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Mitteldentsche Sountags⸗Zeitung.
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Nr. 26.
Bekanntlich suchen die Salon⸗Agrarier, zu deren Troß Dr. B. gehört, das Fleischbeschau⸗ gesetz dadurch zu umgehen, daß sie ihre Massen⸗ Hausschlachtungen kurz als„Hausschlachtungen“ bezeichnen, bei denen keine Fleischbeschau statt⸗ finden soll. Die in Zeitungen viel angepriesenen pommerischen und westfälischen Landschinken, entstammen wohl zum größten Teil diesen Massen⸗Hausschlachtungen. Und der unentwegte Dr. B. behauptet dann noch, das Fleischbe⸗ schaugesetz sei lediglich im Interesse der Volksge⸗ sundheit erlassen. Die Junker, denen die Christlich⸗ sozialen Handlangerdienste bei allen Knechtungen des Volkes leisten, wollen aber das arbeitende Volk und die Kleinbauern nur täuschen, um auch mit dem Fleischbeschaugesetz ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen. Wir Sozialdemokraten wollen aber diese Junker zu den sehr hart auf dem Bauernstand lastenden Kosten der Fleisch⸗ beschau heranziehen. Wir wollen auf keinen Fall einen Beschauzwang, der die wirtschaftlich schon viel bedrückten Kleinbauern zwingt, einen Tierarzt zur Beschau zuzuziehen und diesem hohe Gebühren zu geben. Absolut nicht, sondern wir wollen, wenn dann das gesundheitliche Interesse einmal maßgebend sein soll, die Här⸗ ten und Mängel der Fleischbeschau beseitigen. Die erbärmlichste Fälschung begeht Dr. B. aber, wenn er seine Dummen gegen die Sozialdemo⸗ kraten scharf machen will und schreibt: Genosse Fischer behauptet, die Bauern verwerten gern krankes Vieh. Diese Entstehung reiht sich wür⸗ dig in den christlich⸗sozialen Lügenkranz. In Wirklichkeit hat Fischer gesagt:
„Zahllose Tatsachen beweisen, daß Bauern ihrem Gesinde krankes Fleisch vorgesetzt haben und mancher kleine Bauer nimmt es wohl auch für sich nicht so genau.“ Burkhardt entstellt also nach berühmten
Mustern, stellt die Ausführungen Fischers so hin, als habe dieser behauptet, die Bauern verwerteten krankes Fleisch. B. versucht den Westerwälder Bauern vorzumachen, die Sozial⸗ demokraten behaupteten dies von allen Bauern. Man sollte doch wirklich annehmen, daß die parlamentarische Erziehung bei Dr. B. so viel gefruchtet habe, daß er sich zu solchen Aus⸗ legungen zu vornehm halten müßte. Aus den Worten Fischers geht doch klar hervor, denn er spricht ausdrücklich von Bauern und kleinen Bauern, daß die Vorsetzung oder Verwertung von krankem Fleisch, nur bei den Groß⸗ grundbesitzer vorgekommen ist. Für unsere Westerwälder Bauern kann es auch gar nicht zutreffen; hier gibt es fast keine großen Bauern mit„Gesinde“ und wenn ste Dienstboten halten, dann essen dieselben ge⸗ meinschaftlich mit am Tisch des Bauern, wäh⸗ rend bei den Großgrundbesitzer aber für die armen Dienstboten immer gesondert gekocht wird. Mithin ist es nur politischer Gimpel⸗ fang, wenn Dr. B. mit solchen Mätzchen ar⸗ beitet. Weil die Sozialdemokraten aber wissen, daß heute noch Hunderttausende von Arbeitern und Kleinbauern ohne Fleischnahrung sich be⸗ helfen müssen, deshalb kreten sie für billiges Fleisch im Interesse des werktätigen Volkes ein. Erleichterung der Einfuhr amerikanischen Fleisches trägt nebenbei mit zur Erzielung günstigerer Handelvertäge und damit zur Förderung unserer Industrie bei. Gerade unsere Westerwälder Kleinbauern haben ein hohes Interesse an der Entwickelung unserer Export⸗Industrie, denn sie sind großenteils auf den Verdienst ihrer Söhne in der Industrie angewiesen. Erst wo allmonatlich barer Ar⸗ beisverdienst der kleinen Landwirtschaft zufließt, fängt die„Hebung“ langsam an.
Für die Zukunft wird Dr. B. schon mit einer noch größeren Zunahme der sozial⸗ demokratischen Stimmen auf dem Lande rechnen müssen, denn die Kleinbauern sehen immer mehr ein, daß nur die Sozialdemokratie es aufrichtig mit ihnen meint und ohne jegliche Vor⸗ spiegelungen, welche die Christlichsozialen so viel anwenden müssen, die Interessen der Klein⸗ bauern wahrt. Unerklärlich ist es aber, wie Dr. B. in seinem Handbuch versichern kann, daß die Fleischbeschau die Viehzucht hebe und dann feig den Stein auf die wirft, die sie
gerecht ausbauen wollen. B. dokumentiert durch seine Entstellungen, daß er dem Christen⸗ tum innerlich fremd gegenüber steht, sonst müßten die Worte:„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ ihn an solchen Ausführungen hindern. Anscheinend steht er moralisch auf demselben Niveau, wie seine Fraktions⸗Kollegen Krösell und Wolff: diesen zieht der württembergische Minister Pischek der Lüge, und bei jenem hat das Gericht erkannt, daß er in 3 Fällen bewußt die Unwahrheit gesagt habe. Nette Gesell⸗ schaft. Burkhardts Prozeß dürfte auch noch in frischer Erinnerung sein. L. Trott.
Don Nah und Fern.
Hessisches.
— Der Prozeß wegen der Kretsch⸗ mann⸗Briefe, der gegen unsere Genossen von der Mainzer„Volkszeitung“ angestrengt ist und auf den 29. Juni angesetzt war, mußte nochmals vertagt werden, weil an diesem Tage Genosse Adelung, der neben Döller angeklagt ist, durch die Tagung der Zweiten Kammer, die bekanntlich an diesem Tage mit der Beratung der Wahlreformvorlage beginnen will, am Er⸗ scheinen zum Termin verhindert ist.
Gießener Angelegenheiten.
— Bund der Bauernfänger. Der Bund der Landwirte beruft für Sonntag den 26. Juni eine Versammlung nach Hungen ein. Als Paradegäule reiten die Herren Dr. Röstcke⸗ Kaiserslautern und der unvermeidliche Lucke⸗ Patershausen in die Arena. Auch ein General⸗ major a. D. der aber immer noch kräftig genug ist nach einem Mandatchen zu streben, hält einen Speech.„Freundlichst eingeladen,“ werden auch Kaufleute, Gewerbetreibende, ꝛc. die man einfangen will, da man sich voriges Jahr überzeugt hat, daß pure Bauern fängerei nicht mehr genügt, um den„Bauern“ Dr. Oertel, Dr. Hahn, Dr. Rösicke ꝛc. Reichstagsmandate zu verschaffen. Wahrscheinlich will man den Schaafen von Kaufleuten ꝛc. einen Vortrag halten, wie ihnen der Handel mit Zigarren, Maschinen, Dünger ꝛc. des Bundes der Land⸗ wirte„nützt“, mögen ihnen die Plötz⸗Zigarren munden!— Einen Hauptschreier vermissen wir leider in der Versammlung, den bekannten Herrn Hirschel! Er, der den B. d. L. als Bauern⸗ fängerbund bezeichnete und die Bauern vor ihm warnte, sitzt seit geraumer Zeit am Futter⸗ trog des Bauernfängerbundes und singt seine Loblieder. Hirschel schreibt nach berühmten Mustern erst links gegen den Bund, und dann rechts für denselben. Daß der Junkerschutztruppe in Oberhessen, wo 17 Standesherrn 44% des Bodens„erarbeitet“ haben, die Bäume nicht in den Himmel wachsen, ist sicher. Die Herren Köhler und Bindewald sind gegen den B. d. L. immer siegreich gewesen, seine Unterstützung kostetete beiden das Mandat; daran ändern auch einige Großmäuler nichts.
— Mit der Lahnkaualisation beschäftigte sich am Samstag eine Versamm⸗ lung von Interessenten im Hotel Großherzog. Von Gießen aus wurde eine Jahresfracht von 650,000 Tonnen in Aussicht gestellt. Die Fracht⸗ ersparnis an Schwergütern würde bis ein Pfennig pro Kilometer-Tonne Wasserkraft, für den Bezirk Gießen allein 400 000 Mk. betragen.
— Dem Professor Pfannenstiel brachte die Studentenschaft am Mittwoch Abend einen Fackelzug dar, zum Danke dafür, daß er die ehrenvollen Rufe nach Halle und Freiburg ablehnte.
— Gebt auf die Kinder acht! Am Montag Nachmittag ist das achtjährige Töch⸗ terchen des im Asterweg wohnenden Arbeiters Zinn in der Lahn ertrunken. Der Mann hatte es mit nach seinem in der Nähe der Militärschwimmschule belegenen Acker ge— nommen, von wo es sich entfernte, angeblich um nach Hause zu gehen. Dort war das Kind aber nicht eingetroffen und bei den angestellten Nachforschungen fand man es am Dienstag als Leiche in der Lahn.
— Feuerlärm erschallte Donnerstag Abend in Gießen. Es brannte ein Lagerhaus
von Heß in der Schwarzlach.
Von selbst
kommt keine Besserung der Lage der Be⸗ sitzlosen, der Arbeiter und kleinen Leute, keine freiheitliche Ausgestaltung uuserer politischen Verhältnisse, alles muß erkämpft sein! Zu solchem Kampfe ist Aufklärung nötig, welche nur die Arbeiterpresse bringt. Für ihre weiteste Verbreitung zu sorgen ist daher Pflicht jedes Angehörigen der werktätigen Bevölkerung, der kämpfenden Arbeiterklasse. Wer gleichgiltig dem Be⸗ freiungskampfe der Unterdrückten gegen⸗ übersteht, wer die Presse der Arbeiter nicht unterstützt, schädigt sich und seine Klassen⸗ genossen!
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Die„Mitteldeutsche Sonntags⸗ Zeitung“ erscheint wöchentlich ein mal und kostet nur 25 Pfg. den Monat; 75 Pfg. das Vierteljahr.
— Unser zweites Kreisfest.„So, Mann der Arbeit, sollst Du Feste fetten!“ ö
Dieses Wort des Arbeiterdichters darf auf unser zweites Kreisfest durchaus Anwendung finden. Es verlief in allen seinen Teilen aufs Beste und wir glauben, daß es jeder Teilnehmer mit Befriedigung verlassen hat. Die Beteiligung war eine außerordentlich zahlreiche, bedeutend stärker als voriges Jahr in Trohe. Im über⸗ füllten Extrazuge kamen Hunderte Genossen von Gießen, Heuchelheim, Lollar, Marburg usw., während die Genossen von Altenbuseck, Wieseck, Krofdorf und andern Orten per Wagen an⸗ kamen. Mit dem Wetter hatten wir wieder Glück, obwohl in den letzten Tagen vorher die Aussichten wahrlich nicht die besten waren. Die ganze Nacht zum Samstag blitzte und donnerte es unaufhörlich und der Regen floß in Strö⸗ men. Das war ja nun für die Landwirtschaft recht gut und notwendig; für unser Fest hätte ein Regen auch nichts geschadet, es wäre sogar sehr angenehm gewesen, wenn der Staub ge⸗ löscht und die Temperatur etwas abgekühlt worden wäre. Als aber Samstag Vormittag der Regen noch anhielt, da sanken die Hoff- nungen auf gutes Festwetter ganz bedenklich, auch einige heitere Sonnenblicke um Mittag konnten sie nicht beleben, wenngleich der Wind eine günstigere Richtung angenommen hatte. Jedenfalls haben schon am Samstag infolge der Wetteraussichten manche Genossen ihre Ent⸗ schlüsse, das Fest zu besuchen, wieder umge⸗ worfen. Erfreulicherweise hellte es sich aber Samstag Mittag auf und der Sonntag brachte uns ein Wetter, wie es Sozialdemokraten zu ihren Festen brauchen und verdienen. Sehr zum Verdruß gewisser antisemitisch⸗verhetzter, mucke⸗ rischer Watzenbörner, die unserm Fest jedenfalls einen Wolkenbruch gegönnt hätten. Wir stehen aber mit dem Himmel auf gutem Fuße! Auch von Seiten des Bürgermeisters wurden unserm Feste Schwierigkeiten zu machen versucht, in— dem dieser den Festzug durch Watzenborn unter⸗ sagte und nur für Steinberg die Erlaubnis erteilte. Der gute Mann glaubte vielleicht auch
sein Teil zur Sozialisteubekämpfung beitragen
zu müssen, er täuschte sich aber, wenn er uns damit die Festesfreude zu stören dachte. Für die Zugteilnehmer war es im Gegenteil bequemer, daß ihnen der Weg nach Watzenborn erspart wurde; warum verbietet man uns aber, was jedem andern Verein erlaubt ist? Ueber solche kleinliche Nadelstiche wird jeder Einsichtige lachen; glaubt man damit unsere große Bewegung auf⸗ zuhalten? Das gelingt nicht, davon können sich gewisse Leute vielleicht schon bei der nächsten Bürgermeisterwahl überzeugen.— Unser Fest⸗ zug, der sich unter den Klängen des„Sozia⸗ listenmarsches“ durch Steinberg bewegte, wies eine imposante Länge auf; viele Vereine aus den Orten der näheren und weiteren Umgebung waren mit ihren Fahnen vertreten. f
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