Ausgabe 
25.9.1904
 
Einzelbild herunterladen

allon n he⸗ ihre vollte nach kam unter ündig 8 die ben, acht

e 39.

Mitteldentsche Sonntags⸗Zeitung.

Seite 5,

gewiß sehr willkommene Einnahme von 90 Mk.

perschaffte. Das Land ist in jener Gegend

sehr sandig, die Not derfreien Arbeiter, die

alle ein kleines Besitztum ihr eigen nennen, daher besonders groß, was das Vorgehen der gräflichen Verwaltung in besonders schlechtem Licht erscheinen läßt. DerGornofslazak be⸗ merkt dazu:Das kleine Bild wirft ein grelles Licht auf die Verwaltung eines Herrn, der an der Spitze einer Partei steht, die sich katholtsch nennt und sich der dem armen Volke erwiesenen 2 8 bei jeder Gelegenheit zu rühmen p eg 00

Menschenfreundlicher Orts vorsteher.

Aus Paderborn wird folgender Genie⸗ streich berichtet: Der Ortsvorsteher zu R. tele⸗ graphterte an das dortige Infanterie⸗Regiment, man habe einen Strolch aufgefangen, der sich als Ausreißer vom Paderborner Regiment ent⸗ puppt habe; er habe auch bekannt. Da die Sache seine Richtigkeit hatte, erhielt der Orts⸗ vorsteher die Antwort, er solle den Festgenom⸗ menen an die nächste Polizeibehörde abliefern. Der Deserteur aber kam nicht. Nach einigen Tagen des Wartens fragte das Kommando bei dem Ortsvorsteher an, wo der Deserteur sei. Die Antwort lautete:Wir haben ihn mit Reisegeld versehen und nach Paderborn entlassen.

Ein Bild mittelalterlichen Aberglanbens

entrollte der Strafprozeß gegen die Webers⸗ ehefrau Drechsel, geb. Richter, aus Zschopau, der am 18. September vor dem Landgericht Chemnitz verhandelt wurde. Die Drechsel machte sich zahlreicher Betrügereien schuldig, wobei ste in einzelnen Fällen Geldbeträge bis zu 1600 Mark erlangte, indem sie vorgab, durch Beten Menschen und Tiere heilen, Leute wohlhabend machen, Unglücksfälle von ihnen fernhalten zu können usw. Das Landgericht verurteilte die wundertätige Frau zu drei Jahren Zuchthaus, 150 Mark Geldstrafe und fünf Jahre Ehrenrechtsverluste.

Folgen der Habgier.

Ein furchtbares Familien⸗Drama spielte sich vorige Woche in Augsburg ab. Im Starnberger See fand man drei Leichen, die Metzgermeisters Ehefrau Axtner aus Augsburg mit ihren beiden Kindern. Als Sohn des Stadtverordneten Axtner heiratete seiner Zeit der Ehemann der Selbstmörderin diese als vermögensloses, aber gebildetes und charaktervolles Mädchen Namens Theuer⸗ meister aus Gera. Der Umstand nur, daß ste nichts hatte, war seit Jahren der Anlaß zu der abscheulichen Behandlung, die die brave und unermüdlich im Haushalt tätige Frau erdulden mußte seitens der ganzen hochangesehenen Bürgersfamtlie ihres Che⸗ mannes, besonders der als gut christlich geltenden Schwester des Letzteren. Wie tief der Schmerz derin tiefer Trauer Hinterbliebenen wie es in der Todesanzeige heißt ist, beweist, daß selbst der Ehemann der in den Tod ge⸗ triebenen Frau am Tage und in der Stunde der Ankunft der Leichen wie gewöhnlich im Geschäft tätig war, und nur der Polizei ist es

0 zu danken, daß das empörte Publikum nicht

das Haus demolierte und eine Lynchjustiz vor⸗

nahm. Das erschütternde Drama entwirft

wieder so recht ein Bild bürgerlicher Moral, und der Spießer liest in unserem Augsburger

Parteiblatt mit Entrüstung die moralische An⸗

klage gegen die Urheber dieses Unglücks und meint:Dös isch guat g'schrieba!

Der Internationale Freidenker⸗Kongreß

wurde am Dienstag in Rom unter großer

Beteiligung der Mitglieder,

1

1

ist durch Professor Haeckel vertreten.

namentlich aus

Italien und Frankreich, eröffnet; Deutschland An die

Eröffnungssttzung schloß sich ein Festzug, der

aus etwa 8000 Personen bestand, während eine unzählige Volksmenge Spalier bildete. Am Nachmittag hielt der Kongreß seine erste Sitzung

ab und nahm eine Einteilung der Arbeiten in sechs Seltionen vor.

223

Kleine Mitteilungen.

e Von einem Ochsen getötet. Als der Faselwärter Laut in Wolfskehlen kürzlich den Fasel⸗ ochsen in den Hof führte, wurde er von dem plötzlich

wütend gewordenen Tiere derart gestoßen, daß er nach einer halben Stunde starb. Laut hinterläßt eine starke Familie.

Auf der ZecheSchnabel Insosten bei Essen stürzten fünf Bergleute ab. Einer ist tot, zwei sind tötlich und zwei von ihnen leichter verletzt.

Von den Teilnehmern des kürzlich veranstalteten württembergischen Pilgerzuges von Ulm nach Palästina haben sich mehrere den Typhus geholt. Pfarrer Graf von Buß mannshausen ist der Krankheit erlegen und vier Personen liegen in Ravensburg, wo sie die Rückreise unterbrechen mußten, schwer krank dar⸗ nieder.

8 Aus kunftserteilung in Arbeiterangelegenheiten.

Das Gießener Gewerkschaftskartell errichtet vom 1. Oktober ab eine Auskunfts⸗ stelle für gewerbliche Arbeiterversicherungs⸗ und andere Sachen. Vorläufig ist dieselbe dem Redakteur der Mitteldeutschen Sonn tags⸗Zeitung, Kirchenplatz 11 III, über⸗ tragen, der täglich von 11 bis 1 Uhr mittags und Sonntags von ½9 bis 10 Uhr unentgelt⸗ lich Auskunft erteilt. Bei Anfragen von Aus⸗ wärts wird ersucht, das Rückporto beizufügen. Partei-Uachrichten.

Die Neue⸗Weltkalender sind in der Expedition der Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung eingetroffen. Es wird gebeten, Bestellungen möglichst bald bewirken zu wollen, denn die inhaltreichen und beliebten Kalender werden bald vergriffen sein. Man wende sich an unsere Expedition, Rittergasse 17.

Versammlungskalender.

Samstag, den 24. Sept mber. Gießen. Sozialdem. Wahlverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Orbig.

Heuchelheim. Arbeiterbildungsverein. Abends 9 Uhr Versammlung bei Wirt Ferd. Kröck. Dienstag, den 27. September. Marburg. Tapezierer. Abends 9 Uhr Mit⸗

glieder⸗Versammlung bei Hildemann. Die Kollegen werden easucht, zahlreich zu erscheinen. Samstag, den 1. Oktober. Lauterbach. Sozialdemokrat. Wahlverein. Abends Uhr Versammlung bei Gastwirt Keutzer. Sonntag, den 2. Oktober. Kirchhain. Wander⸗Müller⸗Versamm⸗ lung. Nachmittags 3 Uhr im RestaurantZur

alten Post(Inhaber: Althaus), Tagesordnung:

Die wirtschaftliche Lage der Mühlen⸗Arbeiter und die deutschen Gewerkschaften. Ref.: A. Wedemann.

Briefkasten.

Sch.⸗Wetzlar. Dienstboten, die nur im Privat⸗ haushalt beschäftigt sind, unterliegen der Krankenver⸗ sicherungspflicht nicht. Im Krankheitsfalle soll nach der Gesindeordnung dieHerrschaft für Verpflegung sorgen, aber damit sieht's oft ziemlich windig aus. N. N.⸗Gießen. Wir würden Ihre Einsendungen veröffentlichen, wenn Sie uns Ihren Namen genannt hätten. Wir müssen wissen, mit wem wir es zu tun haben.

Parteifreunde! c

nach besten Kräften für die immer weitere Verbreitung Eueres Blattes, der

Mitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung!

Sozialdemokratischer Parteitag.

Die Mittwochs Sitzung wurde ganz mit demFall Schippel ausgefüllt. Schippel verteidigte sich in einer einstündigen Rede auf die gegen ihn erhobenen Angriffe, ohne indes seine handels⸗ und zollpolitischen Ansichten zu erläutern. Sindermann, Zubeil, Bernstein, Ulrich, Bebel u. a. traten ihm energisch ent⸗ gegen, während Sudekum und andere ihn

verteidigen. Zum Schluß wird eine Reso⸗ lution Bebels angenommen, welche folgenden Wortlaut hat:

Der Parteitag mißbilligt auf das schärfste die Unelarheit und Zweideutigkeit, mit welcher der Genosse Schippel seit langem in Wort und Schrift sich gegenüber der Frage der Lebensmittelzölle verhalten und dadurch unseren Feinden Material gegen die Partei geliefert hat.

Wenn schließlich der Genosse Schippel, durch die Fraktion zu klarer Stellungnahme gedrängt, erklärte, daß er Gegner der Agrar⸗ zölle sei und in der Zolltariffrage die Stel⸗ lung der Partei teile, so war es um so un⸗ begreiflicher und unverzeihlicher, daß er seit Jahren seinen ganzen Scharfsinn und sein ganzes Können aufbot, um zu beweisen, daß vom agrarischen Standpunkt aus die Forde⸗ rung der Agrarzölle gerechtfertigt sei, eine Aufgabe, die wahrlich nicht diejenige eines Sozialdemokraten sein kann.

Der Parteitag mißbilligt aber auch ent⸗ schieden den häßlichen und hochfahrenden Ton, in dem der Genosse Schippel die Pole⸗ mik gegen die Partei und Parteigenossen führte, ein Verfahren, das sich um so weniger rechtfertigt, als er seinen Standpunkt in der Agrarfrage von Grund aus gewechselt hat. Ferner gelangt ein dazu gestelltes Amende⸗

ment Freythalers zur Annahme, das lautet:

Der Parteitag erklärt weiter, daß das Vertrauen, dessen ein Genosse zur Bekleidung von Vertrauensstellungen in der Partei un⸗ bedingt bedarf, gegenüber dem Genossen Schippel aufs Tiefste erschüttert ist und daß, wenn Schippel fortfährt, in der bisherigen Weise zum Schaden der Partei zu wirken, er gezwungen sein wird, die Konsequenzen seines Verhaltens zu ziehn.

Die rote Woche.

(Fortsetzung von Seite 1.)

Montag beginnt pünktlich um 9 Uhr die Sitzung. Nach Verlesung einer Reihe von Be⸗ grüßungsschreiben erstattet Pfannkuch den Geschäftsbericht des Vorstandes. Er geht besonders auf die Anträge ein, welche die Verbesserung der Organisation bezwecken. Der Vorstand habe gegen die Wünsche nach größerer Geschlossenheit der Organisation nicht das Geringste einzuwenden und glaube, daß schon jetzt ohne Rücksicht auf die endgiltige Regelung der Organisationsfrage die Anstellung von Parteisekretären beschlossen werden müsse. Der Vorstand könne seiner agitatorischen Aufgabe sonst nicht gerecht werden. Früher hatte die Partei mehr Agttatoren als jetzt, wo die Gewerkschaften, die Krankenkassen, Konsum⸗ vereine Kräfte wegnehmen, wo die Presse ge⸗ wachsen ist auf über 70 Organe, die uns gleich⸗ falls viel Agitatoren entzogen haben, und wo auch die Abgeordneten, die nur ihre Unkosten ersetzt erhalten, die Agitation nicht in wünschens⸗ wertem Maße betreiben können. Die Vorwürfe wegen des Mangels an Initiative, die dem Vorstande gemacht würden, schössen auch oft über das Ziel hinaus, so bei der Schulfrage, beim Achtstundentag, bei den Handelsverträgen und beim Wahlrechtsraub. Die Parteileitung habe die Initiative zur Verständigung über die Maifeier ergriffen. Die Generalstreik⸗ frage sei noch nichtbrennend. Eine Ju⸗ gend literatur zu schaffen, sei schwierig, weil ein Stab tüchtiger Kräfte mangele.

In seinem Kassenbericht teilt Parteitassterer Gerisch u. a. mit: Der diesjährige Kassenabschluß ist der günstigste, den die Partei je gehabt hat. Es ist nach Abzug aller Ausgaben so viel übrig geblieben, wie in schlechteren Jahren die ganzen Einnahmen betrugen. (Bravo!) Aber glauben Sie nicht, daß der Vorstand nun in größter Verlegenheit ist, was er mit dem vielen Gelde anfangen soll. Der günstige Abschluß hat einen wahren Sturm auf die Parteikasse hervorgerufen; es sind Gelder im Betrage von 160000 Mark gefordert worden.(Heiterkeit.) Wir sind entschlossen, die schwachen Punkte unserer Stellung in nächster Zeit sehr zu ver⸗ stärken, was ebenfalls viele Mittel verlangen wird. Unsere Presse hat gute Fortschritte gemacht, sie ver⸗ fügt jetzt über einen Abonnentenstand von über 620000. Der Parteivorstand will auch die Zeitungen, die noch zurückgeblieben sind, kräftig vorwärts bringen. Denn