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Mittel dentsche Sonutags · Zeitung.
Nr. 26.
Wieder ein meineidiger Polizist.
Mit den Folgen eines interessanten Preß⸗ prozesses beschäftigte sich das Schwurgericht in Halberstadt. In den„Schwanbecker Nach⸗ richten“ wurde voriges Jahr mitgeteilt, daß der Bürgermeister Frommknecht aus der Wohn⸗ ung des Polizeisergeanten Grün im Rathause Nachts eine Frauensperson herausge⸗ holt habe. In dem darauf folgenden Prozeß
egen das Blatt beschwor die ledige Mina 1 daß sie an dem fraglichen Abend nur geschäftlich in G's Wohnung zu tun gehabt und niemals in intimen Beziehungen zu G. estanden habe. Vor dem Schwurgericht ge⸗ tand sie, daß sie einen Meineid geleistet habe, und zwar auf Veranlassung des Polizei⸗ sergeanten Grün. Das Schwurgericht ver⸗ urteilte die Drewes unter Zubilligung mil⸗ dernder Umstände(sie beschwor ihre Aussage, um nicht wegen Ehebruchs angeklagt zu werden) zu 1 Jahr Gefängnis und den Polizei ⸗ sergeanten zu 3 Jahren Zuchthaus und zehn jährigem Ehrverlust.
Ein hübsches Kriegervereinsfest wurde in Büßleben bei Erfurt gefeiert. Wie man sich dort in christlich⸗patriotischer Weise amüsierte, geht aus einer Notiz der evangelisch⸗ frommen„Thüringer Zeitung“ hervor, in der folgendes zu lesen war:
„Nachklänge vom Kriegerfest in Büßleben. Pastor Frank erhielt bei der Schlichtung des Streites zwischen einem Melchendorfer und einem Büßlebener von dem ersteren einen Schlag ins linke Auge. Nach Feierabend rissen mehrere Bezechte die Guirlanden herunter und zerschnitten die Waschleinen. Einem Maschinenbauer aus Vieselbach wurde das Fahrrad ge⸗ stohlen. Während des Gottes dienstes wurde beim Landwirt Kleebauer der Sekretär erbrochen und um 40 Mk. erleichtert. Zwei junge Damen und ein 15jähriger Knabe aus Erfurt, welche per Rad abends nach Erfurt zurückführen, wurden auf der Urbicher Chaussee von sechs jungen Leuten angefallen und mißhandelt; ein Fräulein bekam einen derben Stockschlag gegen den Rücken und der Knabe wurde vom Rade gerissen und in den Graben geschleudert.“
Na, mehr kann man nicht gut verlangen.
Bekanntlich sind die Kriegervereinler die be⸗
rufenen Hüter aller Ordnung, aller guten Sitte und des edelsten Patriotismus, während die umstürzlerischen Sozialdemokraten die immermehr überhand nehmende Sitten⸗ und Zuchtlosigkeit verschulden und das öffentliche Leben verrohen. So wird es beinahe jeden Tag von oben herunter gepredigt und wer's bisher nicht glaubte, dem wird hoffentlich das Büßlebener Kriegerfest da⸗ von überzeugen.
Ein Sespräch. 18055 du Sozialist?“ 5 10
„Bist du in der Partei eingeschrieben? Be⸗ zahlst du deine Beiträge? Leistest du etwas für die Unterstützungen? Bist du auf die sozia⸗ listischen Zeitungen abonniert? Suchst du sie zu verbreiten, ihnen Abonnenten und Käufer zu verschaffen? Bist du in der Gewerkschaft . W eingeschrieben?“
„Nein.“
„Warum nennst du dich deun Sozilalist? Vielleicht weil du am Tage der Wahl deine Stimme für die Partei der Arbeiter abgibst, anstatt für die Partei der Ausbeuter zu stimmen? Vielleicht weil du merkst, daß in unsern Lehren ein reineres, erhabeneres Ideal vertreten ist? Und dir scheint, daß das genüge? Begreifst du nicht, daß für die ungeheuerliche Schwierigkeit der Befreiung der Proletarier die Arbeit aller Tage notwendig ist, nicht bloß die Arbeit eines Tages oder einiger Minuten alle zwei oder fünf Jahre? Wie könnte unsre Partei Fort⸗ schritte machen, wie könnte man in den Massen
das Licht unserer Ideen verbreiten, wenn alle
so handeln würden, wie du? Was strebst du an? Was erwartest du? Daß das Manna der Freiheit, der Gerechtigkeit, des Wohlbefindens vom Himmel falle? Weißt du es nicht, daß sich
die Arbeiter ihre Freiheit selber erobern müssen mit ausdauernder beständiger Kraft, indem ste sich unterrichten, aufklären, einigen? Du bist nicht würdig, dich einen Sozialisten zu nennen, du bist ein schwächlicher Spießbürger, du bist ein Egoist und ein geschwätziger Aufschneider, wenn du nicht tätigen Anteil nimmst an dem heiligen fand schweren Kampfe deiner Bundes⸗ genossen!“
Die Kriege und die Volkskraft.
Daß der Sieg der Gewalt auf der Vor⸗ herrschaft der Waffen beruht und wiederum die Produktion der Waffen auf der ökono⸗ mischen Wirtschaftslage, wird heute auf keiner Seite mehr bestritten. Auf keinem Gebiete der Technik wird heute mehr gearbeitet, als auf dem der Waffenproduktion. Die ge⸗ samten Wissenschaften sind in den militärischen Dienst gespannt, und nicht bloß Infanterie⸗ und Artilleriewaffen, sondern auch die elektrischen Scheinwerfer, Spiegel⸗Signalapparate, Panzer⸗ züge, Luftschifferabteilungen, drahtlose Tele⸗ graphie, Riesendampfpflüge G schnelleren Her⸗ stellung von Trancheen usw.) sind heute in den Dienst des„grausam rohen Handwerks“, um ein Wort Schillers anzuwenden, gestellt wor⸗ den. Von der Verwendung der Panzertürme und andern belagerungstechnischen Neuerungen und den gesamten Marinerevoluttonen in tech⸗ nischer Hinsicht hier noch zu schweigen. Die Wirtschaftslage bestimmt die Entwicklungsfähig⸗ keit der Waffentechnik und wiederum wirken die besseren Waffen auf das Sol datenma⸗ terial zurück. Die Kampfes weise, sagt mit Recht Fr. Engels, hat sich den neuen Waffen und Kämpfen anzupassen. Seit Erfindung des Schießpulvers zu Anfang des 14. Jahrhunderts und dem Beginn der Feuerwaffen hat sich die Kriegsführung in fortwährender Umwandlung befunden. Jede Gewehrgallerie und historisches Museum gibt darüber Anschauungsunterricht in Fülle. Niemals aber ist die twicklung der Waffentechnik und damit der veränderten Kriegführung so sprungweise erfolgt wie in unsrer Zeit, wo ein neues Geschoß das andere verdrängt und der industrielle Fortschritt die Kampfesform weit mehr als das Genie des Feldherrn bestimmt. Heute ist die Artillerie die entscheidende Waffe geworden und wenn es, wie kürzlich im russisch⸗japanischen Kriege bei Kintschou, zum Nahkampf mit dem Säbel und Bajonett gekommen ist, dann erst, nachdem die Artillerie die nötige Vorarbeit geleistet und die Bastionen und Verschanzungen zerstört und je⸗ den Schlupfwinkel vernichtet hat. Die Gefechts⸗ stellung für Infanterie und Kavallerie richtet sich heute wesentlich nach der Stellung der Artillerie, weshalb denn die artilleristische Waffe vor allen andern Waffengattungen die weitaus meisten Umänderungen erleidet. Eben jetzt haben die Russen sich entschlossen, die Engelhardtschen Rohrrücklaufgeschütze in den Dienst der Armeen gegen Japan zu stellen, nachdem sie mit den chinesischen Kanonen, welche ebenfalls schon neuerer europäischen Konstruktion angehörten, bei Kintschou so schlechte Geschäfte gemacht und nicht weniger denn 68 Stück in dieser 16 stün⸗ digen Schlacht verloren haben.
Um noch bei der Artillerie zu weilen, so verbrauchte nach einer statistischen Aufstellung Deutschland im 1870/ 1er Kriege nicht weniger denn 340000 Artilleriegeschosse. So gewaltig diese Geschütze auch gewirkt haben, so sollen die neuen deutschen Schnellfeuerkanonen doch 223 mal so stark als die von 1870/71, die fran⸗ zösischen Geschütze 116mal mörderischer als die gleichen von 1870 wirken. Auch die Schuß⸗ weiten sind infolge der fortgeschrittenen Technik bedeutender geworden. Das Geschoß eines 34 Zentimeter⸗Kaliber⸗Geschützes erreicht bei einer Anfangsgeschwindigkeit von 1200 Metern ein Ziel, welches in einer Entfernung von 30 Kilo⸗ metern aufgestellt ist, wogegen 1870 im deutsch⸗ französtschen Kriege bei den deutschen Belager⸗ ungsgeschützen die größte Schußweite 8,5 Kilo⸗ meter betrug. Bei den deutschen Schnellfeuer⸗ kanonen setzt jetzt eine Batterie 60 Schuß in der Minute ab. Dabei werden die neuen Schrapnells wie Aufschlagzünder bis auf 8000
einer deutschen Meile, verschossen. Die neue Hemmspornvorrichtung— ein sehr breiter, starker Spaten am Lafettenschwanz, der sich beim ersten Schuß festgräbt und den Rücklauf völlig aufhebt— trägt auch wesentlich zur Beschleunigung der Bedienung bei, da die Mann⸗ ann jetzt ruhig am Geschütz bleiben und der ann Nr. 2 sofort nach dem Schuß wieder richten kann, und zwar allein, ohne Hilfe des andern Richtkanoniers, da jetzt auch die seitliche 1 des Rohrs durch eine Kurbel vor eht. te mit der Artillerie, so ist es mit der Infanterie. Das Millimetergewehr hat eine 13 mal so große Wirkung als das Gewehr von 1870. Im chilenischen Kriege(1891) traten sich alte und neue Gewehre gegenüber. Das alte machte 34 Prozent, das kleinkalibrige neue Mannlicher⸗Gewehr dagegen 82 Prozent ge⸗ fechtsunfähtg. Daß die Buren im Burenkriege die Dum⸗Dum⸗Geschosse, mit welchen die ganze anglo-indische Armee ausgerüstet ist und die bisher nur gegen die Wilden in Anwendung gekommen sind, verwendet hätten, ist nicht be⸗ wiesen worden. Sie besatzen Mausergewehre. Die englische Infanterie verwendete dagegen ein Hohlspitzgeschoß, das an der Spitze mit einem 9 Millimeter tiefen Loch versehen ist, wodurch eine Stauchung und dadurch viele ge⸗ fährliche Wunden verursacht wurden. (Fortsetzung folgt.)
8 Unterhaltungs-Ceil. 5
Auf der Wanderschaft.
Erzählung von Robert Schweichel, 5(Fortsetzung)
Wenn mir dann endlich das Verständnis
aufging, ach, das war schön wie ein Pfingst⸗ tag. Ein Fanatiker aber bin ich nicht, Fräu⸗ lein, wenn ich auch mein Leben ruhig für meine Ueberzeugung hingeben könnte und würde. Sehen Sie, Fräulein, der Unterschied zwischen uns und den herrschenden Klassen ist der, diese kämpfen für die Behauptung und Ausdehnung ihrer Macht, ohne Rückficht auf jede Kultur, um des Gewinnes willen; wir streben nach materieller Emanzipation als Grundlage einer neuen, wahren und höheren Kultur.“
„Und zerstören die bestehende!“
„Nicht ganz, Fräulein. Sie wissen, daß es schon im„Faust“ heißt: Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren. Ach, ich wollte, daß ich mit Engelszungen reden könnte. Denn es ist ein neues Evangelium in die Welt gekommen; aber die Menschen wollen nicht hören.“
Fräulein Julie Mohr zuckte die Schultern und schwieg.
Ihre Freundin hatte nur stumm zugehört. Wer sich aber auf Physiognomien verstand, der hätte in ihren Mienen lesen können, wie ste allmählich zum Feinde überging, dessen Aeußer⸗ ungen ste anfangs betroffen gemacht hatten, und wie in ihren schönen braunen Augen nach und nach ein Feuer sich entzündete, das man fast Begeisterung hätte nennen können. Es war eine tiefe, aus dem Innern hervorleuchtende Flamme. Für Irma Schäfer redete Hans mit einer himmlischen Zunge, und ihr Ohr lauschte ihm gläubig.
Auf den Weg, der, nur wenig sich senkend, zum Walde hinausführte, hatte keines von den Dreien 1 und ste achteten, mit ihren Ge⸗ danken beschäftigt, seiner auch nicht, als ste
nun weiter über kürzlich gerodeten Boden und
Haideland schritten, wo mächtige Steinblöcke lagerten und eine Viehheerde weidete, vorüber
an jungen Schonungen und frisch besamten
Forstboden. Am Horizonte stiegen zu ihrer
Rechten Höhenzüge in bläulichem Duft gen Himmel. Tiefe Täler trennten ste wohl von den Wanderern. Nun wollte der Pfad sich wieder in Wald versenken, als Fräulein Irma
Meter, also auf eine Entfernung von mehr als


