindurch den Webstuhl müssen klappern lassen, wenn sie nicht verhungern wollen. Die Bauern Rheinhessens und der Wetterau, die sich halb und halb als Rittergutsbesitzer fühlen und ihre Söhne bei den Darmstädter weißen Dragonern, der cavalleria rusticana(tronisch übersetzt: der ländlichen Reiterei) als Einjäh⸗ rige ein teueres Jahr verprassen lassen, wären schon längst lieber im Gefolge der ostelbischen Junker marschiert, als unter dem hellen Hau⸗ fen, den der Langsdorfer Bürgermeister, Ge⸗ meindebullenhalter und Postagent Köhler, mit den waghalsigsten Demagogenkünsten zusammen⸗ getrommelt hatte. Aber das Gros der Köhler⸗ schen Mannschaft wurde von der Bevölkerung

der Gebirgsgegenden gestellt, und diesen Zwerg⸗

bauern zu Gefallen, die als Parzellenpächter den konservativen Großgrundbesitzern und als Hausweber den nationalltberalen Fabrikanten tributpflichtig sind, durfte der hessische Bauern⸗ bund seinen demokratischen Theatermantel nicht heiseite legen; er durfte sich weder mit den süddeutschen Halbreaktionären Oriola und Heyl, noch mit den norddeutschen Erzreaktionären Wangenheim und Oertel verbinden.

Nunmehr scheint sich der Antisemitismus in Hessen sicher genug zu fühlen, um das ge⸗ fährliche Experiment einer Verbrüderung mit dem Junkerbunde vorzunehmen. Ob das Experi⸗ ment glücken wird, ist sehr fraglich; denn ge⸗ rade die fanatischsten Antisemiten, die Klein⸗ bauern und Hausweber des Vogelsberges, sind geschworene Junkerfeinde; in ihnen glüht noch ein in Jahrhunderten unerhörter Knechtung und Aussaugung geschürter Haß. Sie glaubten in dem Antisemitismus etwas Revolutionäres zu wittern, das vielleicht die Schranken des kapi⸗ talistischen Klassenstaates mit Gewalt durch⸗ brechen würde. Dieser vermeintliche revolutio⸗ näre Charakter des Böckelschen Antisemitismus fascinierte ste, ste träumten sich zurück in die Märztage des Jahres 1848, als sie die Bur⸗ gen der hessischen Standesherren stürmten, die verhaßten Advokaten und Landrichter über die Grenze jagten, das saatenzerstörende Hochwild abschossen und, für freilich nur kurze Zeit, die eignen Herren im eigenen Lande waren.

Gerade im Wahlkreis Alsfeld⸗Lauterbach, der im Jahre 1890 von den Antisemiten im Sturme erobert wurde, ergriff die Bauern im Jahre 1848 eine so tiefgehende revolutionäre Leidenschaft, daß man diese Leidenschaft hätte erhebend nennen können, wenn sie für größere Ziele erglüht wäre. Aber es war die Revolu⸗ lution um der Revolution willen, der Ausbruch eines Vulkans, der sich mit Naturnotwendig⸗ keit austoben und von der erstickenden Asche befreien muß. Der direkte Anlaß zu der Re⸗ bellion war so geringfügig, daß man ihn für

lächerlich halten könnte. Verschiedene Standes⸗ herren, insbesondere die Barone v. Riedesel, führten mit ihren Pachtbauern schon seit Jah⸗ ren Prozeß über die Brennholzgefälle. Die Bauern hatten längst die Ueberzeugung ge⸗ wonnen, daß sie übervorteilt würden und daß die Hinausschiebung der Entscheidung nur zu diesem Zweck erfolgte; aber sie waren schlteß⸗ lich noch an ganz andere Dinge von thren Fronherren gewöhnt und unter einer schier tausendjährigen Knechtung stumpf geworden. Da hörten sie unn dunkle Gerüchte über die Februarrevolution in Paris; die liberalen Fa⸗ brikanten hielten Versammlungen ab und spra⸗ chen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlich⸗ keit. Das zündete. Hellauf loderte in den Bauern die Flamme der Freiheitsliebe, heiß schwälte das Feuer des so lange verhaltenen Hasses. Der Bauer war mit einem Schlage revolutionär und das revolutionäre Fieber heischte Betätigung. Der politische Horizont des weltfremden Landmanns endete an den Grenzen des standesherrlichen Gebietes, nur innerhalb dieser Grenzen konnte sich der revo⸗ lutionäre Trieb sein Ziel suchen, er fand es in dem Holzprozeß. Man verlangte eine baldige Entscheidung, die Standesherren zögerten und die Rebellion war fertig.

Vor dem Kreisstädtchen Lauterbach, dem Sitz der standesherrlichen Renteien, scharten sich die Vogelsberger Bauern zusammen, be⸗ waffnet mit Dreschflegeln, Sensen und alten Steinschloßflinten. Die Tore des Städtchens wurden eingeschlagen, das Schloß der Standes⸗ herren geplündert und zerstört, das Archiv auf freiem Felde verbrannt. Die tapfern Jun⸗ ker hatten sich mitsamt ihrem Stabe von Rich⸗ tern, Förstern, Vögten, Verwaltern, Rent⸗ meistern usw. geflüchtet, so daß die Bauern auf keinen nennenswerten Widerstand stießen. Die liberalen Fabrikanten suchten zwar die Geister, die sie gerufen, durch langatmige Re den zu bannen; aber die Bauern lachten die Redner einfach aus, oder drohten, sie wegen ihrer Doppelzüngigkeit in den Schloßbrunnen zu stürzen. Das Siegesfest feierte man in den Schloßkellern: die Weinfässer wurden kurzer⸗ hand zerschlagen, so daß man bis über die Knie im Wein waten konnte. Dort schöpfte sich jeder so viel er wollte, wobei von den ahnungslosen Helden Porzellangefäße benutzt wurden, die die standesherrlichen Familien ge⸗ rade zu entgegengesetzten Zwecken zu benutzen pflegten. Derartige Szenen wurden fast im ganzen rechtsrheinischen Hessen von denselben Bauern aufgeführt, denen jetzt der aufgelöste hessische Bauernbund den Beitritt zum ostelbischen Junkerbund empfiehlt..

Leider mußten die Bauern ihre im großen ganzen ziemlich harmlosen Tollheiten unver⸗ hältnismäßig schwer büßen. Die Rädelsführer wurden von der requirterten Soldateska füst⸗ liert, alle übrigen Teilnehmer, deren man hab⸗ haft werden konnte, wanderten auf lange Jahre ins Zuchthaus. Die Ruhe war bald wieder hergestellt, aber es blieb eine dumpfe, schwüle, unheimliche Ruhe. Der Putsch war zu kurz gewesen, um den durch Jahrhunderte der poli- tischen und ökonomischen Sklaverei genährten Groll anstoben zu lassen. Ein gewisser revo⸗ lutionärer Zug blieb dem hessischen Kleinbauer zu eigen, und die Antisemiten haben sich kluger⸗