Ausgabe 
26.6.1904
 
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Nr. 26.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 3.

Streikende Eisenbahner freigesprochen.

Allerdings nicht in Deutschland da wäre so etwas heutzutage eine Unmöglichkeit sondern in Ungarn, das man für ge⸗ wöhnlich nicht zu den vollwertigen Kulturländern rechnet. In Pest wurde am Samstag der Prozeß gegen 13 Mitglieder des Ausstands⸗ ausschusses der ungarischen Eisenbahner ver⸗ handelt, wegen des Streiks im Frühjahre. Sämtliche Angeklagte wurden freigesprochen.

Wahlsieg in Holland.

In Amsterd am wurde am Donnerstag bei den Ergänzungswahlen zum Gemeinderat im dritten Wahlkreise 8019 P. L. Tak, Haupt⸗ redakteur vonHet Volk, mit 2747 Stimmen gegen 1403 antirevolutionäre und 1241 liberale Stimmen gewählt. Im 9. Wahlkreise, wo zwei Vertreter zu wählen sind, blieben unsre Ge⸗ nossen Vliegen und Wollring in der Minder⸗ heit; es findet Stichwahl zwischen den klerikalen und liberalen Kandidaten statt.

Bei den am gleichen Tage vollzogenen Wahlen zu den Provinzialräten kamen unsere Genossen van der Goes und Tak mit den liberalen Kandidaten in Stichwahl. Im Uebrigen erlitten hierbei die Liberalen starke Verluste.

Gegen die russische Gewaltherrschaft

erhebt sich immer mehr Widerstand in dem rausam unterdrückten und mißhandelten Volke.

iederholt ist es in der letzten Zeit an den verschiedensten Orten zu blutigen Zusammen⸗ stößen zwischen der Bevölkerung und Polizei gekommen. Besonders in Finnland, wo bis vor einigen Jahren eine freiere Verfassung galt, befindet sich die Bevölkerung in gärender Er⸗ regung und die grausame Unterdrückungspolitik der Zarenknechte in Finnland, die seit Jahren auf die völlige Vernichtung der durch Verträge verbürgten finnländischen Verfassung hinarbeiten, trägt die vorauszusehenden blutigen Früchte. In Helsingfors wurde neulich der Gene⸗ ralgouverneur Bobrikow im Senate durch Revolverschüsse niedergestreckt. Der Täter

hat sich ebenfalls erschossen, er heißt Schumann und ist Beamter und der Sohn eines früheren Senators. Offenbar hat seine eigene Familie unter der russischen Vergewaltigung unmittelbar

und schwer gelitten. Er hat in der Person Bobrikows die russische Tyrannei getroffen. Wie hoch muß die Verzweiflung der unglück⸗ lichen Opfer zarischer Despotie schon gediehen sein, daß sie verzweifelt ihr Leben hinopfern, um einen der auf das geknebelte Land losge⸗ lassenen Henker zu beseitigen!

Zum Nachfolger des Beseitigten ist der be⸗ rüchtigte Polizeibarbar von Wilna, General v. Wahl ausersehen, der Arbeiter und Studenten schändlich prügeln ließ und auf den infolge seiner Schurkereien schon früher ein erfolgloses Attentat ausgeführt wurde. Möge es den Finn⸗ ländern gelingen, gegen die Knutenherrschaft wirksam anzukämpfen!

Zu einem blutigen Straßenkampf kam es ferner vor einigen Tagen in Warschau zwischen Polizei und Arbeitern. Ein Lemberger Blatt berichtet darüber: Anläßlich eines Fabrikbrandes kam es infolge des rohen Auftretens der Polizei gegen die zum Löschen herbeigeeilten Fabrikarbeiter zum Kampf zwischen Ar⸗ beitern und der Polizei. Ein Poltzist wurde so schwer verletzt, daß er auf dem Wege zum Spital starb. Als Kosaken herbeieilten, wurden sie von den Arbeitern mit Steinwürfen und dem Rufe empfangen:Fort mit dem Z a⸗ ren! Es lebe die Freiheit! Hoch die Sozialdemokratie! Die Kosaken mußten vor der Uebermacht der Arbeiter zurück⸗ weichen. Die Polizei flüchtete schließlich vor den Arbeitern. Dabei wurde der Polizeimeister durch einen Steinwurf am Kopfe verletzt. Um Mitternacht wurde Militär requiriert, das zwei Salven abgab; dabet wurden acht Arbeiter, sowie eine am Fenster n Frau und ihr Sohn erschossen. Acht oldaten sind getötet und dreißig verwundet. Es ist wirklich höchste Zeit, daß die zaristische Gewalt⸗ herrschaft beseitigt wird. Bekäme sie durch die

Japaner den Todesstoß, so wäre wenigsten s ein Vorteil durch den Massenmord erreicht.

Russisch⸗japanischer Krieg.

Eine schwere Niederlage haben die Russen vorige Woche unter General Stackel⸗ berg bei Wafangkou erlitten. Stackelbergs Versuch, Port Arthur zu entsetzen, ist damit gründlich abgeschlagen; seine Armee soll fast ganz aufgerieben sein. Bei diesem Treffen hätten im ganzen 42 russische gegen 44 japanische Bataillone gestanden; hingegen seien die Ja⸗ paner den Russen an Artillerie sehr überlegen gewesen, da sie über 200 Geschütze verfügten. Die Japaner vollzogen ein geschicktes Umgeh⸗ ungsmanöver, durch welches sie der Armee Stackelbergs in die Flanke kamen. Ein mör⸗ derisches Geschützfeuer richtete großen Schaden unter den russischen Truppen an. Man spricht von Tausenden von Toten und Verwundeten auf russischer Seite. Aber auch die Verluste der Japaner sollen sehr bedeutend sein. Die Verluste der Russen werden auf 10 000 Mann angegeben.

Durch einen kühnen Streifzu des Wladiwostok⸗Geschwaders sind aber 0 den Japanern bedeutende Verluste beigebracht worden. Das Geschwader erschien plötzlich in der Straße von Korea. Die Japaner haben sich anscheinend ganz sicher gefühlt und ihre Transportdampfer ohne Begleitung von Kriegs⸗ schiffen gelassen. Fünf japanische Transportschiffe mit Truppen, Lebensmitteln und Kriegs material an Bord fielen den Russen in die Hände und wurden zum Sinken gebracht, wobei mehrere Tausend Japaner umkamen. Diese Verluste sind natürlich geeignet, in Japan Aufregung hervorzurufen und es wurde auch berichtet, daß das Volk über das Unglück entsetzt sei und in Versammlungen vom Kriegsminister Aus⸗ kunft verlangt, welche Sicherheitsmaßregeln getroffen seien. Heftige Angriffe wurden gegen den Admiral Kumimura gerichtet und seine Ersetzung durch eine andere Persönlichkeit ver⸗ langt. Der Admiral machte sich sofort zur Verfolgung des Geschwaders auf, um es von Wladiwostok abzuschneiden, doch es gelang ihm dies wegen starken Nebels nicht.

Soziales, Gewerkschaftliches, Arbeiterbewegung.

Das Zechenlegen im Nuhrrevier geht immer weiter, trotzdem die Regierung diese Angelegenheit in Erwägung gezogen hat. Die Zeche Bickefeld bei Essen soll am 30. Junt stillgelegt werden. Wenn auch ein Teil der Bergleute auf den benachbarten Schächten Ar⸗ beit finden, die meisten liegen arbeitslos auf der Straße. Ja einer Denkschrift, welche kürzlich die Gemeinde Weitmar bei Bochum an das Abgeordnetenhaus richtete, und die von der Amts⸗ und Gemeindevertretung unterzeichnet ist, findet sich u. a. folgende be⸗ werkenswerte Stelle:Den Angaben, die Berg⸗ werke würden weiter betrieben, bitten wir dringend keinen Glauben schenken zu wollen, denn wenn auch die Arbeiter nicht direkt ge⸗ kündigt werden, so werden dafür aber die Lohn- und Akkordsätze so verschlech⸗ tert, daß die Leute schon von sel bst ab⸗ kehren, und neue werden nicht angenommen.

Zum Kapitel Arbeiterfürsorge auf dem Lande bringt unser Breslauer Par⸗ teiblatt folgenden Beitrag. Es ist ein Schreiben der Gräflich v. Francken⸗Sierstorpff'sche Güter⸗ 7 1 8 an ihren Arzt Dr. Baumann und autet:

Wir nehmen hierdurch Veranlassung, Sie freundlichst() zu ersuchen, fernerhin nur diejenigen Personen in ärztliche Be⸗ handlung zu nehmen, welche durch einen schriftlichen Anweis Ihnen zugewiesen werden.

Für Waltdorf geschieht dies durch den dortigen Inspektor Herrn Behr.

Außerdem bitten wir, Ihre Besuche aufs äußersteeinzuschränken. Sie waren bei der Knechtsfrau Drotschmann in einer Woche viermal und so häufige Be⸗

suche entsprechen nicht unseren Wünschen. eee

Dieser Brief redet in feiner Kürze ganze Bände. Wieviel ähnlicheAnordnungen mö⸗ gen im preußischen Agrarstaat unter der Herr⸗ schaft der Gesindeordnung ergangen sein, ohne daß der Anordnende so unvorsichtig ist, sie dem Papiere anzuver rauen. Es ist ein Bild aus dem patriarchalischen Ideallande unsrer Jun⸗ ker, das hier entrollt wird. Eine Frau allerdings nur eine Knechtsfrau liegt krank zu Bette. Der Arzt hält es für seine ver⸗ dammte Pflicht, öfter einmal nachzusehen, wie es der Patientin geht. Dann kommt aber der Bannstrahl: So häufige Besuche entsprechen nicht den Wünschen desBrotherrn! Lieber kann ja die Kranke geopfert werden, sie kann vergebens hoffen, den Herrn Doktor einmal zu sprechen, ihm ihr Leid zu klagen! DieWünsche der gräfligsen Verwaltung müssen respektiert werden! Das ist diechristliche Fürsorge der Großgrundbesitzer für ihre Arbeiter.

Vom Buchdruckerverband. Aus dem jüngst erschienenen Jahresbericht des Verbandes Deutscher Buchdrucker für 1903 geht hervor, daß die Mitgliederzahl sich gegen das Vorjahr um 2743 erhöhte und am Schlusse des Geschäfts⸗ Jahres 37941 betrug. Die Jahreseinnahme beträgt ohne den Bestand vom vorigen Jahre 2 035 515 Mk., die Ausgabe 1784350 Mk. Der Verband besitzt ein Barvermögen von 3 428 014 28 Mark. Die Ausgaben für Un terstützungs⸗

wecke weisen folgende bedeutende Posten auf:

eiseunterstützung 242 857,68 Mk. Arbeits⸗ losenunterstützung 542 789,50 Unterstützung nach § 2 der Vorstandsbeschlüsse 28 088, Umzugs⸗ kosten 16599, Unterstützung an vorübergehend Arbeitsunfähige 583 672,28 Unterstützung an dauernd Arbeitsunfähige 169 308,75, Begräbnis⸗ geld 33 291,95 ꝛc. Die Zahl der Druckorte, in denen Verbandsmitglieder beschäftigt sind, beläuft sich auf 1187. Außer dem oben ge⸗ nannten Barvermögen besitzt der Verband noch in seiner Zentral⸗Invalidenkasse in e aus der Ende Dezember 1903 noch 127 Inva⸗ liden ihre Rente bezogen, eine Summe von 596 891,06 Mk. Die im Verbande organisierten Buchdrucker verfügen über mehr als insgesamt vier Millionen Mark. Der Bericht kon⸗ statiert eine fortgesetzte Verallgemeinerung des Tarifs, der jetzt von 4251 Firmen mit ca. 40000 Gehülfen anerkannt wird.

Christlich⸗soziale Entstellungen.

In dem Dillenburger Blatte des Herrn Dr. Burckhardt, demNass. Volksfr. findet sich über die Reichstagsverhandlungen vom 10. Juni, an welchem Tage eine Interpellation betr. die Ausführung des Fleischbeschau⸗ gesetzes verhandelt wurde, folgender, von Dr. Burckhardt selbst verfaßter Bericht:

Der Sozialdemokrat Fischer(Zittau), ein geborener Darmstädter, antwortete auf die Ausführungen des Abg. Held(natl.) Die Hausschlachtungen müßten vor allem überall eingeführt werden. Die Bauern verwerteten gern krankes Vieh. Sie wollten billiges Fleisch dem Arbeiter und daher amerikanische Fleisch⸗ einfuhr erleichtern. Im Uebrigen nutzte er die Schwächen der Held'schen Rede reichlich aus und zeigte die Widersprüche derselben. Ob wohl auf dem Lande aber später noch sozialdemokratische Stimmen abgegeben wer- den, nachdem nun der zweite Sozialdemokrat für die Untersuchung der Hausschlachtung eingetreten ist, was bekanntlich auf dem ganzen Lande verhaßt ist?

Diese Verdrehung der Rede unseres Gen. Fischer ist ein gehässiges Produkt christ lich⸗sozialer Wahrheitsliebe. Allerdings hätten wir gegen Hausschlachtungen selbst nichts ein⸗ zuwenden, zumal deren Produkte sich allge⸗ meiner Beliebtheit erfreuen. Fischer hat aber doch nicht dieallgemeine Einführung der Haus⸗ schlachtungen verlangt das wäre ja ein Unsinn sondern er hat gesagt:

Wenn das Fleischbeschaugesetz wirklich zum Schutze der Konsumenten dienen sollte, dann müßte es allgemein eingeführt werden, auch Hausschlachtungen umfassen.